G7 wollen Russland wegen Krieg in Ukraine weiter isolieren

– von Andreas Rinke und Andrea Shalal und Alexander Ratz

Schloss Elmau (Reuters) – Angesichts der anhaltenden Angriffe Russlands auf die Ukraine erhöhen die G7-Staaten ihren Druck auf Moskau massiv.

Man wolle die russische Wirtschaft weltweit weiter isolieren, heißt es in der am Montag veröffentlichten Erklärung der sieben wichtigsten westlichen Staaten. Die G7-Länder wollen etwa die Sanktionen gegen Russland und die Einnahmen des Landes aus Rohstoffverkäufen reduzieren. Man stünde kurz vor einer Einigung, sich hinter einen Preisdeckel für russisches Öl zu stellen, sagte ein US-Offizieller am Montag.

Die US-Regierung will zudem am Dienstag ein Bündel nationaler neuer Sanktionen sowohl gegen den russischen Verteidigungssektor als auch Firmen weltweit beschließen, die bestehende westliche Sanktionen gegen Russland unterlaufen. Es sollen zudem Firmen gelistet werden, die künftig keine US-Technologie mehr kaufen dürfen, teilte das Weiße Haus mit. Finanzinstitutionen würden informiert, dass sie sich am Kampf gegen eine Umgehung von Exportkontrollen beteiligen sollten.

HILFSAPPELLE VON SELENSKYJ

Die Staats- und Regierungschefs der USA, Großbritanniens, Italiens, Frankreichs, Japans, Deutschlands und Kanadas hatten am Montagmorgen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj beraten. Dieser war per Video zu den Beratungen in Elmau zugeschaltet. US-Präsident Joe Biden sagte nach Angaben aus Verhandlungskreisen, dass Russland den Krieg nicht gewinnen dürfe. Selenskyj bat um weitere Hilfe für sein Land und warnte vor einer schwierigen Lage, wenn der Krieg nicht vor dem Winter beendet werde. Selenskyj ersuchte demnach um Luftabwehrsysteme und Munition, aber keine zusätzlichen neuen Waffensysteme.

Die G7-Staaten haben der Ukraine weitreichende Sicherheitsgarantien auch nach dem Krieg gegen Russland zugesagt. Man sei bereit, “gemeinsam mit interessierten Ländern und Institutionen und der Ukraine Vereinbarungen über nachhaltige Sicherheitsverpflichtungen zu treffen, um der Ukraine zu helfen, sich selbst zu verteidigen, ihre freie und demokratische Zukunft zu sichern und künftige russische Aggressionen abzuwehren”, heißt es in der G7-Erklärung. Zudem legen die Staats- und Regierungschefs die Entscheidung über einen Friedensschluss mit Russland allein in die Hand der Regierung in Kiew. Die Ukraine entscheide über eine künftige Friedensregelung, “die frei von äußerem Druck oder Einfluss ist”, so die G7-Erklärung.

Die G7 sicherten der Ukraine weitere militärische Hilfe zu, solange das Land diese benötige. Man habe der Ukraine in diesem Jahr zudem Budgethilfen von 29,5 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Die Finanzminister würden beauftragt, den weiteren Finanzbedarf zu ermitteln. Die Handelsminister wiederum sollten den Abbau der Zölle auf ukrainische Waren prüfen. Für den nötigen Wiederaufbau der Ukraine würden die G7-Staaten national auch prüfen, ob dazu die beschlagnahmten russischen Vermögenswerte genutzt werden könnten.

DRUCK AUF RUSSLANDS WIRTSCHAFT SOLL WACHSEN

Sowohl US-Präsident Biden als auch Kanzler Olaf Scholz hatten auf Schloss Elmau die Wirksamkeit der westlichen Sanktionen betont. Der eingeschränkte Zugang zu westlichen Technologien werfe Russlands Wirtschaft viele Jahre zurück, sagte Scholz in der ARD. Dass Russland jetzt nahe an der Zahlungsunfähigkeit stehe, sei die Wirkung drastischer Sanktionen, betonte ein US-Offizieller. Die russische Wirtschaftsleistung werde in diesem Jahr wahrscheinlich zweistellig sinken und die Inflation auf mehr als 20 Prozent steigen.

