Chinas Wachstumsmotor gerät ins Stottern – Sorge um Weltkonjunktur

– von Kevin Yao und Gabriel Crossley

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg von Juli bis September lediglich um 4,9 Prozent zum Sommerquartal 2020 und damit so langsam wie seit einem Jahr nicht mehr, wie das Statistikamt in Peking am Montag mitteilte. Zugleich legte die Wirtschaft gegenüber dem Frühjahr nur noch um magere 0,2 Prozent zu, womit manche Experten hinter dem Wachstumsziel der Regierung von mehr als sechs Prozent für das Gesamtjahr nunmehr ein Fragezeichen setzen. Steigende Rohstoffpreise und Energie-Engpässe – etwa bei Kohle – bremsen die Erholung von der Corona-Krise zusehends.

Belastend hinzu kommt die weltweite Verknappung bei Computer-Chips, die laut Ökonomen auch chinesische Unternehmen empfindlich trifft. “Die Aufholphase wird fortgesetzt, jedoch immer impulsloser”, so NordLB-Experte Bernd Krampen. Zudem schürt der wankende Immobilienriese China Evergrande Sorgen um die weitere Entwicklung der Konjunktur in der Volksrepublik, die als wichtiger Taktgeber für die Weltwirtschaft gilt.

China Evergrande sitzt auf einem Schuldenberg von mehr als 300 Milliarden Dollar und hat bereits mehrere Fristen für fällige Zinszahlungen an seine Anleihegläubiger verstreichen lassen. LBBW-Ökonom Matthias Krieger sieht in der “exorbitanten Verschuldung” zahlreicher chinesischer Unternehmen einen Hemmschuh für die Wirtschaft im Reich der Mitte: “Die Überschuldung von Evergrande, die an den Finanzmärkten derzeit für erhebliche Unruhe sorgt, war hier wohl nur ein erster Warnschuss.”

Laut Chefökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank ist die Regierung in Peking nun darauf bedacht, die Immobilienunternehmen des Landes zu stutzen. Dies werde die Wohnbauinvestitionen bremsen: “Die chinesischen Wachstumsraten werden also auch in den kommenden Quartalen kleiner ausfallen.”

Dies ist auch für die Weltkonjunktur kein gutes Omen: Denn China gilt seit einiger Zeit als einer der “Vorläufer” der globalen Konjunkturtendenzen, wie NordLB-Analyst Krampen erläutert. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte jüngst seine Erwartungen an das Wachstum in China etwas nach unten korrigiert: Die Volksrepublik soll zwar 2021 weiter Zugpferd der globalen Wirtschaft bleiben, doch traut der Fonds dem Land für nächstes Jahr nur noch ein BIP-Plus von 5,6 Prozent zu. Das globale Bruttoinlandsprodukt soll demnach 2022 nur noch 4,9 Prozent erreichen – nach prognostizierten 5,9 Prozent im laufenden Jahr.

ENERGIEENGPÄSSE LASTEN AUF WACHSTUM

China leidet zurzeit auch unter Energie-Engpässen, wobei neben knappen Kohlevorräten auch strengere Emissionsnormen eine Rolle spielen. Das hat zu weitreichenden Drosselungen des Stromverbrauchs geführt, während die Nachfrage nach Energie steigt. Manche Fabriken mussten wegen Stromknappheit und staatlichen Auflagen zur Einhaltung der Emissionsziele bereits vorerst dichtmachen.

Notenbankchef Yi Gang hatte noch am Wochenende erklärt, er rechne für das laufende Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von acht Prozent. Die Wirtschaft laufe “gut”. Doch die jüngste Abkühlung der Konjunktur beim wichtigen Handelspartner China schlug in Europa Anlegern zu Wochenbeginn auf die Stimmung. Dax und EuroStoxx50 fielen um jeweils etwa ein halbes Prozent auf 15.513 beziehungsweise 4158 Punkte. Insbesondere europäische Hersteller von Luxusgütern wie LVMH gerieten unter Druck, denn für sie ist China ein sehr wichtiger Absatzmarkt.

Angesichts der schwächer als erwartet ausgefallenen Wachstumszahlen im Sommer erschienen die Prognosen für ein BIP-Plus von sechs Prozent im Gesamtjahr als zu optimistisch, sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. Die Regierung in Peking hat sich für dieses Jahr ein eher bescheidenes Wachstumsziel von über sechs Prozent gesetzt, nachdem es wegen der Corona-Pandemie 2020 nur zu einem Plus von 2,3 Prozent gereicht hatte – das schwächste Wachstum seit 44 Jahren.

Auf eine Abkühlung der Konjunktur in China deuten auch die frischen Daten zur Industrieproduktion hin: Das Plus blieb im September mit 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat deutlich hinter den Erwartungen der Experten zurück, die einen Zuwachs von 4,5 Prozent auf dem Zettel hatten.

Laut VP-Bank-Chefökonom Gitzel zeigt das schwächere chinesische Wachstum allerdings auch, dass das Corona-Virus seinen wirtschaftlichen Schrecken verloren hat. Das asiatische Land habe lange von einer Sondernachfrage nach elektronischen und medizinischen Produkten während der Corona-Wellen profitiert. Doch mittlerweile kehre wieder Normalität in den Alltag ein, zumal auch der Einsatz der Mitarbeiter im Homeoffice weltweit zurückgefahren werde: “Die Nachfrage nach Notebooks und elektronischen Waren ist damit vorerst gedeckt. Die chinesische Wirtschaft muss nun wieder kleinere Brötchen backen.”

