Konjunktursorgen drücken Stimmung der Anleger

Frankfurt (Reuters) – Aus Furcht vor einem Rückschlag für die Konjunktur durch stark steigende Zinsen und eine drohende Energiekrise fassen Anleger europäische Aktien nur mit spitzen Fingern an.

Dax und EuroStoxx50 fielen am Mittwoch um jeweils etwa ein Prozent auf 12.834,96 beziehungsweise 3522,16 Punkte. Der US-Standardwerteindex Dow Jones bröckelte um 0,1 Prozent ab.

Kopfschmerzen bereitete Börsianern die ungebremste Inflation in der Euro-Zone, die im August ein Rekordhoch von 9,1 Prozent im Jahresvergleich erreichte. “Besonders besorgniserregend ist der Anstieg der Kerninflation”, sagte Analystin Susannah Streeter vom Brokerhaus Hargreaves Landsdown. Dies sei ein Signal, dass der Teuerungsdruck hartnäckiger werde. Daher könnte die Europäische Zentralbank (EZB) gezwungen sein, trotz einer drohenden Energiekrise die Zinsen in der kommenden Woche kräftig zu erhöhen. Bei der Kerninflation werden die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel herausgerechnet.

EURO UND BUNDESANLEIHEN AUF TALFAHRT

Wegen der Aussicht auf steigende Zinsen trennten sich Bond-Investoren erneut von bereits gehandelten, niedriger verzinsten Papieren. Dadurch steuerte die zehnjährige Bundesanleihe mit einem Kursminus von mehr als sechs Prozent seit Anfang August auf den größten Monatsverlust seit 19 Jahren zu.

Die US-Notenbank werde bei ihrer Sitzung Ende September den Leitzins ebenfalls um 0,75 Prozentpunkte anheben, sagte Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. Dies habe Fed-Chef Jerome Powell mit seinen jüngsten Äußerungen klargemacht. Daran änderte auch der verlangsamte Jobaufbau in den USA nichts. Der privaten Arbeitsagentur ADP zufolge lag das Plus im August bei 132.000 neuen Stellen. Die Zahlen geben einen Vorgeschmack auf die offiziellen Daten am Freitag, die als entscheidend für die Geldpolitik der Fed gelten.

GASPREIS AUF BERG- UND TALFAHRT – ÖL UND KUPFER BILLIGER

Nervös machte Börsianer außerdem die Abschaltung der wichtigen Pipeline “Nord Stream 1”. Sie rätseln, ob und wie viel Erdgas Russland nach Abschluss der Wartungsarbeiten wieder in Richtung Deutschland schickt. “Die Zwischenerfolge bei der Befüllung der Speicher können nichts daran ändern, dass Gas ein knappes Gut bleiben wird – mit entsprechenden Konsequenzen für die Wirtschaftsaktivität und die Energiepreise”, sagte Commerzbank-Analystin Esther Reichelt. Der europäische Erdgas-Future fiel nach zwischenzeitlichen Gewinnen von bis zu fünf Prozent bis zum Abend um 13 Prozent auf 234 Euro je Megawattstunde.

Bei Rohöl und den Industriemetallen waren Rezessionsängste die bestimmenden Faktoren. Sie würden neben den Spekulationen um Zinserhöhungen von enttäuschenden chinesischen Konjunkturdaten geschürt, sagte Analyst Tamas Varga vom Brokerhaus PVM. Die Ölsorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um 2,4 Prozent auf 96,90 Dollar je Barrel (159 Liter) und Kupfer um 0,9 Prozent auf 7790 Dollar je Tonne.

GAZPROM MIT KURSSPRUNG – USA BOOSTERN BIONTECH-KURS

Bei den Aktienwerten sorgte Gazprom mit einem Rekord-Kurssprung von zeitweise mehr als 35 Prozent für Aufsehen. Der staatliche russische Gaskonzern hatte dank sprudelnder Gewinne erstmals eine Zwischendividende angekündigt. Die westlichen Sanktionen im Energiebereich müssten als gescheitert betrachtet werden, sagte Anlagestratege Jürgen Molnar vom Brokerhaus RoboMarkets. “Nicht nur, dass das Unternehmen seine Waren einfach an jemand anderen verkauft, an den für Deutschland steigenden Preisen verdienen sich die Russen eine goldene Nase.”

