Credit Suisse-Logo in Zürich, Schweiz, 18. April 2021. REUTERS/Arnd

Archegos-Bericht geht mit Credit Suisse hart ins Gericht

Ein einziger Kunde, der Hedgefonds Archegos Capital, kostete die zweitgrößte Schweizer Bank fünf Milliarden Franken. “Das erste Halbjahr war eine unglaubliche Herausforderung für unsere Bank”, erklärte Konzernchef Thomas Gottstein am Donnerstag. Zusammen mit dem Debakel um den Kollaps eines zweiten Partners, Greensill Capital, wirft der Rekordschaden Fragen auf zu den internen Kontrollen, zur Kultur und zum Management des Instituts. Die Einschätzung einer mit einer Untersuchung des Archegos-Vorfalls betrauten Anwaltskanzlei fällt vernichtend aus.

“Die von der Credit Suisse erlittenen Verluste im Zusammenhang mit Archegos sind das Ergebnis eines grundlegenden Versagens des Managements und der Kontrollen in der Investment Bank der CS und insbesondere in ihrem Prime Services Geschäft”, hieß es in dem von der Bank in Auftrag gegebenen 165-seitigen Bericht von Paul Weiss, Rifkind, Wharton & Garrisson. “Das Geschäft war auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichtet und hat es versäumt, die Risikofreudigkeit von Archegos einzudämmen, ja sie sogar erst ermöglicht.” Anzeichen für betrügerisches, rechtswidriges oder böswilliges Verhalten gebe es aber keine.

Der Hedgefonds hatte sich mit Aktienwetten auf Pump verspekuliert, sein Zusammenbruch erschütterte im März die Wall Street. In dem Zehn-Milliarden-Dollar-Blutbad litt die Credit Suisse viel stärker als andere involvierte Häuser, etwa UBS, Morgan Stanley oder Nomura. Nach einem im Startquartal verbuchten Milliardenschaden kamen im zweiten Quartal weitere 594 Millionen Franken dazu. “Das ist inakzeptabel”, erklärte Gottstein. Anfang Juni habe Bank die letzten diesbezüglich Positionen abgestoßen.

Die Belastung fraß praktisch den gesamten Gewinn in einem Halbjahr auf, in dem sonst günstige Bedingungen herrschten. Unter dem Strich stand ein winziges Plus von einer Million Franken, in der Vorjahresperiode schaffte die Bank noch einen Überschuss von 2,5 Milliarden Franken. Der Gewinn lag unter den Markterwartungen, die Credit-Suisse-Aktie büsste vier Prozent ein. Credit Suisse habe deutlich schlechter abgeschnitten als die vergleichbaren Institute, erklärte Vontobel-Analyst Andreas Venditti. So hatten etwa die Deutsche Bank und die UBS im zweiten Quartal deutlich mehr verdient als erwartet.

NEUN MITARBEITER ENTLASSEN

Kurz vor Archegos sorgte bereits die Not-Abwicklung von zusammen mit Greensill betriebenen Fonds im Volumen von zehn Milliarden Dollar für negative Schlagzeilen. “Wir nehmen diese beiden Ereignisse sehr ernst und sind entschlossen, alle entsprechenden Lehren daraus zu ziehen”, sagte Gottstein. Die Bank hatte mit Wechseln im Top-Management und einer Kapitalerhöhung bereits im Frühling reagiert.

Nun gab das Institut bekannt, dass es im Zusammenhang mit Archegos Maßnahmen gegen insgesamt 23 Personen ergriffen habe, neun Mitarbeiter seien entlassen worden. Zudem habe die Bank Vergütungen im Umfang von rund 70 Millionen Dollar gestrichen. “Wir wollen eine von Verantwortung und Rechenschaftspflicht geprägte Unternehmenskultur entwickeln, in deren Rahmen die Mitarbeitenden grundsätzlich Risikomanager sind, klar wissen, was sie tun müssen, allfällige Bedenken eskalieren und für ihre Handlungen verantwortlich sind”, erklärte der neue Verwaltungsratspräsident Antonio Horta-Osorio.

Credit Suisse litt nicht nur wegen der direkten Verluste unter Archegos. Um sich zu schützen, fuhr die Bank die Risiken im Hedgefonds-Geschäft, aber auch in anderen Teilen der Bank zurück. Das trug dazu bei, dass die Erträge in der Investmentbank im zweiten Quartal um 41 Prozent einbrachen. Weniger Risiko bedeutet für Banken meist weniger Geschäft und damit auch weniger Einnahmen.

Gottstein erklärte, das Institut werde an dieser Politik festhalten, bis die Überprüfung der Strategie abgeschlossen sei. Die Ergebnisse dieser Überprüfung werde der Konzern spätestens Ende des Jahres vorlegen. Nach früheren Aussagen von Insidern stehen etwa weitere Einschnitte im Investmentbanking, ein Verkauf des Asset Managements und eine Reorganisation der Vermögensverwaltung zur Diskussion.

Der Risiko-Abbau führte nicht nur in der Investmentbank zu Bremsspuren. So zogen reiche Privatkunden im Kerngeschäft Vermögensverwaltung im Quartal insgesamt 7,3 Milliarden Franken ab. Die Abflüsse hätten sich auf die Monate April und Mai konzentriert, im Juni habe die Bank bei den Kunden wieder frisches Geld einsammeln können, so Gottstein. Moodys-Analyst Michael Rohr warnte dennoch: “Die Eindämmung des Umsatzrückgangs und die Aufrechterhaltung des zugrunde liegenden Geschäftsmodells werden wichtige Faktoren für die Aufrechterhaltung des aktuellen Kreditprofils und der Ratings sein.”