US-Währungshüterin – Können noch lange nicht Sieg über Inflation erklären

Bangalore (Reuters) – Trotz eines zuletzt weniger starken Anstiegs der Verbraucherpreise in den USA warnt die US-Notenbankerin Mary Daly davor, über die Inflation bereits den “Sieg zu erklären”.

Dafür sei es viel zu früh, zitierte die “Financial Times” die Präsidentin der Notenbank von San Francisco. “Es gibt gute Nachrichten, was die monatlichen Daten angeht, dass Verbraucher und Unternehmen etwas Erleichterung bekommen. Aber die Inflation bleibt viel zu hoch und nicht in der Nähe unseres Preisstabilitätsziels.”

Die Verbraucherpreise stiegen im Juli um 8,5 Prozent zum Vorjahresmonat, nach einem Zuwachs von 9,1 Prozent im Juni, wie das Arbeitsministerium in Washington mitteilte. Die US-Notenbank hatte die ausufernde Inflation zuletzt mit ungewöhnlich großen Zinsschritten bekämpft. Sie will nächsten Monat nachlegen. Der Leitzins liegt aktuell in der Spanne von 2,25 bis 2,50 Prozent. Notenbanker wie Dalys Kollege Charles Evans rechnen zum Jahresende mit einem Zinsniveau von 3,25 bis 3,5 Prozent, das bis Ende 2023 noch auf 4,0 Prozent steigen könne.

(Bericht von Akriti Sharma, geschrieben von Christian Rüttger; redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

US-Inflation auf dem Rückmarsch – Kleinerer Zinsschritt erwartet

– von Ann Saphir

Washington/Berlin (Reuters) – Die Lage an der Inflationsfront in den USA hat sich entspannt und lässt Spielraum für eine langsamere Gangart bei den Zinserhöhungen.

Die Verbraucherpreise stiegen im Juli um 8,5 Prozent zum Vorjahresmonat, nach einem Zuwachs von 9,1 Prozent im Juni, wie das Arbeitsministerium in Washington am Mittwoch mitteilte. Von Reuters befragte Experten hatten lediglich mit einem Rückgang auf 8,7 Prozent gerechnet. Dabei wirkten sich die Benzinpreise dämpfend aus: Die Kraftstoffe kosteten 7,7 Prozent weniger als im Vormonat. Im Juni waren sie noch um 11,2 Prozent gestiegen.

Nun kann die US-Notenbank Fed die nachlassende Teuerungsrate als Etappensieg verbuchen, da sie die ausufernde Inflation zuletzt mit ungewöhnlich großen Zinsschritten bekämpfte. Sie will im September nachlegen. An den Terminmärkten wird für September nun eher mit einem kleinerern Zinsschritt im Umfang von einem halben Prozentpunkt gerechnet, nachdem die Fed das Niveau zuletzt zwei Mal in Folge um einen Dreiviertel-Punkt nach oben hievte. Der Euro stieg nach den überraschend niedrig ausgefallenen Inflationsdaten zum Dollar. Das Abebben der Teuerungswelle trieb den Dax um 1,1 Prozent auf 13.690 Punkte nach oben, der Dow Jones Index legte zu Handelsbeginn an der Wall Street um 1,3 Prozent auf 33.206 Punkte zu.

“HÖHEPUNKT WAHRSCHEINLICH ERREICHT”

“Angesichts weiter nachgebender Preise an den Zapfsäulen und vermehrten Anzeichen für ein Überwinden der Lieferkettenproblematik sollte der Hochpunkt der US-Inflation mit einiger Sicherheit hinter uns liegen. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass das Inflationsgespenst bald gebannt sein wird”, sagte LBBW-Ökonom Dirk Chlench. So dürfte der Inflationsdruck seiner Ansicht nach bei den weniger schwankenden Dienstleistungspreisen unvermindert hoch bleiben – nicht zuletzt aufgrund der beschleunigten Lohnzuwächse.