Gefragt waren auch die Titel von BioNTech und Moderna, die an der Wall Street zeitweise jeweils mehr als zwei Prozent zulegten. Die US-Gesundheitsbehörde ließ die speziell auf die aktuell vorherrschende Omikron-Variante angepassten Coronavirus-Impfstoffe der beiden Biotechfirmen zu. Die Papiere des BioNTech-Partners Pfizer rückten bis zu ein Prozent vor.

(Bericht von Hakan Ersen, redigiert von Birgit Mittwollen. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

USA lassen Omikron-Booster von BioNTech/Pfizer und Moderna zu

Frankfurt (Reuters) – In den USA sind die Auffrischungsimpfungen von BioNTech und Pfizer sowie von Moderna gegen die derzeit vorherrschenden Omikron-Varianten zugelassen worden.

Die USA-Gesundheitsbehörde FDA gab am Mittwoch grünes Licht für die Vakzine, die sowohl auf die Varianten BA.4/BA.5 als auch auf den ursprünglichen Virusstamm zugeschnitten sind. Der Booster von Moderna wurde für Erwachsene ab 18 Jahren genehmigt, während der angepasste Impfstoff von Biontech/Pfizer im Rahmen der Notfallzulassung ab zwölf Jahren eingesetzt werden kann.

Die FDA hatte die Impfstoffhersteller im Juni dazu aufgefordert, die Impfungen auf die beiden Untervarianten BA.4/BA.5 abzustimmen, die für den jüngsten Anstieg der weltweiten Corona-Infektionen verantwortlich sind. Die Subvariante BA.5 ist derzeit für mehr als 88 Prozent der Infektionen in den USA verantwortlich. In der Europäischen Union dürften dagegen wohl zuerst Booster gegen die Omikron-Variante BA.1, die im vergangenen Winter für einen massiven Anstieg der Infektionen gesorgt hatte, zugelassen werden. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat eine Sondersitzung für Donnerstag geplant, auf der die Zulassungsanträge für die entsprechenden Auffrischungsimpfungen von Biontech/Pfizer und Moderna besprochen werden sollen. Großbritannien hatte den BA.1-Booster von Moderna Mitte August als weltweit erstes Land genehmigt.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte angekündigt, dass in Deutschland in den zwei Wochen ab dem 5.September die ersten insgesamt 14 Millionen Impfdosen mit den angepassten Auffrischungsimpfungen von Biontech/Pfizer und Moderna ausgeliefert werden sollen. Er rechnet mit einer Zulassung beider Booster durch die EU-Kommission am 1. oder 2. September. Sollte die EU-Kommission Ende September oder Anfang Oktober dann auch den an die Virusvarianten BA.4/BA.5 angepassten Impfstoff zulassen, werde Deutschland von Biontech/Pfizer ebenfalls “sehr zügig” mit einer ersten Tranche von 9,5 Millionen Dosen beliefert, hieß es in Schreiben Lauterbachs an die Beteiligten der Impfkampagne.

Noch gibt es keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission zu den angepassten Omikron-Auffrischungsimpfungen. Die Stiko empfiehlt inzwischen eine vierte Impfung für alle Menschen ab 60 Jahren. Nach Angaben Lauterbachs beschäftigt sich die Stiko derzeit aber “sehr intensiv” mit den Studiendaten der angepassten Impfstoffe mit dem Ziel, zeitnah zu einer aktualisierten Empfehlung zu kommen.

(Bericht von Patricia Weiß, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

EU will kein generelles Visa-Verbot für Russen

Prag/Berlin (Reuters) – Die Europäische Union sieht von einem generellen Einreiseverbot für Russen vorerst ab, setzt aber ein Abkommen für eine erleichterte Visa-Vergabe vollständig aus. Darauf verständigten sich die Außenminister der 27 Mitgliedstaaten bei Beratungen am Mittwoch in Prag, wie der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell mitteilte. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock warb bei dem Treffen für ein solches Vorgehen. Einige EU-Staaten wie etwa die baltischen Republiken forderten ein komplettes Einreiseverbot für alle Russen.

