ARCHIV: Die russische Zentralbank, Moskau, 11. Februar 2019. REUTERS/Maxim Shemetov

Russland erhöht nach Sanktionen Zinsen massiv – “Rubel Ramsch geworden”

Moskau (Reuters) – Unter dem Eindruck westlicher Sanktionen stemmt sich Russland mit einer massiven Zinserhöhung und einem eigenen Zahlungssystem gegen die Währungskrise.

Die auch mit Strafmaßnahmen belegte Notenbank hievte den Leitzins am Montag auf 20 von zuvor 9,5 Prozent. Dies sei notwendig, um die Finanz- und Preisstabilität zu unterstützen und die Ersparnisse der Bürger vor Wertverlusten zu schützen. Nach dem Abkoppeln russischer Banken vom internationalen Zahlungssystem Swift bietet Russland nun eine interne Alternative an. Laut Zentralbankchef Elvira Nabiullina können sich mit diesem System auch ausländische Gegenparteien verbinden.

Als Reaktion auf die russische Invasion der Ukraine hatte der Westen eine Reihe russischer Banken von Swift abgeklemmt. Diese Finanzinstitute können ihre Verbindlichkeiten gegenüber vielen ausländischen Gläubigern damit nicht mehr über dieses System begleichen. Laut Nabiullina werden alle Banken ihren Verbindlichkeiten nachkommen. Alle Gelder auf den Konten seien sicher.

Zugleich betonte sie, die Notenbank habe am Montag nicht auf dem Devisenmarkt interveniert. Wer Dollar und Euro zur Stützung des trudelnden Rubels auf den Markt geworfen hat, ließ sie offen. Die EU hatte in der Nacht die angekündigten schwerwiegenden Sanktionen gegen die Moskauer Zentralbank in Kraft gesetzt. Sie umfassen ein Verbot von Transaktionen der Bank in Bezug auf die hohen russischen Währungsreserven in Euro. Zudem wird das Vermögen der Bank in der EU beschlagnahmt.

Der Moskauer Aktienmarkt wurde wegen des Ukraine-Kriegs vorerst geschlossen. Die Zentralbank wird nach eigenen Angaben vor Börsenstart am Dienstag darüber informieren, ob und wann Aktien und Derivate wieder gehandelt werden können.

Der eskalierende Konflikt Russlands mit dem Westen nach dem Einmarsch in die Ukraine brockte der Währung des Landes einen Kurssturz ein. Der Dollar stieg im Gegenzug zeitweise auf ein Rekordhoch von 120 Rubel. Später erholte sich der Kurs der russischen Währung wieder und pendelte sich bei 98 Rubel ein – ein Minus von 18 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Freitag.

“Die äußeren Bedingungen für die russische Wirtschaft haben sich drastisch verändert”, betonte die Notenbank. Heimische Unternehmen sollen zudem 80 Prozent ihrer Deviseneinnahmen verkaufen, verkündeten Zentralbank und Finanzministerium.

Ökonomen zweifeln, ob die Aktionen ausreichen, um die Währung zu stabilisieren. “Die Zinserhöhung der russischen Zentralbank soll Einlagen in Rubel attraktiver machen und die nun einsetzende Kapitalflucht eindämmen”, sagte Ökonom Friedrich Heinemann vom Mannheimer ZEW. Dies werde kaum gelingen: “Russland-Aktiva und der Rubel sind an den Finanzmärkten mit dem russischen Überfall auf die Ukraine schlagartig zu Ramsch geworden.”

Der Wirtschaft zwischen Kaliningrad und Wladiwostok steht laut Ökonomen wegen der westlichen Sanktionen ein Einbruch bevor. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im zweiten Quartal um 20 Prozent fallen, wie die US-Großbank JPMorgan schätzt. Für das Gesamtjahr 2022 wird mit einem Minus von 3,5 Prozent gerechnet. Die Inflationsrate dürfte am Jahresende bei mindestens zehn Prozent liegen.