Die USA wollen auch neue Sanktionen gegen Russen verhängen, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren und Importzölle auf 530 Warengruppen aus Russland erhöhen. Scholz sagte, dass das von den USA verkündete Gold-Embargo gegen Russland noch nicht als gemeinsame G7-Position beschlossen werden könne, weil es zuvor eine Abstimmung innerhalb der EU bedürfe.

Der ursprünglich von den USA vorgeschlagene Preisdeckel für russisches Öl habe zwei Ziele, hieß es in Verhandlungskreisen. Zum einen soll er den Effekt begrenzen, dass infolge des Konflikts die Einnahmen Russlands wegen höherer Öl- und Gaspreise sogar gestiegen sind. Zum anderen sollen mit einem Preisdeckel für russisches Öl angesichts der steigenden Inflation die negativen Wirkungen für Drittmärkte und Konsumenten weltweit begrenzt werden. Die G7-Staats- und Regierungschefs würden ihre zuständigen Minister beauftragen, “intensiv” mit Partnerländern und Privatfirmen zu sprechen, um einen Preisdeckel umzusetzen.

G7 VERHANDELT MIT SCHWELLENLÄNDERN

Das Thema dürfte auch in den G7-Beratungen am Montag mit den Gastländern Indien, Indonesien, Südafrika, Argentinien und Senegal eine Rolle spielen. Die Bundesregierung hatte zuvor darauf verwiesen, dass ein Preisdeckel für russisches Öl nur effektiv sein könne, wenn sich weltweit auch viele Einkaufsländer wie Indien oder China beteiligen. Beide Länder haben seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ihre Ölimporte aus Russland deutlich erhöht – und erhalten meist von Moskau einen Preisabschlag.

(Mitarbeit: John Irish, Angelo Amante,; redigiert von Hans Seidenstücker. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

G7 – Ukraine entscheidet alleine über Friedensschluss

Schloss Elmau (Reuters) – Die G7-Staaten haben der Ukraine Sicherheitsgarantien nach dem Krieg gegen Russland zugesagt.

Man sei bereit, “gemeinsam mit (…) der Ukraine Vereinbarungen über nachhaltige Sicherheitsverpflichtungen zu treffen, um der Ukraine zu helfen, sich selbst zu verteidigen”, heißt es in der am Montag veröffentlichen Erklärung der sieben wichtigsten westlichen Industrieländer (G7). Zudem legen die Staats- und Regierungschefs die Entscheidung über einen Friedensschluss mit Russland alleine in die Hand der Regierung in Kiew. Die Ukraine entscheide über eine künftige Friedensregelung, “die frei von äußerem Druck oder Einfluss ist”, heißt es. Hintergrund sind Bestrebungen in der Europäischen Union, Druck auf Kiew auszuüben, um möglichst schnell eine Verhandlungslösung mit Russland anzustreben.

Die G7 sichern der Ukraine militärische Hilfe zu, solange das Land diese benötige. Man habe der Ukraine in diesem Jahr bislang Budgethilfen von 29,5 Milliarden Dollar (28 MRD Euro) zur Verfügung gestellt. Die Finanzminister würden beauftragt, den weiteren Finanzbedarf zu ermitteln, hieß es. Die Handelsminister sollten den Abbau der Zölle auf ukrainische Waren prüfen. Für den nötigen Wiederaufbau der Ukraine würden die G7-Staaten prüfen, ob dazu die beschlagnahmten russischen Vermögenswerte genutzt werden könnten. Man sei bereit, die Widerstandsfähigkeit der Ukraine weiter zu stärken, “indem wir unsere Zusammenarbeit in den Bereichen Nachrichtendienste und Informationsaustausch, Informationssicherheit sowie Sicherheit auf See ausbauen”.

Die G7-Länder verstärkten ihren Druck auf Russland, dem ein Angriffskrieg auf das Nachbarland vorgeworfen wird. “Wir werden weiterhin nach neuen Wegen suchen, um Russland von der Teilnahme am Weltmarkt zu isolieren”, hieß es darin. Die G7 seien entschlossen, Russlands Einnahmen – auch aus dem Export von Gold – zu verringern. Der Zugang des Landes zu wichtigen Technologien solle weiter eingeschränkt werden. Man wolle die Kosten auch für die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen auf russischer Seite erhöhen.

