USA wollen bis zu einem Drittel des russisches Gases für EU ersetzen

Brüssel (Reuters) – Die USA wollen der Europäischen Union künftig bis zu einem Drittel des Gases liefern, dass die EU bisher aus Russland bezieht.

Das kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Freitag in Brüssel an. Zusammen mit US-Präsident Joe Biden unterzeichnete sie eine Vereinbarung, nach der die USA schon in diesem Jahr sicherstellen wollen, dass die EU mehr als 15 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas zusätzlich erhält. Bis 2030 soll das zusätzliche Volumen der US-Lieferungen dann auf 50 Milliarden Kubikmeter pro Jahr anwachsen.

Die Europäer wollten ihre Bezugsquellen diversifizieren “hin zu Lieferanten, denen wir vertrauen”, sagte von der Leyen. “Die US-Zusage ist ein großer Schritt in diese Richtung.” Die zusätzlichen US-Lieferungen sollen vor allem die europäischen Gasspeicher vor dem nächsten Winter füllen. “Diese Initiative konzentriert sich auf zwei Kernpunkte, nämlich erstens, Europa dabei zu helfen, seine Abhängigkeit von russischem Gas so schnell wie möglich zu verringern, und zweitens, die europäische Nachfrage nach Gas insgesamt zu reduzieren”, sagte Biden.

Hintergrund der Initiative ist der russische Angriff auf die Ukraine. Biden und von der Leyen beschworen die transatlantische Einheit beim Versuch, sich von russischen Importen zu lösen und die Klimaschutzziele zu erreichen. Eine neue transatlantische Arbeitsgruppe soll dabei für die kommenden Jahre eine engere Energiezusammenarbeit sichern.

Damit die USA mehr LNG-Gas liefern können, ist zum einen eine erhöhte Förderung von amerikanischen Frackinggas nötig. Zum anderen muss die LNG-Infrastruktur in Europa ausgebaut werden, etwa der Bau von Flüssiggasterminals. Die EU will auch die Möglichkeiten erweitern, Gas von der Küste in Westeuropa in die Industrieregionen zu pumpen. Bisher ist dies an vielen Stellen nur aus dem Osten für russisches Gas möglich.

Die EU strebt dabei durch langfristigere Verträge an, dass die Preise für das bisher teurere LNG-Gaspreise im Vergleich zu Pipeline-Gas nicht in die Höhe schießen. Die USA und die EU wollen zudem eng bei dem Versuch zusammenarbeiten, den Gasverbrauch zu reduzieren, weil auch dies die Abhängigkeit von Importen stark verringern würde und für das Erreichen der Klimaschutzziele nötig ist.

Zeitung – USA sichert Europa Gas-Lieferungen zu

Berlin (Reuters) – Die USA werden einem Zeitungsbericht zufolge der EU erhebliche Mengen Flüssiggas (LNG) liefern.

Ein entsprechendes Abkommen wollten US-Präsident Joe Biden und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Freitag bekanntgeben, berichtet das “Handelsblatt” am Donnerstag unter Berufung auf EU-Diplomaten. Die USA hätten sich bereit erklärt, den Europäern konkrete Liefermengen zuzusichern. Ziel sei es, Europas Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern.

Der Energiepakt umfasse ein erhebliches, gestreckt auf mehrere Jahre, schreibt die Zeitung weiter. Das Versorgungsproblem der EU sei damit zwar nicht gelöst, aber die Einigung gelte als wichtiger Baustein für die Unabhängigkeit von russischen Energie-Exporten.

Deutschland hatte in den vergangenen Jahren etwa 55 Prozent seines Gases aus Russland bezogen. Mit Unterstützung der Bundesregierung sollen nun aber zwei Terminals an der Nordsee errichtet werden, um den Import von verflüssigtem Gas über Tanker zu erleichtern.

Scholz – Russischer Abzug aus Ukraine Voraussetzung für Lösung

Brüssel (Reuters) – Der Abzug der russischen Truppen aus der Ukraine ist nach Ansicht von Bundeskanzler Olaf Scholz Voraussetzung für eine Lösung des Konflikts.

