Welthungerhilfe – Ukraine-Krieg Brandbeschleuniger bei Hungerkrisen

Berlin (Reuters) – Die Welthungerhilfe befürchtet wegen explodierender Nahrungsmittelpreise und vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges eine steigende Zahl von Unterernährten auf der Welt.

Angesichts eines auch von Klimawandel und zunehmenden Dürreperioden befeuerten Trends zum Anstieg der Zahl von Hungernden weltweit wirke “der russische Angriffskrieg auf die Ukraine wie ein erneuter Brandbeschleuniger”, warnte Welthungerhilfe-Präsidentin Marlehn Thieme am Dienstag vor der Presse. Global seien nach jüngsten Zahlen der Vereinten Nationen (UN) bereits 828 Millionen Menschen chronisch unterernährt. Das heißt: Ihnen steht seit mindestens einem Jahr nicht ausreichend Ernährung zur Verfügung.

Die von der UN-Welternährungsorganisation FAO https://www.fao.org/interactive/state-of-food-security-nutrition/en jüngst bereitgestellten Zahlen stellten “einen richtigen Weckruf an die gesamte Welt dar”, sagte Thieme. Die Gefechte in der Ukraine, die als eine der Kornkammern der Welt gilt, verschärfen nun die Lage. Die Erntesaison hat dort begonnen. Doch es zeichnet sich laut Thieme bereits ab, dass nur zwei Drittel der Flächen abgeerntet werden können: “Das wird sicher einen großen Einbruch darstellen.”

Ersten Schätzungen zufolge könnte dies letztlich dazu führen, dass 50 Millionen Menschen mehr auf der Welt hungern müssten. Doch sei diese Zahl mit großer Vorsicht zu genießen: “Weil wir noch nicht wissen, wie die Märkte reagieren.” Es sei beispielsweise unklar, ob China und Brasilien Getreide und Lebensmittel in dem erforderlichen Maße exportierten oder nicht. Auch müsse sich noch herausstellen, wie die Ernten in Mitteleuropa ausfallen würden. Es sei aber zu befürchten, dass sie etwas geringer sein könnten. Hinzu kämen auch Dürren und der Klimawandel: “Das sind nicht herauszurechnende Einflussfaktoren”, sagte die Welthungerhilfe-Präsidentin.

Die Ausfuhr von Weizen und anderem Getreide aus der Ukraine ist wegen des Krieges zurückgegangen. Vor der russischen Invasion am 24. Februar waren beide Staaten zusammen für fast ein Drittel der weltweiten Weizenexporte verantwortlich. Seitdem stocken die Ausfuhren über die Schwarzmeer-Häfen der Ukraine, vor denen russische Kriegsschiffe patrouillieren.

“VERZWEIFELTE HILFERUFE”

Die Welthungerhilfe sieht mit großer Sorge, dass die Zahl der Hungernden weiter steigt und gleichzeitig die Nahrungsmittel- und Transportpreise explodieren. “Uns erreichen aus allen Projektländern verzweifelte Hilferufe. Von Afghanistan bis Zimbabwe kämpfen die Menschen mit Preissteigerungen für Brot, Getreide oder Obst um bis zu 60 Prozent”, so Thieme. Zugespitzt habe sich Lage insbesondere am Horn von Afrika, wo 17 Millionen Menschen nicht mehr genug zu essen hätten. In Somalia, Kenia und Äthiopien herrsche die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Die desolate Situation der Familien in Äthiopien wird durch die Folgen des Krieges in der Provinz Tigray sowie Konflikten in anderen Regionen noch verschärft.

Allein im Jahr 2021 hat die Welthungerhilfe nach eigenen Angaben in 36 Ländern mit 526 Auslandsprojekten rund 16,6 Millionen Menschen unterstützt. Die Welthungerhilfe https://www.welthungerhilfe.de/ueber-uns/organisation ist eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland und laut eigenen Angaben politisch und konfessionell unabhängig. Seit ihrer Gründung 1962 übernimmt der jeweils aktuelle Bundespräsident die Schirmherrschaft der Welthungerhilfe.

(Bericht von Reinhard Becker; Redigiert von Scot W. Stevenson; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

G7-Staaten schließen die Reihen gegen Russland

– von Andreas Rinke und Alexander Ratz und John Irish

Schloss Elmau (Reuters) – Die G7-Staaten haben einen entschiedenen Kurs gegen Russland und massive Hilfen für die Ukraine beschlossen.

Bundeskanzler Olaf Scholz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron betonten zum Abschluss des Gipfeltreffens auf Schloss Elmau am Dienstag die große Geschlossenheit der sieben wichtigsten westlichen Industriestaaten in beiden Fragen. “Die G7 stehen unverbrüchlich an der Seite der Ukraine”, sagte Scholz, der von einem unbarmherzigen Krieg Russlands sprach und einen Marshall-Plan für den Wiederaufbau der Ukraine forderte. Er kündigte eine gemeinsame Konferenz zusammen mit der EU-Kommission dazu an.

