Widersprüchliche Angaben aus Russland zu Bindung des Rubel an Gold

(Reuters) – Höchste Stellen in Russland haben sich am Freitag widersprüchlich über eine mögliche Koppelung des Rubel-Kurses an den Goldpreis gekommen.

Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow erklärte, dieser Schritt werde mit Staatsoberhaupt Wladimir Putin diskutiert. Einzelheiten nannte Peskow nicht. Dagegen sagte die russische Zentralbankchefin Elvira Nabiullina, dies werde “in keiner Weise diskutiert”. Vor einigen Tagen hatte der Sekretär des Sicherheitsrates und enge Putin-Vertraute Nikolai Patruschew erklärt, es würden Vorschläge zur Bindung des Rubels an Gold und andere Güter ausgearbeitet. Ein solches Vorhaben könne Russland mehr Souveränität über sein Finanzsystem geben. Dieses steht wegen der internationalen Sanktionen nach der Ukraine-Invasion unter Druck.

Die russische Zentralbank hatte im März erklärt, sie würde bis zum 30. Juni Gold zu einem festen Preis von 5000 Rubel pro Gramm kaufen. Dies werteten einige Beobachter als Versuch, den Rubel an Gold zu koppeln. Nachdem der Rubel stark anstieg, machte die Zentralbank dann jedoch zwei Wochen später einen Rückzieher. Sie erklärte, der Kauf werde zu den ausgehandelten Preisen stattfinden. Russland ist für etwa zehn Prozent des weltweit geförderten Goldes verantwortlich und ein wichtiger Produzent von Öl, Erdgas, Metallen und Getreide.

“Die wichtigste Voraussetzung für die Gewährleistung der wirtschaftlichen Sicherheit Russlands ist das Vertrauen auf das interne Potenzial des Landes”, sagte Patruschew kürzlich der Regierungszeitung “Rossijskaja Gaseta”. Auf die Frage, ob die Ideen zur Koppelung des Rubels an etwa Gold der Wirtschaftstheorie widersprechen, sagte er: “Sie widersprechen nicht den Schlussfolgerungen der Wirtschaftswissenschaft, sondern den Schlussfolgerungen westlicher Wirtschaftslehrbücher.”

Viele Währungen waren in der Vergangenheit an Gold oder Silber gekoppelt. Auch Russland führte 1897 den sogenannten Goldstandard ein, gab ihn jedoch dann wie viele andere Staaten während des Ersten Weltkriegs auf. Die Verbindungen wurden schließlich gekappt, als die USA 1971 die Gold-Bindung des Dollar aufgaben.

Firmenbilanzen geben Europas Börsen erneut Auftrieb

Frankfurt (Reuters) – Eine Reihe ermutigender Firmenbilanzen gibt den europäischen Aktienmärkten zum Wochenschluss erneuten Rückenwind. Sorgen wegen der rasant steigenden Inflation und eher durchwachsenen Konjunkturdaten drängten Investoren vorerst in den Hintergrund.

“Der Aktienmarkt scheint die Kriegsangst ein gutes Stück abgelegt zu haben”, sagte DZ Bank-Analyst Sven Streibel. Auch Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners konstatiert: “Der bisher ordentliche Verlauf der Berichtssaison lockt zurück in Aktien.” Dax und EuroStoxx50 legten am Freitag jeweils ein knappes Prozent auf 14.111 beziehungsweise 3809 Punkte zu.

Laut Streibel haben sich die großen Aktiengesellschaften in Europa und den USA bisher im Schnitt recht gut behauptet. Von den im Stoxx 600 gelisteten Werten konnten demnach bisher 67 Prozent mit ihren Ergebnissen positiv überraschen, im US-Index S&P 500 waren es sogar 78 Prozent.

NAHENDE FED-SITZUNG IM BLICK – GEWINNMITNAHMEN BEIM DOLLAR

Börsianer rechneten allerdings nicht damit, dass die Kauflaune länger anhält. “Mit der Sitzung der US-Notenbank in der kommenden Woche liegt ein harter Brocken mit jeder Menge Kollisionspotenzial vor den Anlegern”, warnte Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege beim Brokerhaus RoboMarkets. An den Finanzmärkten wird für Mittwoch mit einer Anhebung des Leitzinses um einen halben Prozentpunkt gerechnet – die größte Erhöhung seit über 20 Jahren.

Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, fiel zwar um 0,4 Prozent, blieb mit 103,19 Punkten aber in Schlagdistanz zu seinem jüngsten 19-1/2-Jahres-Hoch. Im Gegenzug stieg der Euro auf 1,0531 Dollar. “Das Dollar-Crescendo hat wohl seinen Höhepunkt überschritten”, sagte Volkswirt Colin Asher von der Investmentbank Mizhuo. Sollte die Fed die Zinsen so stark anheben, wie von Investoren erwartet, werde das US-Wachstum bis zum Jahresende zum Erliegen kommen.

SPEKULATION UM EU-EMBARGO RUSSISCHER ENERGIELIEFERUNGEN

Die Abwertung des Dollar machte Rohstoffe für Investoren außerhalb der USA wieder attraktiver. Daher verteuerten sich Gold und Kupfer um jeweils um 1,1 Prozent auf 1915 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) beziehungsweise 9804 Dollar je Tonne und die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee um 1,6 Prozent auf 109,27 Dollar je Barrel (159 Liter).

