Indiens Mahindra will Elektroplattform von Volkswagen kaufen

Hamburg (Reuters) – Volkswagen und der Autobauer Mahindra wollen bei der Elektrifizierung des indischen Automobilmarktes zusammenarbeiten.

Dazu vereinbarten die beiden Konzerne einen Vorvertrag für die Lieferung von Komponenten des von den Wolfsburgern entwickelten Baukastensystems MEB für E-Autos, wie die beiden Partner am Donnerstag mitteilten. Mahindra wolle seine “Born Electric Platform” mit MEB-Bauteilen wie Elektromotor, Batteriesystem-Komponenten und Batteriezellen ausstatten. Ein verbindliches Lieferabkommen solle bis Ende des Jahres ausgearbeitet werden. Finanzielle Details wurden nicht genannt.

Mit Mahindra gewinnt der weltweit zweitgrößte Autokonzern einen weiteren großen Abnehmer für die selbst entwickelte Elektroplattform, auf der bereits Fahrzeuge von VW, Audi, Skoda und Seat mit deren Tochter Cupra gebaut werden. Mit Ford wurde solch eine Vereinbarung bereits vor einigen Jahren geschlossen. Durch den Verkauf von Lizenzen wollen die Wolfsburger die hohen Entwicklungskosten für den MEB einspielen und im Geschäft mit E-Autos profitabler werden.

Indien hat sich auf der Welt-Klimakonferenz 2021 in Glasgow verpflichtet, ab 2035 nur noch emissionsfreie Neufahrzeuge zuzulassen. Das südasiatische Land gehört mit rund drei Millionen Neuzulassungen im Jahr zu den fünf größten Automobilmärkten der Welt. Prognosen zufolge könnte der Markt bis 2030 auf bis zu fünf Millionen Einheiten wachsen.

Dax niedriger erwartet – US-Daten im Fokus

Frankfurt (Reuters) – Nach dem deutlichen Kursrutsch an der Wall Street wird der Dax Berechnungen von Banken und Brokerhäusern zufolge am Donnerstag niedriger starten.

Am Mittwoch hatte er 1,3 Prozent schwächer bei 14.007,76 Punkten geschlossen. Die US-Börsen waren angesichts der Furcht vor drastischeren Zinserhöhungen der Notenbank Fed in die Knie gegangen. Der Dow Jones verlor 3,6 Prozent, der Nasdaq 4,7 Prozent und der S&P 500 büßte vier Prozent ein.

Die Inflation, die Reaktionen der Notenbanken darauf und die Folgen für die Weltwirtschaft bleiben neben dem Ukraine-Krieg die wichtigsten Themen auf dem Börsenparkett. Daher warten Investoren auf weitere US-Konjunkturdaten, von denen sie sich Rückschlüsse auf das Tempo der erwarteten Zinserhöhungen der Notenbank Fed versprechen. Auf dem Terminplan steht unter anderem das Konjunkturbarometer der Federal Reserve Bank von Philadelphia, das Prognosen zufolge im Mai auf 16 Punkte von 17,6 Zählern im Vormonat gesunken ist.

Daneben legen einige Unternehmen Geschäftszahlen vor. So öffnet unter anderem der Zucker-Produzent Südzucker seine Bücher. Im Ausland veröffentlichen unter anderem der Dufry, ein Betreiber von Duty-Free-Shops, sowie der Brief- und Paketzusteller Royal Mail Ergebnisse. Außerdem lädt die Deutsche Bank zu ihrer Hauptversammlung ein.