 

(Reporter: geschrieben von Reinhard Becker, Mitarbeit Hakan Ersen, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter der Telefonnummer +49 30 2201 33711 oder +49 30 2201 33702)

 

Lockere EZB-Geldpolitik stimmt Aktienanleger optimistisch

Der Dax legte um 0,4 Prozent auf 15.679 Zähler zu, der EuroStoxx50 rückte um 0,6 Prozent vor. Die EZB hatte am Donnerstag angekündigt, das Tempo ihrer Krisen-Anleihenkäufe moderat zu verringern. Eine Grundsatzentscheidung über die Zukunft des Notfall-Programms fällten die Euro-Wächter aber noch nicht. “Dieses äußerst vorsichtige Vorgehen zeigt, dass die Börsianer von der EZB auf absehbare Zeit nicht mit all zu viel Gegenwind rechnen müssen”, prognostizierte Portfoliomanager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners.

Das auf insgesamt 1,85 Billionen Euro angelegte PEPP-Programm ist eines der Hauptinstrumente der EZB, um den Kreditfluss an die Wirtschaft während der Corona-Krise zu stützen. Zuletzt wurden im Rahmen von PEPP Staatsanleihen und andere Wertpapiere im Volumen von monatlich rund 80 Milliarden Euro erworben. Insidern zufolge wurde auf der jüngsten Zinssitzung nun ein flexibles monatliches Kaufziel innerhalb einer Spanne von 60 bis 70 Milliarden Euro vereinbart. Die PEPP-Käufe sollen noch bis mindestens Ende März 2022 fortgesetzt werden.

EURO TRITT AUF DER STELLE

Der Euro zeigte sich von dem EZB-Entscheid relativ unbeeindruckt. Es sei wenig wahrscheinlich, dass das PEPP-Programm schon im März auslaufe, schließlich seien die Volumina am Donnerstag nur moderat reduziert worden, schreibt Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann in einem Kommentar. Daher gebe es für den Devisenmarkt vorerst auch keinen Grund, den Euro-Wechselkurs zu überdenken. Die Gemeinschaftswährung notierte kaum verändert bei 1,1845 Dollar. Am Rentenmarkt fielen die Reaktionen deutlicher aus, vor allem bei den Bonds südeuropäischer Staaten. Die Verzinsung zehnjähriger griechischer Anleihen fiel auf 0,754 Prozent zurück – am Mittwoch hatte sie noch bei 0,858 Prozent gelegen. Auch für die Renditen zehnjähriger italienischer Staatsbonds ging es abwärts.

NEGATIVER ANALYSTENKOMMENTAR MACHT FMC ZU SCHAFFEN

Unter den Einzelwerten ragten im Dax nach einem negativen Analystenkommentar Fresenius Medical Care heraus. Die Aktien fielen in der Spitze um 4,4 Prozent auf 62,02 Euro, den tiefsten Stand seit mehr als fünf Monaten. Die Analysten von JP Morgan rechnen damit, dass die steigende Zahl der Covid-19-Patienten langfristige Auswirkungen auf die Umsatzentwicklung des Unternehmens haben dürfte. Die Pandemie trifft FMC besonders, da gerade Dialysepatienten anfälliger für Covid-19 sind. Die Titel des Mutterkonzerns Fresenius gaben rund ein Prozent nach.

Auf der Gewinnerseite konnten Adidas, Delivery Hero und Infineon punkten. Sie legten zwischen 2,1 und 1,9 Prozent zu. Im MDax rückten Puma um 2,2 Prozent vor.

In Paris setzt der bevorstehende Abstieg aus dem Pariser Auswahlindex CAC40 Atos zu. Die Aktien der IT-Firma fielen um drei Prozent. Den Platz von Atos nimmt zum 17. September die Diagnostik-Firma Eurofins ein, deren Aktien zeitweise 1,9 Prozent gewannen.

 

Börsen im Rückwärtsgang – EZB-Sitzung wirft Schatten voraus

Diesseits des Atlantiks sorgten die nahenden geldpolitischen Beratungen der Europäischen Zentralbank (EZB) für zusätzliche Unruhe. Eine Kombination aus hohen Erwartungen, hohen Bewertungen und einer schwächelnden Konjunktur machten weitere Aktienkäufe unattraktiv, sagte Jeffrey Carbone, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Cornerstone.

Dax und EuroStoxx50 fielen am Dienstag um jeweils rund ein halbes Prozent auf 15.843,09 beziehungsweise 4226,05 Punkte. An der Wall Street büßte der US-Standardwerteindex Dow Jones 0,7 Prozent ein.

TAPERN ODER NICHT TAPERN – DAS IST HIER DIE FRAGE

Bei der EZB-Sitzung am Donnerstag drehe sich alles um Signale für eine Reduzierung der Wertpapierkäufe (Tapering), sagte Andrea Cicione, Chef-Anlagestratege des Research-Hauses TS Lombard. Sollten sich die Währungshüter für eine Drosselung des Notfall-Ankaufprogramms PEPP entscheiden, würden Investoren nach Hinweisen suchen, dass im Gegenzug andere Ankaufprogramme aufgestockt werden.