Deutschland werde sein ganzes wirtschaftliches Gewicht dafür einsetzen, zu einem Kriegsende beizutragen, sagte Scholz am Donnerstag in Brüssel nach dem G7-Gipfel in Anspielung auf die Sanktionen. Russlands Präsident Wladimir Putin müsse endlich einen Waffenstillstand vereinbaren und die Versorgung der Zivilbevölkerung in den angegriffenen ukrainischen Städten sichern. “Die russischen Truppen müssen aus der Ukraine abziehen. Das ist notwendig, um eine tragfähige diplomatische Lösung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine zu ermöglichen”, betonte der Kanzler. Zudem sagte er, dass die Widerstandsfähigkeit der Ukraine von der konstanten Lieferung von Waffen westlicher Partner abhänge. Deshalb werde man diese fortsetzen.

Putin will sich Gaslieferungen künftig in Rubel bezahlen lassen

(Reuters) – Russische Gaslieferungen sollen künftig in Rubel abgerechnet werden.

Präsident Wladimir Putin kündigte am Mittwoch bei einer im Fernsehen übertragenen Kabinettssitzung an, die Zahlungsmethode für Lieferungen in “unfreundliche Staaten” umstellen zu wollen. Russland werde seinen vertraglichen Verpflichtungen bei Menge und Preisen natürlich nachkommen. Die Änderungen beträfen nur die Währung. Die genauen Details der Umsetzung würden die Regierung und Notenbank in Moskau innerhalb einer Woche klären. Der Energiekonzern Gazprom sei angehalten worden, die Verträge entsprechend zu ändern. Die Bundesregierung zeigte sich besorgt: “Die Ankündigung in Rubel zu bezahlen, ist erst einmal ein Bruch der Verträge”, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck. Der Gasverband “Zukunft Gas” sprach von einer großen Irritation.

Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine haben zahlreiche westliche Länder umfangreiche Sanktionen gegen Russland verhängt. Unter anderem wurden russische Vermögenswerte im Ausland eingefroren. Vor allem die EU ist aber stark abhängig von russischen Öl- und Gaslieferungen und zögert deswegen mit einem Energie-Boykott. Die deutsche Regierung hat mehrfach erklärt, diesen Schritt nicht gehen zu wollen.

Daten von Ende Januar zufolge wurden 58 Prozent der Gazprom-Lieferungen nach Europa und in weitere Länder in Euro abgerechnet. Auf der russischen Liste “unfreundlicher Staaten” stehen die Länder, die Sanktionen gegen Firmen und Individuen verhängt haben. Darunter sind die USA, die Mitglieder der EU, Großbritannien, Japan, Kanada, Norwegen, Singapur, Südkorea, die Schweiz und die Ukraine.

Als Reaktion auf die Putin-Ankündigung verteuerte sich der Rubel am Mittwoch. Er stieg zum Dollar zeitweise auf den höchsten Stand seit drei Wochen. Nach der Invasion in die Ukraine war er im März auf ein Rekordtief gestürzt, erholt sich seitdem aber etwas.

“DIESE BREITSEITE HABEN NICHT VIELE ERWARTET”

Jens Südekum, Professor am Institut für Wettbewerbsökonomie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, sprach von einer Zuspitzung. “Das ist eine Eskalation des Wirtschaftskrieges”, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. “Diese Breitseite haben nicht viele erwartet.” Für Südekum stellt dies einen klaren Vertragsbruch dar. “Für Gaslieferungen gibt es langfristige Verträge, die auf Dollar lauten. Wenn Putin nun erklärt, er akzeptiere nur noch Rubel, bricht er diese Verträge.” In irgendeiner Form werde der Westen nun reagieren müssen. “Ein Embargo von Energieimporten aus Russland ist nun wahrscheinlicher geworden.”

Die deutsche Gaswirtschaft zeigt sich besorgt über die russische Ankündigung. “Wir haben die Meldung, dass Russland Gaslieferungen nur noch im Rubel abwickeln will, mit großer Irritation zur Kenntnis genommen”, sagte der Geschäftsführer des Verbandes “Zukunft Gas”, Timm Kehler. Die Auswirkungen seien noch nicht abzuschätzen. Es mache aber den Eindruck, dass die Sanktionen wirkten und Putin zunehmend unter Druck gerate.

Der russische Vize-Ministerpräsident Alexander Nowak warnte den Westen unterdessen vor einem Energie-Boykott. Die weltweiten Öl- und Gasmärkte würden zusammenbrechen, sollte es auch im Energiebereich zu umfangreichen Sanktionen gegen Russland kommen. Im Ölbereich gebe es derzeit einen Engpass auf den globalen Märkten von etwa einer Million Fässer pro Tag. Europa drohten Engpässe bei Diesel, hier seien die Vorräte auf dem niedrigsten Stand seit 2008.