Schlusskurse europäischer Indizes Stand

am vorangegangenen Handelstag

Dax

14.007,76

Dax-Future

13.893,00

EuroStoxx50

3.690,74

EuroStoxx50-Future

3.644,00

Schlusskurse der US-Indizes am Stand Veränderung

vorangegangenen Handelstag

Dow Jones

31.490,07 -3,6 Prozent

Nasdaq

11.418,15 -4,7 Prozent

S&P 500

3.923,68 -4,0 Prozent

Asiatische Indizes am Stand Veränderung

Donnerstag

Nikkei

26.446,82 -1,7 Prozent

Shanghai

3.086,87 +0,0 Prozent

Hang Seng

20.198,16 -2,2 Prozent

Biden – Mit Rüstungsgesetz und Militärflugzeugen gegen US-Babymilch-Krise

Washington (Reuters) – In den USA spitzt sich die Versorgungskrise für Säuglingsnahrung zu.

US-Präsident Joe Biden greift nach Angaben des US-Präsidialamts nun auf ein Rüstungsgesetz zurück, um die Engpässe in den Supermärkten zu beheben. Mit der Anwendung des Defense Production Act sollen die Hersteller bei der Beschaffung von Zutaten priorisiert werden, die für die Erhöhung der Versorgung benötigt werden, teilte das Weiße Haus am Donnerstag mit. Biden habe außerdem die US-Behörden angewiesen, Verkehrsflugzeuge des Verteidigungsministeriums einzusetzen, um zusätzliche Säuglingsnahrung schnell aus anderen Ländern in die Vereinigten Staaten zu bringen. “Die Umgehung der regulären Luftfrachtrouten wird die Einfuhr und den Vertrieb von Säuglingsnahrung beschleunigen und eine kurzfristige Lösung bieten, bis die Hersteller ihre Produktion weiter hochfahren können”, erklärte das Weiße Haus.

Die Regale für Babynahrung blieben in den USA zum Teil leer, nachdem US-Marktführer Abbott seine Produkte im Februar nach Beschwerden über bakterielle Infektionen zurückgerufen hatte. Die führenden europäischen Hersteller Reckitt Benckiser und Nestle hatten am Dienstag angekündigt, mehr Babynahrung als gewöhnlich in die USA zu exportieren.

Konjunktursorgen verderben europäischen Anlegern die Laune

Frankfurt (Reuters) – Aus Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen der anhaltend hohen Inflation kehren Anleger europäischen Aktienmärkten den Rücken.

Dax und EuroStoxx50 fielen am Mittwoch um jeweils mehr als ein Prozent auf 14.007,76 beziehungsweise 3686,14 Punkte. Der US-Standardwerteindex Dow Jones büßte 2,2 Prozent ein.

“Der Anstieg der britischen Inflationsrate auf den höchsten Stand seit 40 Jahren schürt Rezessionsängste”, sagte Analystin Susannah Streeter vom Brokerhaus Hargreaves Landsdown. Bislang hätten viele Unternehmen die gestiegenen Kosten weitergeben können. “Aber die Sorge bleibt, wie lange die Verbraucher diesen Preis noch zahlen werden.” In Großbritannien kletterte die Teuerungsrate im April auf neun Prozent. Die Inflation in der Euro-Zone lag mit 7,4 Prozent wie im Vormonat auf Rekordniveau.

Vor diesem Hintergrund befürchteten einige Rohstoff-Anleger eine sinkende Nachfrage und verkauften unter anderem Kupfer. Das Industriemetall verbilligte sich um 1,5 Prozent auf 9230 Dollar je Tonne. Der europäische Future auf Weizen verlor 1,7 Prozent auf 424,25 Euro je Tonne.

EURO UND PFUND UNTER DRUCK – KING DOLLAR IST ZURÜCK

Am Devisenmarkt überschatteten die Rezessionsängste die Spekulationen auf Zinserhöhungen der Europäische Zentralbank (EZB) und der Bank von England (BoE). Euro und Pfund Sterling gaben jeweils etwa ein halbes Prozent auf 1,0511 beziehungsweise 1,2415 Dollar nach. Notenbanken wandelten auf einem schmalen Grat, gab Anlagestratege Ambrose Crofton von der Vermögensverwaltung der US-Bank JPMorgan zu bedenken. Höben sie die Zinsen zu aggressiv an, stürzten sie die Konjunktur in eine Rezession. Seien sie zu passiv, drohe eine hartnäckige Lohn-Preis-Spirale.

