ARCHIV: Ein mikroskopisches Bild von Partikeln des Affenpockenvirus, 18. Mai 2022. Cynthia S. Goldsmith, Russell Regnery/CDC/Handout via REUTERS

Weitere Affenpocken-Fälle in Europa – Forderungen nach Impfungen

Berlin/Wien/London (Reuters) – In mehreren europäischen Ländern sind am Wochenende weitere Fälle der eigentlich auf afrikanische Länder beschränkten Affenpocken-Infektionen festgestellt worden.

In Berlin teilte die Senatsverwaltung mit, zwei Patienten seien in einem stabilen Zustand. Jetzt werde nach Personen gesucht, die Kontakt mit ihnen gehabt hätten. Es sei davon auszugehen, dass in den kommenden Tagen weitere Infektionen registriert werden würden. In Deutschland war der erste Fall am Freitag aus München bekanntgeworden. In Wien erhärtete sich der Verdacht auf einen ersten Fall. Bei dem Patienten seien Pockenviren nachgewiesen worden, berichtete der ORF. Jetzt müsse noch festgestellt werden, ob es sich um Affenpocken handele.

Auch aus Großbritannien, Portugal, Spanien, Italien, Kanada und den USA waren Infektionen gemeldet worden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO teilte am Samstag mit, ihr seien 92 bestätigte und 28 Verdachts-Fälle aus zwölf Mitgliedsstaaten angezeigt worden. US-Präsident Joe Biden erklärte, der Ausbruch sei für jeden Grund zur Sorge: “Wir arbeiten hart daran herauszufinden, was wir tun können.” Affenpocken treten hauptsächlich in Afrika auf, was die gegenwärtigen Ausbrüche ungewöhnlich macht. Zu den Symptomen gehören Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschläge. Die Krankheit verläuft in der Regel mild.

Die WHO erarbeitet derzeit Leitlinien zur Eindämmung der Ausbreitung. Es werde befürchtet, dass die Zahl der Fälle in den Sommermonaten weiter ansteigen könnte, sagte der Chef-WHO-Berater für Infektionsgefahren, David Heymann, im Gespräch mit Reuters. Der Ausbruch der Affenpocken sei aber nicht mit den Anfängen der Coronavirus-Pandemie vergleichbar, da die Krankheit nicht so leicht übertragbar sei. Die WHO gehe davon aus, dass der Ausbruch durch sexuelle Kontakte ausgelöst worden sei.

INFEKTIOLOGE: VOR ALLEM HOMOSEXUELLE MÄNNER BETROFFEN

Der Chef der Infektiologie an der Berliner Charité, Leif Erik Sander, erklärte: “Die Dynamik des aktuellen Affenpockenausbruchs ist ungewöhnlich und muss daher sehr ernst genommen werden, bis die Infektionsketten und Übertragungswege besser charakterisiert und effektiv unterbrochen wurden.” Erfasst worden sei eine Häufung der Affenpockeninfektionen unter Männern, insbesondere nach Sexualkontakt zu anderen Männern. “Da die Infektion durch engen Hautkontakt und möglicherweise auch über Schleimhautkontakt und Tröpfchen übertragen wird, empfehle ich aktuell besondere Vorsicht und Vermeidung von engen ungeschützten Kontakten mit unbekannten Personen”, sagte Sander.

Die “Financial Times” berichtete, das europäische Zentrum für Prävention von Krankheiten habe die EU-Staaten aufgefordert, Pläne für eine Affenpocken-Impfung zu entwickeln. Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) äußerte sich in “Bild-TV” ähnlich: “Ich glaube, es ist schon wichtig, dass wir Impfstoff jetzt auch ordern.” Es gehe nicht um eine Impfpflicht, sondern um die Frage, ob präventiv im Bereich der Kontaktpersonen Impfungen möglich und richtig seien.

Die Union forderte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auf, kurzfristig Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen für besonders gefährdete Personengruppen zu verstärken. “Sollte sich bestätigen, dass besonders viele Infektionen auf ungeschützte sexuelle Kontakte zurückgehen, muss gerade in exponierten Milieus auf das neue Risiko hingewiesen werden”, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Tino Sorge, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland laut Vorabbericht.