Zugleich bekannten sich die G7 zur Einhaltung der Klimaschutzziele, befürworteten aber ausdrücklich vorübergehende Investitionen etwa in den Gassektor, um die Abhängigkeit von russischer Energie möglichst schnell abzubauen. Die G7 wollen zudem prüfen, wie ein Preisdeckel für russische Öl durchgesetzt werden kann. Umweltverbände kritisierten eine Aufweichung der Klimaschutzpolitik. Scholz wies dies in der ARD mit Hinweis auf die Beschleunigung der Ausgaben für Erneuerbare Energien zurück. “Also, das wird überhaupt kein Tempo rausgenommen”, sagte er.

RUSSLAND DOMINIERT INHALTLICH BERATUNGEN

Russlands Invasion der Ukraine überschatteten die dreitägigen Beratungen der USA, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Kanadas und Japans. Um für die westliche Russland-Politik und die Sanktionen zu werben, waren fünf wichtige Schwellenländer des Südens zum G7-Gipfel eingeladen worden – Indien, Indonesien, Südafrika, Senegal und Argentinien.

Eine zentrale Rolle spielten Beratungen, wie die G7 den Druck erhöhen können, um Russlands Präsident Wladimir Putin zum Einlenken zu bewegen. Nur wenn er ein Scheitern seiner Ziele akzeptiere, könne es einen Friedensschluss geben, sagte Scholz. Macron sagte, er hoffe, dass der Krieg bis zum Jahreswechsel beendet werden könne. Die sieben Regierungen unterstrichen den endgültigen Bruch mit Russland. “Uns allen ist klar, dass es kein Zurück geben kann und wird zu der Zeit vor diesem Krieg”, sagte Scholz.

Die G7 warben etwa mit einem 600 Milliarden-Dollar-Paket für Investitionen und einem 4,5 Milliarden Dollar schweren Hilfspaket gegen Hungersnot um die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländer. Gleichzeitig grenzten sie sich von China ab. Die Regierung in Peking müsse Russland auffordern, den Angriff zu beenden. “Zunächst einmal erwarten wir, dass die Sanktionen, die wir miteinander und mit vielen anderen zusammen gegen Russland ins Werk gesetzt haben, nicht unterlaufen werden”, sagte Scholz.

Die G7 äußerten sich sehr besorgt über die Menschenrechtslage in China. Man wolle in Asien verstärkt mit anderen Staaten zusammenarbeiten. “Das wird dazu beitragen, dass die Balance der politischen Handlungsmöglichkeiten so groß ist, wie wir das brauchen für eine gute Entwicklung der Weltwirtschaft, aber auch der Welt”, fügte Scholz mit Blick auf die Warnungen vor einer zu großen Abhängigkeit von der chinesischen Wirtschaft hinzu.

DEBATTE UM INVESTITIONEN IN GASSEKTOR

Während die Einrichtung eines sogenannten Klimaklubs zur besseren Vergleichbarkeit der Maßnahmen gegen Klimawandel bis Jahresende beschlossen wurde, gab es besonders bei der Energiepolitik mit Blick auf Russland Kontroversen. “In diesen außergewöhnlichen Umständen können öffentlich unterstützte Investitionen in den Gassektor als vorübergehende Maßnahmen angemessen sein”, heißt es nun, was eine leichte Abkehr vom Ausstieg aus Investitionen in fossile Energien bedeutet. Oberstes Ziel sei, sich möglichst schnell von russischem Öl und Gas unabhängig zu machen – unter Einhaltung der Klimaschutzziele. Ausdrücklich werden dabei etwa Investitionen in Flüssiggas (LNG) begrüßt.

Die G7 wollen zudem Russlands in der Krise sogar noch gestiegene Einkünfte aus Energieexporten beschneiden. So sollen Preisobergrenzen für russisches Öl geprüft werden, heißt es in der Abschlusserklärung. Die Durchsetzung soll in Verhandlungen mit anderen Ländern erreicht werden. Frankreichs Präsident machte keinen Hehl daraus, dass er eine Preisobergrenze für Öl und Gas befürwortet. “Einige Produzenten und Spekulanten machen eine Menge Geld mit dem gegenwärtigen Krieg”, sagte er nach dem Gipfel. Scholz sagte “Welt”-TV, er sei dagegen, in Deutschland mit der umstrittenen Fracking-Technologie Gas zu fördern. “In Deutschland ist nicht so viel im Boden, dass wir diese Abhängigkeiten damit beseitigen können.”

Die G7-Staaten wollen auch die Transportmöglichkeiten für russisches Öl begrenzen. “Wir laden alle gleichdenkenden Länder ein, sich unseren Maßnahmen anzuschließen”, heißt es mit Blick auf Demokratien wie Indien. Indien hat ebenso wie China seine Ölimporte aus Russland seit Beginn des Krieges in der Ukraine deutlich erhöht.

Scholz und Macron betonten, wie wichtig es für die Staats- und Regierungschefs gerade in Krisenzeiten sei, sich persönlich zu treffen. Der Kanzler wies deshalb auch Forderungen zurück, dass die G7-Staaten das G20-Treffen in Indonesien boykottieren sollten, wenn Putin teilnehme. Man wolle die G20 nicht spalten, sagte Scholz in Anspielung darauf, dass etliche G20-Staaten wie Indien einen Ausschluss Russlands aus dem Gremium ablehnten.

(Weiterer Reporter: Angelo Amante; redigiert von Hans Busemann. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

G7 segnet neue Investitionen in Gas ab – Loslösung von Russland

Schloss Elmau (Reuters) – Die G7-Staaten unterstützen angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine vorübergehend Investitionen in fossile Energien.

Das geht aus der Abschluss-Erklärung des G7-Gipfels hervor, die die Nachrichtenagentur Reuters einsehen konnte. “In diesen außergewöhnlichen Umständen können öffentlich unterstützte Investitionen in den Gassektor als vorübergehende Maßnahmen angemessen sein”, heißt es mit Blick auf die Bemühungen, sich möglichst schnell von russischem Öl und Gas unabhängig zu machen. Hintergrund ist die Suche nach alternativen Gas-Lieferanten, die ihrerseits Investitionen in die Exploration neuer Gasfelder fordern. Auch Kanzler Olaf Scholz hatte auf seiner Afrika-Reise gesagt, dass dies angesichts des Ziels richtig sei, sich von Energielieferungen aus Russland zu lösen.

Ausdrücklich werden auch Investitionen in Flüssiggas (LNG) begrüßt, weil LNG eine wachsende Bedeutung bekommen müsse. Die G7-Staaten betonen allerdings, dass dies nicht die Klimaschutzziele infrage stellen dürfe. Es könne sich deshalb nur um vorübergehende Maßnahmen handeln. Zugleich betonen die G7-Regierungen die Notwendigkeit, verstärkt in erneuerbare Energien zu investieren.

Die G7 wollen zudem Russlands Einkünfte aus Energieexporten beschneiden. “Wir werden unverzüglich Maßnahmen ergreifen, um die Energieversorgung zu sichern und durch außergewöhnliche Marktbedingungen bedingte Preissprünge zu verringern, indem wir unter anderem zusätzliche Maßnahmen wie Preisobergrenzen prüfen”, heißt es in der Abschlusserklärung. “Wir bekräftigen unsere Verpflichtung, unsere Abhängigkeit von russischer Energie schrittweise zu verringern, ohne unsere Klima- und Umweltziele zu gefährden.”

Bei der beschlossenen Prüfung einer Preisobergrenze für russisches Öl soll in Verhandlungen erreicht werden, dass sich auch Schwellenländer beteiligen. Zudem zielen die G7-Staaten darauf, auch die Transportmöglichkeiten für russisches Öl zu begrenzen. Hintergrund ist, dass Tanker Sicherheitszertifikate und Versicherungen benötigen. “Wir laden alle gleichdenkenden Länder ein, sich unseren Maßnahmen anzuschließen”, heißt es mit Blick auf Demokratien wie Indien. Indien hat ebenso wie China seine Ölimporte aus Russland seit Beginn des Krieges in der Ukraine deutlich erhöht. Die G7 hatten Indien, Indonesien, Südafrika, Senegal und Argentinien zu dem Gipfel auf Schloss Elmau eingeladen. Die USA sind bereits aus dem Import russischen Öls ausgestiegen, die EU wollen ihn bis Jahresende beenden.

(Bericht von Andreas Rinke, Alexander Ratz, Angelo Amante; redigiert von Hans Seidenstücker. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

G7 wollen Russland wegen Krieg in Ukraine weiter isolieren

– von Andreas Rinke und Andrea Shalal und Alexander Ratz

Schloss Elmau (Reuters) – Angesichts der anhaltenden Angriffe Russlands auf die Ukraine erhöhen die G7-Staaten ihren Druck auf Moskau massiv.

Man wolle die russische Wirtschaft weltweit weiter isolieren, heißt es in der am Montag veröffentlichten Erklärung der sieben wichtigsten westlichen Staaten. Die G7-Länder wollen etwa die Sanktionen gegen Russland und die Einnahmen des Landes aus Rohstoffverkäufen reduzieren. Man stünde kurz vor einer Einigung, sich hinter einen Preisdeckel für russisches Öl zu stellen, sagte ein US-Offizieller am Montag.

Die US-Regierung will zudem am Dienstag ein Bündel nationaler neuer Sanktionen sowohl gegen den russischen Verteidigungssektor als auch Firmen weltweit beschließen, die bestehende westliche Sanktionen gegen Russland unterlaufen. Es sollen zudem Firmen gelistet werden, die künftig keine US-Technologie mehr kaufen dürfen, teilte das Weiße Haus mit. Finanzinstitutionen würden informiert, dass sie sich am Kampf gegen eine Umgehung von Exportkontrollen beteiligen sollten.

HILFSAPPELLE VON SELENSKYJ

Die Staats- und Regierungschefs der USA, Großbritanniens, Italiens, Frankreichs, Japans, Deutschlands und Kanadas hatten am Montagmorgen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj beraten. Dieser war per Video zu den Beratungen in Elmau zugeschaltet. US-Präsident Joe Biden sagte nach Angaben aus Verhandlungskreisen, dass Russland den Krieg nicht gewinnen dürfe. Selenskyj bat um weitere Hilfe für sein Land und warnte vor einer schwierigen Lage, wenn der Krieg nicht vor dem Winter beendet werde. Selenskyj ersuchte demnach um Luftabwehrsysteme und Munition, aber keine zusätzlichen neuen Waffensysteme.

Die G7-Staaten haben der Ukraine weitreichende Sicherheitsgarantien auch nach dem Krieg gegen Russland zugesagt. Man sei bereit, “gemeinsam mit interessierten Ländern und Institutionen und der Ukraine Vereinbarungen über nachhaltige Sicherheitsverpflichtungen zu treffen, um der Ukraine zu helfen, sich selbst zu verteidigen, ihre freie und demokratische Zukunft zu sichern und künftige russische Aggressionen abzuwehren”, heißt es in der G7-Erklärung. Zudem legen die Staats- und Regierungschefs die Entscheidung über einen Friedensschluss mit Russland allein in die Hand der Regierung in Kiew. Die Ukraine entscheide über eine künftige Friedensregelung, “die frei von äußerem Druck oder Einfluss ist”, so die G7-Erklärung.

Die G7 sicherten der Ukraine weitere militärische Hilfe zu, solange das Land diese benötige. Man habe der Ukraine in diesem Jahr zudem Budgethilfen von 29,5 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Die Finanzminister würden beauftragt, den weiteren Finanzbedarf zu ermitteln. Die Handelsminister wiederum sollten den Abbau der Zölle auf ukrainische Waren prüfen. Für den nötigen Wiederaufbau der Ukraine würden die G7-Staaten national auch prüfen, ob dazu die beschlagnahmten russischen Vermögenswerte genutzt werden könnten.

DRUCK AUF RUSSLANDS WIRTSCHAFT SOLL WACHSEN

Sowohl US-Präsident Biden als auch Kanzler Olaf Scholz hatten auf Schloss Elmau die Wirksamkeit der westlichen Sanktionen betont. Der eingeschränkte Zugang zu westlichen Technologien werfe Russlands Wirtschaft viele Jahre zurück, sagte Scholz in der ARD. Dass Russland jetzt nahe an der Zahlungsunfähigkeit stehe, sei die Wirkung drastischer Sanktionen, betonte ein US-Offizieller. Die russische Wirtschaftsleistung werde in diesem Jahr wahrscheinlich zweistellig sinken und die Inflation auf mehr als 20 Prozent steigen.

Die USA wollen auch neue Sanktionen gegen Russen verhängen, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren und Importzölle auf 530 Warengruppen aus Russland erhöhen. Scholz sagte, dass das von den USA verkündete Gold-Embargo gegen Russland noch nicht als gemeinsame G7-Position beschlossen werden könne, weil es zuvor eine Abstimmung innerhalb der EU bedürfe.

Der ursprünglich von den USA vorgeschlagene Preisdeckel für russisches Öl habe zwei Ziele, hieß es in Verhandlungskreisen. Zum einen soll er den Effekt begrenzen, dass infolge des Konflikts die Einnahmen Russlands wegen höherer Öl- und Gaspreise sogar gestiegen sind. Zum anderen sollen mit einem Preisdeckel für russisches Öl angesichts der steigenden Inflation die negativen Wirkungen für Drittmärkte und Konsumenten weltweit begrenzt werden. Die G7-Staats- und Regierungschefs würden ihre zuständigen Minister beauftragen, “intensiv” mit Partnerländern und Privatfirmen zu sprechen, um einen Preisdeckel umzusetzen.

G7 VERHANDELT MIT SCHWELLENLÄNDERN

Das Thema dürfte auch in den G7-Beratungen am Montag mit den Gastländern Indien, Indonesien, Südafrika, Argentinien und Senegal eine Rolle spielen. Die Bundesregierung hatte zuvor darauf verwiesen, dass ein Preisdeckel für russisches Öl nur effektiv sein könne, wenn sich weltweit auch viele Einkaufsländer wie Indien oder China beteiligen. Beide Länder haben seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ihre Ölimporte aus Russland deutlich erhöht – und erhalten meist von Moskau einen Preisabschlag.

(Mitarbeit: John Irish, Angelo Amante,; redigiert von Hans Seidenstücker. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

G7 – Ukraine entscheidet alleine über Friedensschluss

Schloss Elmau (Reuters) – Die G7-Staaten haben der Ukraine Sicherheitsgarantien nach dem Krieg gegen Russland zugesagt.

Man sei bereit, “gemeinsam mit (…) der Ukraine Vereinbarungen über nachhaltige Sicherheitsverpflichtungen zu treffen, um der Ukraine zu helfen, sich selbst zu verteidigen”, heißt es in der am Montag veröffentlichen Erklärung der sieben wichtigsten westlichen Industrieländer (G7). Zudem legen die Staats- und Regierungschefs die Entscheidung über einen Friedensschluss mit Russland alleine in die Hand der Regierung in Kiew. Die Ukraine entscheide über eine künftige Friedensregelung, “die frei von äußerem Druck oder Einfluss ist”, heißt es. Hintergrund sind Bestrebungen in der Europäischen Union, Druck auf Kiew auszuüben, um möglichst schnell eine Verhandlungslösung mit Russland anzustreben.

Die G7 sichern der Ukraine militärische Hilfe zu, solange das Land diese benötige. Man habe der Ukraine in diesem Jahr bislang Budgethilfen von 29,5 Milliarden Dollar (28 MRD Euro) zur Verfügung gestellt. Die Finanzminister würden beauftragt, den weiteren Finanzbedarf zu ermitteln, hieß es. Die Handelsminister sollten den Abbau der Zölle auf ukrainische Waren prüfen. Für den nötigen Wiederaufbau der Ukraine würden die G7-Staaten prüfen, ob dazu die beschlagnahmten russischen Vermögenswerte genutzt werden könnten. Man sei bereit, die Widerstandsfähigkeit der Ukraine weiter zu stärken, “indem wir unsere Zusammenarbeit in den Bereichen Nachrichtendienste und Informationsaustausch, Informationssicherheit sowie Sicherheit auf See ausbauen”.

Die G7-Länder verstärkten ihren Druck auf Russland, dem ein Angriffskrieg auf das Nachbarland vorgeworfen wird. “Wir werden weiterhin nach neuen Wegen suchen, um Russland von der Teilnahme am Weltmarkt zu isolieren”, hieß es darin. Die G7 seien entschlossen, Russlands Einnahmen – auch aus dem Export von Gold – zu verringern. Der Zugang des Landes zu wichtigen Technologien solle weiter eingeschränkt werden. Man wolle die Kosten auch für die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen auf russischer Seite erhöhen.

(Bericht von Andreas Rinke, Alexander Ratz, redigiert von Hans Busemann. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

US-Vertreter – G7 zielen mit Öl-Preisdeckel auf Russlands Einnahmen

Schloss Elmau (Reuters) – Die G7-Länder wollen US-Regierungskreisen zufolge die russischen Staatseinnahmen durch einen Preisdeckel für Öl aus Russland begrenzen.

Man sei kurz vor einer entsprechende Einigung der G7-Staats- und Regierungschefs, sagte ein ranghoher US-Vertreter am Montag. Die Staats- und Regierungschef der sieben führenden Industrieländer würden sich hinter zwei Ziele stellen: Zum einen soll Russland nicht mehr von hohen Ölpreisen profitieren und die Einnahmen durch den Ölverkauf reduziert werden. Zum anderen sollen mit einem Preisdeckel für russisches Öl angesichts der steigenden Inflation die negativen Wirkungen für Drittmärkte und Konsumenten weltweit begrenzt werden. Die G7-Staats- und Regierungschefs würden ihre zuständigen Minister beauftragen, “intensiv” mit Partnerländern und Privatfirmen zu sprechen, um einen Preisdeckel umzusetzen.

Die Bundesregierung hatte zuvor darauf verwiesen, dass ein Preisdeckel nur effektiv sein kann, wenn viele Einkaufsländer weltweit wie Indien oder China sich beteiligen. Beide Länder haben seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ihre Ölimporte aus Russland deutlich erhöht. Die USA haben bereits die Öleinkäufe aus Russland eingestellt, die EU will dies bis spätestens Jahresende tun.

(Bericht von Andrea Shalal, geschrieben von Andreas Rinke, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

G7 bieten Entwicklungsländern 600 Milliarden Dollar

– von Andreas Rinke und Alexander Ratz

Schloss Elmau (Reuters) – Die G7-Staaten haben am Sonntag eine neue Initiative für weltweite Infrastruktur-Investitionen in Höhe von 600 Milliarden Dollar angekündigt.