Investoren gingen daher auf Nummer sicher und deckten sich mit der Weltleitwährung ein. Diese erhielt zusätzlichen Auftrieb vom erneuten Bekenntnis der US-Notenbank zum Kampf gegen die Inflation. Fed-Chef Jerome Powell schloss dabei drastischere Zinsschritte nicht aus. Daraufhin legte der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, mit einem Plus von 0,2 Prozent auf 103,48 Punkte wieder Kurs auf sein jüngstes 19-1/2-Jahres-Hoch.

SCHLUCKT SIEMENS ENERGY SIEMENS GAMESA KOMPLETT?

Bei den deutschen Aktienwerten rückte Siemens Energy ins Rampenlicht. Der Energietechnik-Konzern denkt über eine Komplett-Übernahme seiner kriselnden Windkraft-Tochter Siemens Gamesa nach. Deren Papiere stiegen in Madrid um knapp 13 Prozent. Siemens Energy rückten 1,3 Prozent vor. Dieser lang erwartete Schritt wäre strategisch sinnvoll, sagte ein Börsianer.

Gleichzeitig erweckte ein Bericht der “Financial Times” alte Übernahmespekulationen um Commerzbank und Unicredit wieder zum Leben. Der Ukraine-Krieg habe die Anfang 2022 geschmiedeten Pläne für informelle Gespräche allerdings durchkreuzt. Die Aktien der beiden Geldhäuser legten dennoch 3,1 beziehungsweise 2,3 Prozent zu.

An der Wall Street brachen die Titel von Target dagegen zeitweise um rund 26 Prozent ein, so stark wie zuletzt vor mehr als 34 Jahren. Der Einzelhändler steigerte zwar den Quartalsumsatz auf 25,17 Milliarden Dollar. Wegen steigender Kosten brach der Gewinn allerdings um die Hälfte auf 2,19 Dollar je Aktie ein. “Die Zahlen von Target zeigen ein bemerkenswert ähnliches Muster wie die von Walmart”, kommentierte Analyst Michael Baker vom Research-Haus D.A. Davidson. Die steigenden Kosten hätten noch nicht vollständig an die Kunden weitergegeben werden können. Walmart hatte nach einem Gewinneinbruch seine Gesamtjahresziele gekippt. Im Sog von Target verloren die Titel anderer Einzelhändler wie Kohl’s oder Macy elf Prozent.

(Bericht von Hakan Ersen, redigiert von Sabine Ehrhardt. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

EU-Plan sieht 300-Milliarden-Euro für Aus russischer Energie vor

Brüssel/Kopenhagen/Berlin (Reuters) – Die EU-Kommission will den Ersatz von russischen Energie-Lieferungen mit Investitionen von 300 Milliarden Euro beschleunigen.

Der größte Teil werde zum Ausbau der erneuerbaren Energien verwandt, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch in Brüssel. Bis 2030 sollten zehn Milliarden Euro in die Gas- und zwei Milliarden Euro in die Öl-Infrastruktur fließen. Im “RePowerEU” genannten Paket sind zudem strengere Ziele zum Energiesparen und für den Einsatz von Öko-Energie verankert. Bis 2030 sollten nun 45 Prozent statt wie bisher vorgesehen 40 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen kommen. Geplant ist ferner der verpflichtende Einsatz von Solar-Anlagen auf neuen öffentlichen und gewerblichen Gebäuden. Dies soll ab 2025 greifen, für Privathäuser ab 2029.

Unabhängig davon wollen Deutschland, Dänemark, die Niederlande und Belgien in der Nordsee die Windkraft massiv ausbauen, wie das dänische Energieministerium zum Auftakt einer Offshore-Konferenz mitteilte. Bis 2050 sollten dort Windparks mit einer Leistung von 150 Gigawatt entstehen. Rechnerisch könnten sie bei stetigem Wind so viel Strom erzeugen wie 150 Blöcke von Atomkraftwerken. Derzeit sind erst Windräder mit 16 Gigawatt am Netz, die Hälfte davon in deutschen Gewässern. Bis 2030 will Deutschland 30 Gigawatt erreichen.

Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte zum “RePowerEU”-Programm, Deutschland bringe viel auf den den Weg, es bedürfe aber einer engen Zusammenarbeit: “Wir brauchen europäische Allianzen für alle Transformationstechnologien: Solar, Wind, Wärmepumpen und Elektrolyseure.” Allein 27 Milliarden Euro soll in den Aufbau von Elektrolyse-Anlagen und Leitungen für Wasserstoff fließen, mit dem vor allem in der Industrie Erdgas ersetzt werden könnte.

Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) lobte, dass auch Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden sollen. Die EU-Vorgaben dürften hier aber nicht auf halber Strecke stehen bleiben. Zudem betonte der BDI, dass die Gratis-Zuteilungen von CO2-Verschmutzungsrechten bis mindestens 2030 erhalten bleiben müssten. Die EU-Kommission plant die Rechte zu kürzen und will im Gegenzug die europäische Industrie mit einer Art CO2-Grenzzoll gegen Importe etwa aus Asien schützen. Die Industrie zweifelt aber an der Umsetzbarkeit.

KRITIK AN FINANZIERUNG

Die Mittel für die Investitionen sollen teilweise aus dem Corona-Aufbaufonds der EU kommen und aus Zuschüssen oder auch Bürgschaften für Kredite bestehen. In dem Fonds war ohnehin ein erheblicher Teil der Mittel für den Klimaschutz und damit für erneuerbare Energien vorgesehen. Allerdings will die EU nun zur Finanzierung auch zusätzliche CO2-Verschmutzungsrechte auf den Markt werfen, um damit rund 20 Milliarden Euro zu erlösen.

Dies sorgte unter anderem für Kritik bei der Denkfabrik “Agora”. Mit mehr Zertifikaten würden die Preise für die Rechte gedrückt, was wiederum weniger Anreize zum Klimaschutz etwa für die Industrie bedeute und fossile Energie wieder wettbewerbsfähiger mache. “Dieser Vorschlag birgt Gefahr für die EU-Klimapolitik”, sagte Agora-Europa-Chef Matthias Buck. Wenn der Vorschlag umgesetzt werden, müsse die gleiche Menge an Rechten am Ende der Dekade dem Markt wieder entzogen werden.

Die EU insgesamt bezieht etwa 40 Prozent ihres Gases und 27 Prozent des Öls aus Russland. Während auf Kohle von dort ab August verzichtet werden soll, ringen die EU-Staaten noch um einen Öl-Boykott. Deutschland ist von russischen Erdgas-Lieferungen besonders abhängig, die man den Plänen nach noch bis 2024 brauchen wird.

(Bericht von: Kate Abnett, Stine Jacobsen, Markus Wacket; redigiert von Hans Busemann. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Commerzbank betont Willen zur Eigenständigkeit

– von Valentina Za und Tom Sims

Frankfurt/Mailand (Reuters) – Nach einem Medienbericht über einen angeblichen neuen Anlauf der Hypovereinsbank-Muttergesellschaft UniCredit für einen Zusammenschluss mit der Commerzbank betont das Frankfurter Institut seinen Willen zur Unabhängigkeit.

“Mit der Strategie 2024 wollen wir die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Commerzbank eigenständig bleiben kann”, erklärte eine Banksprecherin am Mittwoch auf Anfrage. Grundsätzlich kommentiere das Geldhaus keine Marktspekulationen. Zuvor hatte die “Financial Times” berichtet, der Ukraine-Krieg habe einen UniCredit-Anlauf zu Fusionsgesprächen mit der Commerzbank durchkreuzt. Die italienische Bank lehnte eine Stellungnahme ab. Der Aktienkurse beider Institute zog an.