Die Stundenlöhne waren im Juli zum Vormonat um 0,5 Prozent gestiegen und damit stärker als von Ökonomen erwartet, die nur ein Plus von 0,3 Prozent auf dem Zettel hatten. Am US-Arbeitsmarkt waren zugleich im Juli mit 528.000 neuen Jobs weitaus mehr Stellen entstanden als gedacht. US-Notenbankchef-Jerome Powell sieht den robusten Arbeitsmarkt als Anzeichen dafür, dass die USA keine Rezession durchmachen, auch wenn das Bruttoinlandsprodukt bereits zwei Quartale in Folge geschrumpft ist.

Die Notenbank hatte im Juli den Leitzins im Kampf gegen die Inflation dennoch weiter kräftig erhöht – auf die Spanne von 2,25 bis 2,50 Prozent. Die Fed sollte nach Auffassung von Direktorin Michelle Bowman weitere deutliche Zinserhöhungsschritte in Betracht ziehen. Sie sagte jüngst, dass ähnlich dimensionierte Erhöhungen auf dem Tisch liegen sollten, bis zu sehen sei, dass die Inflation beständig, bedeutsam und nachhaltig zurückgehe.

Nach Ansicht der Commerzbank-Ökonomen Bernd Weidensteiner und Christoph Balz bieten die jüngsten US-Preisdaten zwar Anlass etwas aufzuatmen: “Wahrscheinlich hat die Inflation den Höhepunkt überschritten.” Das Teuerungsproblem dürfte sich ihrer Ansicht nach aber als sehr hartnäckig erweisen. “Wir erwarten, dass die US-Inflation auch im Verlauf des nächsten Jahres bei mehr als drei Prozent notiert, und dies trotz einer Rezession.” Sie verweisen auch darauf, dass der Rückgang der Inflation im Juli zu einem Gutteil auf den Einbruch der Benzinpreise zurückzuführen sei, ohne den die Teuerungsrate 0,4 Prozentpunkte höher ausgefallen wäre.

(Reuters-Büro Washington, geschrieben von Reinhard Becker, René Wagner und Stefanie Geiger, redigiert von Hans Seidenstücker. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Malmendier und Werding werden neue Wirtschaftsweise

Berlin (Reuters) – Die Wirtschaftsweisen sind bald wieder komplett.

Die an der US-Universität Berkeley forschende Inflationsexpertin Ulrike Malmendier sowie der Sozial- und Finanzexperte Martin Werding sollen neu in den Sachverständigenrat (SVR) aufgenommen werden. Das Kabinett billigte dazu am Mittwoch die beiden Personalien, wie das Wirtschaftsministerium mitteilte. Sie werden nun Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Berufung vorgeschlagen.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) würdigte die 1973 geborene Malmendier als führende Verhaltensökonomin. Sie ist seit 2012 Professorin in Berkeley. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Erwartungsbildung zukünftiger Inflationsraten – ein Thema, das angesichts der momentan sehr hohen Teuerung besonders wichtig ist. Sie soll bis Ende 2026 berufen werden und ist das erste SVR-Mitglied, das gleichzeitig eine Professur außerhalb Deutschlands inne hat. Werding ist seit 2008 Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum. Der 58-Jährige forscht unter anderem zu nachhaltigen Sozialversicherungssystemen und ist auch ein Experte für Arbeitsmarktpolitik. Er soll bis Ende Februar 2028 berufen werden. Der 1963 gegründete Sachverständigenrat, der die Bundesregierung in Sachen Wirtschaftspolitik berät, hat damit wieder fünf Mitglieder – mit den Ökonomen Monika Schnitzer, Veronika Grimm und Achim Truger.

“Die Bundesregierung muss dringend grundlegende Reformen der sozialen Sicherungssysteme anstoßen”, sagte Werding dem “Handelsblatt” mit Blick auf die Renten-, Pflege- und Krankenversicherung. Ab 2035 werde die Alterung der Gesellschaft enormes Tempo entfalten. “Der ganz große Druck steht uns noch bevor.” Werding empfahl, das Renteneintrittsalter mit der steigenden Lebenserwartung zu erhöhen. Er verteidigte auch den Plan von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP), ab 2023 wieder zur Schuldenbremse zurückkehren zu wollen.