Die jüngsten Konjunkturdaten wie der enttäuschende ZEW-Index, der die Stimmung der deutschen Börsenprofis widerspiegelt, machten der EZB-Führung die Entscheidung nicht einfacher, warf Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank, ein. “Die Knappheit vieler Produkte und gestiegene Agrarpreise lassen die mittelfristigen Inflationsrisiken steigen, gleichzeitig kühlt sich die Konjunktur ab.”

Am Bondmarkt rechneten Anleger mit einer nachlassenden Notenbank-Nachfrage und trennten sich von europäischen Staatsanleihen. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen Bundestitel auf ein Zwei-Monats-Hoch von minus 0,313 Prozent. Die steigenden Renditen dämpften die Attraktivität von Gold, das keine Zinsen abwerfe, sagte Analyst Ole Hansen von der Saxo Bank. Das Edelmetall verbilligte sich um 1,4 Prozent auf 1798 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm).

SOFTBANK STÖSST ZUM “TEAM TELEKOM”

Bei den Unternehmen rückte die Deutsche Telekom ins Rampenlicht. Der Konzern tauscht mit dem japanischen Technologie-Investor Softbank eigene Aktien in Anteile von T-Mobile. Der Deal sei vorteilhaft für die Telekom, da sie die Papiere des US-Mobilfunkers mit einem deutlichen Abschlag im Vergleich zum Schlusskurs vom Montag erhalte, konstatierte Analyst Ulrich Rathe von der Investmentbank Jefferies.

Gleichzeitig verkauft der Bonner Konzern sein gemeinsam mit Tele2 gehaltenes Niederlande-Geschäft für 5,1 Milliarden Euro an Finanzinvestoren. Dies sei mehr als erwartet, kommentierte Analyst Javier Correonero vom Research-Haus Morningstar. Die Einnahmen will die Telekom unter anderem dafür nutzen, um die Beteiligung an T-Mobile auf insgesamt 48,4 Prozent zu erhöhen. Längerfristiges Ziel ist den Angaben zufolge die Mehrheit.

Die Aktien der Telekom konnten ihre anfänglichen Gewinne von bis zu drei Prozent allerdings nicht halten und schlossen kaum verändert bei 17,91 Euro. Tele2-Titel stiegen in Stockholm zunächst auf ein Eineinhalb-Jahres-Hoch von 136,20 Schwedischen Kronen, rutschten anschließend aber 0,6 Prozent ins Minus. T-Mobile gewannen an der Wall Street 0,2 Prozent.

In Amsterdam reagierten die Papiere von KPN mit einem Kursplus von 4,3 Prozent auf den Verkauf von T-Mobile NL. Anleger seien erleichtert, dass der Mobilfunker entgegen früheren Medienberichten nicht an den indischen Konzern Reliance geht, sagten Börsianer. Dieser hätte voraussichtlich den Wettbewerbsdruck erhöht.

 

Powells Beruhigungsspritze stimmt Europas Anleger optimistisch

Auch wenn am Markt eine Reduzierung der Anleihekäufe für Ende des Jahres bereits erwartet werde, habe sich der oberste Währungshüter mit konkreten Aussagen zurückgehalten, sagte Christian Henke, Analyst vom Brokerhaus IG. “Die Anleger haben nun bis zur nächsten Notenbanksitzung Ende September eine gewisse Planungssicherheit.”

Einen Kaufrausch löste die mit Spannung erwartete Rede von Powell auf der Notenbank-Konferenz in Jackson Hole aber nicht aus. Dax und EuroStoxx50 zogen zum Wochenauftakt um jeweils etwa 0,2 Prozent auf 15.877 beziehungsweise 4198 Punkte an. Damit springe die Rekordlaune der Wall Street nicht auf die heimischen Börsen über, sagte Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners.

Powell hatte am Freitag zwar eine Drosselung der Wertpapierkäufe in Aussicht gestellt, aber kein konkretes Datum genannt. Zudem wies er trotz der Fortschritte am Arbeitsmarkt auf die Risiken durch die Ausbreitung der Delta-Variante des Corona-Virus hin. Powells Zurückhaltung beim Ausstieg aus dem Krisenmodus hatte an der Wall Street zum Wochenschluss den S&P 500 und den technologielastigen Nasdaq auf neue Rekordhochs getrieben. Die US-Futures ließen eine Fortsetzung der Rally am Montag erwarten. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, fiel zeitweise auf ein Zwei-Wochen-Tief von 92,595 Punkten.

HURRIKAN “IDA” VERUNSICHERT

Produktionsausfälle im Golf von Mexiko wegen des Wirbelsturms “Ida” ließen den Ölpreis vorübergehend auf ein Vier-Wochen-Hoch klettern. Da sich der Hurrikan aber nach seinem Eintreffen an der Küste abschwächte, stabilisierten sich auch die Ölpreise wieder. Die Sorte Brent aus der Nordsee notierte noch 0,2 Prozent fester bei 72,81 Dollar je Barrel (159 Liter). US-Rohöl lag unverändert bei 68,74 Dollar. “Der Hurrikan Ida wird die kurzfristige Richtung des Ölpreises bestimmen”, sagte Jeffrey Halley, Marktanalyst bei Oanda. “Wenn sich Ida abschwächt und seine Zerstörungskraft geringer ausfällt als erwartet, wird der Ölpreisanstieg hier vorübergehend an Schwung verlieren.”