UniCredit-Chef Andrea Orcel habe Anfang 2022 informelle Gespräche mit dem Vorstandschef der Commerzbank, Manfred Knof, geplant, berichtete die “FT” unter Berufung auf drei unmittelbar über die Angelegenheit informierte Personen. Doch dann sei Russland in die Ukraine einmarschiert und UniCredit habe entschieden, dass sich die italienische Bank vor einem größeren Zusammenschluss zunächst um die Zukunft ihres Russland-Geschäfts kümmern müsse.

UniCredit hatte nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine erklärt, einen Rückzug aus Russland zu erwägen. Die Bank zählt zu jenen europäischen Geldhäusern, die besonders stark in Russland engagiert sind. Laut einem früheren “FT”-Bericht prüft das Institut Möglichkeiten für den Tausch von Anteilen mit russischen Geldhäusern, um potenziell milliardenschwere Abschreibungen des eigenen Russland-Geschäfts zu verhindern.

Eine Verbindung zwischen UniCredit und der Commerzbank gilt unter Experten schon lange als eine der am besten passenden Kombinationen in der europäischen Bankenbranche, da sich die Geschäfte der beiden Geldhäuser wenig überschneiden. Über einen Verkauf der Commerzbank an die Italiener war immer wieder spekuliert worden. Ende vergangenen Jahres reagierte UniCredit-Chef Orcel auf die Frage des “Spiegel” nach einer Übernahme der Commerzbank ausweichend. “Es gab hierzu immer viele Gerüchte, aber so etwas ist auch eine Frage des Timings”, sagte der ehemalige Investmentbanker.

Schon unter Orcels Vorgänger Jean Pierre Mustier war ein Zusammenschluss im Gespräch gewesen, fand unter anderem aber in der Politik keine ausreichende Unterstützung. Der Bund ist mit 15,6 Prozent größter Anteilseigner der Commerzbank. Die Beteiligung geht noch auf die Rettung in der weltweiten Finanzkrise vor mehr als einem Jahrzehnt zurück.

“Es bleibt bei der Haltung, dass die Commerzbank ihre Entscheidungen eigenständig trifft”, sagte eine Sprecherin des Finanzministeriums auf Nachfrage. Die Bundesregierung sei außen vor. Sie wollte die Berichte nicht weiter kommentieren.

Die Commerzbank-Aktien sind für den Bund nur noch einen Bruchteil des Kaufpreises wert. Am Mittwoch notierten die Papiere mehr als vier Prozent im Plus, UniCredit-Aktien legten zwei Prozent zu. Der Index für europäische Bankaktien trat derweil auf der Stelle.

(Mitarbeit Andreas Rinke, geschrieben von Elke Ahlswede, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Börsenkandidat Ottobock wechselt unerwartet Finanzchef aus

München (Reuters) – Der weltgrößte Prothesen-Hersteller Ottobock trennt sich nach gut neun Monaten von seiner Finanzvorständin Kathrin Dahnke, die das Unternehmen eigentlich an die Börse führen sollte.

Den Posten der 61-Jährigen übernimmt Arne Kreitz (42), der seit 2018 in der erweiterten Geschäftsführung bereits für die Strategie und für Übernahmen (M&A) zuständig war. “Damit vollziehen wir den geplanten Wechsel im Finanzressort früher als ursprünglich geplant”, sagte Mehrheitseigentümer und Verwaltungsratschef Hans Georg Näder am Mittwoch. Kreitz könne “neue Impulse auf dem erfolgreichen Weg zu nachhaltigem Ergebniswachstum setzen”. An dem Unternehmen aus dem niedersächsischen Duderstadt ist der Finanzinvestor EQT mit 20 Prozent beteiligt.

Als Dahnke im September 2021 das Amt vom erkrankten Jörg Wahlers übernahm, war keine Rede davon gewesen, dass sie nur als Interimslösung gedacht war. Die ehemalige Finanzvorständin von Osram hatte gerade erst bei der Umstellung auf den internationalen Bilanzierungsstandard IFRS Vollzug gemeldet. Er ist die Voraussetzung für einen Gang an den Kapitalmarkt. Ein Ottobock-Sprecher sagte, der Wechsel ändere nichts an den Plänen. Reuters hatte berichtet, dass das Medizintechnik-Unternehmen den Schritt angesichts der wackligen Kapitalmärkte nun frühestens für die Zeit nach dem Sommer ins Auge fasst.

