Lufthansa fliegt in Corona-Krise aus der Verlustzone

– von Ilona Wissenbach

Entgegen der Erwartung von Analysten schrieb der Konzern im abgelaufenen Sommerquartal schwarze Zahlen, zumindest operativ. Damit habe die Airline-Gruppe einen weiteren Meilenstein auf dem Weg aus der von der Corona-Pandemie ausgelösten Krise erreicht, erklärte Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Die gestiegene Nachfrage nach Ferienflügen in Europa, ein Anspringen der Geschäftsreisen und der Rekordgewinn bei der Frachttochter Lufthansa Cargo sorgten für den ersten Mini-Betriebsgewinn von 17 Millionen Euro nach anderthalb Jahren hoher Verluste. “Die positive Entwicklung wird sich weiter fortsetzen”, sagte Spohr. Nach einer Halbierung des Betriebsverlusts 2021 auf gut zweieinhalb Milliarden Euro werde der Konzern im Jahr 2022 wieder profitabel.

Analysten hatten im Schnitt noch mit einem operativen Verlust von 33 Millionen Euro gerechnet, da die Lufthansa stärker als andere Fluggesellschaften von der Rückkehr von Geschäftsreisen abhängig ist. Lufthansa-Aktien stiegen nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen um mehr als fünf Prozent. Ohne die hohen Kosten für Programme zum Personalabbau erzielte der MDax-Konzern einen operativen Gewinn von 272 Millionen Euro.

In den Sommermonaten erholte sich der Luftverkehr in Europa dank schwindender Corona-Reisebeschränkungen spürbar, sodass die Tochter Eurowings überraschend einen Betriebsgewinn von 108 Millionen Euro erzielte. Auch die zum Konzern gehörenden Airlines Swiss und Austrian verbuchten Quartalsgewinne, die Kernmarke Lufthansa schrieb dagegen rote Zahlen. Auf Rekordkurs ist die Frachttochter Lufthansa-Cargo zu mehr als einer Milliarde Euro Betriebsgewinn im Jahr. Die Nachfrage nach Luftfracht ist wegen der Engpässe in der Schifffahrt und Störungen globaler Lieferketten hoch, das Kapazitätsangebot aber weiter knapp, deshalb steigen die Frachtpreise. “Ein Ende der Erfolgsserie ist derzeit nicht absehbar”, sagte Spohr. Die günstige Angebot-Nachfrage-Kluft bleibe wahrscheinlich über 2022 hinaus bestehen.

LUFTHANSA SIEHT SICH IM STEIGFLUG

Auch Europas führender Billigflieger Ryanair und Air France KLM waren im Sommerquartal erstmals wieder profitabel gewesen. Ryanair schaffte sogar einen Nettogewinn, während Lufthansa unter dem Strich 72 Millionen Euro Verlust machte. Die zwölf Airlines der Lufthansa-Gruppe beförderten von Juli bis September 19,6 Millionen Passagiere. Das entsprach knapp der Hälfte des Vorkrisenniveaus. Der Umsatz war mit 5,2 Milliarden Euro fast doppelt so hoch wie vor Jahresfrist.

Die Neubuchungen hätten schon im September rund 80 Prozent des Vorkrisenniveaus erreicht, auch auf den lukrativen Transatlantikrouten, erklärte Spohr. “Die Buchungszahlen steigen und steigen.” Denn ab dem 8. November lassen die USA Reisende mit Covid-Impfung wieder ins Land. Trotzdem bleibt die Lufthansa bei der Jahresprognose von nur 40 Prozent der Vorkrisenkapazität. Im kommenden Jahr soll diese auf 80 Prozent ab Sommer steigen, sodass im Gesamtjahr 2022 mehr als 70 Prozent der Sitzplatzkapazität von 2019 angeboten werden. Das sei eine vorsichtige Planung, erklärte Spohr. Die Lufthansa bleibe wegen der Unsicherheit durch Corona flexibel, sich in beide Richtungen anzupassen. Ein Bremsklotz ist noch die weitgehende Abschottung Chinas, das ein Viertel des Langstreckengeschäfts ausmacht. Hier erwartet der Lufthansa-Chef ein Ende der Reisebeschränkungen nicht vor Mitte 2022.