Dagegen sprach sich neben Deutschland auch Frankreich aus. Baerbock machte das Argument geltend, dass die EU regimekritische Russen nicht im Stich lassen dürfe. Mit dem Aussetzen des Abkommens für erleichterte Visa werden Anträge von Russen künftig eingehender geprüft und die Gebühren dafür steigen. Dann können die EU-Staaten jeweils vor Erteilung einer Einreise-Erlaubnis auch in Erfahrung bringen, welche Nähe ein Antragsteller zur Regierung in Moskau hat. Neben den Balten hatten auch Finnland, Dänemark und die Niederlande ein komplettes Einreiseverbot gefordert.

Auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba forderte von der EU ein Ende der Visa-Vergabe. “Die Zeit der halben Maßnahmen ist vorbei”, erklärte Kuleba in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur Reuters. Ein solches Verbot sei angemessen, da die Mehrheit der Russen den Angriffskrieg gegen die Ukraine unterstütze. “Nur eine harte und konsequente Politik kann zu Ergebnissen führen.” Er schlug zudem eine Sonderregelung für russische Soldaten vor, die nicht mehr in der Ukraine kämpfen wollten. Die Botschaft solle lauten: “Rette dich und geh. Legt die Waffen nieder, ergebt euch den ukrainischen Streitkräften und erhaltet die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen.”

“AUF UNSEREN GESELLSCHAFTLICHEN FRIEDEN ABGESEHEN”

Am Rande der Beratungen in Prag schlugen Deutschland und Frankreich eine Neuausrichtung der Russland-Politik der Europäischen Union vor. “Die harte Wahrheit ist: (Präsident Wladimir) Putins Russland wird absehbar eine Bedrohung für Frieden und Sicherheit bleiben”, schrieb Bundesaußenministerin Baerbock auf Twitter. “Daher werbe ich mit Frankreich für eine Neuausrichtung der EU-Russland-Politik.”

Konkret nannte Baerbock vier Punkte: Erstens dürfe es kein Nachlassen in der Reaktion auf den russischen Angriffskrieg geben, “weder bei der Unterstützung der Ukraine noch bei Sanktionen”. Dies sei “kein Selbstzweck, sondern Ausdruck dafür, dass Brutalität und Regelbruch Konsequenzen haben”. Zweitens müsse die europäische Wehrhaftigkeit gestärkt werden. “Putin hat es auf unseren gesellschaftlichen Frieden abgesehen”, mahnte Baerbock. Gebraucht würden neue Technologien und Ausrüstung. Aber auch die Gesellschaft müsse “auf allen Ebenen resilienter werden”.

Drittens müsse die EU ihre Partnerschaften weltweit stärken, vor allem im globalen Süden. “Auf sie zielt Putins Propaganda – hier will er seinen Einfluss ausdehnen”, erklärte Baerbock. “Wir hören ihnen zu, bieten verlässliche Partnerschaften und faire Investitionen.” Viertens dürfe sich Europa nicht abwenden von der russischen Zivilgesellschaft, die nicht “Putins Würgegriff” überlassen werden dürfe. “Mut findet oft im Kleinen statt: am Küchentisch, dem Arbeitsplatz, im Bus”, betonte Baerbock. “Wir unterstützen die, die sich gegen das Regime stellen.”

All dies werde Putins Weltbild nicht ändern. “Aber im Falle des größten Bruchs mit internationalen Regeln muss die EU Farbe bekennen”, forderte Baerbock. “Europa ist ein Riese, wenn wir solidarisch zusammenstehen.”

(Bericht von Sabine Siebold, Robert Muller, Alexander Ratz; Redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Snapchat reagiert mit Stellenabbau auf lahmendes Wachstum

Dallas (Reuters) – Der Foto-Messengerdienst Snapchat verzeichnet ein für das Unternehmen historisch niedriges Umsatzwachstum und setzt deshalb bei den Arbeitsplätzen die Axt an.

Das Umsatzplus im dritten Quartal weise mit bislang acht Prozent wohl den geringsten Zuwachs in der Geschichte des Unternehmens seit dem Börsengang 2017 aus, wenn sich der Trend verstetigen sollte, erklärte Evan Spiegel, Chef des Snapchat-Mutterkonzerns Snap, in einer öffentlichen Mitteilung an die Beschäftigten. Das Netzwerk aus Kalifornien – bekannt dafür, dass Nachrichten und Fotos nach dem Empfang wieder gelöscht werden – hatte in der Vergangenheit ein rasantes Wachstum verzeichnet. Doch das hat sich geändert. Snap wolle nun ein Fünftel der Stellen streichen und seine Werbe-Abteilung umbauen. Zum Jahresende 2021 beschäftigte das Internet-Unternehmen über 5600 Menschen.

