ARCHIV: Das Logo des deutschen Automobilherstellers Volkswagen am VW-Hauptsitz in Wolfsburg, Deutschland

Volkswagen bleibt inmitten des Umbruchs stabil

– von Jan Schwartz und Christoph Steitz

Hamburg (Reuters) – Volkswagen bleibt dank der Ertragsperlen Porsche und Audi auf Kurs und treibt den Wandel zu einem Software-basierten Mobilitätsdienstleister voran.

Zwar macht sich Europas größter Autokonzern wegen des Ukraine-Krieges zunehmend Sorgen um die Energieversorgung, das Management bekräftigte am Mittwoch aber die Renditeprognose für 2022. “Ja, wir sind wegen der Bedrohungen hier besorgt”, sagte Konzernchef Herbert Diess mit Blick auf das von der EU geplante Ölembargo gegen Russland. Volkswagen unternehme alles, um möglichst unbeschadet durch die Unsicherheit in der Energieversorgung zu kommen. Im Auftaktquartal verdoppelt sich der Gewinn auf 6,7 Milliarden Euro, auch weil der Wolfsburger Autobauer durch Finanzinstrumente von den hohen Rohstoffpreisen profitierte.

“Unser Konzern hat im ersten Quartal trotz der beispiellosen Herausforderungen, denen sich die Welt durch den schrecklichen Krieg in der Ukraine und die anhaltende Pandemie mit ihren Auswirkungen auf die Lieferketten gegenübersieht, erneut große Widerstandsfähigkeit bewiesen”, erklärte Diess. In den ersten drei Monaten sei es gelungen, die Engpässe bei Halbleitern und Kabelbäumen durch eine Umverteilung zwischen den großen Märkten in Europa, China sowie Nord- und Südamerika abzufedern. Volkswagen sei fest entschlossen, seine weltweite Präsenz auch in einer durch den Krieg zunehmend polarisierten Welt auszuweiten. Die Transformation zu einem nachhaltigen und vollständig digitalen Mobilitätsanbieter schreite voran.

Die von Diess mitverantwortete Software-Schmiede Cariad, Kern des Wandels von Volkswagen, weitete zu Jahresanfang ihren operativen Verlust auf 416 (Vorjahresminus 194) aus. Der Konzern begründete dies mit hohen Kosten für die Softwareentwicklung. Diess kündigte an, Cariad solle ab 2026 profitabel sein.

“EIN BISSCHEN WIE BEI TESLA ODER IT-START-UPS”

Wegen zunehmender Kritik am Fortschritt der Softwareentwicklung wandte sich Cariad-Chef Dirk Hilgenberg in einem Brief an die Mitarbeiter: “Es ist nicht unerwartet, dass nicht alles nach Plan läuft.” Die Größenordnungen der eingeleiteten Veränderungen seien beeindruckend, teilweise “überwältigend”. Verschiedene Medien hatten zuvor über Probleme bei der Softwareeinführung und schlechte Stimmung bei Cariad berichtet, durch die wichtige Konzernprojekte in Verzug gerieten.

Analysten zeigten sich hingegen nicht beunruhigt: “Es ist klar, dass Cariad sehr viel Geld kostet”, sagte Arndt Ellinghorst, Autoexperte von QuantCo. “Ich würde es aber nicht als Verlust bezeichnen, da Cariad momentan noch keinen wirklichen Umsatz ausweist, also kein Profit Center ist.” Kernfrage sei, ob und wann Cariad ein Betriebssystem liefere, dass besser sei als der Wettbewerb. Auch andere Experten führen die roten Zahlen auf hohe Vorlaufkosten zurück. Dies sei beim Aufbau einer neuen Geschäftseinheit nicht zu vermeiden, sagte Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer. “Es ist ein bisschen wie bei Tesla oder IT-Start-ups.”

Diess kündigte an, mit der bevorstehenden Übernahme von Europcar das Carsharing auszuweiten. “Europcar ist eine exzellente Plattform, um zu wachsen.” Der Reiz liege in der Kombination aus der Autoleihe – sowohl kurzzeitig als auch länger – dem Carsharing und Abo-Modellen. Er sprach sich dagegen aus, das Angebot auf Fahrzeuge für den Massenmarkt zu begrenzen. Auch Carsharing-Kunden wollten Premiumfahrzeuge nutzen. Damit beschreiten die Wolfsburger einen anderen Weg als Mercedes-Benz und BMW, die ihre Carsharing-Tochter “Share Now” an die Opel-Mutter Stellantis verkaufen wollen.

Volkswagen messe sich nicht mehr mit Mercedes-Benz, BMW und Toyota, sondern an Tech-Unternehmen wie Tesla, Foxconn, Apple und Uber, sagte Diess.

PORSCHE MIT FABELRENDITE

Während die von Audi angeführte Premiumgruppe den operativen Gewinn auf 3,5 Milliarden Euro mehr als verdoppelte und Porsche mit einer Rekordrendite von 18,6 Prozent fast die Ertragskraft von Tesla erreichte, schlugen die Einschränkungen bei der Bekämpfung der Pandemie in China und die Engpässe in der Halbleiterversorgung bei den auf den Massenmarkt ausgerichteten Marken des Konzerns durch. Der operative Gewinn der in der Markengruppe “Volumen” zusammengefassten Töchter VW, Seat, Skoda und der VW-Transportersparte schrumpfte um ein Drittel auf 0,9 Milliarden Euro. Auch der Lkw- und Bus-Hersteller Traton bekam die Auswirkungen des Ukraine-Krieges in sinkenden Erträgen zu spüren. An den Börsenplänen für Porsche hält Volkswagen trotz der wirtschaftlichen Turbulenzen fest.

(Bericht von Jan C. Schwartz und Christoph Steitz, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)