ARCHIV: Ein Satellitenbild zeigt den Bahnhof und zerstörte Gebäude in Mariupol, Ukraine

Russland verstärkt Angriffe auf Bahnstrecken in der Ukraine

– von Joseph Campbell und Alessandra Prentice und Natalia Zinets

Saporischschja/Kiew (Reuters) – Russland will mit vermehrten Angriffen auf Bahnstrecken das ukrainische Militär vom Nachschub mit westlichen Waffen abschneiden.

Das russische Verteidigungsministerium teilte am Mittwoch mit, die eigenen Streitkräfte hätten sechs Bahnhöfe zerstört, die der Versorgung des ukrainischen Militärs im Osten dienten. Die Stromversorgung sei mit hochpräzisen luft- und seegestützten Waffen bombardiert worden. Nach ukrainischen Angaben verstärkt Russland das Tempo seiner Offensive im Osten. Unterdessen gingen die Versuche weiter, mehr Zivilisten aus der zerstörten Hafenstadt Mariupol zu evakuieren.

Die Angaben des Moskauer Verteidigungsministeriums ließen sich zunächst nicht bestätigen. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Kiew, Oleksandr Motusjanyk, sagte, russische Kampfbomber hätten vom Gebiet über dem Kaspischen Meer aus 18 Raketen abgefeuert, “mit dem Ziel, unsere Transport-Infrastruktur zu beschädigen”. Allein am Dienstag hätten die russischen Streitkräfte fast 50 Luftangriffe geflogen. Davon betroffen sei auch immer wieder das Asowstal-Werk in Mariupol, wo ukrainische Kämpfer und Zivilisten seit Wochen eingekesselt sind. Das russische Militär konzentriert inzwischen seine stärkste Feuerkraft auf den Osten und Süden der Ukraine, nachdem es in den ersten Kriegswochen die ukrainische Hauptstadt Kiew nicht einnehmen hatte können.

Das Ministerium in Moskau teilte weiter mit, 40 militärische Ziele in der Ukraine seien getroffen worden, darunter vier Depots zur Lagerung von Munition und Artilleriewaffen. Die Nachrichtenagentur RIA zitierte den russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit der Warnung, das russische Militär werde Transporte mit Waffen in der Ukraine als Ziele betrachten, die es zu zerstören gelte. Schoigu sagte dem Agenturbericht zufolge auch, die ukrainischen Kämpfer, die sich in dem weitläufigen Azowstal-Stahlwerk in Mariupol verschanzt hätten, würden eingeschlossen gehalten. Präsident Wladimir Putin habe angeordnet, sie sollten hermetisch abgeriegelt werden.

Der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Boitschenko, erklärte im Fernsehen, der Kontakt zu den ukrainischen Truppen in dem Stahlwerk sei abgerissen. Es seien heftige Kämpfe um die letzte Bastion ukrainischer Einheiten in der südostukrainischen Hafenstadt ausgebrochen. Immer noch würden Zivilisten, darunter über 30 Kinder, auf eine Evakuierung aus dem großen Werksgelände warten.

Am Mittwoch sollten mit einem weiteren Buskonvoi Zivilisten aus Mariupol evakuiert werden. Der von den Vereinten Nationen und dem Internationalen Roten Kreuz organisierte Transport sei auf dem Weg in Richtung der von der ukrainischen Regierung kontrollierten Stadt Saporischschja im Nordwesten, sagte der Gouverneur der ostukrainischen Donezk-Region, Pawlo Kyrylenko. Wieviele Busse sich in dem Konvoi befanden oder ob weitere Zivilisten aus dem Asowstal-Stahlwerk evakuiert wurden, sagte Kyrylenko nicht.

BELARUS: MANÖVER KEINE BEDROHUNG

Im Nachbarland Belarus, einem engen Verbündeten Russlands, begannen die Streitkräfte überraschend mit Manövern, um die Kampfbereitschaft zu testen. Die Übung beinhalte die Bewegung einer erheblichen Anzahl von Militärfahrzeugen, was auf öffentlichen Straßen zu Behinderungen des Verkehrs führen könne, teilte das belarussische Verteidigungsministerium mit. Die Übungen stellten keine Bedrohung für die Nachbarstaaten oder die europäische Gemeinschaft im Allgemeinen dar, hieß es in der Mitteilung. Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko hatte am Dienstag mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin gesprochen. Nach offiziellen Angaben besprachen beide Präsidenten unter anderem die russische “Sonderoperation” in der Ukraine, wie es die Regierung in Moskau formuliert.

Russische Truppen waren am 24. Februar in die Ukraine einmarschiert. Inzwischen haben die anhaltenden russischen Bombardierungen mehrere Städte verwüstet. Tausende Zivilisten starben, Millionen sind auf der Flucht. Die Regierung in Moskau bezeichnete die Invasion der Ukraine als Sondereinsatz zur Entmilitarisierung und Entnazifizierung des Nachbarlandes. Westliche Staaten sprechen dagegen von einem Angriffskrieg und Verbrechen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung.

Die EU-Kommission legte deshalb ihren Vorschlag für ein sechstes Sanktionspaket gegen Russland vor. Nach dem Import-Verbot für Kohle soll nun auch ein Aus für die Öl-Einfuhren aus Russland bis Jahresende kommen. Mit einer Übergangsfrist von sechs Monaten sollten Importe von russischem Rohöl gestoppt werden, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Europäischen Parlament in Straßburg. Bis Jahresende soll das Embargo zudem alle raffinierten Öl-Produkte umfassen. Die 27 EU-Mitgliedstaaten müssen dem Vorschlag der Kommission noch zustimmen. Ungarn und die Slowakei hatten bereits Vorbehalte angemeldet. EU-Kreisen zufolge sollen sie durch eine Ausnahmeregelung Öl bis Ende 2023 beziehen können.

(Bericht von Reuters; Geschrieben von Frank Siebelt und Alexander Ratz; Redigiert von Hans Busemann; – Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)