Wirtschaft warnt vor Engpässen – Handel und Logistik unter Druck

– von Christian Krämer und Rene Wagner

Berlin (Reuters) – Großhändler und Logistiker warnen wegen des Ukraine-Krieges vor Engpässen.

Neben der starken Abhängigkeit von Russland im Energiebereich könnten davon Aluminium-Produzenten und der Lebensmittelhandel betroffen sein, letzterer etwa bei Getreideprodukten, wie der Groß- und Außenhandelsverband BGA am Donnerstag in Berlin erklärte. Auch Zellstoffe könnten knapp werden, also etwa Toilettenpapier und Küchenrollen. Weitere Beispiele könnten chemische Reinigungsmittel, Honig und Zander werden. Der BGA warnte zugleich vor Panik. Knappheiten führten nicht automatisch zu leeren Regalen. Oft könnten Produkte zu höheren Preisen und mit längeren Lieferzeiten anderweitig als aus der Ukraine oder Russland bezogen werden. “Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist eine künstliche Verknappung durch Hamsterkäufe”, sagte BGA-Präsident Dirk Jandura.

Alarm schlägt auch die Logistikbranche, die unter rekordhohen Kraftstoffpreisen leidet. “Die Unternehmen sind wirklich verzweifelt”, sagte der Vorstandssprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), Dirk Engelhardt. Viele Spediteure würden derzeit gegen die Insolvenz anfahren, ihnen gehe die Liquidität aus. Engelhardt schlug deshalb einen Krisengipfel mit der Bundesregierung vor. Es gebe aktuell “keinerlei Unterstützung seitens des Staates”. Ohne diese drohten jedoch leere Regale und damit ein gesamtwirtschaftliches Problem, denn mehr als 70 Prozent der deutschen Versorgung hänge vom Lkw-Verkehr ab. “Gerade Mittelständler, die im Transportwesen tätig oder unmittelbar darauf angewiesen sind, verzweifeln an den hohen Treibstoffkosten”, sagte auch Vorstand Marc Tenbieg vom Deutscher Mittelstands-Bund (DMB).

Zudem befürchtet die Logistikbranche in Europa einen akuten Personalmangel durch den Ausfall von mehr als 100.000 ukrainischen Lkw-Fahrern im internationalen Warenverkehr, da diese wegen Einberufungsbefehlen zur Armee nicht mehr zur Verfügung stünden. “Grundsätzlich hat ganz Europa den Fahrermangel durch den Ukraine-Krieg”, sagte Engelhardt.

RUSSLAND-GESCHÄFT WOHL DAUERHAFT BESCHÄDIGT

Zur Kostenentlastung schlägt der Logistik-Verband die schnellstmögliche Einführung eines sogenannten Gewerbediesels vor. Dabei wird den Unternehmen ein Nachlass in Form von Steuererleichterungen gewährt. Einige Nachbarländer hätten dies bereits getan. Daher drohe eine “extreme Wettbewerbsverzerrung”, sagte Engelhardt. Zudem müssten für die Flottenbetreiber von Lkw, die mit verflüssigtem Erdgas (LNG) fahren, ein Rettungsschirm gespannt werden, da hier die Preissteigerungen noch extremer seien.

Der BGA stellt sich auf eine dauerhafte Beeinträchtigung der Geschäftsbeziehungen zu Russland ein. Mit den Sanktionen gegen Russland und Gegenmaßnahmen der Regierung in Moskau werde der Handel nachhaltig geschädigt, sagte BGA-Präsident Jandura. Viele Firmen hätten sich bereits zurückgezogen. Wegen Verstaatlichungen tendiere die Investitionsbereitschaft zudem gegen null, ergänzte BGA-Hauptgeschäftsführer Antonin Finkelnburg.

Viele Ökonomen hatten vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine mit einem Wirtschaftswachstum in Deutschland von drei Prozent und mehr gerechnet. Die Prognosen seien jetzt Makulatur, sagte Jandura. In einer aktuellen BGA-Umfrage unter Hunderten Firmen gaben 60 Prozent an, mit einer Verlangsamung des Wachstums zu rechnen. 32 Prozent betonten, der Erholungsprozess von der Corona-Krise werde unterbrochen. Eine Rezession fürchten aber nur sieben Prozent der Firmen.