Die Werbeausgaben sinken angesichts anziehender Inflation, steigenden Zinsen und der Sorgen um einen wirtschaftlichen Abschwung – dies trifft den auf Werbe-Einnahmen angewiesenen Konzern Snap. Auch bei anderen Internet-Riesen steht das Werbegeschäft für einen Großteil der Einnahmen, Snap gilt deshalb als einer der Indikatoren für die Entwicklung der Branche. Snap müsse sich auf das neue Marktumfeld einstellen, mahnte Spiegel.

(Bericht von Sheila Dang, bearbeitet von Matthias Inverardi, redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bittean unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Rekord-Inflation im Euro-Raum von 9,1 Prozent – Was macht die EZB?

(Entfernt übeflüssiges Wort im ersten Satz.)

– von Frank Siebelt und Reinhard Becker

Frankfurt/Berlin (Reuters) – Die Inflation im Euro-Raum ist erstmals seit Einführung der Gemeinschaftswährung über die Marke von neun Prozent gesprungen.

Damit dürfte der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) noch größer werden, im Kampf gegen die Teuerung auf ihrer nächsten Sitzung am 8. September mit einer massiven Zinserhöhung gegenzusteuern.

Die Verbraucherpreise stiegen im August angetrieben durch hochschießende Energie- und Lebensmittelpreise binnen Jahresfrist um 9,1 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat am Mittwoch auf Basis einer Schnellschätzung mitteilte. Experten hatten 9,0 Prozent erwartet, nach 8,9 Prozent im Juli.

Sorgen dürfte der EZB zudem bereiten, dass sich auch der zugrundeliegende Preisdruck im August nochmals verstärkt hat. Die sogenannte Kerninflation, in der schwankungsreiche Preise für Energie und unverarbeitete Lebensmittel herausgerechnet sind, erhöhte sich auf 5,5 Prozent nach 5,1 Prozent im Juli. Dies zeigt an, dass der Teuerungsschub inzwischen immer weitere Bereiche der Wirtschaft erfasst hat.

“Die europäischen Währungshüter haben es versäumt, rechtzeitig den Hebel herumzulegen. Nun hinken sie der Teuerungsentwicklung hinterher”, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Es liege auf der Hand, dass von der EZB ein klares Signal des Gegensteuerns kommen müsse. “Die EZB sollte im September um 75 Basispunkte erhöhen.” Auch Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank, fordert dies: “Sie sollte dem Beispiel der US-Notenbank folgen und ihre Leitzinsen am kommenden Donnerstag um 0,75 Prozentpunkte erhöhen.”

Die EZB hatte im Juli im Kampf gegen die Inflation die Zinswende eingeleitet. Sie hob dabei die Schlüsselsätze – anders als vorher in Aussicht gestellt – um kräftige 0,50 Prozentpunkte an. Der Leitzins liegt damit aktuell bei 0,50 Prozent. Es war die erste Zinsanhebung seit über elf Jahren. Seitdem haben sich die Inflationsaussichten weiter verschlechtert. Nach Einschätzung vieler Volkswirte könnte die Inflation im Euro-Raum in den kommenden Monaten sogar auf über zehn Prozent steigen.

Hinter dem abermaligen Inflationsschub im August stehen vor allem gestiegene Energiepreise in Folge des Ukraine-Kriegs. Energie verteuerte sich binnen Jahresfrist um 38,3 Prozent. Im Juli lag die Zuwachsrate allerdings noch bei 39,6 Prozent. Für Lebensmittel, Alkohol und Tabak mussten Verbraucher einen Kostenanstieg von 10,6 Prozent verkraften. Industriegüter ohne Energie verteuerten sich um 5,0 Prozent, Dienstleistungen um 3,8 von 3,7 Prozent.