Malmendier sagte der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, Politikberatung sei vor allem nützlich, wenn sie mit im Raum sitze. Es wäre besser, zeitnah parallel zur Gesetzgebung zu arbeiten und damit näher dran an der Politik zu sein – “statt einmal im Jahr ein fettes Jahresgutachten zu schreiben”.

(Bericht von Christian Krämer und Andreas Rinke. Redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

Neun-Euro-Ticket drückt Inflation – Kostenschub wohl im Herbst

Berlin (Reuters) – Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket haben die inflationsgeplagten deutschen Verbraucher im Juli erneut etwas entlastet.

Waren und Dienstleistungen kosteten im Schnitt 7,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch eine frühere Schätzung bestätigt. Im Mai war die Teuerungsrate mit 7,9 Prozent so hoch ausgefallen wie seit dem Winter 1973/74 nicht mehr, ehe sie wegen der staatlichen Entlastungen im Juni auf 7,6 Prozent fiel. Experten sprechen allerdings nur von einem Zwischentief. Sie warnen vor steigendem Inflationsdruck im Herbst, wenn nicht nur Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket auslaufen, sondern ab Oktober zusätzlich die Gas-Umlage erhoben wird.

“Ab September ist wieder mit einer Beschleunigung der Inflation zu rechnen”, sagte der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien. “Das Auslaufen des Neun-Euro-Tickets und des Tankrabatts im September dürfte dann rechnerisch zu fast 1,5 Prozentpunkten zusätzlicher Inflation beitragen.”

Dazu gesellt sich ab Oktober noch die Gas-Umlage. “Dies stellt für die Bürger einen massiven Kostenschub dar”, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden seien Mehrkosten zwischen 300 und 1000 Euro pro Jahr zu erwarten. “Im Extremfall werden das Ende des Neun-Euro-Tickets und des Tankrabatts, die üblichen Gaspreiserhöhungen sowie die Gas-Umlage die deutsche Inflationsrate etwa drei Prozentpunkte nach oben treiben”, sagte Krämer. “Die Inflationsrate wäre dann im vierten Quartal zweistellig.”

Angesichts der anhaltend hohen Inflation will Bundesfinanzminister Christian Lindner drohende Steuererhöhungen im Volumen von zehn Milliarden Euro abwenden. “Hier geht es um den Verzicht auf Steuererhöhungen”, sagte der FDP-Vorsitzende in Berlin. “Es profitieren 48 Millionen Menschen davon.” Lindner will das Steuersystem für die Jahre 2023 und 2024 an die momentan sehr hohe Inflation anpassen. Außerdem soll das Kindergeld erhöht werden. Die Pläne sind allerdings nicht innerhalb der Ampel-Koalition abgestimmt – SPD und Grüne reagierten umgehend mit Kritik.

NAHRUNGSMITTEL DEUTLICH TEURER

Energie verteuerte sich im Juli wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine um 35,5 Prozent und bleibt damit Preistreiber Nummer eins. Allerdings war das Plus im Juni mit 38,0 Prozent noch höher ausgefallen. Die Preisaufschlag bei Strom betrug 18,1 Prozent und hat sich vor allem infolge der Abschaffung der EEG-Umlage abgeschwächt (Juni: +22,0 Prozent). Kraftstoffe verteuerten sich auch infolge des Tankrabatts nur noch um 23,0 Prozent (Juni: +33,2 Prozent, Mai: +41,0 Prozent). Die Preise für leichtes Heizöl haben sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt.