“Bei einem Außenhandelsvolumen von knapp 60 Milliarden Euro mit Russland und 8,5 Milliarden Euro mit der Ukraine sind Auswirkungen des Krieges unvermeidbar”, so Jandura. Von den verhängten Sanktionen gegen Russland sind laut Umfrage 26 Prozent der deutschen Großhändler stark betroffen, fünf Prozent sogar sehr stark. Trotzdem trage die Groß- und Außenhandelsbranche die Maßnahmen mit. 52 Prozent der Unternehmen gaben an, die Sanktionen seien angemessen, 37 Prozent plädierten sogar für eine Ausweitung.

Die Betriebe spüren vor allem die zuletzt sprunghaft gestiegene Inflation. 60 Prozent sehen sich mit massiv erhöhten Einkaufspreisen konfrontiert. 55 Prozent gaben an, die hohen Energiepreise trieben die eigenen Kosten nach oben. “Ein Rückgang der Inflation von einem Niveau von rund fünf Prozent ist deshalb mittelfristig nicht zu erwarten”, so Jandura.

EZB bestimmt Zinskurs in Zeiten des Ukraine-Kriegs – Flexibilität Gebot der Stunde

Berlin/Frankfurt (Reuters) – Zwei Wochen nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine berät die Europäische Zentralbank (EZB) an diesem Vormittag über den geldpolitischen Kurs.

Die Währungshüter sehen sich wegen des Militärkonflikts mit neuen Gefahren für die Wirtschaft im Euroraum konfrontiert, die sich noch von der Corona-Krise erholt. Die russische Invasion heizt zudem die Inflation weiter an, da Öl- und Gas-Preise im Zuge des Konflikts geradezu explodiert sind. Laut EZB-Chefökonom Philip Lane gilt es dennoch mit Blick auf den geldpolitischen Kurs, nichts zu überstürzen.

Die Zentralbank wird auf der Sitzung neue Prognosen für Wachstum und Inflation vorlegen, die absehbare Folgen des Krieges in Osteuropa berücksichtigen sollen. Für die EZB sei angesichts der Unsicherheit über die wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Euro-Raum Flexibilität das “Gebot der Stunde”, meint Chefökonomin Fritzi Köhler-Geib von der staatlichen Förderbank KfW. Mit Blick auf die Liquiditätsversorgung von Banken und die Finanzmarktstabilität werde die Zentralbank vermitteln, dass sie jederzeit handlungsfähig sei und auch kurzfristig reagieren könne.

Die Hüter des Euro steuern trotz hoher Inflation einen relativ lockeren Kurs, auch wenn die Anleihen-Zukäufe über das Pandemie-Notprogramm PEPP Ende des Monats auslaufen. Das kleinere Programm APP läuft jedoch in veränderter Form weiter. Das Ende ist noch offen. Dieses gilt als Voraussetzung für die Zinswende, die “kurz” nach Auslaufen des Programms gestartet werden soll.

Mit Spannung warten Experten darauf, ob die EZB an den Stellschrauben für die Anleihenkäufe drehen und womöglich damit auch den Weg für eine Zinswende ebnen wird. Auf der Sitzung Anfang Februar hatte EZB-Chefin Christine Lagarde ihre Aussage nicht mehr wiederholt, dass eine Erhöhung 2022 sehr unwahrscheinlich sei. Den Schlüsselzins dürfte die EZB einstweilen auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent belassen. Zugleich müssen Banken wohl weiterhin Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der Notenbank parken. Dieser sogenannte Einlagesatz bleibt voraussichtlich bei minus 0,5 Prozent.

Dax schwächelt vor EZB-Sitzung – Ukraine im Fokus

Frankfurt (Reuters) – Nach dem zuletzt deutlichen Kursanstieg ist der Dax am Donnerstag schwächer in den Handel gestartet.

Der deutsche Leitindex verlor in den ersten Minuten ein Prozent auf 13.712 Zähler. Am Mittwoch hatte er knapp acht Prozent zugelegt, weil Anleger auf eine Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine spekulierten. Mit Spannung erwarteten die Anleger daher das im Tagesverlauf geplante Treffen der Außenminister Russlands und der Ukraine in Antalya. “Die Hoffnung auf Frieden lebt”, sagte Thomas Altmann von QC Partners. “Seit die Ukraine erhöhte Gesprächs- und Kompromissbereitschaft erklärt hat, sind die Chancen auf Frieden etwas größer geworden.”