(Bericht von Andreas Rinke, Alexander Ratz, redigiert von Hans Busemann. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

US-Vertreter – G7 zielen mit Öl-Preisdeckel auf Russlands Einnahmen

Schloss Elmau (Reuters) – Die G7-Länder wollen US-Regierungskreisen zufolge die russischen Staatseinnahmen durch einen Preisdeckel für Öl aus Russland begrenzen.

Man sei kurz vor einer entsprechende Einigung der G7-Staats- und Regierungschefs, sagte ein ranghoher US-Vertreter am Montag. Die Staats- und Regierungschef der sieben führenden Industrieländer würden sich hinter zwei Ziele stellen: Zum einen soll Russland nicht mehr von hohen Ölpreisen profitieren und die Einnahmen durch den Ölverkauf reduziert werden. Zum anderen sollen mit einem Preisdeckel für russisches Öl angesichts der steigenden Inflation die negativen Wirkungen für Drittmärkte und Konsumenten weltweit begrenzt werden. Die G7-Staats- und Regierungschefs würden ihre zuständigen Minister beauftragen, “intensiv” mit Partnerländern und Privatfirmen zu sprechen, um einen Preisdeckel umzusetzen.

Die Bundesregierung hatte zuvor darauf verwiesen, dass ein Preisdeckel nur effektiv sein kann, wenn viele Einkaufsländer weltweit wie Indien oder China sich beteiligen. Beide Länder haben seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ihre Ölimporte aus Russland deutlich erhöht. Die USA haben bereits die Öleinkäufe aus Russland eingestellt, die EU will dies bis spätestens Jahresende tun.

(Bericht von Andrea Shalal, geschrieben von Andreas Rinke, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

G7 bieten Entwicklungsländern 600 Milliarden Dollar

– von Andreas Rinke und Alexander Ratz

Schloss Elmau (Reuters) – Die G7-Staaten haben am Sonntag eine neue Initiative für weltweite Infrastruktur-Investitionen in Höhe von 600 Milliarden Dollar angekündigt.

US-Präsident Joe Biden sagte, dass sein Land für die Partnerschaft für Infrastruktur-Investitionen 200 Milliarden Dollar an öffentlichem wie privatem Kapital bereitstellen werde. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte für das “Team Europe” 300 Milliarden Euro an. Japan will sich mit 65 Milliarden Dollar beteiligen. Sowohl Kanzler Olaf Scholz als auch Biden und von der Leyen betonten, dass die Demokratien Entwicklungsländern damit ein neues Angebot für eine engere Zusammenarbeit machen wollten. Die G7 hatten ein solches Projekt bereits im vergangenen Jahr verabredet, aber nicht mit Summen hinterlegt. Die Initiative soll auch Chinas Seidenstraßen-Projekt kontern helfen, mit dem die kommunistische Regierung durch Kreditvergaben und Infrastrukturprojekte Länder an sich binden will.

“Es liegt an uns, der Welt einen positiven und starken Investitionsimpuls zu geben, um unseren Partnern in den Entwicklungsländern zu zeigen, dass sie eine Wahl haben und dass wir uns solidarisch engagieren wollen, um ihren Entwicklungsbedarf zu decken”, sagte von der Leyen in Anspielung auf China. Auch andere G7-Regierungschefs betonten, dass der Westen bessere Angebote für eine Zusammenarbeit machen könne.

Die wichtigsten westlichen Industrieländer hatten zu Beginn ihres Treffen am Sonntag zunächst über die weltwirtschaftliche Lage diskutiert. Scholz betonte, dass sich alle Sorgen über die verschiedenen Krisen wie explodierende Energiepreise und Inflation machten. Zum G7-Kreis gehören die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada und Japan. Nach Informationen aus Verhandlungskreisen kreiste die Debatte auch um die strittigen Fragen einer Preisobergrenze für den Einkauf russischen Öls sowie darum, ob sich die G7-Staaten vorübergehend doch wieder für Investitionen in die Exploration fossiler Energien wie etwa von Gasfeldern aussprechen sollen. Italiens Ministerpräsident Mario Draghi befürwortete solche Investitionen, wenn in Entwicklungsländern gleichzeitig in Erneuerbare Energien investiert werde. Zudem müssten neue Investitionen in Gasinfrastruktur später für eine Nutzung von Wasserstoff genutzt werden können.