Vor diesem Hintergrund zogen sich Investoren auch bei den Rückversicherern Münchener Rück und Swiss Re zurück, deren Aktien jeweils rund ein Prozent nachgaben. Analyst Georg Marti von der Zürcher Kantonalbank taxierte die möglichen Belastungen für die Swiss Re allein auf mehrere Hundert Millionen Dollar. “Swiss Re verfügt über umfangreiche Eigenmittel, um solche Schäden gut verkraften zu können.”

ÜBERNAHME TREIBT ADVA OPTICAL

Die Aktien des Netzwerkausrüsters Adva Optical schossen um bis zu 20 Prozent auf 15,48 Euro und waren damit so teuer wie zuletzt vor mehr als 20 Jahren. Der US-Glasfaserspezialist Adtran übernimmt das im SDax gelistete Münchner Unternehmen und will damit einen weltweiten Branchenführer schaffen. Adva-Aktionäre erhalten je Papier 0,8244 Anteilsscheine einer neu gegründeten Holdingsgesellschaft, die beide Firmen künftig bündeln solle. Das Angebot entspreche einem Wert von 14,98 Euro pro Aktie. Damit wird Adva mit 759 Millionen Euro bewertet.

In Madrid steuerten Titel von Rovi mit einem Minus von bis zu 24 Prozent auf den größten Tagesverlust der Firmengeschichte zu. Japan hat mehrere Millionen Dosen des Coronavirus-Impfstoffs von Moderna, die von dem Auftragsfertiger Rovi produziert worden waren, wegen Verunreinigungen aus dem Verkehr gezogen.

Abwärts ging es auch für Juventus Turin. Im ersten Spiel ohne Stürmerstar Cristiano Ronaldo kassierte der italienische Fußball-Erstligist eine 0:1-Niederlage gegen Aufsteiger Empoli. Turin hatte sich vergangene Woche mit dem britischen Club Manchester United auf einen Wechsel des mehrfachen Weltfußballers geeinigt. Juve-Papiere gaben bis zu 3,1 Prozent nach.

 

Europas Börsen wieder auf Rekordkurs – Corona-Sorgen bleiben

Unterstützung komme außerdem von der anhaltend lockeren Geldpolitik der Notenbanken und der Attraktivität von Dividendenpapieren im Vergleich zu Anleihen, sagte Mark Haefele, Chef-Anleger der Vermögensverwaltung der Bank UBS.

Der breit gefasste Index Stoxx600 erreichte am Mittwoch mit 468,45 Punkten den dritten Tag in Folge ein Rekordhoch. Dax und EuroStoxx50 gewannen jeweils rund ein halbes Prozent auf 15.656 beziehungsweise 4138 Punkte. Gleichzeitig fiel die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe auf ein Sechs-Monats-Tief von minus 0,502 Prozent.

Ein weiterer Hoffnungsschimmer seien die fallenden Coronavirus-Fallzahlen in Großbritannien, sagte Andrea Cicione, Chef-Anlagestratege des Research-Hauses TS Lombard. “Das gibt Hoffnung, dass es im Rest Europas ebenso kommt.” In Asien werde die rasche Ausbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante wegen geringer Impfquoten aber zum Problem, warnte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. “Neue Lockdowns würden die bereits bestehenden Engpässe in den Lieferketten noch einmal verschärfen und damit auch die Inflation, die jetzt schon die Gewinnmargen der Unternehmen belastet, anheizen.”

Gespannt warteten Börsianer auf die Beschäftigtenzahlen der privaten US-Arbeitsagentur ADP. Experten rechnen für Juli mit dem Aufbau von 695.000 Stellen. Das entspricht dem Niveau des Vormonats. Die ADP-Zahlen geben einen Vorgeschmack auf die offiziellen Arbeitsmarkt-Daten am Freitag. Von diesen wiederum lassen sich Rückschlüsse auf die Geldpolitik der US-Notenbank Fed ziehen. Deren Chef Jerome Powell hat mehrfach betont, dass sich der US-Arbeitsmarkt noch ein ganzes Stück verbessern müsse, bevor sein Haus die geldpolitischen Zügel wieder anzieht.

HUGO BOSS UND TAYLOR WIMPEY ÜBERZEUGEN MIT ZAHLEN

Am deutschen Aktienmarkt stiegen die Titel von Hugo Boss um bis zu drei Prozent auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 53,46 Euro. In Großbritannien und China erreichte der Absatz des Modekonzerns wieder das Niveau vor Ausbruch der Coronavirus-Pandemie. Außerdem stellte die Firma ein Wachstumsprogramm vor, mit dessen Hilfe der Jahresumsatz bis 2025 auf vier Milliarden Euro verdoppelt werden soll. Die operative Marge solle auf zwölf Prozent steigen.

Mit einem Kursplus von 3,2 Prozent gehörte Taylor Wimpey zur Spitzengruppe des Londoner Auswahlindex FTSE. Dank eines anhaltend starken britischen Immobilienmarktes hob der drittgrößte Eigenheimbauer des Landes seine Ziel für den operativen Gesamtjahresgewinn auf umgerechnet 963 Millionen Euro an. “Taylor Wimpey könnte einer der großen Pandemie-Gewinner werden”, sagte Analystin Laura Hoy vom Brokerhaus Hargreaves Landsdown. Der im Branchenvergleich aggressivere Kauf von Gründstücken werde sich bei einer anhaltend starken Baukonjunktur auszahlen.