Bei Öl wögen die Spekulationen auf ein EU-Embargo russischer Energielieferungen die Furcht vor einem Nachfrage-Rückgang durch die Corona-Lockdowns in China auf, sagte Analyst Jeffrey Halley vom Brokerhaus Oanda. Kupfer profitiere von geplanten zusätzlichen Konjunkturhilfen der Regierung in Peking, sagte Analyst Wenyu Yao von der ING Bank.

DEUTSCHE BANK IM VISIER DER ERMITTLER

Am Aktienmarkt sorgte die Deutsche Bank für Wirbel, nachdem die Staatsanwaltschaft die Frankfurter Zentrale des Kreditinstituts wegen Geldwäscheverdachts durchsucht hatte. Die Ermittlungen stünden im Zusammenhang mit Geldwäscheverdachtsmeldungen, die das Geldhaus abgegeben habe, teilte ein Sprecher der Bank mit. Die Anteilsscheine rutschten um knapp drei Prozent ab.

In London stiegen dagegen die Aktien von Johnson Matthey wegen Übernahmespekulationen um bis zu 35,5 Prozent, so stark wie nie. Zuvor hatte der US-Rivale Standard Industries eine gut fünfprozentige Beteiligung an dem Chemiekonzern öffentlich gemacht. Standard Industries sei Mehrheitsaktionär der Spezialchemie-Firma W.R. Grace, deren Geschäft eine gute Ergänzung zu Johnson Matthey sei, kommentierte Analyst Charlie Bentley von der Investmentbank Jefferies.

Konjunktursorgen holen Europas Börsen wieder ein

Frankfurt (Reuters) – Wie gewonnen, so zerronnen: Kursverluste der Wall Street haben am Dienstag den Erholungsversuch der europäischen Aktienmärkte zunichte gemacht.

Dax und EuroStoxx50, die zunächst mehr als ein Prozent zugelegt hatten, lagen am Abend jeweils etwa ein Prozent im Minus bei 13.756,40 beziehungsweise 3725,63 Punkten. Der US-Standardwerteindex Dow Jones büßte 1,6 Prozent ein.

“Die Unfähigkeit, die anfänglichen Gewinne zu halten, ist kein gutes Omen”, sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. “Sie spricht für ein mangelndes Vertrauen in die Aussichten für die Wirtschaft und die Fähigkeit der Notenbanken, bei ihrem Kampf gegen die Inflation eine ‘weiche Landung’ der Konjunktur hinzulegen.”

Vor diesem Hintergrund nahmen weitere Anleger Kurs auf “sichere Häfen” wie die Weltleitwährung Dollar. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, stieg um bis zu 0,5 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 102,24 Punkten. Die “Antikrisen-Währung” Gold verteuerte sich um 0,3 Prozent auf 1903 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm).

LICHT UND SCHATTEN IN DER BILANZSAISON

Von der Bilanzsaison sei nur vereinzelt Unterstützung für den Gesamtmarkt zu erwarten, da alles davon abhänge, ob die Unternehmen steigende Kosten an ihre Kunden abwälzen könnten, prognostizierte Analystin Danni Hewson vom Brokerhaus AJ Bell. “Anleger werden sich an jede gute Nachricht klammern, da sie Enttäuschungen bei den übrigen Geschäftszahlen befürchten.”

Licht und Schatten bot unter anderem der Bankensektor: So legte die Schweizer UBS den besten Jahresstart seit 2007 hin. Wachstumstreiber sei das Amerika-Geschäft, kommentierte Analystin Flora Bocahut von der Investmentbank Jefferies. Im Sog des allgemeinen Abwärtstrend gaben auch die UBS-Aktien ihre Gewinne weitgehend ab und schlossen knapp im Plus bei 16,25 Franken.

In London rutschten die Titel der HSBC um 5,5 Prozent ab, nachdem die größte Bank Europas einen Gewinneinbruch bekannt gegeben hatte. Allerdings sei der Rückgang nicht so stark ausgefallen wie befürchtet, warf Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com, ein.

DEUTSCHE BÖRSE ÜBERZEUGT MIT ZAHLEN – TWITTER IM BLICK

Am deutschen Aktienmarkt stiegen die Titel der Deutschen Börse dank eines Quartalsergebnisses über Markterwartungen und angehobener Gesamtjahresziele zunächst auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 169,95 Euro. “Das ist zweifellos positiv und wird durch die anhaltende Kostendisziplin unterstützt, aber die Art der kurzfristigen Ertragsstärke des Unternehmens ist etwas vergänglich”, gab Analyst Peter Richardson von der Berenberg Bank zu bedenken. Die Papiere der Börse schlossen ein knappes Prozent im Plus bei 165,35 Euro.

Im Rampenlicht stand außerdem Twitter, nachdem das Management des Kurznachrichtendienstes der 44 Milliarden Dollar schweren Übernahmeofferte des Tesla-Chefs Elon Musk zugestimmt hatte. “Die schnelle Kapitulation des Twitter-Vorstands spiegelt wahrscheinlich die schwierigen Aussichten für den Social-Media-Sektor und die nur allmählich eintretende Trendwende durch Firmenchef Parag Agrawal wider”, sagte Anlagestratege Ben Laidler vom Online-Broker eToro. Twitter-Titel fielen um drei Prozent auf 50,13 Dollar, lagen damit aber immer noch rund 30 Prozent über dem Niveau vor Bekanntwerden der Übernahmepläne. Musk bietet 54,20 Dollar je Aktie.

