Geschäft mit Corona-Tests für Healthineers bald zu Ende

(streicht im Zitat am Ende des ersten Absatzes Bezug zum dm-Markt)

– von Alexander Hübner

920 Millionen Euro hat die Siemens-Tochter bisher mit den Antigen-Tests umgesetzt, allein 600 Millionen von April bis Juni. Doch mit dem Abflauen der Pandemie lasse die Nachfrage der öffentlichen Hand bereits deutlich nach, die Healthineers unter anderem mit Tests für Schulen beliefert hatte, sagte Vorstandschef Bernd Montag am Freitag in Erlangen. Eine Milliarde Umsatz soll es bis Ende September noch werden, mehr nicht. Von den Tests gebe es inzwischen genügend, selbst im dm-Markt. Wie es mit den Schulen weitergehe, werde sich zeigen. “Aber auch hier sind die Preisniveaus auf einem ganz anderen Niveau, als wir das am Anfang gesehen haben”, sagte Montag.

Nun rücken die Laborstraßen und Computertomografen wieder in den Vordergrund, die der Konzern eigentlich verkauft, die von den Kliniken in der Pandemie weniger nachgefragt wurden. “Wir sehen, dass die Investitionsbereitschaft für moderne Medizin zurzeit sehr hoch ist”, sagte Montag. “Davon werden wir sicher auch profitieren.” Inzwischen investierten die Kliniken und Praxen wieder in bildgebende Geräte (MRT, CT, Röntgen) und verbrauchten mehr Reagenzien für Routineuntersuchungen im Labor. “Wir sind auf einem nachhaltigen Weg zu weiterem Umsatzwachstum”, sagte Montag.

Er hob die Prognosen für das Geschäftsjahr 2020/21 (per Ende September) auch deshalb noch einmal an. Der Konzernumsatz soll auf vergleichbarer Basis – also ohne den übernommenen Krebs-Spezialisten Varian – um 17 bis 19 (bisher: 14 bis 17) Prozent zulegen. Allein im dritten Quartal lag das vergleichbare Plus bei 38 Prozent. Nach neun Monaten stehen 12,38 Milliarden Euro zu Buche, bereinigt ist das ein Zuwachs von 16 Prozent. Das bereinigte Ergebnis je Aktie werde Ende September bei 1,95 bis 2,05 (2019/20: 1,61) Euro liegen, sagte Siemens Healthineers voraus. Das wäre ein Gewinn von bereinigt rund 2,2 Milliarden Euro. Bisher lag die Untergrenze der Prognose bei 1,90 Euro je Aktie; Analysten rechneten im Schnitt zuletzt mit 1,98 Euro.

GUTER START FÜR VARIAN

Seit Mitte April gehört die US-Firma Varian zu Siemens Healthineers, mit mehr als 15 Milliarden Euro der teuerste Zukauf in der Siemens-Geschichte. 98 Millionen Euro hat Varian in zweieinhalb Monaten zum bereinigten Quartalsergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) von 945 (2019/20: 465) Millionen Euro beigetragen. Im Vorjahresvergleich hat es sich damit mehr als verdoppelt und die Analystenschätzungen bei weitem übertroffen. Finanzvorstand Jochen Schmitz schraubte die Umsatz- und Gewinnerwartungen für Varian gleich nach oben. “Am Anfang lassen sich Kostensynergien relativ leicht heben”, sagte Vorstandschef Montag. Seine Pläne für die Integration des Krebs-Spezialisten will er im November vorstellen.

 

ABB erreicht Rendite-Ziel und schraubt Prognose hoch

Der Gewinn schnellte im zweiten Quartal 2021 um 136 Prozent auf 752 Millionen Dollar hoch, wie ABB am Donnerstag mitteilte. Analysten hatten einer Erhebung des Schweizer Unternehmens zufolge durchschnittlich einen Gewinn von 661 Millionen Dollar prognostiziert. ABB hob nun die Prognose für das Gesamtjahr erneut an und erwartet neu ein um Wechselkurseinflüsse sowie Käufe und Verkäufe von Geschäftsbereichen bereinigtes Umsatz-Plus von knapp unter zehn Prozent. Bisher hatte das Management einen Anstieg um mindestens fünf Prozent in Aussicht gestellt. Die operative Marge dürfte stark zulegen.

Beim operativen Ergebnis zahlte sich im zweiten Quartal der Umbau von Konzernchef Björn Rosengren aus, der das Unternehmen auf Rendite trimmen will. So kletterte die operative Marge auf 15,0 (Vorjahreszeitraum 10,6) Prozent. Damit erreichte ABB nicht nur den höchsten Wert seit 2008, sondern auch die von Rosengren ausgerufene Vorgabe von 15 Prozent. “Die merklich höhere operative Ebita-Marge spiegelt die Belebung der Nachfrage sowie die verbesserte interne Effizienz und unsere starke Position in den Bereichen Elektrifizierung und Automation wider”, erklärte der Manager.