Die Staats- und Regierungschefs wollen am Abend beraten, wie die G7 auf die anhaltenden Angriffe Russlands auf die Ukraine reagieren soll. Die USA kündigten an, dass sich die G7-Staaten für ein Gold-Embargo gegen Russland aussprechen wollten, einen der größten Gold-Exporteure der Welt. Während die USA, Kanada, Japan und Großbritannien dies bereits beschließen können, muss dies in der EU noch diskutiert werden. Die Ukraine kann zudem mit weiteren Milliardenzusagen rechnen, um das Land zu stabilisieren.

Angesichts neuer heftiger russischer Angriffe auf die Ukraine forderte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba, dass die G7-Staaten auf die neuen Raketenangriffe auch auf die Hauptstadt Kiew mit weiteren Sanktionen gegen Russland und der Lieferung schwerer Waffen an sein Land reagieren müssten. Biden sprach von “Barbarei”.

Weitere Themen der dreitägigen Beratungen unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen sind der Kampf gegen mögliche Hungersnöte, die hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise, Geschlechtergerechtigkeit und Unterstützung für die weltweite Pandemiebekämpfung. Am Montag hat Gastgeber Scholz auch Indien, Indonesien, Südafrika, Argentinien und Senegal zu den Beratungen eingeladen. Zudem wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj per Video zugeschaltet. Nennenswerte Demonstrationen oder Störungen des Gipfels wurden am Sonntag nicht gemeldet.

BIDEN LOBT SCHOLZ

Zu Beginn des G7-Gipfels hatten US-Präsident Biden und Scholz bei einem bilateralen Treffen die transatlantische Zusammenarbeit und die Einheit der EU beschworen. “Wir sind die engsten Partner”, sagte Biden. Der russische Präsident Wladimir Putin habe von Anfang an damit gerechnet, dass sich die Nato und die G7 irgendwie aufspalten würden. “Aber das haben wir nicht und werden es auch nicht tun. Wir werden zusammenbleiben”, sagte er. Scholz sprach von einer “starken Botschaft”.

Biden dankte Scholz ausdrücklich mehrfach für dessen Arbeit. “Ich möchte Sie dazu beglückwünschen, dass Sie sich so engagieren, wie Sie es getan haben, als sie Bundeskanzler wurden”, sagte er. “Danke, danke, danke”, fügte er hinzu. Die Bemerkungen kommen auch vor dem Hintergrund einer hitzigen Debatte vor allem in Europa über die richtige Ukraine-Politik. Vor allem aus Osteuropa wird kritisiert, dass Deutschland und Frankreich der Ukraine zu wenig Waffen lieferten und Scholz sowie Macron daran festhalten, trotz aller scharfer Kritik und Sanktionen Kontakt mit Putin zu halten.

(Bericht von Andreas Rinke, William Schomberg, Phil Blenkinsop, Andrea Shalal, John Irish; redigiert von Birgit Mittwollen. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Ukraine sagt längeren weltweiten Weizenmangel voraus

Kiew (Reuters) – Die russische Invasion wird der Ukraine zufolge für mindestens drei Ernten zu einem weltweiten Weizenmangel führen.

“Die Ukraine wird für eine lange Zeit vom Markt verschwinden”, sagte Landwirtschaftsminister Mykola Solskji der Nachrichtenagentur Reuters. Es gehe um drei Weizenernten gleichzeitig: “Wir können die Ernte des vergangenen Jahres nicht exportieren, wir können die gegenwärtige Ernte nicht einholen, um sie zu exportieren, und wir wollen die nächste eigentlich nicht aussäen.” Dies sei schlecht für den Rest der Welt. “Was passiert, wenn sie im Juli oder August ankommen und Getreide kaufen wollen, aber abgewiesen werden, oder wenn der Preis bei 600 Dollar je Tonne liegt?”

Verschärft wird das Problem nach Darstellung des Ministers dadurch, dass die ukrainischen Bauern angesichts der russischen Blockaden nicht mehr so viel Weizen anbauen. In der Ukraine ist Winterweizen beliebt, der ab dem Ende des Sommers ausgesät wird. Solskji wies darauf hin, dass die Landwirte im Frühjahr bereits von Mais auf Sonnenblumen umgestiegen sein. Zwar falle die Ernte vom Gewicht her pro Hektar kleiner aus. Jedoch könne sie für einen höheren Preis verkauft werden. Ein ähnlicher Effekt könne nun auch bei Weizen auftreten, sagte Solskji. Es gebe in Europa eine starke Nachfrage nach Sonnenblumen und Raps, die alles andere verdrängen dürften – auch Weizen und Mais. Er gehe davon aus, dass im Herbst die für Winterweizen ausgeschriebene Fläche um einen “bedeutenden Prozentsatz” kleiner sein dürfte.