COMMERZBANK UND SIEMENS ENERGY ENTTÄUSCHEN

Der erneute Rutsch in die roten Zahlen drückte die Commerzbank dagegen 5,2 Prozent ins Minus. Rechne man die Sonderposten allerdings heraus, liege das operative Ergebnis über den Erwartungen, gab Analystin Martina Matouskova von der Investmentbank Jefferies zu bedenken.

Abwärts ging es auch für Siemens Energy. Die Aktien des Energietechnik-Konzerns waren mit einem Minus von knapp drei Prozent Schlusslicht im Dax. Die Kappung der Margenziele komme zwar nicht überraschend, belaste aber trotzdem, sagte ein Börsianer. Die Tochter Siemens Gamesa sei weiterhin ein Bremsklotz und nicht der erhoffte Wachstumstreiber. Vor diesem Hintergrund erhöhte Siemens Energy den Druck auf das Management des Windkraftanlagen-Bauers. Dessen Aktien stiegen in Madrid um zwei Prozent.

 

Europas Börsen auf Erholungskurs – Allianz auf Talfahrt

“Wenn die Käufer jetzt dranbleiben, ist die Chance für einen Ausbruch nach oben in Richtung Allzeithoch sehr gut”, sagte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets.

Den Dax bremste am Montag allerdings ein Kursrutsch des Index-Schwergewichts Allianz aus. Der deutsche Leitindex hinkte mit einem Plus von 0,1 Prozent auf 15.563 Punkte im europäischen Vergleich hinterher. Der EuroStoxx50 gewann 0,6 Prozent auf 4112 Zähler, während der breit gefasste Stoxx600 mit 465,84 Stellen sogar ein Rekordhoch erreichte.

Während der laufenden Bilanzsaison höben Analysten ihre Prognosen für europäische Firmen erneut kräftig an, schrieben die Anlagestrategen der Bank Morgan Stanley. “Europa erfreut sich der größten Gewinnrevisionen aller Regionen weltweit.” Auch Mark Haefele, Chef-Anleger der Vermögensverwaltung der Bank UBS, sieht die Wirtschaft und Aktienmärkte dank der Erholung von den Folgen der Coronavirus-Pandemie auf einem guten Weg.

CHINA-DATEN DRÜCKEN ÖLPREIS – DROHENDER STREIK TREIBT KUPFER

Nach enttäuschenden chinesischen Konjunkturdaten zweifelten Rohöl-Anleger diese optimistische Einschätzung jedoch an. Die Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um 1,2 Prozent auf 74,52 Dollar je Barrel (159 Liter). Der Einkaufsmanager-Index der chinesischen Industrie lag im Juli nur noch knapp über dem Niveau, das Wachstum signalisiert. Die Volksrepublik sei der Motor der wirtschaftlichen Erholung in Asien, sagte Analyst Edward Moya vom Brokerhaus Oanda. Wenn die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft weiter schwächele, verdüsterten sich die Aussicht für die globale Konjunktur.

Kupfer-Anleger spekulierten dagegen darauf, dass die Regierung in Peking mit zusätzlichen Investitionen gegensteuern werde, sagte Gianclaudio Torlizzi, Partner der Beratungsfirma T-Commodity. Andere Börsianer verwiesen auf mögliche Liefer-Ausfälle, nachdem die chilenische Bergarbeiter-Gewerkschaft im Tarifstreit bei der weltgrößten Mine Escondida das jüngste Angebot des Betreibers BHP zurückgewiesen und sich für einen Streik ausgesprochen hatte. Kupfer verteuerte sich um 0,5 Prozent auf 9777 Dollar je Tonne.

DROHENDE NEUE BELASTUNGEN SETZEN ALLIANZ ZU

Am deutschen Aktienmarkt rückte Allianz ins Rampenlicht. Der Versicherer befürchtet Zusatz-Belastungen in einem milliardenschweren Streit mit US-Fonds, in den sich nun auch das US-Justizministerium eingeschaltet hat. Dies werde den Kurs sicher für längere Zeit belasten, schrieben die Analysten der Bank JPMorgan. Allerdings könne der Konzern dank seiner breiten Geschäftsbasis eventuelle Belastungen aus diesem Streit abfedern. Allianz-Titel steuerten dennoch mit einem Minus von knapp zehn Prozent auf den größten Tagesverlust seit dem Börsen-Crash vom März 2020 zu.

Die Titel von FlatexDegiro brachen zeitweise um gut 17 Prozent ein und verbuchten den größten Kurssturz der Firmengeschichte. Das Kundenwachstum des Online-Brokers habe sich stärker verlangsamt als erwartet, monierte Analyst Frederik Jarchow vom Bankhaus Hauck & Aufhäuser. Gleichzeitig sei die Zahl der abgewickelten Transaktion überraschend deutlich geschrumpft. An den längerfristigen Wachstumsaussichten für die Branche ändere sich dadurch aber nichts.

In London reagierten Investoren erleichtert auf die Geschäftszahlen der HSBC, deren Aktien bis zu zwei Prozent gewannen. “Das Worst-Case-Szenario eines Anstiegs der faulen Kredite ist nicht wahr geworden”, sagte Analystin Susannah Streeter vom Brokerhaus Hargreaves Landsdown. Daher habe die Bank einen Teil ihrer Rückstellungen für diese Risiken auflösen können.

 

China-Sorgen und Amazon-Ausblick belasten Europas Börsen

Außerdem befürchteten sie, dass das Wiederaufflammen der Coronavirus-Pandemie das Wirtschaftswachstum beeinträchtigt, sagte Analystin Susannah Streeter vom Brokerhaus Hargreaves Landsdown. Dax und EuroStoxx50 fielen am Freitag um jeweils rund ein halbes Prozent auf 15.544,39 beziehungsweise 4095,01 Punkte. An der Wall Street gab der Technologie-Index Nasdaq fast ein Prozent nach.

Ungeachtet beruhigender Worte der Regierung in Peking sei das Vertrauen in chinesische Unternehmen angeschlagen, sagte Lewis Grant, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Federated Hermes. “Die Anleger werden sich fragen, worauf sich die chinesischen Regulierungsbehörden als Nächstes konzentrieren werden: Welche Sektoren oder Kapitalquellen bleiben gefährdet?” Insidern zufolge bearbeitet die US-Aufsicht SEC wegen dieser Risiken vorerst keine Anträge chinesischer Firmen auf einen Börsengang an der Wall Street. Der börsennotierte Fonds (ETF) iShares China Large-Cap verlor in den USA weitere 0,7 Prozent.

SCHWÄCHELNDES WACHSTUM SCHICKT AMAZON AUF TALFAHRT

Unterdessen steuerten die Titel von Amazon mit einem Minus von zeitweise gut acht Prozent auf den größten Tagesverlust seit fast sieben Jahren zu. Erstmals seit dem ersten Quartal 2019 habe das Unternehmen die Umsatzerwartungen verfehlt, sagte Analyst Tom Forte vom Research-Haus D.A. Davidson. “Wir glauben, dass die erhöhte Mobilität nach der Aufhebung der pandemiebedingten Beschränkungen einen unerwartet starken Gegenwind erzeugt hat”, erläuterte sein Kollege Brent Thill von der Investmentbank Jefferies. Für das laufende Quartal warnte Amazon vor einer Abschwächung des Wachstums.

Mit Verkäufen reagierten Investoren außerdem auf den Umsatz- und Gewinnrückgang bei Fresenius Medical Care (FMC). Für den Dialyse-Spezialisten sei das abgelaufene Quartal eines zum Vergessen, schrieb Analyst Tom Jones von der Berenberg Bank. Immerhin seien die Zahlen nicht schlechter ausgefallen als befürchtet und die Gründe für die Entwicklung klar. Dialyse-Patienten sterben häufiger an Corona. FMC-Aktien verloren 4,5 Prozent. In ihrem Sog rutschten die Titel der Mutter Fresenius um knapp vier Prozent ab, obwohl der Gesundheitskonzern seine Gesamtjahresziele angehoben hatte.

Aus den Depots flogen auch die Aktien der British Airways-Mutter IAG. Sie fielen um 7,2 Prozent. Der Quartalsverlust der Fluggesellschaft sei zwar im Rahmen der Erwartungen ausgefallen, kommentierte Analyst Gerald Khoo von der Investmentbank Liberum. Die Ausweitung der Kapazitäten auf 45 Prozent im Vergleich zum Vorkrisen-Niveau sei allerdings weniger als erhofft. Damit hinke IAG der Konkurrenz hinterher.

UNICREDIT UND ESSILORLUXOTTICA ÜBERZEUGEN MIT ZAHLEN

Gefragt waren dagegen die Papiere von Unicredit, die sich in Mailand um 3,2 Prozent verteuerten. Der Quartalsgewinn habe dank niedrigerer Rückstellungen für Kreditausfälle deutlich über Markterwartungen gelegen, lobten Analysten. Wichtiger seien derzeit allerdings die Verhandlungen über den Kauf “ausgewählter Teile” der Krisenbank Banca Monte dei Paschi di Siena (BMPS). Es blieben aber noch zahlreiche Fragen offen. Eine sei, ob Unicredit die Übernahme ohne Kapitalerhöhung stemmen könne. BMPS-Aktien gewannen 3,7 Prozent.

In Paris stiegen die Titel von EssilorLuxottica zeitweise auf ein Rekordhoch von 161,86 Euro und lagen am Abend noch 3,7 Prozent im Plus bei 159,68 Euro. Der weltweit größte Brillen-Anbieter kehrte in die Gewinnzone zurück und hob seine Gesamtjahresziele an. Motor dieser Entwicklung sei das boomende US-Geschäft, sagte ein Börsianer.

 

Firmenbilanzen und Fed führen Börsen auf Rekordkurs

Dax und EuroStoxx50 legten am Donnerstag jeweils etwa ein halbes Prozent auf 15.640,47 beziehungsweise 4119,03 Punkte zu. Der breit gefasste Stoxx600 gewann ähnlich stark und markierte mit 464,31 Zählern zeitweise sogar ein Rekordhoch. Gleiches galt für die US-Indizes Dow Jones und S&P 500, die auf bis zu 35.155,18 beziehungsweise 4429,27 Stellen stiegen.

Fed-Chef Jerome Powell zufolge spielt sein Haus zwar eine Drosselung der Wertpapierkäufe durch. Die “substanziellen Fortschritte” am Arbeitsmarkt seien aber noch zu weit entfernt, um mit dem sogenannten Tapering zu beginnen. “Für Investoren sind das gute Nachrichten”, sagte Johannes Mayr, Chef-Volkswirt des Vermögensverwalters Eyb & Wallwitz. Da sich die konjunkturelle Erholung abschwäche, wachse für die Börsen die Bedeutung des Rückenwinds durch die Geldpolitik.

Powell habe keine Überraschungen geliefert, kommentierte Analyst Ricardo Evangelista vom Brokerhaus Activtrades. Er habe allerdings diejenigen enttäuscht, die auf klarere Signale für einen geldpolitischen Richtungswechsel gehofft hatten. Dies drückte den Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, zeitweise auf ein Vier-Wochen-Tief von 91,871 Punkten. Dadurch wurde Gold für Investoren außerhalb der USA attraktiver, weshalb sich das Edelmetall um 1,3 Prozent auf 1830 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) verteuerte.

RENTOKIL UND FORD NACH ZAHLEN IM PLUS

Am Aktienmarkt legten Anleger sich unter anderem Papiere von Rentokil ins Depot. Sie stiegen in London um knapp sieben Prozent. Der Kammerjäger habe dank gestiegener Gewinnmargen einen überraschend hohen Vorsteuergewinn von umgerechnet 228 Millionen Euro gemacht, lobte Analyst James Winckler von der Investmentbank Jefferies.

An der Wall Street gehört Ford mit einem Kursplus von 3,6 Prozent zu den Favoriten. Auf Basis überraschend starker Quartalsergebnisse hob der Autobauer seine Gesamtjahresziele an. Das Unternehmen gehe mit dem allgemeinen Chip-Engpass besser um als noch vor einigen Monaten, lobte Analyst David Whiston vom Research-Haus Morningstar. Außerdem könne es dank seiner Preissetzungsmacht den schwächelnden Absatz ausgleichen.

In Deutschland rückte am Nachmittag Bayer ins Rampenlicht. Der Pharma- und Agrarchemiekonzern stellte wegen Prozessrisiken um den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat weitere 4,5 Milliarden Dollar zurück. Den Kursanstieg der Aktie bremste dies aber nur leicht. Sie schloss 1,3 Prozent im Plus.

GUT, ABER NICHT GUT GENUG

Nicht alle Unternehmen konnten Umsatz- und Gewinnsprünge in Kursgewinne ummünzen. Gut sei für Anleger manchmal nicht gut genug, sagte Aktienhändler Keith Temperton vom Brokerhaus Forte Securities. “Sie wollen durch die Bank Zahlen über Markterwartungen sehen und nicht nur in einigen Bereichen.”

Aus diesem Grund rutschten die Titel von Smith & Nephew trotz eines fast verdreifachten Gewinns um sechs Prozent ab. Börsianer monierten das schwächelnde Geschäft mit künstlichen Hüft- und Kniegelenken bei der britischen Medizintechnik-Firma.

Abwärts ging es auch für die Papiere von Anheuser-Busch, die sich in Brüssel um ebenfalls sechs Prozent verbilligten. Der Umsatz des Brauereikonzerns habe die Erwartungen zwar übertroffen, der Überschuss sei aber dahinter zurückgeblieben, sagten Analysten. Vor allem die operative Gewinnmarge enttäusche.

 

Europas Börsen bleiben trotz Corona-Sorgen auf Erholungskurs

Die rasche Verbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante des Coronavirus dämpfte die Kauflaune der Anleger allerdings etwas. Der Dax stieg am Freitagnachmittag um 0,9 Prozent auf 15.557 Punkte, der EuroStoxx50 kletterte um 1,3 Prozent auf 4042 Zähler. Auch an der Wall Street ging es vorbörslich bergauf. “Es gibt noch immer eine größere Zahl an Investoren, die die Rally unterinvestiert beobachtet haben oder die an der Seitenlinie auf günstigere Einstiegskurse warten”, sagte Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners.

Auf Wochensicht lagen die europäischen Indizes allerdings im Minus. “Offenbar setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass Impfprogramme allein nicht ausreichen, um die Wirtschaft zu ihrer Normalität vor Corona zurückzubringen”, sagte Anlagestratege Jim Reid von der Deutschen Bank. Dennoch sind Impfstoff-Hersteller für die Börsen weiterhin Zugpferde: Investoren griffen am Freitag zu den Titeln von BioNTech, die sich um mehr als vier Prozent verteuerten. Die Biotechfirma und ihr US-Partner Pfizer wollen in den USA, der EU und anderen Ländern die Zulassung für eine Auffrischungsimpfung gegen den Erreger Covid-19 beantragen. Erste Testergebnisse deuteten darauf hin, dass bei einer Auffrischung die Bildung von Antikörpern fünf- bis zehn Mal stärker sei als ohne.