NOCH PERSONALÜBERHANG VON 3000 BESCHÄFTIGTEN

Die Lufthansa kommt mit dem Personalabbau in Deutschland und dauerhaften Kostensenkungen voran, denn die Beschäftigten nehmen Abfindungen und Altersteilzeit stärker an als erwartet. In diesem Jahr haben 4000 Arbeitskräfte das Unternehmen schon verlassen, 3000 weitere haben entsprechende Vereinbarungen getroffen. Es gebe damit noch einen Personalüberhang von rechnerisch bis zu 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Deutschland, erklärte die Airline. Zuletzt zählte Europas größte Airline-Gruppe noch 107.000 Beschäftigte, vor der Corona-Krise waren es knapp 140.000. Mittlerweile seien die jährlichen Kosten um dauerhaft 2,5 Milliarden Euro gesenkt, angepeilt werden 3,5 Milliarden.

Das zweite Quartal in Folge verbrannte die Lufthansa kein Geld mehr, sondern erzielte 13 Millionen Euro Barmittel. Der MDax-Konzern kann nach der Kapitalerhöhung im Oktober bald ohne die milliardenschwere Staatshilfe auskommen, ohne die er pleite gegangen wäre. Die Lufthansa musste mit neun Milliarden Euro Finanzhilfen von Deutschland, der Schweiz, Österreich und Belgien in der Corona-Krise gestützt werden. Der deutsche Staat sprang als Großaktionär ein. Die Lufthansa brauchte aber nur einen Teil des Geldes. Bis Jahresende und damit schneller als erwartet will Finanzchef Remco Steenbergen die deutsche Staatshilfe tilgen.

Boeing – Europas Billigflieger schieben bis 2040 Jet-Nachfrage an

Airlines in Europa dürften bis 2040 rund 7100 Maschinen bestellen, davon fast 3000 in den kommenden zehn Jahren, sagte Darren Hulst, Marketing-Manager beim US-Flugzeugbauer, am Dienstag. Dabei werde die Nachfrage in Europa noch stärker als anderswo von den sogenannten Low-Cost-Carriern angeschoben, die wie die irische Ryanair vor allem Kurzstreckenflieger einsetzen. Weltweit gehe man davon aus, dass etwa 40 Prozent der Nachfrage nach Flugzeugen mit Standardrumpf (Single-Aisle) auf Billigflieger entfalle, sagte Hulst vor Journalisten. “Ich würde sagen, dass diese Zahl in Europa noch etwas höher ist.”

Im Bereich der Großraum- oder Langstreckenflugzeuge erwartet Boeing in Europa über den 20-Jahres-Zeitraum eine Nachfrage nach 1545 neuen Jets. Ryanair ist einer der größten Boeing-Kunden in Europa. Der irische Konzern hatte Anfang September aber Gespräche mit dem US-Flugzeughersteller über eine neue Bestellung der größeren Maschinen vom Typ 737 MAX 10 im Wert von mehreren zehn Milliarden Dollar aufgrund unterschiedlicher Preisvorstellungen abgebrochen. Hulst sagte, man sei bereit die Verhandlungen wieder aufzunehmen, wenn Ryanair mehr Flugzeuge wolle.

Ryanair-Chef Michael O’Leary reagierte auf die Aussagen des Boeing-Managers und betonte, der US-Konzern laufe Gefahr, die Billigflieger als wichtigsten Wachstumstreiber in Europa an den europäischen Konkurrenten Airbus zu verlieren. Dies gelte für den Fall, dass Boeing nicht seine Preise senkt und kein Abkommen mit Ryanair schließt. O’Leary hatte sich zuletzt mehrfach kritisch über die Verhandlungen mit Boeing geäußert und betont, der Billigflieger könne noch Jahre auf eine Preissenkung warten. “Wir verschwenden keine Zeit mit diesen Diskussionen über die (Boeing 737) MAX 10 und werden es auch für die nächsten zwei, vier, sechs, acht, zehn Jahre nicht, bis wir die nächste Krise haben”, sagte O’Leary jüngst im Reuters-Interview.