Vor dem Krieg exportierte die Ukraine bis zu sechs Millionen Tonnen Getreide pro Monat. Die russische Blockade reduzierte die Menge im März auf 300.000 Tonnen, seitdem erholt sie sich etwas. Solskji zeigte sich zuversichtlich, dass durch Ausfuhren über die Westgrenze und kleinere Donau–Häfen das Volumen im Juni zwei Millionen Tonnen übertreffen könnte. Trotzdem sieht sich die Ukraine mit riesigen Überschüssen konfrontiert von bis zu 60 Millionen Tonnen Getreide und Öl-Samen, für die es keine Lagerungsmöglichkeiten gibt. Die europäischen Staaten prüften, ob sie der Ukraine Silos für Getreide zur Verfügung stellen, sagte Solskji nun. Einzelheiten gab der Minister nicht bekannt.

Inflation auf höchstem Stand seit 1973/74 – Verdi will Lohnausgleich

– von Klaus Lauer und Reinhard Becker

Berlin (Reuters) – Teures Tanken und höhere Preise auch für Grundnahrungsmittel wie Brot und Eier treiben die deutsche Inflation so stark an wie seit annähernd 50 Jahren nicht mehr.

Waren und Dienstleistungen kosteten im Mai durchschnittlich 7,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte und damit eine erste Schätzung bestätigte. Ähnlich hoch war die Teuerungsrate zuletzt im Winter 1973/1974, als Kraftstoffe wegen der ersten Ölkrise stark gestiegen waren. Entspannung ist kaum in Sicht. “Die Lebensmittelpreise werden meines Erachtens noch weiter ansteigen”, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied. Denn in Zeiten der Getreidekrise in der Ukraine erhöhten etwa deutsche Erzeuger ihre Preise für landwirtschaftliche Produkte im April im Schnitt um fast 40 Prozent – der höchste Preisanstieg seit Beginn der Erhebung 1961.

Erst die Lieferkettenengpässe durch die Corona-Krise und nun vor allem der Ukraine-Krieg mit den Sanktionen des Westens gegen Russland sorgen für steigende Preise bei Energie, Rohstoffen und Lebensmitteln. Dies wiederum belastet Firmen und Verbraucher und bremst die Konjunktur. Im April lag die deutsche Inflation noch bei 7,4 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält für den Euro-Raum rund zwei Prozent für ideal. Wegen des Preisschubs will die EZB im Juli erstmals seit elf Jahren die Zinsen erhöhen. Verdi-Chef Frank Werneke kündigte Lohnforderungen mindestens in Höhe der Inflationsrate an. Tariferhöhungen um sieben Prozent binnen eines Jahres seien herausfordernd – “aber der volle Lohnausgleich ist unser Ziel”, sagte er der “Zeit”.

“INFLATION IST ECHTE GEFAHR”

Ökonomen befürchten eine Lohn-Preis-Spirale, wenn sich bei hoher Inflation Löhne und Preise gegenseitig hochschaukeln. Werneke äußerte sich zudem skeptisch zu der von Bundeskanzler Olaf Scholz vorgeschlagenen “konzertierten Aktion” zwischen Tarifparteien und Regierung, um gemeinsame steigende Preise zu bekämpfen. Staatlichen Entlastungspakete könnten nur eine Überbrückungshilfe bis zur nächsten Tarifrunde sein, betonte Werneke. “Dauerhaft steigende Preise müssen aber durch dauerhaft steigende Löhne ausgeglichen werden.”

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) nannte die hohe Inflation erneut ein ernstes Warnsignal. “Die Teuerung ist eine echte Gefahr”, twitterte er: “Was wir also dringlich tun müssen: Druck von den Preisen nehmen, Menschen gezielt entlasten – und so schnell wie möglich zur Schuldenbremse zurückkehren.”