Rezessionsangst drückt Europas Börsen auf Ein-Monats-Tief

Frankfurt (Reuters) – Die Furcht vor einer Rezession zieht zum Wochenstart Europas Finanzmärkte weiter nach unten.

Vor allem die Sorgen über eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums in China und zugleich zügig steigenden Zinsen in den USA überschatteten die Erleichterung über den Wahlsieg des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Der Dax gab in der Spitze um zwei Prozent auf 13.863 Punkte nach. Der EuroStoxx50 fiel am Montag um bis zu 2,6 Prozent auf 3740 Punkte und damit ebenfalls auf den niedrigsten Wert seit mehr als einem Monat. Auch in den USA deuteten die US-Futures auf einen anhaltenden Ausverkauf an der Wall Street hin.

“Die neue Geschichte dreht sich heute um China, und der Markt ist sehr besorgt über die Auswirkungen auf die Lieferketten”, sagte Roland Kaloyan, Aktienstratege bei der Societe Generale. Nach Dutzenden Coronafällen in Chinas Hauptstadt Peking wächst die Furcht vor einem Lockdown wie in der Wirtschaftsmetropole Shanghai. “In China fällt der Regierung keine Alternative zu ihrer Zero-Covid-Strategie ein”, erklärten die Analysten der LBBW. “Shanghai bleibt abgeriegelt, die Häfen dicht und die Schiffs-Staus werden immer länger.”

ROHSTOFFE UNTER DRUCK

Vor diesem Hintergrund gerieten vor allem Sektoren unter Druck, die von der Nachfrage aus China besonders abhängig sind. Titel aus der Luxusbranche wie Hermes und LVMH gaben mehr als drei Prozent nach. Die Aussicht auf eine nachlassende Nachfrage bei Rohstoffen bescherte dem europäischen Index für Bergbauwerte mit einem Einbruch um sechs Prozent sogar den größten Rückgang seit dem Absturz wegen der Corona-Pandemie im März 2020. Das Industriemetall Kupfer verbilligte sich um mehr als zwei Prozent auf 9887 Dollar je Tonne und die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee um 4,5 Prozent auf 101,84 Dollar je Tonne.

“Es scheint jetzt nicht mehr die Frage, ob, sondern nur noch wie stark eine Rezession in Europa ausfallen wird”, sagte Anlagestratege Jürgen Molnar vom Brokerhaus RoboMarkets. “Und selbst für die noch relativ stabile US-Wirtschaft ist ein solches Szenario nicht mehr ausgeschlossen.” Zu den wenigen positiven Nachrichten des Tages zählte der überraschende Anstieg des Ifo-Index, der die Stimmung in den deutschen Chef-Etagen widerspiegelt. “Der erste Kriegsschock scheint sich etwas gelegt zu haben, aber angesichts der Vielzahl bestehender Risiken scheint es zu früh, bereits vom Beginn einer Trendwende zu sprechen”, warnte LBBW-Analyst Elmar Völker mit Blick auf den Ukraine-Krieg.

FADER BEIGESCHMACK BEI MACRONS SIEG

Selbst die Wiederwahl des französischen Präsidenten Emmanuel Macron hellte die Stimmung kaum auf. “Dass über 40 Prozent der Wähler einer Europa-Gegnerin ihre Stimme gaben, bedeutet, dass spätestens alle fünf Jahre in Frankreich ein erhebliches Event-Risiko für den Euroraum und seine Gemeinschaftswährung anstehen wird”, warnte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. Außerdem steige die Wahrscheinlichkeit, dass nach der US-Notenbank Fed und der Bank von England (BoE) auch die Europäische Zentralbank (EZB) bald die Zinswende einleitet, gab Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank, zu bedenken.

Vor diesem Hintergrund flohen Investoren in “sichere Häfen” wie die Weltleitwährung. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, stieg um bis zu 0,7 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 101,75 Punkten. Die Nachfrage nach Bundesanleihen drückte die Rendite der zehnjährigen Titel auf 0,894 Prozent.

PHILIPS UND VALNEVA AUF TALFAHRT

Am Amsterdamer Aktienmarkt fielen die Titel von Philips nach einem enttäuschenden Quartalsergebnis um bis zu 12,8 Prozent auf ein Fünfeinhalb-Jahres-Tief von 24,55 Euro. Austausch und Reparatur der fehlerhaften Beatmungsgeräte kosteten die Medizintechnik-Firma mehr als gedacht, monierten die Analysten der Bank JPMorgan. Darüber hinaus habe sich das US-Justizministerium in die Angelegenheit eingeschaltet. Ihre Kollegen der Credit Suisse wiesen darauf hin, dass Philips allein dank Lizenzeinnahmen beim operativen Ergebnis die Erwartungen leicht übertroffen habe.