Die Preise sowohl für die Bahntickets im Nahverkehr (-43,9 Prozent) als auch für die kombinierten Tickets für Bahn, Bus und Ähnliches (-63,0 Prozent) gaben wegen des Neun-Euro-Tickets stark nach. Nahrungsmittel kosteten hingegen 14,8 Prozent mehr als im Juli 2021. “Damit hat sich der Preisauftrieb den fünften Monat in Folge verstärkt”, betonten die Statistiker. Erheblich teurer wurden Speisefette und Speiseöle (+44,2 Prozent) sowie Molkereiprodukte und Eier (+24,2 Prozent). Fleisch und Fleischwaren kosteten 18,3 Prozent mehr.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Juli angesichts der rekordhohen Inflation in der Währungsunion erstmals seit 2011 ihren Leitzins angehoben und beabsichtigt, im September nachzulegen. Dadurch steigen die Kreditkosten für Verbraucher wie Unternehmen, worunter Konsum und Investitionen weiter leiden dürften. Das wiederum könnte der ohnehin schwächelnden Konjunktur zusetzen. “Die Europäische Zentralbank kann derzeit mit Zinserhöhungen wenig kurzfristig gegen die Inflation ausrichten, zumal diese vor allem aus Preissteigerungen in den Weltmärkten herrührt, auf die die EZB nur wenig Einfluss hat”, sagte IMK-Direktor Dullien.

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Sabine Ehrhardt – Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

Lindner will Steuererhöhungen für 48 Millionen Bürger abwenden

– von Christian Krämer

Berlin (Reuters) – Angesichts der anhaltend hohen Inflation will Bundesfinanzminister Christian Lindner drohende Steuererhöhungen im Volumen von zehn Milliarden Euro abwenden.

“Hier geht es um den Verzicht auf Steuererhöhungen”, sagte der FDP-Vorsitzende am Mittwoch in Berlin. “Es profitieren 48 Millionen Menschen davon.” Lindner will das Steuersystem für die Jahre 2023 und 2024 an die momentan sehr hohe Inflation anpassen. Außerdem soll das Kindergeld erhöht werden. Die Pläne sind allerdings nicht innerhalb der Ampel-Koalition abgestimmt – SPD und Grüne reagierten umgehend mit Kritik. Das Statistische Bundesamt teilte unterdessen mit, die Teuerungsrate in Deutschland habe im Juli gegenüber dem Vorjahr bei 7,5 Prozent gelegen. Im Mai war es mit 7,9 Prozent der höchste Stand seit dem Winter 1973/74. Das zehrt an der Kaufkraft der Verbraucher und setzt vielen Unternehmen massiv zu.

“Die Menschen sind angesichts der Inflation besorgt”, so Lindner. Die wirtschaftliche Lage sei fragil. “Wir sind also in einer Situation, in der gehandelt werden muss.” Sonst drohten “heimliche Steuererhöhungen” zum 1. Januar 2023, die nun mit einem Inflationsausgleichsgesetz neutralisiert werden sollten. Ökonomen nennen den Effekt Kalte Progression. Diese entsteht, wenn das Steuersystem nicht an die Inflation angepasst wird. Steuerzahler können dann etwa bei Lohnerhöhungen in eine höhere Steuerklasse rutschen und deshalb netto weniger Geld zur Verfügung haben als vorher. Lindner sagte, das durchschnittliche Volumen der abgewendeten Belastung würde 192 Euro betragen.

Konkret soll den Plänen des Finanzministeriums zufolge der steuerliche Grundfreibetrag von derzeit 10.347 Euro auf 10.632 Euro im nächsten Jahr und auf 10.932 Euro im übernächsten Jahr steigen. Der Spitzensteuersatz, der gegenwärtig bei einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 58.597 Euro einsetzt, soll 2023 erst bei einer Größenordnung von 61.972 Euro greifen, ein Jahr später ab 63.515 Euro. Das Kindergeld für die beiden ersten Kinder soll 2023 um acht Euro auf dann 227 Euro zulegen. Für das dritte Kind sollen Eltern zwei Euro mehr bekommen, dann ebenfalls 227 Euro. Ab dem vierten Kind bleibt es bei 250 Euro monatlich. 2024 würde das Kindergeld für die ersten drei Kinder noch einmal um sechs Euro steigen. Es würde dann einheitlich bei 233 Euro liegen. Die Regelung für weitere Kinder soll unverändert bleiben.

KRITIK AUS DER EIGENEN REGIERUNG

Der Vorstoß Lindners ist in der Regierung nicht abgesprochen. “Das ist üblich, dass Eckpunkte eines Hauses vorgestellt werden”, verteidigte sich der FDP-Politiker. Minister der SPD und der Grünen wären schon ähnlich vorgegangen. Außerdem sei in der Vergangenheit immer ein Inflationsausgleich vorgenommen worden. “Das kann nicht strittig sein.”

SPD und Grüne halten Lindner vor, von den Plänen würden Gutverdiener überproportional profitieren. Der Vize-Chef der SPD-Bundestagsfraktion, Achim Post, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, unter dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit seien die Pläne noch verbesserungsbedürftig. Ein vollständiger Abbau der Kalten Progression in Zeiten hoher Inflation sei “äußert kostspielig und alles andere als zielgerichtet”. Post schlug als Alternative Direktzahlungen vor, mit denen kleine und mittlere Einkommen gezielt entlastet werden könnten. Die finanzpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Katharina Beck, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: “Starke Schultern müssten mehr tragen als einkommensschwache und nicht überproportional entlastet werden.”

Lindner konterte, höhere Einkommen schulterten bereits höhere Steuersätze und zahlten am Ende auch deutlich mehr. In Deutschland liegt der Spitzensteuersatz bei 42 Prozent, bei besonders hohen Einkommen wird aber ein Zuschlag erhoben, so dass dann insgesamt 45 Prozent abgeschöpft werden. Dieser Satz – die sogenannte Reichensteuer – gilt derzeit ab einem Einkommen von 277.826 Euro. Der Wert soll 2023 und 2024 nicht verändert werden. Das zeige, dass es um die breite Mitte der Gesellschaft gehe und nicht um Reiche, so Lindner. Außerdem habe die Regierung wegen der hohen Energiepreise dieses Jahr bereits zwei Entlastungspakete im Volumen von mehr als 30 Milliarden Euro geschnürt, die zum Teil noch nicht griffen.

Der jeweils für drei Monate geltende Tankrabatt als auch das Neun-Euro-Ticket im Nahverkehr bremsten die Inflation zumindest etwas – von 7,6 Prozent im Juni auf 7,5 Prozent im Juli. Experten warnen aber vor einem schwierigem Herbst, wenn nicht nur Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket auslaufen, sondern ab Oktober zusätzlich die Gas-Umlage erhoben wird. “Dies stellt für die Bürger einen massiven Kostenschub dar”, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden seien Mehrkosten zwischen 300 und 1000 Euro pro Jahr zu erwarten. Eine zweistellige Inflationsrate sei im Extremfall im vierten Quartal möglich. Preistreiber Nummer eins war im Juli erneut Energie mit einem Plus von 35,5 Prozent. Nahrungsmittel kosteten 14,8 Prozent mehr.

(Weitere Reporter: Rene Wagner und Andreas Rinke, redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Chinas Hersteller heben Preise so langsam an wie seit 17 Monaten nicht mehr

Peking (Reuters) – Die chinesischen Produzenten haben im Juli dem globalen Kostendruck getrotzt.

Die Erzeugerpreise stiegen mit 4,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat so langsam wie seit fast anderthalb Jahren nicht mehr, wie das Statistikamt am Mittwoch in Peking mitteilte. Im Juni lag das Plus noch bei 6,1 Prozent. Das ist eine gute Nachricht für Wirtschaft und Verbraucher in Deutschland: Aus keinem anderem Land der Welt werden so viele Waren importiert wie aus der Volksrepublik – sie summierten sich 2021 auf mehr als 142 Milliarden Euro. Der nachlassende Preisdruck bei den chinesischen Herstellern könnte damit rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft viel Inflationsschub bei Waren herausnehmen.