Neben der Ukraine steht aber auch die EZB im Fokus. Die Währungshüter müssen ihren Zins-Kurs abstecken und sehen sich wegen des Militärkonflikts mit neuen Gefahren für die Wirtschaft im Euroraum konfrontiert. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine heizt zudem die Inflation weiter an, da Öl- und Gas-Preise im Zuge des Konflikts rasant gestiegen sind.

Zu den größten Verlierern im Dax zählten die Aktien von Delivery Hero, die nach den deutlichen Gewinnen am Vortag drei Prozent abgaben. Im MDax ging es für Hugo Boss trotz eines angepeilten Rekordumsatzes in diesem Jahr 5,5 Prozent bergab.

“Bärenmarkt-Rally” bei Aktien – Waffenruhe in Ukraine erhofft

Frankfurt (Reuters) – Die Hoffnung auf eine Waffenruhe im Ukraine-Krieg setzt der Talfahrt der europäischen Börsen ein vorläufiges Ende. Gleichzeitig entspannte sich die Lage an den Rohstoffmärkten. Der Dax verbuchte am Mittwoch mit einem Plus von 7,9 Prozent auf 13.847,93 Punkte den größten Tagesgewinn seit etwa eineinhalb Jahren. Der EuroStoxx50 legte 6,7 Prozent auf 3741,37 Zähler und der US-Standardwerteindex Dow Jones zwei Prozent auf 33.297,04 Stellen zu.

Sowohl auf russischer wie auch auf ukrainischer Seite scheine es Bewegung und die Bereitschaft zu Verhandlungen zu geben, sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. Außerdem kursierten Gerüchte, dass die EU-Staats- und Regierungschefs auf ihrem anstehenden Gipfel ein Konjunkturprogramm ankündigen könnten.

Anlagestratege Jürgen Molnar vom Brokerhaus RoboMarkets bezeichnete die aktuelle Erholung aber als “Bärenmarkt-Rally” und warnte vor überzogenen Erwartungen an das Treffen der Außenminister Russlands und der Ukraine sowie an mögliche ukrainische Zugeständnisse. “Beides könnte zwar hoffentlich den blutigen Konflikt beenden, nicht aber die dadurch ausgelösten geo- und wirtschaftspolitischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen aus dem Weg räumen.” Als Bärenmarkt-Rally bezeichnen Experten eine Zwischenerholung in einem längerfristigen Abwärtstrend.

 

GOLD UND DOLLAR AUF TALFAHRT – EZB-SITZUNG IM BLICK

Dennoch zogen sich die Optimisten aus “sicheren Häfen” zurück. Gold verbilligte sich um 2,5 Prozent auf 2001 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) und der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, gab 1,2 Prozent nach. Im Gegenzug stieg der Euro auf 1,1083 Dollar.

Dieser habe seine Talsohle aber noch nicht durchschritten, warnte Commerzbank-Analystin Antje Praefcke. Es sei unklar, ob die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihrer Ratssitzung am Donnerstag an ihrer geplanten Drosselung der Wertpapierkäufe festhalten werde. “Oder ob sie nicht die möglichen wirtschaftlichen Risiken, die aus dem Energiepreisschock resultieren können, stärker gewichtet, als die Preisgefahren, die sich daraus ergeben dürften.”

Bei vielen Rohstoffen nutzten Investoren die jüngsten Preissteigerungen für Gewinnmitnahmen. So verbilligte sich Palladium um 4,5 Prozent auf 3039 Dollar je Feinunze und Kupfer um 1,5 Prozent auf 10.057 Dollar je Tonne. Die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee büßte 4,4 Prozent auf 122,32 Dollar je Barrel (159 Liter) ein. Hier reife die Erkenntnis, dass der US-Importstopp für russisches Erdöl den Angebotsengpass nicht verschlimmern werde, sagte Analyst Tamas Varga vom Brokerhaus PVM. Darüber hinaus stellte die Internationale Energieagentur IEA eine Freigabe zusätzlicher Ölreserven in Aussicht.