US-Präsident Joe Biden sagte, dass sein Land für die Partnerschaft für Infrastruktur-Investitionen 200 Milliarden Dollar an öffentlichem wie privatem Kapital bereitstellen werde. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte für das “Team Europe” 300 Milliarden Euro an. Japan will sich mit 65 Milliarden Dollar beteiligen. Sowohl Kanzler Olaf Scholz als auch Biden und von der Leyen betonten, dass die Demokratien Entwicklungsländern damit ein neues Angebot für eine engere Zusammenarbeit machen wollten. Die G7 hatten ein solches Projekt bereits im vergangenen Jahr verabredet, aber nicht mit Summen hinterlegt. Die Initiative soll auch Chinas Seidenstraßen-Projekt kontern helfen, mit dem die kommunistische Regierung durch Kreditvergaben und Infrastrukturprojekte Länder an sich binden will.

“Es liegt an uns, der Welt einen positiven und starken Investitionsimpuls zu geben, um unseren Partnern in den Entwicklungsländern zu zeigen, dass sie eine Wahl haben und dass wir uns solidarisch engagieren wollen, um ihren Entwicklungsbedarf zu decken”, sagte von der Leyen in Anspielung auf China. Auch andere G7-Regierungschefs betonten, dass der Westen bessere Angebote für eine Zusammenarbeit machen könne.

Die wichtigsten westlichen Industrieländer hatten zu Beginn ihres Treffen am Sonntag zunächst über die weltwirtschaftliche Lage diskutiert. Scholz betonte, dass sich alle Sorgen über die verschiedenen Krisen wie explodierende Energiepreise und Inflation machten. Zum G7-Kreis gehören die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada und Japan. Nach Informationen aus Verhandlungskreisen kreiste die Debatte auch um die strittigen Fragen einer Preisobergrenze für den Einkauf russischen Öls sowie darum, ob sich die G7-Staaten vorübergehend doch wieder für Investitionen in die Exploration fossiler Energien wie etwa von Gasfeldern aussprechen sollen. Italiens Ministerpräsident Mario Draghi befürwortete solche Investitionen, wenn in Entwicklungsländern gleichzeitig in Erneuerbare Energien investiert werde. Zudem müssten neue Investitionen in Gasinfrastruktur später für eine Nutzung von Wasserstoff genutzt werden können.

Die Staats- und Regierungschefs wollen am Abend beraten, wie die G7 auf die anhaltenden Angriffe Russlands auf die Ukraine reagieren soll. Die USA kündigten an, dass sich die G7-Staaten für ein Gold-Embargo gegen Russland aussprechen wollten, einen der größten Gold-Exporteure der Welt. Während die USA, Kanada, Japan und Großbritannien dies bereits beschließen können, muss dies in der EU noch diskutiert werden. Die Ukraine kann zudem mit weiteren Milliardenzusagen rechnen, um das Land zu stabilisieren.

Angesichts neuer heftiger russischer Angriffe auf die Ukraine forderte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba, dass die G7-Staaten auf die neuen Raketenangriffe auch auf die Hauptstadt Kiew mit weiteren Sanktionen gegen Russland und der Lieferung schwerer Waffen an sein Land reagieren müssten. Biden sprach von “Barbarei”.

Weitere Themen der dreitägigen Beratungen unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen sind der Kampf gegen mögliche Hungersnöte, die hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise, Geschlechtergerechtigkeit und Unterstützung für die weltweite Pandemiebekämpfung. Am Montag hat Gastgeber Scholz auch Indien, Indonesien, Südafrika, Argentinien und Senegal zu den Beratungen eingeladen. Zudem wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj per Video zugeschaltet. Nennenswerte Demonstrationen oder Störungen des Gipfels wurden am Sonntag nicht gemeldet.

BIDEN LOBT SCHOLZ

Zu Beginn des G7-Gipfels hatten US-Präsident Biden und Scholz bei einem bilateralen Treffen die transatlantische Zusammenarbeit und die Einheit der EU beschworen. “Wir sind die engsten Partner”, sagte Biden. Der russische Präsident Wladimir Putin habe von Anfang an damit gerechnet, dass sich die Nato und die G7 irgendwie aufspalten würden. “Aber das haben wir nicht und werden es auch nicht tun. Wir werden zusammenbleiben”, sagte er. Scholz sprach von einer “starken Botschaft”.

Biden dankte Scholz ausdrücklich mehrfach für dessen Arbeit. “Ich möchte Sie dazu beglückwünschen, dass Sie sich so engagieren, wie Sie es getan haben, als sie Bundeskanzler wurden”, sagte er. “Danke, danke, danke”, fügte er hinzu. Die Bemerkungen kommen auch vor dem Hintergrund einer hitzigen Debatte vor allem in Europa über die richtige Ukraine-Politik. Vor allem aus Osteuropa wird kritisiert, dass Deutschland und Frankreich der Ukraine zu wenig Waffen lieferten und Scholz sowie Macron daran festhalten, trotz aller scharfer Kritik und Sanktionen Kontakt mit Putin zu halten.

(Bericht von Andreas Rinke, William Schomberg, Phil Blenkinsop, Andrea Shalal, John Irish; redigiert von Birgit Mittwollen. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Ukraine sagt längeren weltweiten Weizenmangel voraus

Kiew (Reuters) – Die russische Invasion wird der Ukraine zufolge für mindestens drei Ernten zu einem weltweiten Weizenmangel führen.