“Die Inflation ab den Werkstoren wird für den Rest des Jahres auf einem Abwärtspfad bleiben”, sagte der China-Ökonom von Capital Economics, Zichun Huang, voraus. “Denn die Rohstoffpreise sinken weiter und die Versorgungsengpässe lassen nach.” So wird wegen der Immobilienkrise in China weniger gebaut, was die Nachfrage nach einer Reihe von Rohstoffen sinken lässt. Das wiederum dämpft den Teuerungsdruck.

Die Preise für die chinesischen Verbraucher legten im Juli um 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu. Das ist die höchste Inflationsrate seit zwei Jahren. Von Reuters befragte Ökonomen hatten sogar mit einem Anstieg auf 2,9 Prozent gerechnet. Haupttreiber sind steigende Preise für Lebensmittel: Diese kosteten durchschnittlich 6,3 Prozent mehr als im Juli 2021. Ausschlaggebend dafür ist wiederum die starke Verteuerung von Schweinefleisch, das gut ein Fünftel mehr kostete.

Da die Inflationsrate trotz des Anstiegs unter der von der Zentralbank ausgegebenen Toleranzschwelle von drei Prozent verharrt, kann sie mit einer lockeren Geldpolitik weiterhin die schwächelnde Konjunktur ankurbeln. Diese wird von Corona-Lockdowns belastet. Der einst überaus starke Immobilienmarkt taumelt zudem von einer Krise zur nächsten. Führende chinesische Politiker signalisierten deshalb zuletzt, dass das offizielle Wachstumsziel der Regierung von rund 5,5 Prozent für 2022 verfehlt werden dürfte. Von Reuters befragte Ökonomen rechnen nur mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 4,0 Prozent in diesem Jahr.

(Bericht von Liangping Gao und Kevin Yao, geschrieben von Rene Wagner, redigiert von Kerstin Dörr – Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

260 Mrd weniger Wertschöpfung bis 2030 – Deutsche Wirtschaft spürt Krieg

Berlin (Reuters) – Die deutsche Wirtschaft verliert einer Studie zufolge durch den Krieg in der Ukraine und die sprunghaft gestiegenen Energiepreise bis 2030 über 260 Milliarden Euro an Wertschöpfung.

Auch auf dem Arbeitsmarkt wird es zu negativen Auswirkungen kommen, wie aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervorgeht, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Diese würden sich allerdings wegen staatlicher Maßnahmen noch in Grenzen halten. Zwischen 2022 und 2028 dürften durchschnittlich 150.000 Personen weniger beschäftigt sein.

Einer der großen Verlierer der jetzigen Situation wird laut der Studie erneut das Gastgewerbe sein, das bereits in der Coronavirus-Pandemie arg gebeutelt wurde und nun den Kaufkraftverlust der Bürger zu spüren bekommen dürfte. “Denn die geringeren Konsumausgaben der privaten Haushalte führen hier zu einem deutlich niedrigeren Bedarf an Erwerbstätigen”, heißt es in der Untersuchung. Die Branche hatte eigentlich auf einen Boom nach der Pandemie gehofft, der nun ins Stocken gerät. So setzt der Gastronomie im Sommer oftmals noch ein Mangel an Personal zu. Dieser dürfte sich aber angesichts der tendenziell schwächeren Nachfrage langsam entspannen. Weitere Verlierer sind energieintensive Branchen wie die Chemieindustrie und die Metallerzeugung.

Gesamtwirtschaftlich wird das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2023 der Untersuchung zufolge um rund 1,7 Prozent niedriger liegen, als hätte es den russischen Angriff auf die Ukraine nicht gegeben. “Das Wirtschaftswachstum wird insbesondere durch die gestiegenen Preise für fossile Rohstoffe abgeschwächt. Sie belasten sowohl die Exportwirtschaft als auch die Konsummöglichkeiten der privaten Haushalte.” Die Preisaufschläge für Importgüter wie fossile Brennstoffe, Metalle und Nahrungsmittel dürften sich erst mittelfristig abschwächen. Auch bei den Bauinvestitionen sei mit negativen Auswirkungen zu rechnen.