Deutsche Bank verlangt von Lieferanten ab Juli ESG-Siegel

Frankfurt (Reuters) – Die Deutsche Bank verlangt ab Juli von ihren Lieferanten bei größeren Aufträgen einen Nachweis für das Einhalten von Umwelt- und Sozialstandards.

Für jeden neuen oder verlängerten Vertrag von über 500.000 Euro pro Jahr müssen Lieferanten dann eine Nachhaltigkeitsbewertung externer Ratingagenturen vorlegen, wie das Geldhaus am Mittwoch mitteilte und damit einen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters bestätigte. Anfang 2023 will die Bank die Schrauben demnach enger ziehen: Dann würden Neuaufträge im selben Volumen nur noch an Anbieter vergeben, die bei der ESG-Bewertung auch eine ausreichend hohe Punktzahl erhielten. Einem Insider zufolge dürfte Bankchef Christian Sewing die Pläne bei der Hauptversammlung am Donnerstag herausstellen.

Die Deutsche Bank legt sich damit erstmals auf einen Zeitplan für das Vorhaben fest, das sie im vergangenen Jahr angekündigt hatte. Das Institut gibt jährlich mehr als acht Milliarden Euro für Produkte und Dienstleistungen von Lieferanten aus. Bei der Prüfung dieser Geschäftspartner setzt die Deutsche Bank der Mitteilung zufolge unter anderem auf die Ratingagenturen EcoVadis und MSCI ESG. Eine ab Anfang kommenden Jahres notwendige “ausreichend gute Nachhaltigkeitsbewertung” entspreche im Fall von EcoVadis mindestens 25 der 100 erreichbaren Punkte.

Mit der Initiative will das Geldhaus sein Engagement für Umweltschutz, Sozialstandards und gute Unternehmensführung (Environment – Social – Governance/ESG) vorantreiben. In den vergangenen Jahren hat die Deutsche Bank mit dem Versprechen geworben, Unternehmen auf dem Weg in ein nachhaltigeres Wirtschaften zu unterstützen. Umweltschützer sehen das Geschäft des Frankfurter Instituts und auch die jüngste Initiative aber kritisch und wollen während der Hauptversammlung vor der Konzernzentrale gegen Finanzierungen in der Ölbranche protestieren.

Tilman Massa vom Dachverband Kritische Aktionäre bezeichnete das Nachhaltigkeits-Rating zwar als einen ersten Schritt. Dabei alleine könne es aber nicht bleiben. Ratings könnten noch Umweltzerstörung und Menschenrechtsverstöße verschleiern. Kate Cahoon von der Klimaschutzorganisation 350.org sprach ebenfalls von einem ersten Schritt in die richtige Richtung, wertete die Rating-Initiative aber zugleich als “Greenwashing” und forderte ein Ende der Finanzierung großer Ölkonzerne.

“Greenwashing”-Vorwürfe sind ein heikles Thema bei der Deutschen Bank, war doch die Fondstochter DWS 2021 wegen solcher Anschuldigungen in die Schlagzeilen geraten. Hintergrund waren Anschuldigungen der ehemaligen Leiterin des Unternehmensbereichs Nachhaltigkeit, der Vermögensverwalter sei zu lax mit Kriterien bei nachhaltigen Investments umgegangen. Die DWS hatte die Anschuldigungen stets zurückgewiesen.

SAP-AR-Chef Plattner – Nachfolger soll aus Aufsichtsrat kommen

Berlin (Reuters) – SAP-Aufsichtsratschef Hasso Plattner will seinen Nachfolger aus den eigenen Reihen rekrutieren.