NAGEL FORDERT KRÄFTIGEN ZINSSCHRITT

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel fordert angesichts der Rekordinflation ein energisches Gegensteuern der EZB. “Wir brauchen im September eine kräftige Zinsanhebung”, erklärte er. Es sei es dringend notwendig, dass die EZB auf der September-Sitzung entschlossen handele. “Andernfalls könnten sich die Inflationserwartungen dauerhaft über unserer Zielmarke von zwei Prozent festsetzen.” Estlands Notenbankchef Madis Müller und der Notenbank-Gouverneur der Niederlande, Klaas Knot, hatten sich bereits am Dienstag dafür ausgesprochen, auch einen Zinsschritt von 0,75 Prozentpunkten zu diskutieren. Am Wochenende hatten EZB-Direktorin Isabel Schnabel und Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau auf dem Geldpolitik-Symposium der US-Notenbank in Jackson Hole für kraftvolle und signifikante Schritte argumentiert.

Damit dürfte kommende Woche auf der Zinssitzung eine Entscheidung zwischen einer Anhabung um 0,5 oder 0,75 Prozentpunkten anstehen. An den Börsen sind 0,50 Prozentpunkte bereits fest in den Kursen eingerechnet, wobei auch einem noch größeren Schritt eine hohe Wahrscheinlichkeit eingeräumt wird.

(Redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

Wartung von Nord Stream 1 beginnt Mittwochfrüh

Moskau/Frankfurt (Reuters) – Ab Mittwochfrüh bis Samstagfrüh soll kein russisches Gas durch die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland fließen.

Die Röhre werde von Mittwoch, 03.00 Uhr deutscher Zeit bis Samstag, 03.00 Uhr deutscher Zeit wegen Wartungsarbeiten geschlossen, hieß es am Dienstag auf der Energie-Informationsplattform Seeburger. Gazprom hatte vor fast zwei Wochen angekündigt, die Gaslieferungen vom 31. August bis zum 2. September wegen Wartungsarbeiten zu unterbrechen.

Vor der Gazprom-Mitteilung hatte am Dienstag bereits der Betreiber der Gaspipeline mitgeteilt, dass ab Mittwochfrüh 02.00 Uhr keine Kapazitäten für Lieferungen per Nord Stream 1 gebucht wurden. Russland macht technische Probleme durch die westlichen Sanktionen gegen das Land verantwortlich, während etwa Deutschland und Frankreich Russland vorwerfen, die Gasversorgung als Kriegswaffe einzusetzen.

(Bericht von Sabine Wollrab und Hans Seidenstücker, redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Lindner verspricht Bürgern wuchtiges Entlastungspaket

Berlin (Reuters) – Bundesfinanzminister Christian Lindner verspricht den Bürgern vor dem Hintergrund der sprunghaft gestiegenen Energiekosten spürbare Entlastungen.

“Wir brauchen ein wuchtiges Paket für Entlastungen in der ganzen Breite der Gesellschaft”, sagte der FDP-Vorsitzende am Mittwoch im brandenburgischen Schloss Meseberg, wo das Kabinett zwei Tage in Klausur war. An dem Entlastungspaket werde gearbeitet. “Diese Arbeiten werden wir bald abschließen”, sagte Kanzler Olaf Scholz (SPD) bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Lindner und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne).

Lindner sieht im Haushalt für 2022 noch Spielräume für Entlastungen im einstelligen Milliardenbereich. Das gehe unter anderem auf die Steuereinnahmen zurück, die stärker sprudeln als erwartet. “Im nächsten Jahr sind die Spielräume größer. Da haben wir ja schon Vorsorge getroffen.” Gesamtstaatlich, inklusive der Länder, sei ein zweistelliger Milliardenbetrag drin. Die ersten beiden Entlastungspakete, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine geschnürt wurden, hatten ein Volumen von zusammen mehr als 30 Milliarden Euro. Teilweise kommen die Maßnahmen noch, andere wie der Tankrabatt und das 9-Euro-Ticket liefen am Mittwoch (31. August) aus. Der Krieg hat die Inflation massiv angeheizt – vor allem über Energie und Lebensmittel.

Für das dritte Entlastungspaket liegen zahlreiche Vorschläge auf dem Tisch – etwa Einmalzahlungen und ein höheres Kindergeld sowie die Anpassung des Steuersystems an die hohe Inflation. Eine Finanzierung über eine sogenannte Übergewinnsteuer, die krisenbedingte Gewinne von Unternehmen zusätzlich abschöpfen würde, lehnt Lindner weiter ab. Hierfür müssten hohe Hürden gelten. In anderen europäischen Ländern gebe es in der Praxis zudem Probleme. “In Italien etwa gibt es bereits 20 Klagen.” Das sei sicherlich kein Allheilmittel.