Die EU erwägt weitere Sanktionen gegen Russland. Die Außenminister hatten dazu zuletzt aber keinen Konsens gefunden, am Donnerstag und Freitag tagen die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder. Die USA und Großbritannien, die weniger stark abhängig sind von Lieferungen aus Russland, haben auch im Ölbereich schon Maßnahmen angekündigt.

Der deutsche Industrieverband BDI warnte vor übereilten Maßnahmen mit unkalkulierbaren Konsequenzen. “Die EU ist nicht auf ein kurzfristiges, umfassendes Energie-Embargo vorbereitet”, so BDI-Präsident Siegfried Russwurm. “Sie würde damit ihre Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit wirtschaftlich und politisch aufs Spiel setzen.”

Konjunktursorgen lasten auf Börsen – Öl und Nickel teurer

Frankfurt (Reuters) – Aus Furcht vor einem Konjunkturabschwung als Folge des Krieges in der Ukraine ziehen sich Anleger wieder aus europäischen Aktien zurück.

Gleichzeitig förderten steigende Rohstoffpreise Inflationssorgen. Dax und EuroStoxx50 fielen am Mittwoch um jeweils mehr als ein Prozent auf 14.283,65 beziehungsweise 3865,45 Punkte. Der US-Standardwerteindex Dow Jones büßte ein knappes Prozent ein.

Am Tag vor dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs der sieben größten Industriestaaten (G7) sowie der Nato-Mitglieder wuchs die Anspannung der Börsianer. US-Präsident Joe Biden werde dabei auf weitere Sanktionen dringen, prognostizierte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. Eine Möglichkeit wäre ein europäischer Importstopp für russisches Öl. “Ein Embargo würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Russland im Gegenzug Europa den Gashahn abdreht. Und spätestens dann würde Europa wohl nicht eine Rezession vermeiden können.”

ENERGIEPREISE ZIEHEN ERNEUT AN – NICKEL MIT PREISSPRUNG

Vor diesem Hintergrund stieg der Preis für die Ölsorte Brent aus der Nordsee um fünf Prozent auf 121,35 Dollar je Barrel (159 Liter). Der europäische Erdgas-Future verteuerte sich um bis zu 31 Prozent auf 130 Euro je Megawattstunde. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte zuvor angekündigt, “unfreundliche” Staaten müssten Lieferungen seines Landes künftig in Rubel bezahlen. Jens Südekum, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums, bezeichnete dies als Vertragsbruch. In irgendeiner Form werde der Westen nun reagieren müssen. “Ein Embargo von Energieimporten aus Russland ist nun wahrscheinlicher geworden.” Vor diesem Hintergrund stieg der Index für die europäische Öl- und Gasbranche gegen den Trend um zwei Prozent.

An der Börse LME stieg der Preis für Nickel nach mehreren Tagen mit Rückgängen um die maximal möglichen 15 Prozent auf 32.380 Dollar je Tonne. Einen unmittelbaren Auslöser für den Kurssprung bei dem zur Stahl-Herstellung benötigten Metall könne er zwar nicht ausmachen, sagte ein Börsianer. “Aber das Angebot ist knapp. Wenn man die Unsicherheit um russische Lieferungen hinzunimmt, erscheint es billig.”

FREUDE ÜBER UMSATZSPRUNG BEI AUTO1 VERPUFFT SCHNELL

Bei den deutschen Aktienwerten rückte Auto1 ins Rampenlicht. Der Online-Gebrauchtwagenhändler steigerte zwar den Umsatz 2021 um überraschend starke 69 Prozent. Für 2022 sagte das Unternehmen aber ein deutlich geringeres Wachstum von 19 bis 42 Prozent voraus. Außerdem wackele wegen der hohen Spritpreise das Geschäftsmodell, sagte ein Börsianer. Auto1-Aktien verbuchten nach anfänglichen Gewinnen mit einem Minus von zwölf Prozent den größten Tagesverlust seit dem Börsengang vor einem Jahr.