AUF KURZARBEIT KÖNNTE WIEDER ANKOMMEN

“Der Krieg lässt den Nach-Corona-Aufschwung in Deutschland ausfallen”, sagte IAB-Forscher Enzo Weber, einer der Studien-Autoren, der Nachrichtenagentur Reuters. “Bei einer gravierenden Verschärfung der Energiekrise würde die Wirtschaft in die Rezession rutschen. Dann sollte es zusätzliche Hilfen geben, um die Produktion aufrechtzuerhalten und die Einkommen der Haushalte zu stützen. Falls es kurzfristig einen kompletten Energielieferstopp gibt, käme es zudem auf ein massentaugliches Kurzarbeitsinstrument an.”

Die IAB-Forscher, die die Studie gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung erstellt haben, verweisen allerdings darauf, dass die Berechnungen mit hohen Unsicherheiten verbunden sind – vor allem zum weiteren Kriegsverlauf und der Entwicklung der Energiepreise. Sollten die Energiepreise, die bislang um 160 Prozent nach oben geschossen sind, noch einmal doppelt so hoch liegen, wären die Auswirkungen wesentlich deutlicher: Dann würde die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr um fast vier Prozent niedriger ausfallen als ohne Krieg. “2030 würde das BIP noch um ein halbes Prozent niedriger ausfallen.” Auf dem Arbeitsmarkt würden unter diesen Annahmen nach drei Jahren 660.000 Personen – das sind 1,5 Prozent – weniger beschäftigt sein, 2030 wären es noch 60.000 Personen (0,2 Prozent).

(Bericht von Christian Krämer. Redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

China – Manöver rund um Taiwan auch diesen Dienstag

Peking/Taipeh (Reuters) – China setzt seine Militärmanöver rund um Taiwan nach eigenen Angaben auch an diesem Dienstag fort.

Der Fokus der Übungen liege diesmal auf dem Proben von Blockaden und Nachschub, teilte das zuständige Einsatzkommando der Volksbefreiungsarmee mit. Taiwan wiederum begann mit eigenen, seit längerem angekündigten Manövern. Vom Süden der Insel aus schoss das Militär mit Haubitzen aufs Meer. Taiwans Außenminister Joseph Wu warf China auf einer Pressekonferenz in Taipeh vor, die Manöver als ein “Playbook”, also eine Art Taktik-Skript, zur Vorbereitung einer Invasion der Insel zu nutzen. Man werde sich aber nicht einschüchtern lassen.

Ein in die Sicherheitsplanungen rund um Taiwan eingeweihter Insider sagte zu Reuters, die Lage in der Mitte der Taiwanstraße gleiche weiter einem Patt. Jeweils ungefähr zehn Kriegsschiffe Taiwans und Chinas hielten sich an der sogenannten Mittellinie auf, die von Taiwan als Grenze in der Meerenge betrachtet wird.

China betrachtet Taiwan als Teil seines Territoriums. Das Land hatte am Donnerstag seine bislang größten Marine- und Luftwaffen-Militärmanöver in den Gewässern rund um die Insel anlaufen lassen und ursprünglich erklärt, diese würden am vergangenen Sonntag enden. Den Übungen vorausgegangen war ein Taiwan-Besuch der US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi. Die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses hatte ihre Visite als Signal der Solidarität mit der auf Unabhängigkeit beharrenden Insel bezeichnet. China sprach von einer Provokation.

(Bericht von Ryan Woo, Yimou Lee, geschrieben von Christian Rüttger, redigiert von Sabine Ehrhardt. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Ratingagenturen – US-Ausgabengesetz wird Inflation und Defizit senken

Washington (Reuters) – Das umfassende US-Klima-, Sozial- und Steuerpaket wird laut den Ratingagenturen Moody’s und Fitch mittel- bis langfristig die Inflation senken und das Defizit verringern.