Rosengren hatte den einzelnen Geschäften auf Kosten der Konzernzentrale mehr Eigenverantwortung übertragen. Gleichzeitig machte der Schwede seinen Managern klar, dass sie auch kurzfristig an den Margen gemessen würden, wie ein Insider sagte. Entsprechend setzten sie auf Effizienzsteigerungen und drehten an der Kostenschraube.

Im zweiten Quartal legte der bereinigte Umsatz des Siemens-Rivalen um 14 Prozent auf 7,45 Milliarden Dollar zu. Getrieben wurde das Geschäft von der guten Nachfrage nach Produkten mit kurzer Vorlaufzeit in den Bereichen Elektrifizierung, Antriebstechnik und Roboter. Teilweise sei das Wachstum auch auf dem kundenseitigen Aufbau von Lagerbeständen zurückzuführen. ABB war in der Vorjahresperiode von der Covid-Krise ausgebremst worden.

 

Börsenkandidaten stehen hinter Modehändler About You Schlange

– von Alexander Hübner und Nadine Schimroszik

Die Otto-Tochter will bis Ende Juni 600 Millionen Euro mit der Platzierung neuer Aktien einnehmen, wie About You am Donnerstag ankündigte. Auch die Alteigentümer wollen sich dabei von Aktien trennen. Das vor sieben Jahren gegründete Unternehmen könnte Insidern zufolge mit rund drei Milliarden Euro bewertet werden. Für die Frankfurter Börse wäre der Zalando-Konkurrent ein weiterer namhafter Zugang, nachdem in diesem Jahr schon der Linux-Softwareanbieter Suse, der Funkmasten-Betreiber Vantage Towers und der Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 jeweils Milliardensummen bei Anlegern eingesammelt haben. Und mindestens ein halbes Dutzend Börsenkandidaten stehen Insidern zufolge in den Startlöchern.

So will der Dresdner Online-Fahrradhändler Bike24 Insidern zufolge ebenfalls noch vor der Sommerpause den Schritt an den Aktienmarkt wagen. Das 2002 gegründete, profitable Unternehmen profitiert vom Fahrrad-Boom in der Pandemie. Bike24 könnte mit deutlich mehr als einer halben Milliarde Euro bewertet werden, sagten mit den Plänen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Bike24 gehört mehrheitlich dem US-Finanzinvestor The Riverside Company. Bike24 wollte sich zu den Informationen nicht äußern.

Auch der nordbayerische Autozulieferer Novem, der Online-Brillenhändler Mister Spex und der Windparkbetreiber Blue Elephant haben Insidern zufolge ihre Emissionen für Juni oder Juli geplant, bevor die Börsianer in die Sommerferien gehen. Und auch der Online-Autohändler MeinAuto, der im April die Notbremse gezogen hatte, könnte kurzfristig einen neuen Anlauf wagen. Für Herbst stehen der Greifswalder Pharmahersteller Cheplapharm, der Passauer Frühstücksflocken-Versender MyMuesli und der Online-Leuchtenhändler Luqom (“Lampenwelt”) bereit, wie Reuters erfahren hatte. Bei den anstehenden milliardenschweren Abspaltungen von Daimler und Continental, Daimler Truck und Vitesco, werden die Aktien den Anteilseignern einfach ins Depot gebucht, einen Emissionserlös gibt es nicht.

DAS JAHR 2018 GILT ES ZU SCHLAGEN

Die Frankfurter Börse steuert auf das beste Emissionsjahr seit dem Neue-Markt-Boom 2000 zu. Mehr als 7,2 Milliarden Euro haben elf Börsengänge – darunter zwei leere Börsenmäntel – in diesem Jahr schon eingebracht. Zu schlagen gilt es die Bilanz des Jahres 2018, als Siemens Healthineers und Knorr-Bremse das Emissionsvolumen auf 11,3 Milliarden Euro schraubten. EY-Experte Martin Steinbach hatte Ende März zwölf bis 16 Börsengänge in Aussicht gestellt, aber hinzugefügt, dass es auch mehr werden könnten, wenn die Stimmung so gut bleibe.