 

FIRMENBILANZEN HEBEN STIMMUNG

Unterdessen gaben ermutigende Firmenbilanzen den europäischen Aktienmärkten zusätzlichen Rückenwind. Die enttäuschenden Quartalsergebnisse von Adidas würden von einem optimistischen Ausblick überstrahlt, der auf starke Geschäfte für die gesamte Sportartikel-Branche hindeute, kommentierte Analyst James Grzinic von der Investmentbank Jefferies. Adidas-Aktien verbuchte mit einem Plus von 13,6 Prozent den drittgrößten Tagesgewinn der Firmengeschichte. In ihrem Windschatten rückte Erzrivale Puma zwölf Prozent vor. Die US-Konkurrenten Nike und Under Armour legten jeweils etwa sechs Prozent zu.

Stark gefragt waren auch die Papiere der Deutschen Post. Sie sprangen um 12,4 Prozent nach oben, so stark wie zuletzt vor mehr als 13 Jahren. Die Geschäftszahlen des Brief- und Paketzustellers hätten leicht über den Erwartungen gelegen, lobte DZ Bank-Analyst Dirk Schlamp. Positiv sei auch der geplante Aktienrückkauf. Die US-Rivalen der Post, FedEx und UPS, stiegen um bis zu fünf Prozent.

 

(Bericht von Hakan Ersen, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Großhandel rechnet nach Rekordjahr auch wegen Ukraine-Kriegs mit Gegenwind

Berlin (Reuters) – Der deutsche Großhandel blickt nach dem Umsatzrekord im Jahr 2021 mit mehr Skepsis in die Zukunft.

“Wir rechnen weiterhin nicht mit einem Konjunktureinbruch, aber die Konjunkturprognosen vom Jahreswechsel 2021/22 sind nicht mehr haltbar”, warnte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistung (BGA), Dirk Jandura am Mittwoch. Zwar habe der Großhandel trotz Pandemie 2021 zulegen können. “Aber wo Licht ist, ist auch Schatten”, fügte Jandura hinzu. Er verwies auf Gegenwind durch steigende Preise infolge von Lieferengpässen bei Rohstoffen wie Mineralöl, Metallen und Holz sowie gestörte Lieferketten: Angesichts des Krieges in der Ukraine und seiner Folgen werde dieser Trend anhalten und sich infolge der Sanktionen gegen Russland noch ausweiten.

2021 war der Umsatz der Großhändler um 10,1 Prozent höher ausgefallen als im bisherigen Rekordjahr 2020, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) auf Basis vorläufiger Zahlen mitteilte. In einer ersten Schätzung war das Plus mit 10,3 Prozent noch etwas üppiger ausgefallen. Preisbereinigt (real) blieb ein Zuwachs von 2,1 (erste Schätzung: 2,5 Prozent) übrig.

“SCHWACHER DEZEMBER”

“Aufgrund des schwachen Dezembers blieb das vorläufige Jahresergebnis geringfügig hinter der Schätzung vom 8. Februar 2022 zurück”, erläuterte Destatis. Der BGA verwies darauf, dass die Umsätze im letzten Monat des vorigen Jahres zwar um 12,1 Prozent nominal stiegen, aber preisbereinigt 0,3 Prozent weniger verkauft wurde.

Dennoch habe der Großhandel 2021 erneut seine Verlässlichkeit gezeigt, und er bleibe “starkes Rückgrat der deutschen Wirtschaft”. Der Branchenverband erwartete bereits vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine für 2022 ein langsameres Wachstum – auch wegen der bis Mitte des Jahres erwarteten anhaltenden Lieferkettenprobleme.

Regierung bringt Entlastung bei Stromkosten auf den Weg

Berlin (Reuters) – Die Bundesregierung hat die frühere Abschaffung der EEG-Umlage auf den Weg gebracht.

Demnach soll der Stromkostenaufschlag zum Ausbau erneuerbarer Energien bereits im Juli 2022 wegfallen und damit sechs Monate früher als ursprünglich geplant. So sollen Unternehmen und Verbraucher entlastet werden, die unter den sprunghaft gestiegenen Energiepreisen leiden. Weitere Maßnahmen dürften aber nötig werden.

“Die Abschaffung der EEG-Umlage kann den Druck etwas mindern”, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Mittwoch. “Wir müssen aber angesichts der jetzt exorbitant gestiegenen Preise über weitere Entlastungen reden.” Es brauche mehr Tempo für sogenannte LNG-Terminals, um Flüssiggas etwa aus den USA importieren zu können, sowie auch beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Stromnetze.