REISEWERTE IM AUFWIND

Gefragt waren europaweit auch Reise- und Tourismuswerte. Deren europäischer Branchenindex gewann 1,6 Prozent, nachdem Großbritannien die Lockerung seiner Einreise-Bestimmungen angekündigt hatte. Das Land will die Quarantäne-Pflicht für vollständig Geimpfte kippen. Dies gab vor allem britischen Fluggesellschaften Auftrieb. EasyJet und die British-Airways-Mutter IAG gewannen jeweils rund zwei Prozent. Der irische Billig-Flieger Ryanair rückte 1,2 Prozent vor. Ein rund 50-prozentiger Anstieg der Auslieferungen bescherte Airbus den größten Kurssprung seit sechs Wochen. Die Aktien des Flugzeugbauers stiegen in Paris um 4,6 Prozent auf 114,02 Euro.

Aktien der dänischen Reederei Moeller Maersk fielen in der Spitze um 3,9 Prozent auf ein Fünf-Wochen-Tief. US-Präsident Joe Biden will bestehende Monopole im Transportsektor aufbrechen und den Wettbewerb auf dem Wasser und der Schiene verbessern. Hierzu sollen Betreiber unter anderem gezwungen werden, ihre Schienennetze für Konkurrenten zu öffnen.

ÖLPREISE STEIGEN – ANGEBOTSENGPASS BEFÜRCHTET

Spekulationen auf einen Angebotsengpass trieben den Ölpreis. Die Sorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich um ein Prozent auf 74,82 Dollar je Barrel. “Der Rückgang der US-Lagerbestände untermauert die Einschätzung, dass die dortige Nachfrage mit Beginn der Sommer-Reisesaison anzieht”, sagt Hiroyuki Kikukawa, Chef-Analyst des Brokerhauses Nissan Securities. Gleichzeitig stagniere die Produktion der US-Schieferölförderer. Das mache Investoren trotz des Streits bei der Opec+ um die Förderquoten optimistisch.

 

Ölpreis-Rally schürt Inflationsangst an der Börse

Dax und EuroStoxx50 büßten am Dienstag jeweils ein knappes halbes Prozent auf 15.613 beziehungsweise 4078 Punkte ein. Gefragt war dagegen Gold, das sich um ein Prozent auf 1810 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) verteuerte. Gleichzeitig kletterte das europäische Inflationsbarometer, der sogenannte Five-Year-Five-Year-Forward, auf ein Zweieinhalb-Jahres-Hoch.

Der Preis für die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee stieg in der Spitze um 0,9 Prozent auf 77,84 Dollar je Barrel (159 Liter), den höchsten Stand seit fast drei Jahren. Die US-Sorte WTI gewann bis zu 2,4 Prozent und war mit 76,98 Dollar so teuer wie zuletzt im November 2014. Ausgelöst wurden die aktuellen Käufe durch die geplatzten Gespräche der Opec+, zu der neben den Mitgliedern des Exportkartells weitere Förderländer wie Russland gehören, über die Produktionsquoten. Damit bleiben Börsianern zufolge die aktuellen Beschränkungen in Kraft. “Es wäre nicht überraschend, wenn sich Brent der Marke von 100 Dollar nähert”, warf Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade ein.

“Der Einfluss der höheren Ölpreise wird vorübergehen”, prognostizierte Anlagestratege Sebastien Galy von der Vermögensverwaltung der Nordea Bank. “In einigen Wochen werden beide Seiten sicher zu einer Einigung kommen.” Denkbar wäre auch, dass sich einige Opec-Mitglieder nicht mehr an die Förderbremse gebunden fühlten und die Produktion rasch hochfahren, sagte Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg.

Der Ölpreis-Anstieg machte Unternehmen aus der Branche für Investoren attraktiver. Der europäische Sektor-Index stieg um bis zu 0,9 Prozent. Der russische Leitindex erreichte sogar ein Rekordhoch.

PERSONALMANGEL GEFÄHRDET ZIELE VON SHOP APOTHEKE

Am deutschen Aktienmarkt steuerten die Titel von Shop Apotheke dagegen mit einem Minus von zeitweise knapp 14 Prozent auf den größten Tagesverlust seit einem knappen Dreiviertel Jahr zu. Die Online-Apotheke habe enttäuschende Quartalsergebnisse vorgelegt und sehe wegen Personalmangels die Gesamtjahresziele in Gefahr, kommentierte Analyst Alexander Thiel von der Investmentbank Jefferies. Offenbar verliere das Unternehmen Marktanteile an den Rivalen Zur Rose. Dessen Aktien fielen in Zürich um 1,3 Prozent.

In London konnten die Titel von Ocado ihre Anfangsgewinne von bis zu vier Prozent nicht halten und gaben rund ein Prozent nach. Der operative Halbjahresgewinn des Online-Supermarkts liege mit umgerechnet 71 Millionen Euro zwar über den Markterwartungen, sagte ein Börsianer. Die Firma mache unter dem Strich aber immer noch hohe Verluste.

Aufwärts ging es dagegen für das Pfund Sterling. Sein Kurs stieg um jeweils etwa 0,2 Prozent auf 1,3853 Dollar beziehungsweise 1,1699 Euro. Die britische Währung profitiere von der geplanten Aufhebung der restlichen Corona-Restriktionen in England zum 19. Juli, sagte Analyst Ricardo Evangelista vom Brokerhaus ActivTrades. “Andere Staaten werden genau beobachten, wie sich das britische Experiment entwickelt.”