Am weitesten gediehen sind die Pläne von About You, die in den nächsten vier Wochen ihre Börsenpremiere feiern dürfte. Im Gegensatz zum Rivalen Zalando, der inzwischen als Dax-Kandidat gilt, fokussiert sich About You auf die jüngere Generation. Sorgen vor zu viel Wettbewerb macht sich Firmenchef Tarek Müller nicht. “Die Natur von Mode neigt nicht zu Monopolen.” Mit den Einnahmen aus dem Börsengang will About You das internationale Geschäft und die Technik-Sparte ausbauen. Neben dem Handelskonzern Otto ist auch der dänische Unternehmer Anders Holch Povlsen an About You beteiligt. Povlsen gehört die Firma Bestseller (Vero Moda, Jack&Jones, Vila); er hat auch in Zalando und den Bezahldienst Klarna investiert.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr (per Ende Februar) steigerte About You die Erlöse um 57 Prozent auf 1,17 Milliarden Euro und knackte damit erstmals die Umsatzmilliarde. Für das laufende Geschäftsjahr peilt About You einen Zuwachs zwischen 40 und 50 Prozent an. Wegen hoher Investitionen schreibt das Unternehmen aber rote Zahlen. 20/21 schrumpfte der operative Verlust um 49 Prozent auf 36 Millionen Euro.

 

Siemens-Aufsichtsratschef will keine großen Übernahmen

“Natürlich schaut man sich immer nach Möglichkeiten des Zukaufs um. Aber ich bin ein Freund von organischem Wachstum, das den größten Teil der Dynamik ausmacht”, sagte der frühere SAP-Chef der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” (Mittwochausgabe). Siemens habe nach der Corona-Krise die Chance, große Marktpotenziale aus eigener Kraft zu heben. “Wird zu viel zugekauft, sind wir nicht mehr Siemens. Bei Zukäufen geht es also mehr um Arrondierungen.” Der Münchner Technologiekonzern könne – auch dank seiner hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung – auch so beschleunigt wachsen.

Die Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers hat erst vor kurzem mit dem umgerechnet 15 Milliarden Euro teuren US-Krebstherapie-Spezialisten Varian die größte Übernahme der Konzerngeschichte gestemmt und größtenteils mit einem Kredit der Muttergesellschaft finanziert. Ratingagenturen mahnten Siemens danach, vor weiteren Übernahmen erst seine Schulden zu drücken, um seine Bonität nicht zu riskieren. Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas hatte aber erst in der vergangenen Woche betont, dass man sich dadurch nicht eingeengt fühle: “Machen sie sich keine Sorgen, dass wir nicht genügend Firepower hätten, wenn wir sie bräuchten.” Siemens sei bei Übernahmen aber “sehr selektiv”.

Neue Wachstumschancen sieht Snabe in der Digitalisierung, aber auch im Klimaschutz. “Es kann ein Riesengeschäft sein, Produkte zu liefern, die Kunden helfen, nachhaltiger zu werden”, sagte er der Zeitung. Nach der Corona-Pandemie werde Software eine noch wichtigere Rolle spielen, weil die Digitalisierung sich beschleunigt habe.

Der Däne erwartet, dass sich die Produktionssysteme und die Lieferketten nach den Erfahrungen in der Pandemie ändern werden. “Die Globalisierung hat in der Corona-Krise ihre Schwachstellen gezeigt”, sagte Snabe. Um künftig Lieferungen sicherzustellen, müssen Wertschöpfungsketten kürzer und flexibler werden. “Man sollte Produkte nicht mehr dreimal um die Erde transportieren, bis sie fertig sind.” Künftig werde man eher viele kleinere Werke dezentral über die wichtigsten Absatzmärkte verteilen. “Hinzu kommt, dass die Produktion nicht mehr der billigsten Arbeit folgen wird, sondern den geringsten Energiekosten. Das gibt sogar Europa die Chance, Fertigung zurückzuholen.”

 

Corona und Chip-Sorgen können Siemens nicht bremsen

– von Alexander Hübner

China als größter Wachstumsmarkt für den Münchner Technologiekonzern hat die Pandemie längst hinter sich gelassen. Doch nun könnten Sorgen um den Nachschub an Chips und steigende Rohstoffpreise die Euphorie bremsen. “Daher können sich in den kommenden Monaten in einzelnen Fällen Einschränkungen in der Produktion und verlängerte Lieferzeiten ergeben”, warnte der neue Vorstandschef Roland Busch am Freitag. Der Nettogewinn soll im laufenden Geschäftsjahr 2020/21 (per Ende September) trotzdem um bis zu 48 Prozent auf 5,7 bis 6,2 Milliarden Euro steigen.

Bisher hatte Busch dem Konzern 5,0 bis 5,5 Milliarden Euro zugetraut. Nach sechs Monaten stehen bereits 3,9 Milliarden zu Buche – mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahr. Der Verkauf des Anlagenbauers Flender trug dazu allein 900 Millionen bei.

