ARCHIV: Die Frankfurter Skyline mit dem Bankenviertel im Hintergrund in Frankfurt, Deutschland

Wirtschaft wächst leicht – Aber trübe Aussicht wegen Krieg

– von Klaus Lauer und Reinhard Becker

Berlin (Reuters) – Trotz Gegenwind von Corona, Lieferengpässen und Ukraine-Krieg ist die deutsche Wirtschaft zum Jahresstart 2022 leicht gewachsen – und hat vorerst eine Rezession abgewendet.

Das Bruttoinlandsprodukt stieg zwischen Januar und März um 0,2 Prozent zum Vorquartal und damit stärker als erwartet, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Deutschland verhalf so auch der Konjunktur im gesamten Euro-Raum zu einem Schub von ebenfalls 0,2 Prozent, denn die Wirtschaft in Frankreich stagnierte und schrumpfte sogar in Italien. Auch wenn die meisten Fachleute mit Wachstum in diesem Jahr rechnen, steht und fällt dies mit dem weiteren Kriegsverlauf und seinen Folgen. “Seit Kriegsbeginn schwebt das Damokles-Schwert ausbleibender Gaslieferungen aus Russland über allem”, sagte KfW-Chefökonomin Fritzi Köhler-Geib. Derweil kletterte die Inflation in der Euro-Zone auf das Rekordhoch von 7,5 Prozent.

Der Ukraine-Konflikt trifft die Wirtschaft just in dem Moment, als Firmen und Verbraucher zu Jahresanfang eigentlich die Folgen der Omikron-Welle und der Lieferprobleme abschütteln wollten. Im ersten Quartal sorgten höhere Investitionen für Schwung, während der Außenhandel bremste, wie die Statistiker erklärten. “Seit Ende Februar beeinflussen die wirtschaftlichen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine die konjunkturelle Entwicklung zunehmend.”

“VOLLE WUCHT DES KRIEGS TRIFFT WIRTSCHAFT AB DEM 2. QUARTAL”

Dennoch verhinderte die deutsche Wirtschaft mit dem leichten Wachstum ein Abrutschen in die Rezession. Denn Ende 2021 war das BIP noch um 0,3 Prozent geschrumpft. Die Konjunktur konnte im ersten Quartal von Corona-Lockerungen und einem leichten Plus bei der Industrieproduktion profitieren, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. “Das zeigt, was im Sommerhalbjahr ohne den Angriffskrieg von Russlands Präsident Wladimir Putin möglich gewesen wäre.” Experte Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen IMK-Institut blick düster nach vorn: “Die volle Wucht des Krieges wird die deutsche Wirtschaft erst in den Zahlen ab dem zweiten Quartal zeigen.”

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sprach von einem wenig verheißungsvollen Start ins Jahr. Der russische Einmarsch in die Ukraine habe zu drastischen Preissprüngen bei Energie und Rohstoffen und zu größter Unsicherheit geführt, vor allem bei der energieintensiven Industrie. “Zusätzlich bedeuten die harten Lockdowns in China zur Eindämmung der Pandemie erneute, massive Störungen in den Lieferketten”, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben.

Die Bundesregierung rechnet für 2022 nach korrigierter Prognose nur noch mit 2,2 Prozent Wachstum. Sollten Gaslieferungen aus Russland aber plötzlich abreißen, sei eine Rezession nicht mehr zu vermeiden, warnte Wirtschaftsminister Robert Habeck vor kurzem.

Im Vergleich zu Ende 2019, dem Quartal vor Beginn der Corona-Krise, hinkte das BIP Anfang 2022 noch 0,9 Prozent hinterher. Nils Jannsen von Kieler IfW-Institut geht davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im Sommerquartal wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

INFLATION TREIBT EZB UM – “ZINSERHÖHUNG IM JULI IST PFLICHT”

Mit Abebben der Corona-Beschränkungen hatten Fachleute fest darauf gesetzt, dass die Verbraucher mit mehr Konsum die Konjunktur ankurbeln. Dieser Wachstumsmotor droht nun aufgrund hoher Inflation auszufallen. Denn die Teuerung in Deutschland kletterte im April auf 7,4 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 1981. Das bremst bereits die Kauflaune. So sackte das GfK-Barometer für das Konsumklima auf den tiefsten Stand seit Beginn der Umfrage Anfang der 1990er Jahre.

Die Rekordinflation im Euro-Raum setzt die Europäische Zentralbank immer stärker unter Druck, ihren jahrelangen Kurs des extrem billigen Geldes zu beenden. Mit Ausbruch des Ukraine-Krieges habe sich der Preisdruck verstärkt und an Breite gewonnen, erklärte Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank: “Eine Zinsanhebung im Juli ist gemessen daran Pflicht. Wir wollen hoffen, dass die Währungshüter dieser Pflicht nachkommen.”