Banken in der EU brauchen zur Erfüllung neuer globaler Regeln noch Kapital

London/Frankfurt (Reuters) – Banken in der EU benötigen zusammen noch über eine Milliarde Euro an zusätzlichen Eigenmitteln, um bis 2028 neue globale Kapitalanforderungen vollständig zu erfüllen.

Wie die EU-Bankenbehörde EBA am Freitag mitteilte, würde mit einer vollständigen Umsetzung der neuen globalen Regeln in der EU die Mindestkapitalanforderungen der Institute im Schnitt um 15 Prozent steigen. Um den neuen Vorschriften zu genügen, bräuchten die Institute 1,2 Milliarden Euro an zusätzlichem Kernkapital (Tier 1). Vor allem kleinere Geldhäuser seien betroffen. Die EBA betrachtete bei dieser Untersuchung der Auswirkungen des Reformpakets eine Stichprobe von 160 Instituten.

Laut EBA verringert sich die Kapitallücke bei den Geldhäusern auf 400 Millionen Euro, falls in der EU geplante Anpassungen der Regeln berücksichtigt werden. Sollten noch weitere Puffer hinzukommen nehme dagegen die Lücke auf 1,4 Milliarden Euro zu. Die globalen Bankenaufseher hatten das sogenannte Basel-III-Reformpaket bereits im Dezember 2017 beschlossen. Insbesondere über die schärferen Kapitalvorgaben war unter dem Stichwort “Output Floor” hart gerungen worden. In der EU ist geplant, dass Banken ab Januar 2025 damit starten, die neuen Vorschriften umzusetzen. Die Übergangszeit soll bis 2033 laufen. Die EU-Kommission hatte im Oktober 2021 ihre Vorschläge zur Umsetzung der Reform vorgelegt. Zur Zeit verhandeln EU-Mitgliedstaaten und das EU-Parlament noch darüber, ob Ausnahmen von einigen Regeln gemacht werden sollen.

Für die deutschen Banken würden laut Bundesbank bei Umsetzung des Vorschlag der EU-Kommission einer Stichprobe zufolge die Mindestkapitalanforderungen nach Ablauf aller Übergangsvorschriften um 11,1 Prozent steigen. Bei Vollumsetzung des Reformpakets würden sie um 16,7 Prozent zunehmen, sollten noch zusätzlich Kapitalpuffer hinzukommen um 19,8 Prozent. “Unsere aktualisierte Auswirkungsstudie zeigt eindrücklich, dass die Auswirkungen aus dem Basel III-Reformpaket für den deutschen Bankensektor verkraftbar sind”, erklärte Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling, der im Führungsgremium der Notenbank für die Bankenaufsicht zuständig ist.

Die Bundesbank wies allerdings darauf hin, dass die Stichprobe nicht repräsentativ ist für die deutsche Branche, da sie von Großbanken dominiert werde. Hochgerechnet für die gesamte Bankenbranche kommt sie bei Umsetzung des EU-Kommissionsvorschlags auf einen Anstieg der Mindestkapitalanforderungen von sieben Prozent nach Ablauf aller Übergangsregeln.

(Bericht von Huw Jones, Frank Siebelt, redigiert von Ralf Banser; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Commerzbank – Prognose ist kein Selbstläufer

Frankfurt (Reuters) – Die Commerzbank sieht angesichts der aufziehenden Rezession das Schlussquartal als das schwierigste Quartal des Jahres an.

“Wir haben noch drei Monate des Geschäftsjahres vor uns. Und die werden rein konjunkturell betrachtet wahrscheinlich die schwierigsten des Jahres werden”, sagte Finanzchefin Bettina Orlopp in einem im Intranet der Bank veröffentlichten Interview, das von Reuters am Freitag eingesehen wurde. “Deshalb ist die Prognose auch kein Selbstläufer.”

Erst vor wenigen Tagen hatte die Commerzbank trotz einer weiteren millionenschweren Ergebnis-Belastung durch die polnische Tochter mBank ihre Prognose bekräftigt. Demnach erwartet das Frankfurter Institut für 2022 weiterhin ein Konzernergebnis von mehr als einer Milliarden Euro. Der Umbau der Bank zahle sich aus, zudem profitiere das Institut von den Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank, sagte Orlopp.

Konzernchef Manfred Knof kündigte an, das Auslandsnetz der Bank an die veränderten Handelskorridore anzupassen. “Zum Beispiel in Nordafrika oder im Nahen und Mittleren Osten, weil das Thema Energiebeschaffung für die deutsche Wirtschaft einen ganz anderen Stellenwert gewinnen wird”, sagte Knof in dem im Intranet veröffentlichten Interview.

(Von Marta Orosz und Tom Sims, geschrieben von Hans Seidenstücker, redigiert von Ralf Banser; Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)

Nach angedrohtem Nato-Veto – Schweden genehmigt Waffenlieferungen an die Türkei

Oslo/Stockholm (Reuters) – Wenige Monate nach dem angedrohten Veto der Türkei zu einem Beitritt Schwedens zur Nato haben die Behörden den Weg für die Wiederaufnahme von Waffenlieferungen an die Türkei freigemacht.

Im dritten Quartal dieses Jahres habe man mit der Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen an die Türkei begonnen, teilte Schwedens Rüstungskontrollbehörde am Freitag mit. Welche Unternehmen und Produkte eine solche Genehmigung erhalten haben, blieb mit Verweis auf Vertraulichkeitsvereinbarungen offen. Generell seien die Lieferungen “unter Berücksichtigung der geänderten verteidigungs- und sicherheitspolitischen Bedingungen” sowie “nach einer umfassenden Prüfung” genehmigt worden.

2019 hatten Schweden und Finnland Waffenlieferungen an die Türkei ausgesetzt, ohne ein formelles Waffenembargo zu verhängen. Grund dafür war der türkische Angriff auf die syrisch-kurdische YPG Miliz in Syrien. Vor wenigen Monaten stellten Schweden und Finnland angesichts der russischen Invasion in der Ukraine einen Antrag zum Nato-Beitritt, für den auch die Stimme der Türkei notwendig ist. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verweigerte dies aber und warf Schweden und Finnland unter anderem vor, kurdische Gruppen zu unterstützen, die die türkische Regierung als Terroristen betrachtet. Bei einem Nato-Gipfel im Juni einigten sich die drei Länder auf Maßnahmen, unter denen die Türkei ihre Zustimmung zusicherte.

(Bericht von Terje Solsvik und Supantha Mukherjee, geschrieben von Nette Nöstlinger, redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

Amerikaner werden wieder spendabler – US-Konsum zieht an

Washington (Reuters) – Trotz der hohen Inflation in den USA geben die Verbraucher wieder mehr Geld aus.

Sie steigerten ihre Ausgaben im August um 0,4 Prozent zum Vormonat, wie das Handelsministerium am Freitag in Washington mitteilte. Von Reuters befragte Volkswirte hatten nur mit einem Plus von 0,2 Prozent gerecht, nach einem Rückgang im Juli von revidiert 0,2 Prozent. Die Verbraucher bilden mit ihren Ausgaben das Rückgrat der US-Wirtschaft, da diese zu mehr als zwei Dritteln zum Bruttoinlandsprodukt beitragen.

Die Finanzmärkte treibt die Sorge um, dass die US-Notenbank Federal Reserve im Kampf gegen die ausufernde Inflation einen zu aggressiven Kurs einschlagen und letztlich eine kräftige Rezession auslösen könnte – also eine Konjunkturschwäche auf breiter Front. Die Fed steht mit ihrer Zinspolitik unter Zugzwang, da die stark steigenden Preise an der Kaufkraft der Amerikaner nagen.