Unter Verkaufsdruck gerieten auch die Papiere von Valneva, die sich in Paris um mehr als 15 Prozent verbilligten. Die EU-Zulassung des Coronavirus-Vazins der Pharmafirma wird sich wohl verzögern, weil die Arzneimittel-Agentur EMA weitere Informationen angefordert hat. Dieser Totimpfstoff, der mit Hilfe jahrzehntelang bewährter Verfahren hergestellt wird, könnte Experten zufolge diejenigen zu einer Impfung bewegen, die den neuartigen mRNA-Vakzinen von BioNTech & Co skeptisch gegenüberstehen.

An Europas Börsen geht die Rezessionsangst um

Frankfurt (Reuters) – Der Verkaufsdruck an den europäischen Finanzmärkten lässt nicht nach.

Dax und EuroStoxx50 fielen am Montag um 1,6 Prozent auf 13.916 Punkte beziehungsweise um 2,3 Prozent auf 3753 Zähler. “Die Börsen belastet die Angst, dass die zur Bekämpfung der hartnäckigen Inflation notwendigen Zinserhöhungen den Konjunkturmotor, der erst durch die Corona-Pandemie und dann durch den Krieg in der Ukraine ins Stocken geraten ist, endgültig abwürgen”, sagte Anlagestratege Jürgen Molnar vom Brokerhaus RoboMarkets. “Es scheint jetzt nicht mehr die Frage, ob, sondern nur noch wie stark eine Rezession in Europa ausfallen wird. Und selbst für die noch relativ stabile US-Wirtschaft ist ein solches Szenario nicht mehr ausgeschlossen.”

Ein weiterer Belastungsfaktor waren Corona-Lockdowns in Dutzenden chinesischen Städten. Die dadurch geschürten Nachfragesorgen spiegelten sich in den Kursverlusten der Rohstoffe nieder, sagte Stephen Innes, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter SPI. Neue Konjunkturhilfen der Regierung in Peking seien dennoch nicht in Sicht. Das Industriemetall Kupfer verbilligte sich um zwei Prozent auf 9905 Dollar je Tonne und die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee um 4,4 Prozent auf 101,98 Dollar je Tonne.

FADER BEIGESCHMACK BEI MACRONS SIEG – IFO BIETET LICHTBLICK

Selbst die Wiederwahl des französischen Präsidenten Emmanuel Macron hellte die Stimmung kaum auf. “Dass über 40 Prozent der Wähler einer Europa-Gegnerin ihre Stimme gaben, bedeutet, dass spätestens alle fünf Jahre in Frankreich ein erhebliches Event-Risiko für den Euroraum und seine Gemeinschaftswährung anstehen wird”, warnte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. Außerdem steige die Wahrscheinlichkeit, dass nach der US-Notenbank Fed und der Bank von England (BoE) auch die Europäische Zentralbank (EZB) bald die Zinswende einleitet, gab Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank, zu bedenken.

Vor diesem Hintergrund flohen Investoren in “sichere Häfen” wie die Weltleitwährung. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, stieg um bis zu 0,7 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 101,75 Punkten. Die Nachfrage nach Bundesanleihen drückte die Rendite der zehnjährigen Titel auf 0,894 Prozent.

Zu den wenigen positiven Nachrichten des Tages zählte der überraschende Anstieg des Ifo-Index, der die Stimmung in den deutschen Chef-Etagen widerspiegelt. “Der erste Kriegsschock scheint sich etwas gelegt zu haben, aber angesichts der Vielzahl bestehender Risiken scheint es zu früh, bereits vom Beginn einer Trendwende zu sprechen”, warnte LBBW-Analyst Elmar Völker.

PHILIPS UND VALNEVA AUF TALFAHRT

Am Amsterdamer Aktienmarkt fielen die Titel von Philips nach einem enttäuschenden Quartalsergebnis um bis zu elf Prozent auf ein Fünfeinhalb-Jahres-Tief von 25,04 Euro. Austausch und Reparatur der fehlerhaften Beatmungsgeräte kosteten die Medizintechnik-Firma mehr als gedacht, monierten die Analysten der Bank JPMorgan. Darüber hinaus habe sich das US-Justizministerium in die Angelegenheit eingeschaltet. Ihre Kollegen der Credit Suisse wiesen darauf hin, dass Philips allein dank Lizenzeinnahmen beim operativen Ergebnis die Erwartungen leicht übertroffen habe.

Unter Verkaufsdruck gerieten auch die Papiere von Valneva, die sich in Paris um mehr als 14 Prozent verbilligten. Die EU-Zulassung des Coronavirus-Vazins der Pharmafirma wird sich wohl verzögern, weil die Arzneimittel-Agentur EMA weitere Informationen angefordert hat. Dieser Totimpfstoff, der mit Hilfe jahrzehntelang bewährter Verfahren hergestellt wird, könnte Experten zufolge diejenigen zu einer Impfung bewegen, die den neuartigen mRNA-Vakzinen von BioNTech & Co skeptisch gegenüberstehen.

Zins- und Konjunktursorgen haben Europas Börsen fest im Griff

Frankfurt (Reuters) – Die Furcht vor deutlichen US-Zinserhöhungen vertreibt Anleger aus den europäischen Finanzmärkten.

“Aktien und Anleihen werden simultan verkauft”, sagte Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners. “Alles, was in irgendeiner Weise Zinsrisiko hat, fliegt aus den Depots.”

Dax und EuroStoxx50 fielen am Freitag um jeweils etwa 2,5 Prozent auf 14.142 beziehungsweise 3842 Punkte. Der US-Standardwerteindex Dow Jones büßte 1,5 Prozent ein. Die Verkaufswelle am Bondmarkt trieb die Rendite der zehnjährigen Bundestitel auf ein Sieben-Jahres-Hoch von 0,973 Prozent. Ihre US-Pendants blieben mit 2,905 Prozent auf Tuchfühlung mit ihrem jüngsten Dreieinhalb-Jahres-Hoch.

Genährt wurden die Zinsspekulationen von US-Notenbankchef Jerome Powell, der für Mai eine Anhebung um einen halben Punkt signalisiert hatte. Die scharfe Reaktion der Börse sei aber etwas seltsam, da keine seiner Äußerungen überrascht hätten, sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. Offenbar werteten Anleger den Tenor seiner Rede als Hinweis auf eine Serie von Zinserhöhungen um jeweils 50 Basispunkte. Die Experten der Investmentbank Nomura erwarten für Mai sogar einen Schritt von 0,75 Prozentpunkten. Vor diesem Hintergrund stieg der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, um bis zu 0,7 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 101,33 Punkten.

LOCKDOWNS IN CHINA TRÜBEN KONJUNKTURAUSSICHTEN

Sorgen bereitete Börsianern neben dem Krieg in der Ukraine die Pandemie-Beschränkungen in China. “Ursprünglich sollte es nur ein kurzer Lockdown für Shanghai sein”, sagte Analyst Wenyu Yao von der Bank ING. “Jetzt dauert er schon über einen Monat und niemand weiß, wann er endet.”

Ein möglicher Rückgang der China-Nachfrage schlug sich in den Rohstoffpreisen nieder. Das Industriemetall Kupfer verbilligte sich um 0,8 Prozent auf 10.206 Dollar je Tonne. Die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee gab 1,7 Prozent auf 106,52 Dollar je Barrel (159 Liter) nach. Für Letztere sei dies aber nur ein kurzfristiger Rücksetzer, gab Analyst Stephen Brennock vom Brokerhaus PVM Oil Associates zu bedenken. “Ein EU-Boykott russischer Energielieferungen wird zwangsläufig zu höheren Preisen führen.”

SAP ENTTÄUSCHT MIT GEWINN – AUSBLICK BELASTET GAP

Am deutschen Aktienmarkt gehörte SAP zu den Verlierern. Die Titel des Software-Konzerns fielen wegen eines rückläufigen operativen Gewinns um zwei Prozent auf 97,57 Euro. “Allerdings sieht das Bild unter Herausrechnung der Belastungen durch die Schließung des Russland-Geschäfts besser aus”, sagte DZ Bank-Analyst Armin Kremser. Positiv seien zudem die trotz dieser Ausfälle bekräftigten Gesamtjahresziele.

An der Wall Street brachen Gap um rund 18 Prozent ein. Wegen der schwächelnden Konjunktur und Problemen bei der Marke Old Navy rechnet die Modefirma für das erste Quartal mit einem Rückgang der Erlöse um bis zu etwa 15 Prozent. Bislang war ein Minus im hohen einstelligen Prozentbereich angekündigt worden. Er halte die aktuellen Kursverluste aber für eine Kaufgelegenheit, schreibt Analyst David Swartz vom Research-Haus Morningstar. Gap sei weit davon entfernt in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten zu geraten.

Im Sog von Gap gaben Abercrombie & Fitch, Aerican Eagle, Urban Outfitters und der “Calvin Klein”-Mutter PVH bis zu 7,5 Prozent nach.

 

(Bericht von Hakan Ersen, redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)

Starke Firmenbilanzen geben Europas Börsen Auftrieb

Frankfurt (Reuters) – Starke Firmenbilanzen locken Anleger an die Aktienmärkte.

Dax und EuroStoxx50 stiegen am Donnerstag um jeweils etwa ein Prozent auf 14.502 beziehungsweise 3933 Punkte. Der US-Standardwerteindex Dow Jones rückte 0,4 Prozent vor.

Risiken wie der Ukraine-Krieg oder die US-Zinswende hätten offenbar ihren Schrecken verloren, sagte Analyst Christian Henke vom Brokerhaus IG. “Anders formuliert, die Marktteilnehmer haben sich an die aktuelle geopolitische Situation und die steigenden Zinsen in den Vereinigten Staaten gewöhnt.”

Selbst die Aussicht auf eine nahende Kehrtwende der Europäischen Zentralbank (EZB) schmälerte die Kauflaune der Investoren kaum. In den vergangenen Tagen hätten vor allem die Verfechter einer strafferen Geldpolitik für eine baldige Zinserhöhung getrommelt, sagte Peter Schaffrik, Anlagestratege der Investmentbank RBC Capital Markets. Inzwischen stimmten auch moderatere Kräfte wie der EZB-Vize Luis de Guindos in diesen Chor ein.

Vor diesem Hintergrund stieg der Euro zeitweise um 0,8 Prozent auf 1,0936 Dollar. Europäische Staatsanleihen flogen dagegen aus den Depots. Dies brachte die Rendite der zehnjährigen Bundestitel mit 0,939 Prozent auf Schlagdistanz zu ihrem jüngsten Sieben-Jahres-Hoch.