“Ich hoffe, dass wir ein Mitglied des Aufsichtsrats für diese Aufgabe gewinnen können und nicht jemanden von außen holen müssen”, sagte Plattner am Mittwoch auf der virtuellen Hauptversammlung des Walldorfer Softwareriesen. Die Suche sei in Gange, noch könne er keinen Namen nennen, sagte der 78-Jährige anlässlich der Kritik von Aktionären. Das sei für ihn eine emotionale Aufgabe. Der Wahlkalifornier, der erstmals seit Ausbruch der Coronapandemie wieder persönlich am Aktionärstreffen teilnahm, ist als letzter der Gründer noch bei dem inzwischen 50 Jahre alten Unternehmen tätig.

Plattner hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, den Aufsichtsrat für weitere zwei Jahre führen zu wollen und sich dafür 2022 wiederwählen lassen zu wollen. Das rief scharfe Kritik von Aktionärsvertretern wie von Union Investment und Deka hervor. “Eine Nachfolgeregelung für den Aufsichtsratsvorsitz ist überfällig, auch wenn Ihre großen Verdienste um SAP unbestritten sind”, erklärte Fondsmanager Markus Golinski von Union Investment. Der ehemalige Vorstandssprecher Plattner ist seit 2003 Aufsichtsratschef und hält rund sechs Prozent an dem Dax-Konzern, der gerade eine Komplett-Transformation zu einem Cloudunternehmen durchläuft. Er hat SAP 1972 zusammen mit vier anderen IT-Spezialisten gegründet – darunter Mäzen Dietmar Hopp.

Plattner begründete das Festhalten an seiner Position: “Leider hat sich eine Nachfolgemöglichkeit, die wir konkret in das Auge gefasst haben, aus gesundheitlichen Gründen zerschlagen. Daher arbeiten wir jetzt an einer neuen Lösung.” Er wolle eine “geordnete Nachfolge”, sagte er. “Über das konkrete Anforderungsprofil beraten wir im Nominierungsausschuss.” Im vergangenen Jahr hatte Plattner versprochen, mindestens ein halbes Jahr vor Ende der Amtszeit 2024, einen Vorschlag für seine Nachfolge zu präsentieren.

KLEIN: AKQUISITIONEN IM BLICK – ABER NICHT NÖTIG

SAP versucht seit Quartalen, bei der beschleunigten Transformation in die Cloud in das richtige Fahrwasser zu finden und Personalquerelen sowie Wachstumsschwäche hinter sich zu lassen. Dabei gibt es nun ein weiteres Hindernis: Im März 2023 verlässt überraschend eine der wenigen Konstanten der letzten Jahre – Finanzchef Luka Mucic – den Konzern. Sein Abgang wurde von Aktionären bedauert.

Kritik gab es auch am Umgang der Walldorfer mit dem Ausstieg aus dem Russlandgeschäft wegen des Ukraine-Kriegs, der in Trippelschritten erfolgte. Nun sei der Schlussstrich gezogen, sagte Mucic. Der russische Markt spiele in der mittel- wie auch langfristigen Planung keine Rolle mehr. Konsequenzen zieht SAP aus der Kritik an der Auslagerung des Geschäfts mit Finanzdienstleistungen in das Joint-Venture Fioneer mit der Beteiligungsgesellschaft Dediq, in deren Finanzierung die Stiftung von Hasso Plattner als Investor involviert war. Die mittelbare Beteiligung werde aufgegeben, kündigte Konzern-Chef Christian Klein an. Allerdings habe eine passgenaue Lösung Vorrang vor einer schnellen Lösung.

Die Zeit der Mega-Übernahmen ist bei SAP inzwischen beendet, allerdings hält der Konzern weiterhin Ausschau nach ergänzenden Zukäufen. Akquisitionen seien trotzdem nicht nötig, versicherte Klein, der SAP seit gut zwei Jahren alleine führt, um die ambitionierten Pläne für 2025 zu erreichen. Bis dahin sollen sich die Clouderlöse auf mehr als 22 Milliarden Euro fast verdoppeln und der Konzernumsatz sogar die Marke von 36 Milliarden Euro übertreffen – nach 27,8 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Ampel streicht Schröder die Alt-Kanzler-Privilegien

Berlin (Reuters) – Die Ampel-Koalition will SPD-Altkanzler Gerhard Schröder die bisherige Ausstattung mit Mitarbeitern und Büros im Bundestag vorerst streichen.