Die Inflation lag in den USA zuletzt bei 8,3 Prozent. Ein Inflationsmaß, das die US-Notenbank Fed ebenfalls bei ihrer Geldpolitik berücksichtigt, sind die persönlichen Ausgaben der Konsumenten. Dabei bleiben Nahrungsmittel- und Energiekosten ausgeklammert, die stark schwanken. Dieser sogenannte PCE-Kernindex zeigt für August eine Jahresteuerungsrate von 4,9 Prozent an. Im Juli waren es revidiert 4,7 Prozent. Experten hatten für August ebenfalls mit 4,7 Prozent gerechnet.

Die Fed treibt wegen der hohen Preissteigerungsrate den Leitzins in großen Schritten nach oben. Unlängst hob sie ihn zum dritten Mal in Folge ungewöhnlich kräftig um einen Dreiviertel-Prozentpunkt an auf die aktuelle Spanne von 3,00 bis 3,25 Prozent.

(Bericht von Lucia Mutikani, geschrieben von Klaus Lauer; redigiert von Hans Seidenstücker – Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Putin verkündet Annexion – Ukraine setzt Offensive in Donezk fort

(Durchgehend neu)

– von Jonathan Landay

Saporischschja/Moskau (Reuters) – Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Annexion der vier ukrainischen Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson verkündet.

“Es gibt vier neue Regionen in Russland”, sagte Putin am Freitag bei einer Rede in Moskau. Er forderte die Ukraine auf, umgehend jegliche militärischen Handlungen einzustellen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Die ukrainischen Truppen kamen unterdessen bei ihre Gegenoffensive in der Region Donezk voran, wie der von Russland eingesetzte Statthalter berichtete. In der strategisch wichtigen Stadt Lyman drohte den russischen Streitkräften eine erneute empfindliche Niederlage, die die Feierlichkeiten in Moskau zum Anschluss von etwa 15 Prozent des ukrainischen Staatsgebietes überschatten würde.

Russlands Statthalter in Donezk, Denis Puschilin, sagte mit Blick auf den Anschluss, die ukrainische Armee “versucht um jeden Preis, uns dieses historische Ereignis zu verderben”. Zur Lage in Lyman sagte er: “Das sind sehr unangenehme Nachrichten, aber wir müssen die Situation nüchtern betrachten und Schlüsse aus unseren Fehlern ziehen.” Russland nahm Lyman, wo vor Ausbruch des Kriegs etwa 20.000 Menschen lebten, im Mai ein. Sollte die Stadt wieder an die Ukraine fallen, wäre der Weg frei bis tief in die übrigen Teile von Donezk, das zusammen mit Luhansk den Donbass bildet. Teile der Gebiete werden bereits seit 2014 von prorussischen Separatisten kontrolliert.

Die Regierung in Kiew äußerte sich am Freitag zunächst nicht zum Kriegsgeschehen in Lyman. Prorussische Blogger berichteten aber, die ukrainischen Truppen hätten Tausende russische Soldaten annähernd eingekesselt und ihnen den Fluchtweg abgeschnitten. Mit Blick auf einen weiteren Vormarsch der ukrainischen Truppen bekräftigte Putin: “Wir werden unser Land mit allen Mitteln verteidigen.”

“IHR MÜSST NICHT IN DER UKRAINE STERBEN”

Bei einem russischen Raketenangriff auf einen Fahrzeugkonvoi am Rande der südukrainischen Stadt Saporischschja gab es nach Angaben der Regionalregierung zahlreiche Tote und Verletzte. “Bisher 23 Tote und 28 Verwundete. Alles Zivilisten”, teilte Gouverneur Olexandr Staruch am Freitag über die Messaging-App Telegram mit. Ein Reuters-Augenzeuge sah auf dem weitläufigen Gelände eines Automarkts Leichen auf dem Boden und in Fahrzeugen liegen. Ein Raketeneinschlag habe in der Nähe zweier Fahrzeugreihen einen Krater verursacht. Steinbrocken und Granatsplitter trafen Autos und Lieferwagen. Die Fahrzeuge seien bepackt gewesen mit Habseligkeiten, Decken und Koffern.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief Minderheiten in ganz Russland dazu auf, sich der Teilmobilmachung des Kremls zu widersetzen. “Ihr müsst nicht in der Ukraine sterben”, sagt Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. Putin werde weiter versuchen, Menschenleben zu vernichten und niemand sei verpflichtet, an einem schändlichen Krieg teilzunehmen. Einer Zählung des Senders BBC zufolge sind bislang mindestens 301 Soldaten aus dem mehrheitlich muslimischen Dagestan im Ukraine-Krieg gefallen. Das wäre die höchste Zahl für eine russische Region und mehr als zehn mal die Zahl der Toten aus Moskau, das eine fünfmal größere Bevölkerung aufweist. Eine offizielle Aufschlüsselung der russischen Verluste liegt nicht vor. Bei Protesten in Dagestan gegen die Teilmobilmachung sind in der vergangenen Woche mehr als 100 Menschen festgenommen worden.

(Reuters-Büros; Bearbeitet von Alexander Ratz; Redigiert von Hans Seidenstücker; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

Lindner verteidigt neuen Abwehrschirm – CDU kritisiert “Schulden-Wumms”

Berlin (Reuters) – Der neue Abwehrschirm gegen die sprunghaft gestiegenen Energiepreise sorgt zumindest teilweise für Unmut.

Bundesfinanzminister Christian Lindner verteidigte die 200 Milliarden Euro schweren Pläne am Freitag im Bundestag als notwendig, weil russische Energielieferungen ausblieben. Die Opposition kritisierte, dass viele Details offen seien, es aber einen “Schulden-Wumms” gebe. In den nächsten Tagen sollen Experten einen Vorschlag zur geplanten Gaspreisbremse vorlegen. Diese dürfte allein nächstes Jahr einen zweistelligen Milliarden-Betrag erfordern. Die Top-Bonität Deutschlands scheint trotz der neuen Schulden vorerst nicht in Gefahr. Der Bundestag beschloss zur Entlastung der Bürger für 18 Monate eine gesenkte Mehrwertsteuer auf Gas und Fernwärme.

Mit den neuen Hilfen soll der Corona-Krisenfonds WSF reaktiviert und gefüllt werden. Regierungssprecher Steffen Hebestreit sagte in Berlin, anders als in der Pandemie werde der WSF jetzt so aufgesetzt, dass auch kleinere Firmen profitieren könnten. Lindner erklärte, das Geld könne nur zweckgebunden eingesetzt werden – für die geplanten Preisbremsen auf Strom und Gas, Hilfen für Unternehmen und insbesondere die Gas-Importeure. “Hinter dem Abwehrschirm bleiben wir solide”, so der FDP-Vorsitzende. Der WSF soll noch dieses Jahr mit Kreditermächtigungen in Höhe von 200 Milliarden Euro ausgestattet werden – weil 2022 wegen der Pandemie und des Krieges in der Ukraine die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse noch ausgesetzt ist. 2023 soll sie dann wieder greifen, was mit einer deutlich verringerten Neuverschuldung einhergehen muss.

Insgesamt bleibe die Finanzpolitik solide, versicherte Lindner. Die temporäre Subvention von Preisen solle Unternehmen Zeit geben, sich anzupassen. Denn die Preise würden nicht mehr auf alte Niveaus fallen. Die Rating-Agentur Moody’s, die die Kreditwürdigkeit Deutschlands bewertet, teilte mit, der Schuldenstand werde dadurch 2023 auf 69,5 Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung steigen und 2024 auf 68,7 Prozent. Das seien gut 2,5 Prozentpunkte mehr als bisher erwartet, sagte Moody’s-Analyst Steffen Dyck. “Vor dem Hintergrund eines Schuldenstands, der niedriger ist als in anderen europäischen Ländern, bleibt der Anstieg in einem klar verkraftbaren Rahmen.” In Großbritannien hatten Pläne der Regierung zur Senkung der Steuern sowie kostspielige Hilfen wegen der Energiepreise zuletzt einen Ausverkauf am Devisen- und Anleihenmarkt ausgelöst.

CDU-Politiker Mathias Middelberg sprach im Bundestag von einem “Schulden-Wumms” – in Anspielung auf den “Doppel-Wumms”, von dem Kanzler Olaf Scholz am Donnerstag gesprochen hatte. Es gebe 200 Milliarden Euro neue Schulden, ohne dass konkrete Details für die Verwendung bekannt seien.

GASPREIS-SUBVENTIONIERUNG DÜRFTE 2023 BIS ZU 37 MRD KOSTEN

Bis Mitte Oktober soll eine Expertenkommission Vorschläge für eine Gaspreisbremse machen. Diese könnte den Staat – je nach konkreter Ausgestaltung – laut Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) 2023 zwischen 15,6 und 36,5 Milliarden Euro kosten. Am günstigsten wäre ein Preisdeckel, bei dem ein subventionierter, also geförderter Grundverbrauch abhängig von der Zahl der Personen im Haushalt gewährt wird. In etwa doppelt so teuer wäre ein Preisdeckel, der als Referenz den Vorjahresverbrauch zu beispielsweise 80 Prozent abdeckt. “Je nachdem, welche Gasmengen bei welchem Preis gedeckelt werden, kann es große Unterschiede geben”, sagte IMK-Direktor Sebastian Dullien.

Knapp die Hälfte der deutschen Haushalte heizt oder kocht mit Gas, das im Winter knapp zu werden droht und womöglich rationiert werden muss. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck mahnte erneut mehr Einsparungen an. “Für die oberen 20 Prozent des normalen Verbrauchs wird man sicherlich die volle Rechnung bezahlen müssen”, sagte der Grünen-Politiker im Deutschlandfunk.

Der Bundestag gab unterdessen grünes Licht für die Mehrwertsteuersenkung auf Gas und Fernwärme. Damit sollen Verbraucher ab Oktober 2022 bis Ende März 2024 mit insgesamt mehr als 13 Milliarden Euro entlastet werden. Der Mehrwertsteuersatz wird von 19 auf sieben Prozent reduziert. Die finanzpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Katharina Beck, sagte, im Idealfall würden die Preise um rund zehn Prozent gedämpft. Die Opposition kritisierte, die Preise würden wesentlich stärker steigen, so dass es am Ende gar keine Entlastung gebe.

(Bericht von Christian Krämer, redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

BaFin schränkt Futures-Handel für Kleinanleger ein

Frankfurt (Reuters) – Die Finanzaufsicht untersagt ab kommendem Jahr Kleinanlegern den Handel mit bestimmten riskanten Finanzderivaten.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) will mit ihrer Allgemeinverfügung Kleinanleger davor schützen, beim Handel mit sogenannten Futures massive Vermögensverluste zu erleiden. Wie die Behörde am Freitag in Bonn mitteilte, geht es dabei um Terminkontrakte, bei denen der Anleger je nach Kursentwicklung zum Ausgleich möglicher Verluste Geld nachschießen muss und damit sein Verlustrisiko erhöht. Ab Januar ist nun die Vermarktung und der Verkauf solcher Produkte an Kleinanleger verboten. Die Aufseher haben sich auf die Fahnen geschrieben, den Verbraucherschutz künftig stärker in den Blick zu rücken.

Futures stehen wegen ihrer Hebelwirkung immer wieder in den Schlagzeilen. Denn bei diesen Finanzprodukten können Kleinanleger mit relativ geringem Einsatz zum Teil sehr hohe Gewinne erzielen. Allerdings können sie auf der anderen Seite auch sehr hohe Verluste erleiden. Denn wenn das investierte Kapital nicht ausreicht, um Verluste auszugleichen, muss der Anleger mit seinem sonstigen Vermögen dafür gerade stehen. Verluste können so das investierte Kapital um ein Vielfaches übertreffen. “Mit ihrer Produktinterventionsmaßnahme stellt die Aufsichtsbehörde sicher, dass sich der Verlust von Kleinanlegern beim Future-Handel auf den Betrag beschränkt, den diese investiert haben”, erklärte die Aufsicht. Die Bafin hatte die Pläne bereits im Februar angekündigt.

Anders als im Februar in Aussicht gestellt soll es aber Ausnahmen geben. So soll für Kleinanleger der Handel mit Futures zu Absicherungszwecken auch künftig unter bestimmten Bedingungen möglich sein. Dabei hat die Aufsicht unter anderem Agrarbetriebe im Blick. Ausgenommen von dem Verbot sind zudem Futures-Kontrakte mit denen Positionen abgewickelt oder geschlossen werden, die noch vor dem Inkrafttreten des Verbots eröffnet worden sind. Die neue Regelung betrifft nicht solche Futures bei denen die Nachschusspflicht vertraglich ausgeschlossen ist. Kleinanleger können bei diesen Kontrakten nur das investierte Geld verlieren. Der Handel mit solchen Futures soll für sie weiterhin möglich sein.

(Bericht von Frank Siebelt; Redigiert von Ralf Banser; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Schweizer Notenbank beendet Ära der Fremdwährungs-Käufe

Zürich (Reuters) – Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat die Epoche mit intensiven Devisenmarkt-Interventionen zur Schwächung des Frankens beendet.

Die Notenbank verkaufte im Zeitraum April bis Juni Devisen im Wert von fünf Millionen Franken, wie aus am Freitag veröffentlichten SNB-Daten hervorging. Seit der Abschaffung der Anbindung an den Euro im Jahr 2015 hatte die SNB insgesamt 353 Milliarden Franken vor allem für den Kauf von Dollar, Yen und Euro ausgegeben, um die Aufwertung der besonders in Krisenzeiten gesuchten heimischen Währung einzudämmen.

Der Ende der Devisenkäufe ist der zweite wichtige Kurswechsel der SNB in kurzer Zeit, nachdem die Zentralbank zuletzt nach fast acht Jahren die Negativzinsen aufgehoben hatte, um die anziehende Inflation zu bekämpfen. “Die SNB agiert nun in einem neuen Umfeld”, sagt Elias Hafner, Devisenstratege der Zürcher Kantonalbank. “Die Bereitschaft der SNB zu Interventionen ist jetzt viel geringer.”

Auf dem Höhepunkt im Jahr 2020 gab die SNB 112 Milliarden Franken aus, um Zuflüsse von Investoren zu verhindern, die durch die Corona-Pandemie verunsichert waren und den Franken mit Käufen in die Höhe trieben. Seitdem hat die Zentralbank ihr Augenmerk jedoch nicht mehr auf den Franken, sondern auf die Bekämpfung der Inflation gerichtet, die im August ein 29-Jahres-Hoch erreichte. Auch wenn die Teuerung im internationalen Vergleich mit 3,5 Prozent bescheiden ausfällt, liegt sie jenseits des Preisstabilitätsziels der SNB von null bis zwei Prozent pro Jahr.

Die höhere Inflation im Ausland hat die Auswirkungen de starken Frankens auf die Schweizer Exportfirmen gedämpft. Gleichzeitig federt die Stärke der Währung die höheren Preise von Importprodukte ab. Die SNB wollte sich nicht zu ihrem Vorgehen an den Devisenmärkten äußern. Präsident Thomas Jordan hatte vergangene Woche allerdings erklärt, dass die SNB den Verkauf von Fremdwährungen in Betracht ziehen würde, wenn sich der Franken abschwächen sollte.

Der Verkauf von Fremdwährungen sei ein “neues Element” in der Vorgehensweise der SNB, erklärte Hafner. Die Zentralbank bevorzuge im derzeitigen inflationären Umfeld eine stärkere Währung. Ökonomen zufolge signalisieren die Devisenverkäufe von fünf Millionen Franken aber nicht eine Stützung des Frankens durch die SNB oder den Beginn des Abbaus der massiven Devisenbestände. “Ich glaube nicht, dass wir diese Verkäufe als geldpolitische Maßnahme interpretieren sollten, da der Betrag zu gering ist, um irgendeine Auswirkung zu haben”, sagte Credit-Suisse-Ökonom Maxime Botteron. Stattdessen könnten die Verkäufe ein Test für die Abläufe bei der SNB sein, sagte er. Ende Juni beliefen sich die Devisenbestände der Notenbank auf 911 Milliarden Franken. Die Wirtschaftsleistung der Schweiz belief sich 2021 auf 732 Milliarden Franken.

(Bericht von John Revill, Michael Shields und Oliver Hirt; redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

Cineworld erwartet schwierige Jahre für Kinobetreiber

Bangalore (Reuters) – Die weltweit zweitgrößte Kinokette Cineworld zeichnet ein düsteres Bild für Kinobetreiber und prognostiziert stagnierende Besucherzahlen für die kommenden Jahre.

Das britische Unternehmen verzeichnete in der ersten Jahreshälfte einen Verlust vor Steuern in Höhe von 364,9 Millionen Dollar nach einem Negativergebnis von 576,4 Millionen im Vorjahr, teilte der Kinoriese am Freitag mit. Die Zahl der Kinobesucher betrug im ersten Halbjahr knapp 83 Millionen und lag damit bei etwa 61 Prozent des Niveaus vor der Pandemie.

Die Branche steht unter Konkurrenzdruck durch Streaming-Plattformen und den damit verbundenen Veränderungen im Verbraucherverhalten, die durch Covid-Lockdowns verstärkt wurden. Zusätzlich zu den branchenweiten Problemen kämpft Cineworld mit hohen Schulden, die das Unternehmen zur Finanzierung der Übernahme von Regal Entertainment im Jahr 2017 aufgenommen hatte. Der Kinobetreiber sieht sich auch mit Schadensersatzforderungen konfrontiert, nachdem es die Übernahme des kanadischen Unternehmens Cineplex im Wert von 1,65 Milliarden Dollar abgeblasen hatte.

Die Nettoverschuldung des Unternehmens, das Anfang September in den USA Insolvenzschutz beantragt hatte, belief sich am 30. Juni auf 8,81 Milliarden Dollar einschließlich Leasingverbindlichkeiten. Die Barreserven gingen auf 131 Millionen Dollar von 354 Millionen zurück.

Im dritten Quartal lag der Ticketverkauf unter den Erwartungen des Konzerns, jedoch zeigt sich Cineworld vor den Premieren von Großproduktionen wie “Black Adam”, “Black Panther: Wakanda Forever” und “Avatar: The Way of Water” für das vierte Quartal optimistischer.

(Bericht von Yadarisa Shabong. Geschrieben von Johannes Toft Thyssen. Redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Siemens Energy erwägt bei Problemtochter Produktions-Auslagerung

Düsseldorf (Reuters) – Der Energietechnikkonzern Siemens Energy erwägt, bei seiner spanischen Problemtochter Siemens Gamesa Teile der Produktion auszulagern.

“Der rapide Hochlauf der Windkraft auf See wird bei den Herstellern hohe Investitionen erfordern”, sagte der Chef von Siemens Energy, Christian Bruch, in einem am Freitag vorab veröffentlichten Interview des Nachrichtenmagazins “Der Spiegel”. Die Hersteller machten allerdings gerade alle Verluste. “Da muss die Frage erlaubt sein, wie viel der Produktion wir noch selbst stemmen können – oder ob wir bestimmte Fertigungsschritte bei Lieferanten bündeln wollen.” Auch in der Autoindustrie machten die Hersteller längst nicht mehr alles selbst. Noch sei Siemens Gamesa eine eigenständige Firma, die Siemens Energy nur zu zwei Dritteln gehöre. “Deshalb wollen wir die Minderheitsanteile zunächst komplett übernehmen und die Firma dann von der Börse nehmen.”

Die spanische Tochter schreibt seit Jahren Verluste, die auch die Bilanz des Mutterkonzerns belastet. Mehrfach wurde die Führung von Siemens Gamesa ausgetauscht. Am Donnerstag hatte das Unternehmen angekündigt, 2900 der weltweit 27.000 Stellen zu streichen, darunter 300 in Deutschland. Der Jobabbau soll spätestens 2025 abgeschlossen sein.

(Bericht von Tom Käckenhoff. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)