Im Kabinett wurde am Mittwoch eine vom Wirtschaftsministerium eingebrachte Formulierungshilfe für die Bundestagsfraktionen der Ampel-Parteien SPD, Grüne und FDP beschlossen. Demnach soll die EEG-Umlage ab Juli auf null gesenkt werden. Stromanbieter würden verpflichtet, Einsparungen an ihre Kunden weiterzugeben. Das werde jeder Bürger dann auf seiner Abrechnung sehen können, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. “Also mitnichten ist es so, dass der Staat sich jetzt die Kassen füllt und die Bürger im Regen stehen lässt.”

Die Steuereinnahmen von Bund und Ländern waren zuletzt deutlich gestiegen. Experten führen dies auf die konjunkturelle Erholung nach der Coronavirus-Krise zurück, aber auch auf höhere Einnahmen im Zuge der stark gestiegenen Inflation. Genaue Berechnungen zu den Energiepreis-bedingten Steuermehreinnahmen gebe es aber nicht, sagte ein Regierungssprecher.

Künftig sollen die Fördergelder für erneuerbare Energien aus dem Klimafonds der Regierung kommen. Die um sechs Monate nach vorne gezogene EEG-Abschaffung wird den Bund rund 6,6 Milliarden Euro kosten. Die Haushalte der Länder und Kommunen sollen nicht belastet werden. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) kalkuliert wegen der Abschaffung der EEG-Umlage bis zum Jahr 2026 mit Kosten von bis zu 50 Milliarden Euro.

Immer mehr deutsche Unternehmen klagen über starke Auswirkungen der russischen Invasion in der Ukraine. Drei von fünf Firmen erwarten große bis sehr große Belastungen. Das geht aus einer Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) hervor, das in der ersten Kriegswoche gut 200 Industriebetriebe und industrienahe Dienstleister befragt hat. Bei den Industrieunternehmen sind es aufgrund der energieintensiven Herstellungsprozesse sogar gut 70 Prozent, die infolge der höheren Produktionskosten eine Schwächung vorhersehen.

Deutsche-Bank-Ökonomen erwarten bis zu sieben Prozent Inflation

Berlin (Reuters) – Mehr Inflation, weniger Wachstum: Die Ökonomen der Deutschen Bank haben ihre Konjunkturprognosen für Deutschland wegen der russischen Invasion in der Ukraine geändert.

“Angesichts des massiven Energiepreisanstiegs infolge des Ukraine-Krieges haben wir unsere Inflationsprognose abermals deutlich auf 5,5 Prozent hochgesetzt”, heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Vorhersage. Bislang waren die Ökonomen lediglich von 4,2 Prozent ausgegangen, nachdem die Preise bereits 2021 um 3,1 Prozent gestiegen waren. Im schlimmsten Fall könnten diese sogar um etwa 6,5 bis 7,0 Prozent steigen, “weil die Öl- und Gaslieferungen zumindest vorübergehend unterbrochen werden”. 2023 soll die Teuerungsrate dann auf etwa 3,5 Prozent zurückgehen.

Der Ukraine-Krieg hat auch Folgen für das Wirtschaftswachstum. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr nur zwischen 2,5 und 3,0 Prozent zulegen, so die Experten um Deutschland-Chefvolkswirt Stefan Schneider. Bislang waren sie von plus 4,0 Prozent ausgegangen. Realeinkommen, Exporte und Investitionen dürften sich schwächer entwickeln als bislang angenommen, was teilweise durch höhere Staatsausgaben kompensiert werde. Laufe es ganz schlecht, könnte sogar nur ein Wachstum von 1,0 bis 1,5 Prozent herausspringen.

Einen drastischen Einbruch erwarten die Ökonomen im Russland-Geschäft. “Aufgrund der Sanktionen und des Rückzugs internationaler Unternehmen werden die deutschen Exporte nach Russland wahrscheinlich um rund 75 Prozent einbrechen”, so die Prognose. Allerdings war der Anteil der Ausfuhren nach Russland an den gesamten deutschen Exporten bereits nach der Annexion der Krim 2014 auf nur noch gut zwei Prozent geschrumpft. Daher sollten lediglich rund 1,75 Prozent des gesamten deutschen Exportvolumens verloren gehen.

“Langfristig besteht das größte Risiko für Deutschlands Wohlstand in der Gefahr, dass es zu einer neuerlichen Spaltung der Welt in Ost und West kommt”, warnte Chefökonom Schneider. “Dies würde zu einer wirtschaftlichen Desintegration führen, was wiederum die beträchtlichen Wohlstandsgewinne aus der verstärkten globalen Arbeitsteilung der vergangenen Jahrzehnte zum Teil zunichtemachen würde, von denen Deutschland in besonderem Maße profitiert hat.”