Hauptursache für die enorme Inflation sei nach wie vor die teure Energie, sagte Statistikamt-Präsident Georg Thiel. “Aber wir beobachten auch Preisanstiege bei vielen anderen Gütern, besonders bei den Nahrungsmitteln.” Energie kostete im Mai 38,3 Prozent mehr, Kraftstoffe 41 und leichtes Heizöl 95 Prozent. Nahrungsmittel verteuerten sich um 11,1 Prozent und damit so stark wie nie seit der Wiedervereinigung. Erheblich mehr kosteten Speisefette und Speiseöle (+38,7 Prozent). Auch Fleisch und Wurst (+16,5 Prozent), Eier und Molkereiprodukte (+13,1 Prozent) sowie Brot und Getreideerzeugnisse (+10,8 Prozent) wurden teurer. Ohne Energie und Nahrungsmittel lag die Inflation nur bei 3,8 Prozent.

Mit dem Lieferausfall aus der Ukraine und den Sanktionen gegen Russland seien die Getreidepreise massiv gestiegen, sagte Ökonom Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen IMK-Institut. “Das schlägt sich nun in höheren Preisen für Produkte wie Mehl, Nudeln, aber auch Eiern und Fleisch nieder, da ein beträchtlicher Teil des Getreides aus der Ukraine und Russland als Futtermittel genutzt wurde.”

BAUERN IM BLINDFLUG

Auch die Preise bei den Erzeugern landwirtschaftlicher Produkte verteuern sich spürbar und signalisieren anhaltend hohe Lebensmittelpreise. So ging es bei pflanzlichen Produkten im April um 45,7 Prozent nach oben und bei tierischen Erzeugnissen um 35,8 Prozent. “Wir brauchen höhere Preise, um überhaupt weiter produzieren zu können”, sagte Bauernpräsident Rukwied im Deutschlandfunk. Düngemittelkosten hätten sich zum Vorjahr vervierfacht, Futter sei doppelt so teuer, die Energiekosten seien explodiert. “Wir befinden uns in einer Art Blindflug – wir können nicht wirklich kalkulieren.”

Auch Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) erwartet weiter anziehende Lebensmittelpreise. “Wir müssen im Herbst und Winter mit Steigerungen rechnen, weil sich der Handel jetzt mit teurer Energie versorgen muss und die Preissteigerungen an die Kunden weitergereicht werden”, sagte er der “Rheinischen Post”. “Vieles kommt leider erst noch.”

(Bericht von Klaus Lauer und Reinhard Becker, Mitarbeit von Christian Krämer; redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

Rekordanstieg bei landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen – Getreide Treiber

Berlin (Reuters) – In Zeiten der Getreidekrise in der Ukraine haben Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte ihre Preise im April im Rekordtempo angehoben.

Sie stiegen um durchschnittlich 39,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Dies ist der höchste Preisanstieg gegenüber einem Vorjahresmonat seit Beginn der Erhebung im Jahr 1961. Im März hatte es mit 34,7 Prozent bereits einen Rekord gegeben. Pflanzliche Produkte verteuerten sich im April mit 45,7 Prozent besonders stark, tierische Erzeugnisse mit 35,8 Prozent etwas weniger kräftig.

Der Anstieg bei pflanzlichen Produkten ist unter anderem auf die nach oben schießenden Preise für Getreide zurückzuführen: Diese lagen im April um 77,6 Prozent über dem Vorjahresmonat und damit noch etwas höher als im März mit damals 70,2 Prozent: “Ausschlaggebend für die enorme Preissteigerung bei Getreide ist noch immer die Verknappung des Angebots infolge des Kriegs in der Ukraine”, teilten die Statistiker weiter mit.

Die Ausfuhr von Weizen und anderem Getreide aus der als Kornkammer der Welt bekannten Ukraine stockt wegen des Krieges. Vor der russischen Invasion am 24. Februar waren beide Staaten zusammen für fast ein Drittel der weltweiten Weizenexporte verantwortlich. Seitdem stocken die Ausfuhren über die Schwarzmeer-Häfen der Ukraine, vor denen russische Kriegsschiffe patrouillieren. Durch den Konflikt sind die Lebensmittelpreise weltweit stark angestiegen und auch die Kosten für Düngemittel.