ÖL TEURER – SCHWÄCHELNDE FÖRDERUNG TREIBT METALLPEISE

Unterdessen verteuerten Ausfälle libyscher Lieferungen die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee um 1,4 Prozent auf 108,34 Dollar je Barrel (159 Liter). “Grund hierfür sind die anhaltenden Blockaden von Öleinrichtungen”, sagte Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch. “Das dürfte es der EU erschweren, nach alternativen Anbietern zu suchen, um ein Ölembargo gegen Russland beschließen zu können.”

Auch bei Kupfer griffen Investoren zu, nachdem einige Bergbaukonzerne einen Rückgang der Erzfördermengen bekanntgegeben hatten. Der Preis für das Industriemetall stieg um 0,7 Prozent auf 10.296 Dollar je Tonne. Steigende Kosten für Treibstoff und andere Güter erschwerten es den Unternehmen, die Produktion am Laufen zu halten, sagte Analyst Ole Hansen von der Saxo Bank. “Wir brauchen aber Steigerungen in den kommenden Jahren, um unsere Pläne bezüglich des Klimaschutzes oder der Abhängigkeit von russischen Lieferungen erfüllen zu können.” Kupfer spielt eine wichtige Rolle bei der Elektrifizierung von Verkehr und Industrie.

LICHT UND SCHATTEN IN DER ROHSTOFFBRANCHE – ABB GEFRAGT

So brach die Produktion des chilenischen Kupfer-Förderers Antofagasta unter anderem wegen einer Dürre im ersten Quartal um 24 Prozent ein. Die in London notierten Aktien des Unternehmens verbuchten mit einem Minus von zeitweise gut neun Prozent den größten Kurssturz seit dem Börsen-Crash vom März 2020. Konkurrent BHP kürzt wegen Arbeitskräfte-Mangel und Protesten von Anwohnern und Arbeitern der weltgrößten Kupfermine Escondida in Chile seine Produktionsziele für 2022. BHP-Papiere gaben daraufhin drei Prozent nach.

Aurubis stiegen dagegen zeitweise auf ein Rekordhoch von 119,75 Euro und schlossen 6,6 Prozent im Plus bei 116 Euro. Europas größte Kupferhütte hob nach einem starken Quartalsergebnis seine Gesamtjahresziele an. Auf dieser Basis habe er seine Prognosen für den operativen Gewinn 2021/2022 auf 558 von 456 Millionen Euro angehoben, schrieb DZ Bank-Analyst Dirk Schlamp.

An der Wall Street gehörte Tesla dank überraschend starker Zahlen mit einem Plus von zeitweise fast zwölf Prozent zu den Favoriten. Der Elektroautobauer meistere alle Schwierigkeiten mit Bravour, lobte Analyst Craig Irwin von der Investmentbank Roth. “Nichtsdestotrotz: Die Aktie ist angesichts der sich rasch nähernden ernsthaften Konkurrenz unerhört überbewertet. Tesla mag heute der Branchen-King sein, künftige Kursverluste sind aber nur eine Frage der Zeit.”

(Bericht von Hakan Ersen, redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)

Erzeugerpreise nach Kriegsbeginn mit Rekordanstieg von 30,9 Prozent

Berlin (Reuters) – Erdgas, Dünger, Butter: Die deutschen Produzenten haben ihre Preise nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine in Rekordtempo angehoben.

Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte stiegen im März um durchschnittlich 30,9 Prozent zum Vorjahresmonat. Dies sei der stärkste Anstieg “seit Beginn der Erhebung im Jahr 1949”, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Von Reuters befragte Ökonomen waren lediglich von 28,2 Prozent ausgegangen, nach 25,9 Prozent im Februar. “Die aktuellen Daten spiegeln bereits erste Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine wider”, so die Statistiker. Nach dem russischen Einmarsch am 24. Februar sind insbesondere Energieprodukte wie Erdgas deutlich teurer geworden, aber auch viele andere Güter wie Nahrungsmittel.

Ökonomen halten noch höhere Teuerungsraten für möglich. “Bei den Erzeugerpreisen ist das definitiv noch nicht das Ende der Fahnenstange”, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. “Wir können locker 50-Prozent-Raten bekommen.” Erst im Sommer sollte sich die Lage etwas beruhigen, ein starker Rückgang aber ausbleiben. “Für die Verbraucher sind das schlechte Neuigkeiten”, sagte Brzeski. “Viel davon wird weitergegeben werden, so dass wir uns auf Inflationsraten im zweistelligen Bereich vorbereiten können.”

Die Produzentenpreise gelten als Vorläufer für die Entwicklung der Inflation. In der Statistik werden die Preise ab Fabriktor geführt – noch bevor die Produkte weiterverarbeitet werden oder in den Handel kommen. Aktuell ist die Inflationsrate mit 7,3 Prozent bereits so hoch wie seit 1981 nicht mehr. Auch die Wirtschaftsweisen halten zweistellige Werte für möglich.