Abwärts ging es auch für Adobe. Die Titel des “Photoshop”-Anbieters steuerten an der Wall Street mit einem Minus von zeitweise mehr als zehn Prozent auf den größten Tagesverlust seit zwei Jahren zu. Das Unternehmen gab zwar für das abgelaufene Quartal einen überraschend hohen Rekordumsatz von 4,26 Milliarden und einen Gewinn von 3,37 Dollar je Aktie bekannt. Die für das laufende Quartal angepeilten Erlöse und Überschüsse blieben mit 4,34 Milliarden Dollar beziehungsweise 3,34 Dollar je Aktie dagegen hinter den Erwartungen zurück. Ermutigend sei allerdings die Zuversicht des Managements in den Geschäftsverlauf des zweiten Halbjahrs, schrieb Analyst Derrick Wood vom Vermögensverwalter Cowen. Er bekräftige daher seine Einstufung der Aktie mit “Outperform”.

Gasverband besorgt über angekündigte Handels-Abwicklung in Rubel

Berlin (Reuters) – Die deutsche Gaswirtschaft zeigt sich besorgt über die russische Ankündigung einer Bezahlung von Lieferungen nur noch in Rubel.

“Wir haben die Meldung, dass Russland Gaslieferungen nur noch im Rubel abwickeln will, mit großer Irritation zur Kenntnis genommen”, sagte der Geschäftsführer des Verbandes “Zukunft Gas” am Mittwoch. Welche Auswirkungen das auf den Gashandel konkret haben werde, könne man derzeit noch nicht abschätzen. “Es macht allerdings den Eindruck, dass die Sanktionen wirken und Putin zunehmend unter Druck gerät.”

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuvor erklärt, die Gas-Geschäfte mit “unfreundlichen” Staaten würden künftig nur noch in Rubel umgesetzt. Vereinbart sind sie nahezu ausschließlich in Dollar.

Deutschland bremst EU-Debatte um gemeinsamen Gaseinkauf

Berlin/Brüssel (Reuters) – Einen Tag vor den Gipfeln von EU, Nato und G7 in Brüssel hat die Bundesregierung die Einheit des Westens gegenüber Russland betont.

Zugleich bremste Kanzler Olaf Scholz am Mittwoch aber die Debatte um einen Stopp für russische Energielieferungen nach Europa, weil ansonsten eine Rezession drohe. “Hunderttausende Arbeitsplätze wären in Gefahr. Ganze Industriezweige stünden auf der Kippe”, sagte Scholz im Bundestag. Sanktionen dürften die EU-Staaten nicht härter treffen als Russland. Die Bundesregierung zeigte sich zudem zwar prinzipiell offen für Überlegungen der EU-Kommission, den Einkauf von Flüssiggas künftig gemeinsam abzustimmen. “Aber das kann nur freiwillig sein”, betonte ein Regierungsvertreter und verwies darauf, dass Privatfirmen und nicht Staaten das Gas einkauften.

Von den drei Gipfeln in Brüssel, an denen auch US-Präsident Joe Biden teilnimmt, werde ein Signal der Ge- und Entschlossenheit des Westens ausgehen, hieß es in deutschen Regierungskreisen. Ein großes neues Sanktionspaket der EU sei aber nicht zu erwarten. Vielmehr müsse man schauen, wie die bereits sehr harten vier Sanktionspakete wirkten – und auch welche Nebenwirkungen sie hätten. “Es gibt die Bereitschaft, Sanktionen auszudehnen, sofern dies notwendig ist”, sagte ein Regierungsvertreter aber. Die US-Regierung hatte angekündigt, dass sie weitere Sanktionen etwa gegen russische Parlamentarier verhängen wolle. Diese hatte die EU bereits auf eine Sanktionsliste gesetzt. Sehr skeptisch äußerte sich ein Regierungsvertreter zu dem polnischen Vorschlag, Russland aus dem G20-Kreis der wichtigsten Industriestaaten auszuschließen. Dies werde wegen des Widerstands einiger G20-Länder wohl nicht passieren.

Die 27 EU-Staats- und Regierungschefs wollen sich bei dem zweitägigen Gipfel auch darüber unterhalten, wie sie von Russland unabhängiger werden können. “Morgen werde ich mit US-Präsident Biden darüber sprechen, wie LNG-Lieferungen von den Staaten nach Europa in den kommenden Monaten priorisiert werden können”, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Brüssel. “Wir streben eine Zusage für zusätzliche Lieferungen in den kommenden zwei Wintern an.”