Türkei tritt in Konflikt über Getreide aus Ukraine auf der Stelle

(Weitgehend neu)

Kiew/Ankara (Reuters) – Die Türkei kommt in ihren Vermittlungen zwischen Russland und der Ukraine zur Freigabe von Getreide für die Weltmärkte kaum voran.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte zwar am Mittwoch in Ankara, er halte den Export des blockierten ukrainischen Getreides auf dem Seeweg für möglich. Voraussetzung dafür sei, dass die Ukraine die Zugänge zu ihren Häfen entmine. Aus der Ukraine wurden allerdings Zweifel gesät, dass die Türkei machtvoll genug sei, einen Kompromiss herbeizuführen. Das Präsidialamt in Moskau erklärte, russisches Getreide werde erst wieder auf den Weltmarkt kommen, wenn der Westen seine Sanktionen aufgehoben habe.

Lawrow sagte nach einem Treffen mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu, die russischen Streitkräfte würden es nicht für ihre Zwecke ausnutzen, wenn die Ukraine sicheres Geleit für Frachtschiffe gebe. “Das sind Garantien des Präsidenten Russlands”, sagte Lawrow bei einer Pressekonferenz mit Cavusoglu. “Wir sagen täglich, dass wir bereit sind, die sichere Durchfahrt von Schiffen zu garantieren, die aus ukrainischen Häfen auslaufen in Richtung des (Bosporus)-Golfs. Wir sind bereit, das in Zusammenarbeit mit unseren türkischen Partnern zu machen”, sagte Lawrow. “Um das Problem zu lösen, muss die Ukraine die Schiffe aus ihren Häfen auslaufen lassen, entweder indem sie entmint oder sichere Korridore markiert werden.”

In ukrainischen Häfen liegen wegen des Krieges nach Schätzungen etwa 20 Millionen Tonnen Getreide fest. Hauptabnehmer sind normalerweise Staaten des Nahen Ostens und nördlichen Afrikas. Dort ohnehin grassierende Hungersnöte nehmen wegen der ausbleibenden Lieferungen derzeit an Schärfe zu. Der Direktor der ukrainischen Getreidehändler, Serhij Iwaschchenko, sagte, die Türkei könne für die Sicherheit der Transporte nicht garantieren. Er forderte neben der türkischen auch das Eingreifen der rumänischen Marine. Zudem würde es zwei bis drei Monate dauern, die Häfen in der Ukraine zu entminen. Vor allem wichtig ist dabei der größte Hafen des Landes in Odessa.

Cavusoglu nannte das Treffen mit Lawrow fruchtbar. Eine Wiederaufnahme der Exporte aus der Ukraine über einen See-Korridor sei vernünftig. Die Vereinten Nationen arbeiten derzeit daran, mit den Regierungen in Moskau und Kiew den Export wieder in Gang zu setzen. Die Türkei hat dabei ihre Zusammenarbeit angeboten.

VORWURF DES DIEBSTAHLS AN RUSSLAND

Das Präsidialamt in Moskau erklärte unterdessen, Russland werde den Weltmarkt erst wieder mit Getreide beliefern, wenn die westlichen Sanktionen aufgehoben würden. Die Sanktionen beeinträchtigten Schiffsversicherungen, Zahlungen und den Zugang zu europäischen Häfen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Es müsse ernsthafte Diskussionen über die Aufhebung der Strafmaßnahmen geben. Wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine hat der Westen harte Sanktionen gegen Russland verhängt. Peskow spielte zugleich die Bedeutung der Ukraine für die weltweite Versorgung mit Getreide herunter. Es gebe “viel weniger Getreide als die Ukrainer behaupten”, sagte er.

Russland und die Ukraine stehen zusammen für etwa ein Drittel des globalen Weizen-Angebots. Russland ist zugleich einer der Schlüssellieferanten für Düngemittel, die Ukraine für Mais und Sonnenblumen-Öl. Nach ukrainischen Angaben sind die Getreide-Silos im von der Regierung kontrollierten Gebiet derzeit in etwa halb gefüllt. Es befänden sich rund 30 Millionen Tonnen in den Silos mit einer Kapazität von 55 Millionen Tonnen, erklärte der Getreide-Verband des Landes. Der ukrainische Landwirtschaftsverband warf Russland vor, aus den besetzten Gebieten rund 600.000 Tonnen Getreide gestohlen zu haben. Russland müsse für die entstandenen Schäden aufkommen.

