Zwei Euro-Münzen in der Firmenzentrale von Money Service Austria

Deutsche Inflation sinkt – Aber Ende 2021 vier Prozent im Visier

Waren und Dienstleistungen kosteten im Juni wie von Experten erwartet durchschnittlich 2,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in seiner ersten Schätzung mitteilte. Im Mai war die Teuerungsrate mit 2,5 Prozent noch auf den höchsten Stand seit September 2011 geklettert. Ökonomen rechnen mit anziehendem Preisdruck. Denn etwa Kleidung, Übernachtungen und Restaurantbesuche hätten sich merklich verteuert, sagte Commerzbank-Experte Marco Wagner. “In den kommenden Monaten wird die Inflationsrate noch einmal spürbar zulegen und gegen Ende des Jahres fast vier Prozent betragen.”

Experten hatten mit dem leichten Rückgang im Juni gerechnet. “Aber es ist nur eine kleine Atempause im Aufstieg zum Inflationsgipfel”, sagte LBBW-Volkswirt Jens-Oliver Niklasch. “Ab dem kommenden Monat schlägt bei der Berechnung der Inflation der Effekt der Mehrwertsteuererhöhung voll durch.” Ähnlich sieht es DZ-Bank-Chefökonom Michael Holstein: “Bereits im Juli könnte die Drei-Prozent-Marke geknackt werden.” Denn die Preise wurden in der zweiten Jahreshälfte 2020 von der vorübergehend gesenkten Mehrwertsteuer gedrückt – und nun kehrt sich diese Wirkung um. Die Finanzmärkte beobachten die in vielen Regionen gestiegene Inflation sehr genau. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht einen Preisanstieg von knapp unter zwei Prozent als mittelfristig ideal für die Wirtschaft im Euro-Raum.

Inflation bleibe mindestens bis Ende 2021 ein Thema, betonte Niklasch. “Die Frage ist, ob auch darüber hinaus.” Bislang gibt es dafür kaum Anzeichen. “Aber das Risiko wächst derzeit, weil auf den vorgelagerten Stufen die Kosten deutlich zugenommen haben.” Zudem könnte es den Firmen im nächsten Jahr leichter fallen, höhere Preise an Kunden weiterzureichen. “Vieles spricht dafür, dass wir uns auf einen längeren Abschied von der Ära sehr niedriger Inflationsraten einstellen sollten”, sagte auch Friedrich Heinemann vom Mannheimer ZEW-Institut.

Die deutschen Importe haben sich im Mai so stark verteuert wie seit fast 40 Jahren nicht mehr. Die Einfuhrpreise stiegen um 11,8 Prozent binnen Jahresfrist – das größte Plus seit der zweiten Ölpreiskrise im Oktober 1981.

Größter Treiber bei den Verbraucherpreisen war im Juni erneut Energie, die 9,4 Prozent mehr kostete als vor einem Jahr. In Baden-Württemberg etwa kostete Tanken fast 27 Prozent mehr als im Juni 2020 und in Nordrhein-Westfalen (NRW) knapp 24 Prozent mehr. In NRW und Sachsen verbilligten sich Pauschalreisen hingegen um fünf Prozent. Nahrungsmittel verteuerten sich bundesweit um 1,2 Prozent, und Dienstleistungen kosteten 1,6 Prozent mehr.