Die Versorgungsbezüge und den Personenschutz soll der 78-Jährige aber behalten dürfen, wie die haushaltspolitischen Sprecher von SPD, Grünen und FDP am Mittwoch mitteilten. Formal werde das Büro des früheren Bundeskanzlers ruhend gestellt. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Kosten für Personal und Reisen der Mitarbeiter im Büro des Alt-Kanzlers auf knapp 419.000 Euro. Ausgaben für die Büroräume und deren Ausstattung sind dabei nicht berücksichtigt. Auf Schröders umstrittene Russland-Kontakte und den Ukraine-Krieg gingen die Haushaltspolitiker nicht ein.

Die Amtsausstattung ehemaliger Regierungschefs soll sich künftig generell aus ihren Verpflichtungen ergeben. “Der Haushaltsausschuss fordert die Bundesregierung auf, sicherzustellen, dass die Amtsausstattung ehemaliger Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzler nach der fortwirkenden Verpflichtung aus dem Amt erfolgt und nicht statusbezogen”, heißt es in dem Reuters vorliegenden Antragsentwurf der Ampel für einen Beschluss des Haushaltsausschusses der Bundestages. Der Ausschuss dürfte dies in seiner am Donnerstag beginnenden Bereinigungssitzung zum Bundeshaushalt 2022 beschließen. Auch die Union hatte eine Streichung des Büros gefordert, wollte darüber hinaus aber auch die Versorgungsbezüge Schröders kippen.

KREISE: KEINE AUSWIRKUNGEN FÜR MERKEL-AUSSTATTUNG

Für die Amtsausstattung von Alt-Kanzlerin Angela Merkel (CDU), der neben Schröder einzigen noch lebenden ehemaligen Regierungschefin, hat die Neuregelung nach Angaben aus der Koalition vorerst keine Konsequenzen. “Das bedeutet erst mal gar nichts für Merkel”, sagte ein Haushaltspolitiker. Die Regelung greife erst, wenn Merkel irgendwann einmal keine nachgelagerten Aufgaben aus dem Amt mehr wahrnehme. “Die Formulierung ist übrigens schon lange Forderung des Bundesrechnungshofes gewesen”, hieß es unter Verweis auf den Ampel-Vorschlag.

“Gerhard Schröder nimmt keine fortwirkende Verpflichtung aus dem Amt als ehemaliger Bundeskanzler mehr wahr”, erklärten Dennis Rohde (SPD), Sven-Christian Kindler (Grüne) und Otto Fricke (FDP). “Somit entfällt der Grund für die personelle und räumliche Ausstattung des ehemaligen Bundeskanzlers.” Kindler sprach von einer grundsätzlichen Regelung unabhängig von Einzelfällen. Dem Alt-Kanzler warf er vor: “Gerhard Schröder ist nur noch als Lobbyist für russische Staatsunternehmen tätig, nicht mehr im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland.”

Schröders Büro waren zuletzt noch vier Mitarbeiterstellen zugeordnet. Die Beschäftigten hatten die Zusammenarbeit aber bereits vor Wochen aufgekündigt und darum gebeten, an anderer Stelle eingesetzt zu werden. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar war Schröder wegen seiner Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin verstärkt in die Kritik geraten. Auch die SPD-Führung ging auf Distanz und forderte ihn auf, alle seine Posten bei den russischen Energieunternehmen Nord Stream und Rosneft aufzugeben. Parteichefin Saskia Esken legte ihm den Parteiaustritt nahe. Schröder war von 1998 bis 2005 Bundeskanzler einer rot-grünen Bundesregierung.