Russland droht Westen mit harten Strafmaßnahmen – Rubel im freien Fall

London (Reuters) – Russland droht dem Westen mit harten Gegenmaßnahmen nach den Sanktionen wegen der Ukraine-Invasion und gerät zugleich wirtschaftlich immer stärker unter Druck.

“Russlands Reaktion wird schnell, überlegt und empfindlich für diejenigen sein, die sie betrifft”, zitiert die russische Nachrichtenagentur RIA den Leiter der Abteilung für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Außenministerium, Dmitri Biritschewski, am Mittwoch. Es werde an Maßnahmen gearbeitet, die in alle Richtungen gingen. Details wurden zunächst nicht bekannt. US-Präsident Joe Biden hatte zuvor ein Einfuhrverbot für russisches Öl und Gas verhängt. Der Westen hat unter anderem bereits Sanktionen erlassen, die das russische Finanzsystem und insbesondere die Notenbank in Moskau ins Visier nehmen.

Die Ratingagentur Fitch drückte ihre Bewertung für die Kreditwürdigkeit von Russland noch tiefer in den Ramsch-Bereich. Die Bonitätsnote werde um sechs Stufen auf “C” von zuvor “B” zurückgenommen, teilte Fitch mit. Damit drohe ein Zahlungsausfall Russlands, das im Zuge der Sanktionen womöglich seinen Schuldenverpflichtungen teilweise nicht nachkommen werde.

Russen dürfen nach einer Entscheidung der Zentralbank nicht mehr als 10.000 Dollar von Fremdwährungskonten abheben. Diese Regelung gelte bis zum 9. September, wie die Notenbank mitteilte. Ausgezahlt werde nur in Dollar, unabhängig davon, in welcher Devise die Einlagen gehalten werden. Den russischen Banken sei es zudem verboten, Fremdwährungen zu verkaufen. Die Zentralbank hat bereits zuvor eine Reihe von Maßnahmen angekündigt, mit der sie die wirtschaftlichen Folgen der internationalen Sanktionen am Finanzmarkt abfedern will.

“KAPITALAMNESTIE”

Präsident Wladimir Putin unterzeichnete unterdessen ein Gesetz, das Mittel aus einem nationalen Vermögensfonds für den Ankauf von Staatsanleihen und Aktien freigibt. Zudem wurde eine sogenannte “Kapitalamnestie” erlassen: Das bedeutet, dass am Fiskus vorbei ins Ausland gebrachtes Geld wieder nach Russland zurückkehren kann, ohne dass Strafen oder Steuern drohen.

Der russische Rubel setzte infolge des westlichen Embargos derweil seinen Sinkflug fort: Im Moskauer Handel stieg der Dollar zur russischen Devise um rund 15 Prozent auf 119,99 Rubel. Händler bezeichnen das Handelsgeschehen als extrem illiquide. Der Handel mit Aktien und Derivaten ist in Moskau seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine – die Russland eine militärische Sonderoperation nennt – in weiten Teilen von der Zentralbank stillgelegt worden.

Umfrage – Teure Energie belastet Mehrheit deutscher Unternehmen

Berlin (Reuters) – Drei von fünf deutschen Unternehmen erwarten große bis sehr große Belastungen durch die hohen Energiepreise infolge der russischen Ukraine-Invasion.

Das geht aus einer der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch vorliegenden Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) hervor, das in der ersten Kriegswoche gut 200 Industriebetriebe und industrienahe Dienstleister befragt hat. Bei den Industrieunternehmen sind es aufgrund der energieintensiven Herstellungsprozesse sogar gut 70 Prozent, die infolge der höheren Produktionskosten eine Schwächung vorhersehen.

Ausfallende Zulieferungen von Gas stellen für fast ein Drittel der Firmen ein Problem dar. Auch hier sind in der Industrie die Sorgen besonders groß: 37 Prozent sehen eine ausbleibende Gasversorgung als einen großen oder sogar sehr großen Angebotsschock. Dass Lieferanten wegen des Krieges ausfallen oder nicht liefern können, stellt ebenfalls für fast jedes dritte Unternehmen eine Belastung dar: Gut 30 Prozent bewerten ausfallende Zulieferungen von anderen Vorleistungen für ihre Produktion als problematisch. Unter den Industriefirmen sind es angesichts der international stärker aufgestellten Wertschöpfungsketten sogar fast 40 Prozent.