Scholz wird an allen drei Gipfel teilnehmen und ist bei G7 Gastgeber. Bei dem Nato-Gipfel gehe es auch darum, das Engagement an der Ostflanke des Bündnisses deutlich ausweiten, hieß es in Regierungskreisen. Dies widerspreche nicht der Nato-Russland-Grundakte, weil sich die Sicherheitsbedingungen in Europa durch die russische Invasion in der Ukraine verändert hätten. Es gehe auch darum, wie man Länder wie die Moldau und Georgien besser unterstützen könne.

Beim anschließenden zweitägigen EU-Gipfel wird es auch um die Frage gehen, wie die 27 EU-Staaten auf die hohen Energiepreise reagieren können. Die Bundesregierung zeigte sich offen für Überlegungen, das EU-Beihilferecht zu lockern und über zusätzliche Steuern zur Abschöpfung übermäßiger Gewinne nachzudenken. Skeptisch sei man dagegen gegenüber Vorschlägen, eine Preisobergrenze festzusetzen, sagte ein Regierungsvertreter. Dies hatten etwa Spanien und Portugal ins Gespräch gebracht.

Kämpfe in der Ukraine dauern an – Putin verliert Sonderbeauftragten

– von Natalia Zinets und Natalie Thomas

Lwiw/Charkiw (Reuters) – Rund vier Wochen nach Beginn der russischen Invasion in die Ukraine ist ein Ende des Kriegs nicht in Sicht.

Mehr als zehn Millionen Menschen sind in der früheren Sowjet-Republik auf der Flucht. Obwohl die Kämpfe vielerorts andauern, ist es den russischen Streitkräften nach wie vor nicht gelungen, eine der größeren Städte unter ihre Kontrolle zu bringen. Stattdessen kommen die Truppen von Russlands Präsident Wladimir Putin in den Ballungsgebieten nicht voran, es mangelt mitunter an Nachschub, und die ukrainischen Streitkräfte leisten erbitterten Widerstand. Dramatisch ist nach wie vor die Lage in der eingekesselten südostukrainischen Hafenstadt Mariupol, in der die Kämpfe auch am Mittwoch unvermindert weitergingen.

Im Moskauer Machtgefüge macht sich offenbar ein Unbehagen breit. Das Präsidialamt bestätigte am Mittwoch, dass Putins enger Berater Anatoli Tschubais auf eigenen Wunsch zurückgetreten ist. In seinem Umfeld hieß es, Tschubais sei aus Protest gegen den Krieg in der Ukraine abgetreten und habe Russland verlassen. Als Reuters Tschubais dazu per Telefon persönlich befragte, legte der 66-Jährige auf. Er ist die bislang höchstrangige Persönlichkeit in Russland, die seit dem Einmarsch in der Ukraine zurückgetreten ist.

Die Ukraine und westliche Länder sprechen von einem Angriffskrieg und einer russischen Invasion im Nachbarland, die am 24. Februar begann. Russland bezeichnet sein Vorgehen in der Ukraine als Spezialoperation zur Zerstörung militärischer Stützpunkte. Zudem soll gegen als gefährlich eingestufte Nationalisten vorgegangen werden. In dem Krieg sollen nach Angaben der Ukraine und aus westlichen Sicherheitskreisen bereits Tausende Menschen gestorben sein. Eine unabhängig bestätigte Opferzahl gibt es bislang nicht.

“Putin muss die Wahrheit hören über den Krieg in der Ukraine”, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz in der Generaldebatte im Deutschen Bundestag. “Und diese Wahrheit lautet: Der Krieg zerstört die Ukraine. Aber mit dem Krieg zerstört Putin auch Russlands Zukunft.” Sowohl die Nato als auch die EU seien so geeint wie nie. Am Donnerstag und Freitag kommen die Staats- und Regierungschefs von Nato, Europäischer Union und G7 zu jeweiligen Gipfeltreffen zur Lage in der Ukraine in Brüssel zusammen. Dabei wird auch US-Präsident Joe Biden erwartet. Scholz versicherte der Ukraine weitere deutsche Unterstützung und betonte, dass auch an neuen EU-Sanktionen gegen Russland gearbeitet werde. Man sei sich allerdings mit den USA einig, dass die Nato nicht Kriegspartei werden dürfe.

