ARCHIV: Stahlarbeiter in der Friedrich Wilhelms-Hütte (FWH) Stahlguss in Mülheim an der Ruhr, Deutschland, 2. April 2022. REUTERS/Thilo Schmuelgen

Kriegsschock sitzt tief – Wirtschaft blickt pessimistisch in die Zukunft

Berlin/Frankfurt (Reuters) – Der Ukraine-Krieg trübt die Geschäftsaussichten der Wirtschaft deutlich, und Licht am Ende des Tunnels ist noch nicht in Sicht.

Laut der am Freitag in Teilen vorab bekanntgewordenen Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) rechnet ein Drittel der befragten 25.000 Firmen in den nächsten zwölf Monaten mit schlechteren Geschäften. In der Industrie ist der Anteil der Pessimisten mit 37 Prozent noch höher: “Einen solchen Stimmungseinbruch haben wir in der Industrie bislang nur während der Finanzkrise und beim ersten Lockdown 2020 erlebt”, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben laut “Handelsblatt”.

Wie die Zeitung weiter berichtet, rechnet der DIHK für 2022 nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von maximal 1,0 bis 1,5 Prozent. Das arbeitgebernahe Institut IW hat knapp 1,75 Prozent auf dem Zettel. Es erwartet erst für Ende des Jahres oder 2023 eine Konjunkturerholung. Die Verunsicherung bei Firmen und Verbrauchern sei etwa durch Produktionsstörungen und steigende Preise groß, erklärten die Kölner Forscher zu ihrer Prognose.

“DAMOKLESSCHWERT” GAS-LIEFERSTOPP

Lieferschwierigkeiten aufgrund der erneuten Restriktionen in China zeigten, dass die Risiken der Corona-Pandemie längst nicht ausgestanden seien, sagte IW-Direktor Michael Hüther: “Gleichzeitig schwebt über allem das Damoklesschwert eines Gas-Lieferstopps aus Russland.”

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) will Insidern zufolge der Bundesregierung ein Konzept vorlegen, damit im Fall einer Gasnotlage besonders auf den Brennstoff angewiesene Firmen ihren Betrieb aufrechterhalten können. Der Verband wolle die Bundesnetzagentur beraten, die bei einem Mangel an Erdgas entscheiden muss, in welcher Reihenfolge Betriebe weiter beliefert werden oder nicht, sagten mehrere mit den Überlegungen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Deutschland will sich damit für den Fall wappnen, dass Russland seine Lieferungen stoppt. Insbesondere energieintensive Firmen der Stahl-, Glas- oder Chemieindustrie befürchten hohe Schäden für ihre Produktion, die sich auch auf weitere Branchen auswirken könnten.

Der BDI wolle mit seinen Vorschlägen dafür sorgen, dass die Folgen für die Betriebe abgefedert würden, sagten die Insider. Anfang Juni wolle der Lobbyverband der Netzagentur seine Ideen erläutern. Er schlage ein Auktionsmodell vor. Mittelständler schlagen indes Alarm. “Gasverbrauchsrechte per Auktion zu vergeben ist weder fair noch effizient”, sagte der Chefvolkswirt der Organisation “Der Mittelstand.BVMW”, Hans-Jürgen Völz. “Große, finanzstarke Unternehmen haben bei solchen Auktionen eine deutlich höhere Schmerzgrenze als mittelständische Betriebe.” Zugleich spiele der Faktor Energie bei der Produktkalkulation der Firmen eine sehr unterschiedliche Rolle.

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hatte kürzlich sein Vorgehen im Fall einer Gasnotlage beschrieben. Zu den geschützten Kunden gehörten neben Feuerwehr, Krankenhäusern, der Polizei, Schulen, Kitas, Gefängnissen und der Bundeswehr auch alle Privathaushalte mit einem Gasverbrauch von bis zu 10.000 Kilowattstunden Gas im Jahr. Er stellte zudem Kriterien für die Großverbraucher vor. Dazu gehörten die Dringlichkeit der Maßnahme und die Größe des Unternehmens.

(Bericht von Reinhard Becker, Klaus Lauer, John O’Donnell, Christoph Steitz. Redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)