ENERGIEPREISSCHUB

Hauptverantwortlich für die stark steigenden Erzeugerpreise war den Statistikern zufolge abermals Energie. Sie verteuerte sich im März um durchschnittlich 83,8 Prozent. Erdgas kostete dabei 144,8 Prozent mehr als im März 2021, Strom 85,1 und leichtes Heizöl 130,8 Prozent mehr. Klammert man Energie aus, lagen die Erzeugerpreise insgesamt nur um 14,0 Prozent über dem Vorjahreswert.

Bei Nahrungsmitteln lag der Aufschlag bei durchschnittlich 12,2 Prozent. Besonders stark stiegen hier die Preise für nicht behandelte pflanzliche Öle (+72,3 Prozent), Butter (+56,0 Prozent) und Kaffee (+20,5 Prozent). Deutlich mehr verlangt wurde zudem für Düngemittel und Stickstoffverbindungen (+87,2 Prozent).

Die Preise an den deutschen Tankstellen sind im März infolge des russischen Krieges stärker gestiegen als in früheren Krisen. Private Verbraucher mussten durchschnittlich 41,9 Prozent mehr für Superbenzin und 62,6 Prozent für Diesel bezahlen als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Kraftstoffe waren damit insgesamt 47,4 Prozent teurer. Für leichtes Heizöl musste sogar fast zweieinhalb Mal so viel bezahlt werden wie im März 2021. “So hohe Preisanstiege für Heizöl und Kraftstoffe gab es in Deutschland selten zuvor”, so die Statistiker. Ähnliche Entwicklungen seien bislang lediglich im Zusammenhang mit den beiden Ölkrisen 1974 und 1980 sowie der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2008/2009 zu beobachten gewesen. “Allerdings war der Anstieg der Verbraucherpreise für Kraftstoffe im Vorjahresvergleich in keiner dieser Krisen höher als im März 2022”, so das Bundesamt.

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Kerstin Dörr. Redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

IWF – Weltwirtschaft wird wegen Ukraine-Krieg deutlich langsamer wachsen

Washington/Berlin (Reuters) – Der Internationale Währungsfonds (IWF) senkt wegen des Kriegs in der Ukraine seine Prognosen für die Weltwirtschaft.

“Insgesamt haben die konjunkturellen Risiken erheblich zugenommen”, sagte IWF-Ökonom Pierre-Oliver Gourinchas am Dienstag. Die Weltwirtschaft habe sich vor dem russischen Angriff auf die Ukraine noch nicht richtig von der Coronavirus-Pandemie erholt gehabt. Vor allem in Europa rechnet der IWF nun mit geringeren Wachstumsraten sowie schweren Rezessionen in Russland und der Ukraine. Der Krieg dürfte auch die ohnehin schon hohe Inflation länger anheizen.

Die Weltwirtschaft wird laut IWF 2022 und 2023 um jeweils 3,6 Prozent zulegen. 2021 waren es 6,1 Prozent. Gegenüber den Schätzungen im Januar hat der IWF seine Prognose für 2022 um satte 0,8 Punkte gesenkt, für 2023 um 0,2 Zähler. Der Westen hat umfangreiche Sanktionen gegen Russland verhängt, weitere Maßnahmen wie ein Öl-Boykott werden diskutiert. Russlands Wirtschaft dürfte 2022 um 8,5 Prozent einbrechen und 2023 noch einmal um 2,3 Prozent schrumpfen. 2021 hatte sie noch um 4,7 Prozent zugelegt. Für die Ukraine wird dieses Jahr mit einer Rezession von mindestens zehn Prozent gerechnet.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) sprach von einem weiteren Warnsignal. “Weniger Wachstum in Verbindung mit steigender Inflation ist eine gefährliche Kombination.” Es müsse international eine Abstimmung geben, um eine drohende Stagflation zu verhindern. “Was Preisdruck reduziert und Produktivität stärkt, muss Priorität haben. Dagegen müssen wir Subventionen prüfen, die angesichts von bestehenden Knappheiten etwa im Bausektor noch zusätzlichen Druck aufbauen.”

Russland spielt international vor allem bei Energie und Rohstoffen eine führende Rolle, etwa bei Öl, Gas und Metallen. Wie die Ukraine ist Russland zudem ein wichtiger Exporteur von Weizen und Getreide. Wegen des Kriegs und der Sanktionen steigen die Preise bereits deutlich, was laut IWF vor allem ärmere Staaten treffen wird. Viele Länder müssten eigentlich ihre in der Pandemie sprunghaft gestiegenen Schulden reduzieren, gleichzeitig jetzt aber auch für Flüchtlinge Geld mobilisieren und ärmeren Haushalten bei den hohen Lebensmittel- und Energiepreisen helfen.

Der Krieg verschärfe die ohnehin schon angespannte Lebensmittelversorgung, sagte US-Finanzministerin Janet Yellen. 800 Millionen Menschen oder zehn Prozent der Weltbevölkerung litten darunter. “Ich will ganz klar sein: Russlands Taten sind dafür verantwortlich.”