“Die Ukraine wird für eine lange Zeit vom Markt verschwinden”, sagte Landwirtschaftsminister Mykola Solskji der Nachrichtenagentur Reuters. Es gehe um drei Weizenernten gleichzeitig: “Wir können die Ernte des vergangenen Jahres nicht exportieren, wir können die gegenwärtige Ernte nicht einholen, um sie zu exportieren, und wir wollen die nächste eigentlich nicht aussäen.” Dies sei schlecht für den Rest der Welt. “Was passiert, wenn sie im Juli oder August ankommen und Getreide kaufen wollen, aber abgewiesen werden, oder wenn der Preis bei 600 Dollar je Tonne liegt?”

Verschärft wird das Problem nach Darstellung des Ministers dadurch, dass die ukrainischen Bauern angesichts der russischen Blockaden nicht mehr so viel Weizen anbauen. In der Ukraine ist Winterweizen beliebt, der ab dem Ende des Sommers ausgesät wird. Solskji wies darauf hin, dass die Landwirte im Frühjahr bereits von Mais auf Sonnenblumen umgestiegen sein. Zwar falle die Ernte vom Gewicht her pro Hektar kleiner aus. Jedoch könne sie für einen höheren Preis verkauft werden. Ein ähnlicher Effekt könne nun auch bei Weizen auftreten, sagte Solskji. Es gebe in Europa eine starke Nachfrage nach Sonnenblumen und Raps, die alles andere verdrängen dürften – auch Weizen und Mais. Er gehe davon aus, dass im Herbst die für Winterweizen ausgeschriebene Fläche um einen “bedeutenden Prozentsatz” kleiner sein dürfte.

Vor dem Krieg exportierte die Ukraine bis zu sechs Millionen Tonnen Getreide pro Monat. Die russische Blockade reduzierte die Menge im März auf 300.000 Tonnen, seitdem erholt sie sich etwas. Solskji zeigte sich zuversichtlich, dass durch Ausfuhren über die Westgrenze und kleinere Donau–Häfen das Volumen im Juni zwei Millionen Tonnen übertreffen könnte. Trotzdem sieht sich die Ukraine mit riesigen Überschüssen konfrontiert von bis zu 60 Millionen Tonnen Getreide und Öl-Samen, für die es keine Lagerungsmöglichkeiten gibt. Die europäischen Staaten prüften, ob sie der Ukraine Silos für Getreide zur Verfügung stellen, sagte Solskji nun. Einzelheiten gab der Minister nicht bekannt.

Inflation auf höchstem Stand seit 1973/74 – Verdi will Lohnausgleich

– von Klaus Lauer und Reinhard Becker

Berlin (Reuters) – Teures Tanken und höhere Preise auch für Grundnahrungsmittel wie Brot und Eier treiben die deutsche Inflation so stark an wie seit annähernd 50 Jahren nicht mehr.

Waren und Dienstleistungen kosteten im Mai durchschnittlich 7,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte und damit eine erste Schätzung bestätigte. Ähnlich hoch war die Teuerungsrate zuletzt im Winter 1973/1974, als Kraftstoffe wegen der ersten Ölkrise stark gestiegen waren. Entspannung ist kaum in Sicht. “Die Lebensmittelpreise werden meines Erachtens noch weiter ansteigen”, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied. Denn in Zeiten der Getreidekrise in der Ukraine erhöhten etwa deutsche Erzeuger ihre Preise für landwirtschaftliche Produkte im April im Schnitt um fast 40 Prozent – der höchste Preisanstieg seit Beginn der Erhebung 1961.

Erst die Lieferkettenengpässe durch die Corona-Krise und nun vor allem der Ukraine-Krieg mit den Sanktionen des Westens gegen Russland sorgen für steigende Preise bei Energie, Rohstoffen und Lebensmitteln. Dies wiederum belastet Firmen und Verbraucher und bremst die Konjunktur. Im April lag die deutsche Inflation noch bei 7,4 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält für den Euro-Raum rund zwei Prozent für ideal. Wegen des Preisschubs will die EZB im Juli erstmals seit elf Jahren die Zinsen erhöhen. Verdi-Chef Frank Werneke kündigte Lohnforderungen mindestens in Höhe der Inflationsrate an. Tariferhöhungen um sieben Prozent binnen eines Jahres seien herausfordernd – “aber der volle Lohnausgleich ist unser Ziel”, sagte er der “Zeit”.

“INFLATION IST ECHTE GEFAHR”

Ökonomen befürchten eine Lohn-Preis-Spirale, wenn sich bei hoher Inflation Löhne und Preise gegenseitig hochschaukeln. Werneke äußerte sich zudem skeptisch zu der von Bundeskanzler Olaf Scholz vorgeschlagenen “konzertierten Aktion” zwischen Tarifparteien und Regierung, um gemeinsame steigende Preise zu bekämpfen. Staatlichen Entlastungspakete könnten nur eine Überbrückungshilfe bis zur nächsten Tarifrunde sein, betonte Werneke. “Dauerhaft steigende Preise müssen aber durch dauerhaft steigende Löhne ausgeglichen werden.”

