Der Himmel über dem Frankfurter Finanzdistrikt, Frankfurt, Deutschland, 18. April,

Wirtschaft im Stimmungshoch – Doch Inflationssorgen bleiben

– von Reinhard Becker und Rene Wagner

Das zeigt die vom Ifo-Institut ermittelte Stimmung in den Chefetagen, die so gut ist wie seit November 2018 nicht mehr. Das Barometer stieg im Juni auf 101,8 Punkte von 99,2 im Mai und damit sogar stärker als von Experten erwartet. “Die deutsche Wirtschaft schüttelt die Corona-Krise ab”, unterstrich Ifo-Präsident Clemens Fuest. Insgesamt sehen die Münchner Forscher die Konjunktur im Aufwind und rechnen für das Frühjahr mit einem Wachstum von 1,3 Prozent, das im Sommer mit 3,6 Prozent noch stärker ausfallen dürfte. “Die deutsche Wirtschaft nimmt weiter Tempo auf”, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe am Donnerstag im Gespräch mit Reuters.

Ein wichtiger Faktor seien die Öffnungen nach dem Lockdown, die viele Dienstleister und den Handel geradezu beflügelt hätten. Auch das von Corona schwer gebeutelte Gastgewerbe sieht Licht am Ende des Tunnels. “Die Lage ist zwar noch schlecht, aber der Optimismus bei Hotels und Gaststätten steigt”, sagte Wohlrabe.

Dank der Ersparnisse aus den Zeiten des Lockdowns könnte bei einigen Verbrauchern das Geld etwas lockerer sitzen, führte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib aus. Die Industrieunternehmen und der Bau hätten schon länger keine Absatzprobleme. Doch knirsche es wegen ausgeprägten Materialengpässen etwas im Getriebe.

Insbesondere der Industrie macht der Preisauftrieb zu schaffen, auch wenn Bundesfinanzminister Olaf Scholz vor überzogener Inflationsfurcht in Deutschland warnt. Waren und Dienstleistungen hatten sich im Mai um durchschnittlich 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat verteuert. Scholz äußerte sich bei RTL/ntv optimistisch, dass die Inflation kein allzu großes Problem werde. Alle Experten, die sich mit der Thematik beschäftigten, sagten zwar, dass es in diesem und im nächsten Jahr Inflation gebe, aber: “viel geringer und ganz normal”, fügte der Kanzlerkandidat der SPD hinzu.

ROHSTOFFENGPÄSSE “GROSSES PROBLEM”

Doch die deutsche Industrie ächzt bereits unter deutlich gestiegenen Kosten. Gründe dafür sind laut dem Industrieverband BDI unter anderem Lieferengpässe bei Halbleiterchips, Kunststoffen, Verpackungsmaterial, Stahl und Metallen. “Wie stark dieses Thema die Konjunkturkennzahlen letztlich negativ beeinflussen wird, das wird sich noch zeigen”, so BDI-Präsident Siegfried Russwurm. Engpässe bei wichtigen Vorprodukten blieben “ein großes Problem”, konstatierte Ifo-Experte Wohlrabe. “Sehr viele Unternehmen wollen wegen der gestiegenen Kosten ihrerseits die Preise erhöhen.”

Auch der Chefökonom des Instituts IHS Markit, Chris Williamson pflichtete bei: Firmen hätten Schwierigkeiten, die Nachfrage zu befriedigen, da sie unter Engpässen sowohl bei Rohstoffen als auch beim Personal litten. “Unter diesen Bedingungen wird die Preismacht der Unternehmen weiter zunehmen, was den Inflationsdruck in den kommenden Monaten unweigerlich steigen lassen wird.”

“Die Materialengpässe in der Industrie werden hoffentlich im Laufe der kommenden Monate nachlassen”, äußerte LBBW-Experte Jens-Oliver Niklasch. Ungeachtet dessen habe in der Wahrnehmung der Märkte derzeit der Anstieg der Inflation die größere Bedeutung. Der Konjunkturaufschwung sei am Markt schon eingepreist, dauerhaft steigende Inflation noch nicht. “Insofern ist die wohl wichtigste Einzelheit beim Ifo, dass viele Unternehmen ihre Preise anheben wollen.”

Doch trotz dieser Sorgen ist die Krisenstimmung weitgehend verflogen. Insbesondere dem Einzelhandel geht es nach den langen Monaten des Lockdowns wieder besser. Das Ifo-Barometer zur aktuellen Lage legte hier so stark zu wie noch nie zuvor. “Das Aufatmen im Einzelhandel ist laut hörbar. Pandemie war gestern, Impffortschritt und Erholung sind heute, lautet die Devise”, kommentierte Chefökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe.