“Staatenloser” reist mit Kryptowährungen um die Welt

Ralph Bärligea: Christoph Heuermann, Sie haben Ihr Studium in öffentlicher Verwaltung an der Universität Konstanz absolviert und leben jetzt „staatenlos“. Vereinfacht gesagt reisen Sie durch alle Länder der Welt, sind überall und nirgendwo und müssen darum auch legal fast nirgendwo wirklich Steuern zahlen.

Sie lieben erklärtermaßen Kryptowährungen, weil sie ebenfalls unabhängig von der Bevormundung durch Staaten sind und Sie die persönliche Freiheit über Alles schätzen. Aber mal Hand auf‘s Herz. Konnten Ihnen Kryptowährungen auf Ihren vielen Reisen wirklich helfen? Wenn ja, schildern Sie doch bitte mal konkrete Anekdoten aus Ihrer Reise-Praxis.

Oder war das Staatsgeld in Form von Bargeld oder Kreditkarte trotz Inflation und digitaler Überwachung nicht doch einfach praktischer im Alltag? Gibt es Fälle in denen Kryptowährungen praktischer sind und andere in denen Staatsgeld besser ist? Wie und wann konkret setzen Sie Kryptowährungen in Ihrem Leben ein und welche Vorteile haben sie dann davon im Vergleich zu herkömmlichen Zahlungsmitteln?

Christoph Heuermann: Es gibt tatsächlich einige Situationen, in denen Krypto-Währungen bisher sehr nützlich für mich waren. Ich denke etwa an meinem Aufenthalt im Sudan und Südsudan 2019. Direkt davor war ich zudem im Iran unterwegs.

Meine stattlichen Bargeldsummen wurden immer kleiner, da man in genannten Ländern aufgrund von Sanktionen kein Geld am Automaten abheben oder lokal mit deutscher Karte bezahlen kann. Als dann noch mein Flug aus dem Südsudan gestrichen wurde, war ich bankrott in einem der ärmsten Länder der Welt. Zum Glück gibt es aber selbst in solchen Ländern Bitcoin-Nutzer.

Mein Glück war, dass ich diese kannte. Innerhalb von einer Stunde war ich bereits mit neuen Mitteln ausgestattet und konnte noch am gleichen Tag bar bezahlt das Land mit einer anderen Fluglinie verlassen.

In einem anderen Fall wurde meine Visa-Kreditkarte gesperrt, die ich tatsächlich überwiegend zum Geld abheben nutze. Zum Glück habe ich in meinem Portmonee noch einige Krypto-Kreditkarten, die ich eher als Test in der Vergangenheit mal beantragt hatte.

Im Normalfall nutze ich Visa und American Express, weil ich damit als bekennender Meilenoptimierer bessere Boni habe. Hier konnte ich nun aber die bisher kaum genutzte Karte (Xapo) mit einer schnellen Bitcoin-Überweisung direkt aufladen und verwenden.

Mittlerweile gibt es aber ja auch Debitkarten mit attraktiven Boni. Für die Vorteile der schwarzen Crypto.com Debitkarte stake ich doch gerne 350.000 USD für 6 Monate. 8% Cashback ist mehr als konkurrenzlos im Fiat-Markt, auch wenn meine Amex-Umsätze mir schon einige kostenlose First-Class-Flüge mit Emirates beschert haben. Aktuell reichen mir allerdings auch die 5% mit 35.000 EUR Stake völlig aus – neben vielen weiteren Boni. 

Die mir erst kürzlich gelieferte Crypto.com Karte nutze ich daher zunehmend – auch wenn es die ursprüngliche Idee von Bitcoin natürlich konterkariert. 2012 habe ich bereits Burger und Bier in Bitcoin bezahlt – mein teuerstes Dinner im Nachhinein. 10 Jahre später kenne ich leider nicht viel mehr Plätze, wo dies direkt möglich ist.

Krypto ist für mich in seiner puren Form dann eher interessant zur Wertanlage. 99% meiner Krypto-Währungen sind auf einem Hardware-Wallet und gestaked. Sie gehören mir wirklich und nicht einer Bank oder dem Staat. Nur damit kann ich bei der aktuellen Politik und Gesetzgebung ruhig schlafen – trotz der Volatilität, die in meinen Augen aber langfristig nur nach oben zeigen kann.

Ralph Bärligea: Könnten Sie sich vorstellen, dass Kryptowährungen auf Grund der Vorteile, die sie aufgezählt und im Reise-Alltag auch so erlebt haben, einmal staatliche Währungen weitestgehend verdrängen oder ihnen zumindest in bestimmten Sektoren wie dem internationalen Geldtransfer den Rang ablaufen? Schildern Sie bitte, welche Entwicklung Sie hier auf Grund Ihrer Erfahrung warum vorhersehen?

Und werden es wie Gold und Silber unter den Edelmetallen oder US-Dollar und Euro unter den Staatswährungen vor allem die zwei größten Kryptowährungen Bitcoin und Ether sein, die vornehmlich wegen Netzwerkeffekten das Rennen machen oder sehen Sie die Entwicklung differenzierter?