“Deutlich weniger bedeutend sind wegfallende Absatzmärkte in Russland und der Ukraine”, so die IW-Forscher Hubertus Bardt, Michael Grömling und Edgar Schmitz. “Weniger als ein Zehntel aller Firmen sieht aufgrund eines wegfallenden Absatzmarktes große oder sehr große Probleme in absehbarer Zeit.” Hauptgrund: Allenfalls zwei Prozent des deutschen Außenhandelsumsatzes würden mit Russland erzielt.

Die Ölpreise sind um mehr als 30 Prozent gestiegen, seit Russland in die Ukraine einmarschiert ist und die USA sowie andere Länder eine Reihe von Sanktionen verhängt haben. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock sprach sich wie zuvor Wirtschaftsminister Robert Habeck gegen ein Importstopp für russisches Öl aus. Deutschland sei viel abhängiger davon als etwa die USA, sagte Baerbock bei Bild-TV.

Wall Street schließen im Minus – US-Ölembargo im Blick

Frankfurt/New York (Reuters) – Die US-Börsen haben nach einer Berg- und Talfahrt am Dienstag mit Kursabschlägen geschlossen.

Kurskapriolen an den Rohstoffmärkten im Zusammenhang mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine bereiteten Investoren weiterhin Sorgen. Der US-Standardwerteindex Dow Jones ging 0,6 Prozent tiefer auf 32.632 Punkten aus dem Handel. Der technologielastige Nasdaq gab 0,3 Prozent auf 12.795 Punkte nach. Der breit gefasste S&P 500 büßte 0,7 Prozent auf 4170 Punkte ein. Im frühen Handel hatten nach der vorherigen Talfahrt zunächst einige Anleger die Gelegenheit zum Wiedereinstieg in den US-Aktienmarkt genutzt.

USA VERHÄNGEN IMPORTSTOPP FÜR RUSSISCHES ÖL

Aufwärts ging es für die US-Rohölsorte WTI, die sich um 4,4 Prozent auf 124,71 Dollar je Barrel (159 Liter) verteuerte. In ihrem Windschatten gewannen die Aktien von Ölkonzernen wie Exxon, Chevron und Halliburton um bis zu 5,2 Prozent. US-Präsident Joe Biden verbot Erdöl- und Erdgas-Importe aus Russland.

“Solange die USA keine Sekundärsanktionen verhängen und damit andere Länder dazu zwingen, ebenfalls kein Öl aus Russland mehr zu importieren, wäre der Einfluss eines US-Alleingangs unseres Erachtens begrenzt”, sagt Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch. Die Vereinigten Staaten importierten täglich lediglich 700.000 Barrel Erdöl aus Russland. Insgesamt führt das Land etwa sieben Millionen Barrel pro Tag aus, sieben Prozent des weltweiten Angebots.

NICKELPREIS SEIT WOCHENBEGINN VERDREIFACHT

Gleichzeitig geriet der Preis für Nickel außer Rand und Band. Das zur Stahl-Herstellung benötigte Metall verbuchte zeitweise einen Rekord-Kurssprung von 111 Prozent und war mit 101.365 Dollar je Tonne so teuer wie nie. Rohstoff-Experte Al Munro vom Brokerhaus Marex machte einen sogenannten Short Squeeze hierfür verantwortlich. Einige Anleger, die auf fallende Kurse gesetzt hätten, seien offenbar vom Ukraine-Krieg auf dem falschen Fuß erwischt worden. Die Metallbörse LME setzte den Handel mit Nickel vorerst aus.

Dies bescherte Polymet einen der größten Kurssprünge der Firmengeschichte. Die Aktien des US-Nickelförderers stiegen in der Spitze um mehr als 57 Prozent auf ein Zwölf-Monats-Hoch von 4,78 Dollar.

Die “Antikrisen-Währung” Gold blieb begehrt. Der Preis für das Edelmetall stieg um 2,6 Prozent auf 2050 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Die in den USA notierten Titel des Goldschürfers Barrick stiegen daraufhin um bis zu 4,8 Prozent und waren mit 26,07 Dollar so teuer wie zuletzt vor 16 Monaten.