SELENSKYJ NIMMT AN NATO-GIPFEL TEIL

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg kündigte aber weitere militärische Unterstützung zur Sicherung der Ostflanke der Allianz an. So sollen weitere Kampftruppen in Bulgarien, Rumänien, Ungarn und der Slowakei stationiert werden. Die Entscheidung dazu würden die Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel am Donnerstag fällen. An dem Treffen wird der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zugeschaltet sein. Stoltenberg schloss erneut aus, dass die Nato eine Flugverbotszone in der Ukraine überwachen könnte. Auch ein Beitritt der Ukraine zu der Militärallianz stehe nicht auf der Tagesordnung.

Selenskyj sieht ungeachtet der anhaltenden Kämpfe kleine Fortschritte in den Verhandlungen mit der Regierung in Moskau über eine Waffenruhe. “Schritt für Schritt kommen wir voran.” Den russischen Streitkräften warf er vor, Evakuierungen von Zivilisten aus Mariupol zu vereiteln. In der Hafenstadt würden 100.000 Menschen unter unmenschlichen Bedingungen leben. Sie seien ständigem Beschuss ausgesetzt. Ihnen fehlten Lebensmittel, Wasser und Medikamente. Berichte unabhängiger Journalisten aus der Stadt gibt es seit mehr als einer Woche nicht mehr.

Auch aus anderen Landesteilen wurden wieder Kämpfe gemeldet. Im Lagebericht des britischen Verteidigungsministeriums hieß es, die Situation um die Hauptstadt Kiew sei “statisch”. Offensichtlich versuchten die russischen Streitkräfte, sich neu zu formieren. Im Osten sind die russischen Truppen offenbar dabei, ihre Verbände um Charkiw und Mariupol zusammenzuführen. Im Südwesten marschierten die russischen Streitkräfte weiter in Richtung Odessa am Schwarzen Meer, wo sich der größte Hafen der Ukraine befindet. Raketenangriffe wurden in Mykolajiw, in der Region um Tschernihiw nördlich von Kiew sowie in der Hauptstadt selbst gemeldet.

SANKTIONEN THEMA AUF GIPFEL

Die UN sprechen mittlerweile von über 3,6 Millionen Flüchtlingen aus der Ukraine, die sich im Ausland in Sicherheit gebracht haben. In Deutschland sind laut Bundesinnenministerium bislang rund 239.000 Flüchtlinge worden, überwiegend Frauen, Kinder und Ältere.

Beim EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag soll es auch um weitere Sanktionen gegen Russland gehen. Scholz bekräftigte, dass ein sofortiger Stopp der Energieimporte aus Russland für Deutschland nicht möglich sei, weil ansonsten eine Rezession drohe. Sanktionen dürften die EU-Staaten nicht härter treffen als Russland. Man werde diese Abhängigkeit von russischen Importen von Gas, Öl und Kohle aber “so schnell wie nur irgendwie möglich” beenden. Für EU-Sanktionen im Energiesektor haben sich dagegen etwa Litauen und Irland ausgesprochen.

Konjunktursorgen lasten auf Börsen – Öl und Nickel teurer

Frankfurt (Reuters) – Aus Furcht vor einem Konjunkturabschwung als Folge des Krieges in der Ukraine ziehen sich Anleger wieder aus europäischen Aktien zurück.

Gleichzeitig förderten steigende Rohstoffpreise Inflationssorgen. Dax und EuroStoxx50 fielen am Mittwoch um jeweils etwa 1,5 Prozent auf 14.263 beziehungsweise 3863 Punkte. Der US-Standardwerteindex Dow Jones büßte ein knappes halbes Prozent ein.

Am Tag vor dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs der sieben größten Industriestaaten (G7) sowie der Nato-Mitglieder wuchs die Anspannung der Börsianer. US-Präsident Joe Biden werde dabei auf weitere Sanktionen dringen, prognostizierte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. Eine Möglichkeit wäre ein europäischer Importstopp für russisches Öl. “Ein Embargo würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Russland im Gegenzug Europa den Gashahn abdreht. Und spätestens dann würde Europa wohl nicht eine Rezession vermeiden können.”

ENERGIEPREISE ZIEHEN ERNEUT AN – NICKEL MIT PREISSPRUNG

Vor diesem Hintergrund stieg der Preis für die Ölsorte Brent aus der Nordsee um vier Prozent auf 120,06 Dollar je Barrel (159 Liter). Der europäische Erdgas-Future verteuerte sich um bis zu 20 Prozent auf 118,50 Euro je Megawattstunde. Dadurch stieg der Index für die europäische Öl- und Gasbranche gegen den Trend um 1,5 Prozent. Beim Thema Energie drehe sich alles um die Angebotslage, sagte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade. “So lange die Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine keine handfeste, friedliche Lösung liefern, werden Anleger sich hierüber Sorgen machen.”