UN wollen Wiederaufnahme der Getreideexporte aus Russland und Ukraine vermitteln

Vereinte Nationen (Reuters) – Die Vereinten Nationen bemühen sich angesichts weltweit angestiegener Lebensmittelpreise um die Wiederaufnahme der Getreide-Exporte aus Russland und der Ukraine.

Die UN-Beamtin Rebecca Grynspan habe konstruktive Gespräche mit dem stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten Andrej Belousow über Getreide- und Düngemittelausfuhren in Moskau geführt, teilte UN-Sprecher Stephane Dujarric am Dienstag mit. Derzeit verhandele sie in Washington mit der US-Regierung über dasselbe Thema. Ziel sei es, weltweit die Versorgung mit Lebensmitteln sicher zu stellen.

Vergangenen Monat war UN-Generalsekretär Antonio Guterres nach Moskau und Kiew gereist, um die Wiederaufnahme der ukrainischen Lebensmittelexporte und der russischen Lebensmittel- und Düngemittelausfuhren zu vermitteln. Russlands Krieg in der Ukraine hat eine weltweite Nahrungsmittelkrise ausgelöst, in deren Folge die Preise für Getreide, Speiseöl, Treibstoff und Düngemittel in die Höhe schossen. Auf Russland und die Ukraine entfällt fast ein Drittel der weltweiten Weizenlieferungen. Russland ist zudem ein wichtiger Exporteur von Düngemitteln, die Ukraine von Mais und Sonnenblumenöl.

Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Linda Thomas-Greenfield, erklärte, die Vereinigten Staaten seien bereit, mittels Patronatserklärungen die Ausfuhr von russischem Getreide und Düngemitteln zu erleichtern. Sie wies darauf hin, dass beides nicht unter die Sanktionen gegen Russland falle. Allerdings seien Unternehmen offenkundig verunsichert, mit den russischen Produkten zu handeln. Die Patronatserklärungen sollten diese Unsicherheiten beseitigen.

Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte am Montag, Russland sei bereit, in Abstimmung mit der Türkei den ungehinderten Export von Getreide aus den ukrainischen Häfen zu ermöglichen. Derzeit werden die Schifffahrtsrouten durch das Schwarze Meer durch die russische Marine blockiert.

(Bericht von Michelle Nichols, geschrieben von Hans Busemann, redigiert von Birgit Mittwollen. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Türkei vermittelt im Ringen um Getreide-Exporte aus der Ukraine

Ankara (Reuters) – Die Türkei will im Ringen um Getreide-Exporte aus der Ukraine vermitteln.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow werde am 8. Juni mit einer Militärdelegation Gespräche in der Türkei führen, um die Möglichkeiten eines Korridors zur See auszuloten, teilte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Dienstag mit. Der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu sagt Cavusoglu weiter, es gebe diesbezüglich Gespräche mit den Vereinten Nationen. Die UN haben demnach die Einrichtung eines gemeinsamen Überwachungsmechanismus vorgeschlagen, um die Schiffsrouten zu beobachten. Die Türkei sei für einen solchen Vorschlag offen.

Dennoch gebe es in der Sache weiter Streitpunkte zwischen Russland und der Ukraine, sagte Cavusoglu. So fordere Russland, dass westliche Sanktionen gegen die Versicherungsbranche aufgehoben würden, weil davon auch Schiffe betroffen seien, die für die Exporte gebraucht würden. Die Ukraine wolle indes verhindern, dass russische Kriegsschiffe im Hafen von Odessa anlandeten. Die Präsidenten der Türkei und Russlands, Tayyip Erdogan und Wladimir Putin, berieten über das Thema am Montag telefonisch. Dabei sagte Putin zu, den Export des blockierten Getreides in Koordination mit der Türkei möglich zu machen.

Russland hat mittlerweile die Kontrolle über weite Teile der ukrainischen Schwarzmeerküste übernommen. Der größte Hafen des Landes in Odessa ist durch russische Kriegsschiffe blockiert. In den Docks lagern Millionen Tonnen ukrainischen Getreides, das nicht exportiert werden kann und für den Weltmarkt von großer Bedeutung ist. Hauptabnehmer sind in der Regel Länder im Nahen Osten und in Nordafrika. Dort grassierende Hungersnöte werden durch die fehlenden Einfuhren aus der Ukraine derzeit noch verstärkt.