“INFLATION IST EINE PRÄSENTE GEFAHR GEWORDEN”

Anders als zunächst gedacht stellt sich die Inflation als wesentlich hartnäckiger heraus. Der IWF rechnet dieses Jahr mit einer Rate von 5,7 Prozent in Industriestaaten sowie 8,7 Prozent in Schwellen- und Entwicklungsländern. Seit Januar hat sich die Lage damit deutlich verschlechtert – und der IWF schließt nicht aus, dass sie sich noch einmal signifikant verschlechtern könnte. Die Notenbanken müssen ihre oft seit langem lockere Geldpolitik nun straffen. “Inflation ist zu einer klaren und präsenten Gefahr für viele Staaten geworden”, so IWF-Ökonom Gourinchas. In den USA und einigen europäischen Staaten liege sie auf dem höchsten Niveau seit mehr als 40 Jahren.

Auch die häufigen und scharfen Corona-Lockdowns in chinesischen Metropolen wie Shanghai bremsen die Weltwirtschaft. Hierdurch könnten die Lieferkettenprobleme vieler Firmen noch zunehmen. Für China – die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – sagt der IWF nur noch Wachstumsraten von 4,4 und 5,1 Prozent in diesem und nächstem Jahr voraus. Zum Vergleich: 2021 waren es noch 8,1 Prozent. Die Störungen im Handel wird neben China aber auch Deutschland zu spüren bekommen. Der Export-Europameister wird laut IWF 2022 nur noch um 2,1 Prozent wachsen, 2023 dann um 2,7 Prozent. Damit wurde die bisherige Schätzung für 2022 um 1,7 Punkte reduziert, einer der höchsten Werte weltweit. Für 2023 wurde die Prognose dagegen leicht angehoben.

 

(Bericht von Christian Krämer und Andrea Shalal, redigiert von Sabine Ehrhardt. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Konjunktur- und Zinssorgen belasten Europas Börsen

Frankfurt (Reuters) – Die anhaltenden Kämpfe in der Ukraine und erneute Spekulationen auf raschere US-Zinserhöhungen verderben europäischen Aktienanlegern die Laune.

Dax und EuroStoxx50 fielen am Dienstag um jeweils etwa ein Prozent auf 14.059 Zähler beziehungsweise 3812 Punkte. “Die Angst vor einer Rezession wächst”, sagte Sophie Lund-Yates, leitende Analystin beim Brokerhaus Hargreaves Landsdown. “Steigende Zinsen in einer Zeit nachlassender wirtschaftlicher Aktivität sorgen für schwierige Umstände.”

Kopfschmerzen bereitete Börsianern das erneute Plädoyer des führenden US-Notenbankers James Bullard für eine Zinserhöhung von 0,75 Prozentpunkten im Mai, sagte Portfolio-Managerin Baylee Westfield vom Vermögensverwalter Aviva. “Das ist eine gute Erinnerung für den Markt, das dies durchaus möglich ist.” Man dürfe allerdings nicht vergessen, dass Bullard als Befürworter einer straffen Geldpolitik bekannt sei.

BOND-RENDITEN UND DOLLAR-INDEX AUF MEHRJAHRESHOCHS

Vor diesem Hintergrund trennten sich weitere Investoren von Staatsanleihen. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen US-Bonds auf ein Dreieinhalb-Jahres-Hoch von 2,909 Prozent. Ihre deutschen Pendants rentierten mit 0,934 Prozent zeitweise so hoch wie zuletzt vor knapp sieben Jahren.

Der Weltleitwährung gaben die Zinserhöhungsspekulationen dagegen Rückenwind. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, stieg um bis zu 0,2 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 101,02 Punkten. Diese Entwicklung spiegele das überdurchschnittliche Wachstum der US-Wirtschaft wider, sagte Anlagestrategin Carol Kong von der Commonwealth Bank of Australia. Vor allem Europa leide unter den Folgen des Ukraine-Kriegs wie den gestiegenen Energiepreisen.

KONJUNKTURAUSSICHTEN TRÜBEN SICH EIN

Unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges hatte die Weltbank ihre Prognose für das weltweite Wirtschaftswachstum 2022 am Montag auf 3,2 Prozent gesenkt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird diesem Beispiel wohl bald folgen. “Das ist voraussichtlich die erste von zahlreichen Kürzungen im weiteren Jahresverlauf”, sagte Michael Brown, Manager beim Finanzdienstleister Caxton.

Auch Chinas Wirtschaft zeigt Anzeichen von Schwäche. Allerdings werde die Regierung in Peking wohl mit verstärkten Infrastruktur-Investitionen gegensteuern, prognostizierte Wang Tao, Chef-Volkswirt für China bei der Bank UBS.

ENERGIEWERTE BLEIBEN GEFRAGT – VERSICHERER SCOR IM MINUS

Die anhaltend hohen Energiepreise hievten den Index für die europäische Öl- und Gasbranche zeitweise um 1,4 Prozent auf ein Drei-Jahres-Hoch von 337,94 Punkten. Die Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich am Dienstag zwar um 1,2 Prozent auf 111,82 Dollar je Barrel (159 Liter), sie hatte in den vorangegangenen Tagen aber 15 Prozent zugelegt. Die EU arbeitet nach eigenen Angaben an einem europäischen Embargo für russische Öllieferungen.

Die Aktien von Scor fielen in Paris um fast sieben Prozent. Der Versicherer muss eigenen Angaben zufolge im ersten Quartal voraussichtlich Schadensfälle im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg im Volumen eines hohen zweistelligen Millionen-Euro-Betrags regulieren. Die russische Tochter Scor PO nehme inzwischen kein Neugeschäft mehr an.