 

Europas Börsen bleiben trotz Corona-Sorgen auf Erholungskurs

Die rasche Verbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante des Coronavirus dämpfte die Kauflaune der Anleger allerdings etwas. Der Dax stieg am Freitagnachmittag um 0,9 Prozent auf 15.557 Punkte, der EuroStoxx50 kletterte um 1,3 Prozent auf 4042 Zähler. Auch an der Wall Street ging es vorbörslich bergauf. “Es gibt noch immer eine größere Zahl an Investoren, die die Rally unterinvestiert beobachtet haben oder die an der Seitenlinie auf günstigere Einstiegskurse warten”, sagte Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners.

Auf Wochensicht lagen die europäischen Indizes allerdings im Minus. “Offenbar setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass Impfprogramme allein nicht ausreichen, um die Wirtschaft zu ihrer Normalität vor Corona zurückzubringen”, sagte Anlagestratege Jim Reid von der Deutschen Bank. Dennoch sind Impfstoff-Hersteller für die Börsen weiterhin Zugpferde: Investoren griffen am Freitag zu den Titeln von BioNTech, die sich um mehr als vier Prozent verteuerten. Die Biotechfirma und ihr US-Partner Pfizer wollen in den USA, der EU und anderen Ländern die Zulassung für eine Auffrischungsimpfung gegen den Erreger Covid-19 beantragen. Erste Testergebnisse deuteten darauf hin, dass bei einer Auffrischung die Bildung von Antikörpern fünf- bis zehn Mal stärker sei als ohne.

REISEWERTE IM AUFWIND

Gefragt waren europaweit auch Reise- und Tourismuswerte. Deren europäischer Branchenindex gewann 1,6 Prozent, nachdem Großbritannien die Lockerung seiner Einreise-Bestimmungen angekündigt hatte. Das Land will die Quarantäne-Pflicht für vollständig Geimpfte kippen. Dies gab vor allem britischen Fluggesellschaften Auftrieb. EasyJet und die British-Airways-Mutter IAG gewannen jeweils rund zwei Prozent. Der irische Billig-Flieger Ryanair rückte 1,2 Prozent vor. Ein rund 50-prozentiger Anstieg der Auslieferungen bescherte Airbus den größten Kurssprung seit sechs Wochen. Die Aktien des Flugzeugbauers stiegen in Paris um 4,6 Prozent auf 114,02 Euro.

Aktien der dänischen Reederei Moeller Maersk fielen in der Spitze um 3,9 Prozent auf ein Fünf-Wochen-Tief. US-Präsident Joe Biden will bestehende Monopole im Transportsektor aufbrechen und den Wettbewerb auf dem Wasser und der Schiene verbessern. Hierzu sollen Betreiber unter anderem gezwungen werden, ihre Schienennetze für Konkurrenten zu öffnen.

ÖLPREISE STEIGEN – ANGEBOTSENGPASS BEFÜRCHTET

Spekulationen auf einen Angebotsengpass trieben den Ölpreis. Die Sorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich um ein Prozent auf 74,82 Dollar je Barrel. “Der Rückgang der US-Lagerbestände untermauert die Einschätzung, dass die dortige Nachfrage mit Beginn der Sommer-Reisesaison anzieht”, sagt Hiroyuki Kikukawa, Chef-Analyst des Brokerhauses Nissan Securities. Gleichzeitig stagniere die Produktion der US-Schieferölförderer. Das mache Investoren trotz des Streits bei der Opec+ um die Förderquoten optimistisch.