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) nannte die hohe Inflation erneut ein ernstes Warnsignal. “Die Teuerung ist eine echte Gefahr”, twitterte er: “Was wir also dringlich tun müssen: Druck von den Preisen nehmen, Menschen gezielt entlasten – und so schnell wie möglich zur Schuldenbremse zurückkehren.”

Hauptursache für die enorme Inflation sei nach wie vor die teure Energie, sagte Statistikamt-Präsident Georg Thiel. “Aber wir beobachten auch Preisanstiege bei vielen anderen Gütern, besonders bei den Nahrungsmitteln.” Energie kostete im Mai 38,3 Prozent mehr, Kraftstoffe 41 und leichtes Heizöl 95 Prozent. Nahrungsmittel verteuerten sich um 11,1 Prozent und damit so stark wie nie seit der Wiedervereinigung. Erheblich mehr kosteten Speisefette und Speiseöle (+38,7 Prozent). Auch Fleisch und Wurst (+16,5 Prozent), Eier und Molkereiprodukte (+13,1 Prozent) sowie Brot und Getreideerzeugnisse (+10,8 Prozent) wurden teurer. Ohne Energie und Nahrungsmittel lag die Inflation nur bei 3,8 Prozent.

Mit dem Lieferausfall aus der Ukraine und den Sanktionen gegen Russland seien die Getreidepreise massiv gestiegen, sagte Ökonom Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen IMK-Institut. “Das schlägt sich nun in höheren Preisen für Produkte wie Mehl, Nudeln, aber auch Eiern und Fleisch nieder, da ein beträchtlicher Teil des Getreides aus der Ukraine und Russland als Futtermittel genutzt wurde.”

BAUERN IM BLINDFLUG

Auch die Preise bei den Erzeugern landwirtschaftlicher Produkte verteuern sich spürbar und signalisieren anhaltend hohe Lebensmittelpreise. So ging es bei pflanzlichen Produkten im April um 45,7 Prozent nach oben und bei tierischen Erzeugnissen um 35,8 Prozent. “Wir brauchen höhere Preise, um überhaupt weiter produzieren zu können”, sagte Bauernpräsident Rukwied im Deutschlandfunk. Düngemittelkosten hätten sich zum Vorjahr vervierfacht, Futter sei doppelt so teuer, die Energiekosten seien explodiert. “Wir befinden uns in einer Art Blindflug – wir können nicht wirklich kalkulieren.”

Auch Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) erwartet weiter anziehende Lebensmittelpreise. “Wir müssen im Herbst und Winter mit Steigerungen rechnen, weil sich der Handel jetzt mit teurer Energie versorgen muss und die Preissteigerungen an die Kunden weitergereicht werden”, sagte er der “Rheinischen Post”. “Vieles kommt leider erst noch.”

(Bericht von Klaus Lauer und Reinhard Becker, Mitarbeit von Christian Krämer; redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

Rekordanstieg bei landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen – Getreide Treiber

Berlin (Reuters) – In Zeiten der Getreidekrise in der Ukraine haben Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte ihre Preise im April im Rekordtempo angehoben.

Sie stiegen um durchschnittlich 39,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Dies ist der höchste Preisanstieg gegenüber einem Vorjahresmonat seit Beginn der Erhebung im Jahr 1961. Im März hatte es mit 34,7 Prozent bereits einen Rekord gegeben. Pflanzliche Produkte verteuerten sich im April mit 45,7 Prozent besonders stark, tierische Erzeugnisse mit 35,8 Prozent etwas weniger kräftig.

Der Anstieg bei pflanzlichen Produkten ist unter anderem auf die nach oben schießenden Preise für Getreide zurückzuführen: Diese lagen im April um 77,6 Prozent über dem Vorjahresmonat und damit noch etwas höher als im März mit damals 70,2 Prozent: “Ausschlaggebend für die enorme Preissteigerung bei Getreide ist noch immer die Verknappung des Angebots infolge des Kriegs in der Ukraine”, teilten die Statistiker weiter mit.

Die Ausfuhr von Weizen und anderem Getreide aus der als Kornkammer der Welt bekannten Ukraine stockt wegen des Krieges. Vor der russischen Invasion am 24. Februar waren beide Staaten zusammen für fast ein Drittel der weltweiten Weizenexporte verantwortlich. Seitdem stocken die Ausfuhren über die Schwarzmeer-Häfen der Ukraine, vor denen russische Kriegsschiffe patrouillieren. Durch den Konflikt sind die Lebensmittelpreise weltweit stark angestiegen und auch die Kosten für Düngemittel.