Die überraschend schnelle Erholung der Weltkonjunktur hat die Hersteller von Chips und anderen elektronischen Bauteilen auf dem falschen Fuß erwischt und die Rohstoffpreise nach oben getrieben. Dazu kommen Engpässe im Schiffsverkehr. Das trifft auch Siemens. “Derzeit sehen wir unter anderem eine angespannte Situation bei Stahl, Kunststoffen und Frachtkapazitäten”, sagte Busch. Gegen steigende Preise für Kupfer, Aluminium und Stahl habe man sich abgesichert, so dass sich die Folgen bisher in engen Grenzen hielten und in den Prognosen einkalkuliert seien, sagte Finanzvorstand Ralf Thomas. Das lasse sich zwar nicht auf lange Zeit durchhalten, “wir erwarten da aber keinen Erdrutsch”. Zum Teil könne man die Preise auch an die Kunden weitergeben.

Denn das Geschäft von Siemens brummt – vor allem in der Industrieautomatisierung (Digital Industries). Die Pandemie beschleunige Automatisierung und Digitalisierung, sagte Busch. Staatliche Hilfen zum Wiederaufbau der Wirtschaft zielten auf eine energieeffiziente Modernisierung der Infrastruktur ab, was Siemens in der Gebäudetechnik-Sparte (Smart Infrastructure) in die Hände spiele – aber wohl noch nicht in diesem Jahr.

Zwischen Januar bis März stieg der Umsatz auf vergleichbarer Basis um neun Prozent auf 14,7 Milliarden Euro, die Orders zogen um elf Prozent auf 15,9 Milliarden an. Das war jeweils deutlich mehr als Analysten erwartet hatten. “Unsere Kunden bringen uns großes Vertrauen entgegen. Das zeigen Auftragslage und Umsatz im zweiten Quartal eindrucksvoll”, sagte Busch. Auch im dritten Quartal seien in den beiden Kernsparten zweistellige Zuwächse zu erwarten, erklärte der Finanzchef.

SIEMENS LÄSST IM APRIL NICHT ABREISSEN

Siemens habe vor allem vom schnellen Aufschwung in der Auto- Industrie und dem Maschinenbau profitiert, sagte Finanzvorstand Thomas. Das zeigte sich vor allem bei Digital Industries (DI), wo der Umsatz im zweiten Quartal um 14 Prozent stieg. “Im April haben wir unser Wachstumstempo gehalten, in China ebenso wie im Rest der Welt”, fügte er hinzu. Außerhalb Chinas hatte die Corona-Pandemie die Wirtschaft 2020 erst ab März hart getroffen.

Auch für das Gesamtjahr legte Siemens die Latte höher: Der vergleichbare Umsatz soll um neun bis elf Prozent anziehen; bisher hatte Siemens maximal neun Prozent erwartet. Nach sechs Monaten stehen acht Prozent mehr zu Buche als vor Jahresfrist. Der Auftragseingang soll stärker zulegen als der Umsatz.

Die Siemens-Aktie zog um drei Prozent an und näherte sich ihrem Höchststand von knapp 146 Euro von Mitte April. Dabei seien die Erwartungen hoch gewesen, zumal Konkurrenten wie ABB schon gute Zahlen vorgelegt hatten, kommentierte JPMorgan-Analyst Andreas Willi. “Aber der Auftragseingang bleibt stark, und Siemens wächst weiterhin stärker als die Konkurrenz.” Vor allem in den USA habe Siemens ABB und Schneider offenbar massiv Marktanteile abgenommen, schreiben die Analysten von Jefferies. Das operative Ergebnis aus dem Industriegeschäft (Ebita), an dem der Finanzmarkt Siemens misst, verbesserte sich im zweiten Quartal um fast ein Drittel auf 2,09 Milliarden Euro. Analysten hatten Siemens im Schnitt 2,02 Milliarden zugetraut.

An den Prognosen dürfte sich bis September aber noch einiges ändern. Denn die Übernahme des Krebstherapie-Spezialisten Varian durch die Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers – mit 15 Milliarden Euro die teuerste der Firmengeschichte – ist darin noch nicht enthalten. Das US-Unternehmen gehört seit Mitte April zum Konzern und soll in den restlichen fünf Monaten noch einen Milliardenumsatz beisteuern. Nach vorläufigen Schätzungen dürften die Kosten der Übernahme und Firmenwert-Abschreibungen den Nettogewinn von Siemens aber um 300 bis 500 Millionen Euro schmälern.