An der Börse LME stieg der Preis für Nickel nach mehreren Tagen mit Rückgängen um die maximal möglichen 15 Prozent auf 32.380 Dollar je Tonne. Einen unmittelbaren Auslöser für den Kurssprung bei dem zur Stahl-Herstellung benötigten Metall könne er zwar nicht ausmachen, sagte ein Börsianer. “Aber das Angebot ist knapp. Wenn man die Unsicherheit um russische Lieferungen hinzunimmt, erscheint es billig.”

FREUDE ÜBER UMSATZSPRUNG BEI AUTO1 VERPUFFT SCHNELL

Bei den deutschen Aktienwerten rückte Auto1 ins Rampenlicht. Der Online-Gebrauchtwagenhändler steigerte zwar den Umsatz 2021 um überraschend starke 69 Prozent. Für 2022 sagte das Unternehmen aber ein deutlich geringeres Wachstum von 19 bis 42 Prozent voraus. Außerdem wackele wegen der hohen Spritpreise das Geschäftsmodell, sagte ein Börsianer. Auto1-Aktien brachen nach anfänglichen Gewinnen um bis zu 20 Prozent ein und waren mit 8,99 Euro so billig wie noch nie seit dem Börsengang vor einem Jahr.

Abwärts ging es auch für Adobe. Die Titel des “Photoshop”-Anbieters fielen an der Wall Street um rund vier Prozent. Das Unternehmen gab zwar für das abgelaufene Quartal einen überraschend hohen Rekordumsatz von 4,26 Milliarden und einen Gewinn von 3,37 Dollar je Aktie bekannt. Die für das laufende Quartal angepeilten Erlöse und Überschüsse blieben mit 4,34 Milliarden Dollar beziehungsweise 3,34 Dollar je Aktie dagegen hinter den Erwartungen zurück. Ermutigend sei allerdings die Zuversicht des Managements in den Geschäftsverlauf des zweiten Halbjahrs, schrieb Analyst Derrick Wood vom Vermögensverwalter Cowen. Er bekräftige daher seine Einstufung der Aktie mit “Outperform”.

Russland warnt vor Kollaps globaler Öl- und Gasmärkte bei schärferen Sanktionen

Berlin (Reuters) – Russland warnt den Westen vor einem Öl- und Gas-Boykott als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine.

Die weltweiten Öl- und Gasmärkte würden zusammenbrechen, sollte es auch im Energiebereich zu umfangreichen Sanktionen gegen Russland kommen, sagte Vize-Ministerpräsident Alexander Nowak am Mittwoch. “Russland ist der größte Anbieter.” Ohne russische Lieferungen würde der Markt natürlich kollabieren. Im Ölbereich gebe es derzeit einen Engpass auf den weltweiten Märkten von etwa einer Million Fässer pro Tag. Europa drohten Engpässe bei Diesel, hier seien die Vorräte auf dem niedrigsten Stand seit 2008.

Die EU erwägt weitere Sanktionen gegen Russland nach der Invasion in die Ukraine. Die Außenminister hatten dazu zuletzt aber keinen Konsens gefunden, am Donnerstag und Freitag tagen die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder. Die USA und Großbritannien, die weniger stark abhängig sind von Lieferungen aus Russland, haben auch im Ölbereich schon Maßnahmen angekündigt.

Der deutsche Industrieverband BDI warnte vor übereilten Maßnahmen mit unkalkulierbaren Konsequenzen. “Die EU ist nicht auf ein kurzfristiges, umfassendes Energie-Embargo vorbereitet”, so BDI-Präsident Siegfried Russwurm. “Sie würde damit ihre Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit wirtschaftlich und politisch aufs Spiel setzen.”

Kanzler Olaf Scholz (SPD) bekräftigte im Bundestag, ein sofortiger Stopp der Energieimporte aus Russland sei nicht möglich, weil ansonsten eine Rezession drohe. “Hunderttausende Arbeitsplätze wären in Gefahr. Ganze Industriezweige stünden auf der Kippe.” Sanktionen dürften die EU-Staaten nicht härter treffen als Russland. Man werde diese Abhängigkeit von russischen Importen aber “so schnell wie nur irgendwie möglich” beenden.