Christoph Heuermann: Die Technologie ist herkömmlichen Geldtransfers sicherlich weit überlegen. Dennoch bringt es mir in den typischen Anwendungsfällen relativ wenig. Wenn ich als Tourist nach Argentinien reise, dann nutze ich dennoch Western Union um mir Geld schicken zu lassen, da ich mich dafür bei Abholung lediglich ausweisen muss.

Um Krypto in Fiat zu wechseln bedarf es meist einer aufwändigeren Verifikation mit lokalem Konto und oft Wohnsitz als Bedingung. Ein weit verzweigtes Filialnetz, das Krypto-Transfers in Cash auszahlt, habe ich auf meinen Reisen bisher noch nie gesehen. 

Ich bin dennoch sehr bullish für den Krypto-Markt allgemein. Man darf nicht vergessen dass die technologische Entwicklung nach 10 Jahren immer noch in den Kinderschuhen steckt und erst langsam die wirklichen Herausforderungen auf technologischer Ebene angegangen werden.

Von Bitcoin und Ethereum halte ich allerdings relativ wenig. Sie haben historisch sicher Großes geleistet, sind für die breite Nutzung durch die Massen aber völlig ungeeignet. Das sture Festhalten an der umweltschädlichen Proof-of-Work-Kryptografie wird den Bitcoin-Maximalisten bald durch staatliche Verbote um die Ohren fliegen. Ethereum ist da sicherlich flexibler, hat aber viele hausgemachte Probleme mit seiner Technologie. Beiden droht zudem die realistische Gefahr von Quanten-Computern. 

Natürlich kann man Krypto nicht per se verbieten. Darin liegt ja genau ihr Reiz. Man kann nur die Fiat-Schnittstellen regulieren oder verbieten oder das stromintensive Mining einschränken.

Bei hochmobilem Kapital wie Kryptowährungen reicht aber ja ein einziges Land auf der Welt aus, das genau dieses Mining ermöglicht und die Fiat-Schnittstelle bietet. Und diesen Staat – und sei es eine kleine Insel –  wird es bei der Billionen-industrie namens Krypto immer geben. El Salvador hat sich als aussichtsreicher Kandidat bereits in Stellung gebracht.

Ein Großteil meiner nicht geringen Krypto-Werte liegt etwa in dem noch recht unbekannten Radix-Projekt, das aber bereits die Entwicklung kurz nach Ethereum gestartet hat. Statt mit einer halbgaren Technologie wie Ethereum viel Reibach zu machen ist Radix aber erst 8 Jahre später überhaupt an die Märkte gekommen und noch längst nicht final abgeschlossen.

Radix löst das Problem der Transaktionsgeschwindigkeit mit potentiell unendlicher Skalierung und vereint diese Skalierbarkeit mit Dezentralität und Sicherheit. Ungelöste Herausforderungen im DeFi-Sektor wie Atomic Composability haben damit endlich einen Abschluss in Aussicht. Radix DLT hat mich so sehr begeistert dass wir mittlerweile eine der erfolgreichsten Masternodes betreiben und bereits eine dezentrale Börse auf Radix-Basis programmieren (Ociswap).

Ralph Bärligea: Noch eine kurze Frage zum Abschluss… An fast allen Flughäfen und größeren Bahnhöfen bemerkt man die Möglichkeit, auch Gold kaufen oder gegen die lokale Landeswährung eintauschen zu können. In Deutschland bietet das vor allem die im genossenschaftlichen Finanzverbund organisierte Reisebank an. Aber spielt Gold auf Ihren Reisen überhaupt noch eine Rolle? Wenn ja, in welchen Situationen? Welche Vorteile bringt Gold in diesen Situationen gegenüber staatlichem Geld und Kryptowährungen für Sie ganz persönlich?

Christoph Heuermann: Habe ich persönlich noch nie gesehen – und finde ich auch unpraktisch. Gold mag ein stabileres Wertaufbewahrungsmittel als Krypto-Währungen sein, aber als Dauerreisender ist es sehr unpraktisch. Da ist mir meine Rolex am Arm deutlich lieber. Die lässt sich im Notfall mit deutlich geringerer Aufmerksamkeit zu deutlich mehr Geld machen als ein Beutel voller Goldmünzen.

Und auch wenn es noch keine wirklich 100 % saubere Lösung für insbesondere dezentrale Stablecoins gibt, kommen einige Projekte dem schon relativ nahe. Und dezentrale Stablecoins – vor allem bald auf Radix-Grundlage – werden mir immer deutlich lieber sein als ein schweres Metall, das diversen wenn auch kalkulierbaren Counterparty-Risiken ausgesetzt ist. Habe ich meinen Private-Key, bin das einzige Risiko ich selbst und mein schlechtes Gedächtnis.

Aber ich habe natürlich nichts gegen Gold – ganz im Gegenteil. Ich bin in Gesellschafter diverser Minen-Firmen und habe auch ein eigenes Projekt in Marokko. Aber meinen Anteil an der Goldförderung nutze ich lieber um das Gold zugunsten von Krypto-Währungen zu verkaufen. Die kann man zwar auch nicht essen, aber es ist eben auch nicht alles nur Gold, was glänzt.