“Wir glauben, dass dieses Gesetz eine Auswirkung (auf die Inflation) haben wird, da es die Produktivität steigert”, sagte Madhavi Bokil, Senior Vice President bei Moody’s Investors Service am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Sie spreche über einen Zeithorizont von zwei bis drei Jahren. Das 430-Milliarden-Dollar-schwere Paket ist bekannt als “Inflation Reduction Act”. “Aber trotz der Bezeichnung des Gesetzes sind die Auswirkungen auf die Inflation relativ gering und werden sich erst mittel- und langfristig auswirken, wenn diese Bestimmungen in Kraft treten”, erklärte Charles Seville, Senior Director und Co-Leiter des Amerikageschäfts bei Fitch.

Auf die Frage, wie sich die Gesetzgebung auf das Haushaltsdefizit auswirken würde, sagte Bokil: “Die Einsparungen bei Medicare und die Steueränderungen werden die zusätzlichen Kosten mehr als ausgleichen.” Auch Sevilla sagte, der Gesetzentwurf werde das Defizit verringern und dazu beitragen, die steigenden Gesundheitskosten einzudämmen.

Der Senat hatte am Sonntag das 430-Milliarden-Dollar-Gesetz verabschiedet[L8N2ZJ0HX]. Voraussichtlich am Freitag erfolgt die Abstimmung im Repräsentantenhaus. Wenn das Vorhaben am Freitag erwartungsgemäß auch vom Repräsentantenhaus gebilligt wird, wäre das für Biden ein wichtiger Erfolg vor den Zwischenwahlen am 8. November.

(Bericht von Kanishka Singh, geschrieben von Katharina Loesche. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Vater der Unabhängigkeit der britischen Notenbank schlägt in Reformdebatte Alarm

London (Reuters) – Der Architekt der Unabhängigkeit der britischen Notenbank, Ex-Premier Gordon Brown, warnt davor, am Status der Zentralbank zu rütteln.

Angesichts der von der konservativen Politikerin Liz Truss angestoßenen Reformdebatte sagte der einstige Finanzminister und spätere Regierungschef am Montag im LBC Radio, Forderungen, die Unabhängigkeit zu kassieren, seien ein “sehr schlimmer Fehler”. Er reagierte damit auf Äußerungen von Truss, die als Favoritin im Rennen um die Nachfolge des scheidenden konservativen Premierministers Boris Johnson gilt. Truss will das 25 Jahre alte Mandat auf den Prüfstand stellen, das die Notenbank von der Politik unabhängig machte.

Das 1997 von Brown als damaliger Labour-Finanzminister eingeführte Modell sieht vor, dass die Notenbank die Zinsen in eigenem Ermessen so festlegen darf, wie es nach ihrer Einschätzung am besten zum Erreichen des von der Regierung gesetzten Inflationsziels passt. Laut Zentralbank-Chef Andrew Bailey hat es dem Land gute Dienste geleistet. Die Notenbank steht in der Kritik, geldpolitisch zu langsam auf die rasant steigende Inflation reagiert zu haben, die massiv an der Kaufkraft der Briten nagt.

Auch Brown hält die Reaktion der Währungshüter auf die Inflation für zu langsam. Doch sei dies noch kein Grund, die Unabhängigkeit der Notenbank infrage zu stellen.

Die Notenbank hatte vorige Woche die Zinsen um einen halben Prozentpunkt auf 1,75 Prozent angehoben – der größte Schritt nach oben seit 27 Jahren. Trotz einer laut der Bank of England noch dieses Jahr drohenden Rezession entschieden sich die Währungshüter mit klarer Mehrheit von acht zu eins Stimmen im geldpolitischen Ausschuss für eine kräftige Anhebung.

(Bericht von Muvija M; Kate Holton, geschrieben von Reinhard Becker, redigiert von Christian Rüttger; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)