(Bericht von Christian Krämer, Andreas Rinke und Alexander Ratz, redigiert von Hans Seidenstücker. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Nahles – Arbeitsmarkt trotz höherer Arbeitslosenzahl robust

Nürnberg (Reuters) – Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im August auf über 2,5 Millionen gestiegen.

“Trotz der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten ist der Arbeitsmarkt robust”, sagte die neue BA-Vorstandschefin Andrea Nahles am Mittwoch in Nürnberg bei der Bekanntgabe der Zahlen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit gehe vor allem auf die Erfassung der ukrainischen Geflüchteten in den Jobcentern zurück. Mittlerweile seien dort 398.000 Geflüchtete im erwerbsfähigen Alter erfasst. Davon seien 38.000 in sozialversicherungspflichtigen Jobs und rund 11.000 in Minijobs. Auf dem Ausbildungsmarkt klafft derweil eine große Lücke zwischen Lehrstellenangebot und Bewerbenden.

“Gemessen daran, wie groß derzeit die Belastungen und Unsicherheiten sind, ist die Arbeitsmarktentwicklung insgesamt weiter sehr gut”, sagte Nahles. “Der außergewöhnlich starke Anstieg der Arbeitslosigkeit in diesem Monat hängt im Wesentlichen mit der Fluchtmigration infolge des russischen Angriffskrieges zusammen.” Laut BA stieg die Arbeitslosenzahl von Juli auf August um 77.000 auf 2,547 Millionen. Die Arbeitslosenquote legte um 0,2 Punkte auf 5,6 Prozent zu. Eine höhere Arbeitslosigkeit ist für den August üblich, bevor mit dem Ende der Sommerferien und dem Beginn des neuen Ausbildungsjahres der Herbstaufschwung einsetzt. Saisonbereinigt stieg die Arbeitslosigkeit laut BA um 28.000 auf 2,497 Millionen.

ZAHL DER AUSBILDUNGSBEWERBENDEN SINKT WEITER

Ein gemischtes Zwischenfazit zog Nahles vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres. Positiv sei, dass nach zwei Jahren des Rückgangs die Zahl der angebotenen Lehrstellen wieder zugelegt habe um vier Prozent auf derzeit 519.500. Davon sei ein gutes Drittel noch unbesetzt. Die Zahl der Ausbildungsbewerbenden sei dagegen weiter gesunken, um drei Prozent auf noch 407.600. Davon seien 19 Prozent noch unversorgt. Nahles appellierte an die jungen Leute, einen Ausbildungsberuf in den Blick zu nehmen. “Es gibt tatsächlich gute Perspektiven, dass man heutzutage mit dem eingeschlagenen Weg als Handwerker am Ende sogar mehr verdient, als wenn man einen Bachelorstudiengang macht”, sagte Nahles.

Für die frühere Bundesarbeitsministerin und Ex-SPD-Chefin war es die erste monatliche Arbeitsmarktbilanz, die sie nach ihrem Amtsantritt als BA-Chefin vorstellte. In ihrer neuen Rolle wolle sie sich mit politischen Meinungen zurückhalten, sagte Nahles: “Ganz klar. Das ist nicht die Aufgabe der BA. Da müssen Sie dann nach Berlin gucken. Und da gibt es dann die Meinungen. Wir machen die Sachen dann praktikabel und setzen sie um.”

(Bericht von Reuters-TV; geschrieben von Holger Hansen; redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Bewertungsverluste bremsen NordLB im Halbjahr – 90 Mio Verlust

– von Klaus Lauer

Berlin (Reuters) – Trotz anziehender Geschäfte bleibt die Norddeutsche Landesbank (NordLB) im ersten Halbjahr in den roten Zahlen.

Von Januar bis Juni belaufe sich der Vorsteuerverlust auf 90 Millionen Euro, teilte die Hannoveraner Bank am Mittwoch mit und bestätigte damit einen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters. Grund dafür seien negative Bewertungseffekte rund um Pensionsverpflichtungen wegen der steigenden Zinsen am Kapitalmarkt. NordLB-Chef Jörg Frischholz betonte jedoch, operativ laufe es gut bei der Bank. Der Manager verwies auf steigende Zins- und Provisionsüberschüsse sowie auf ein Plus bei neuen Krediten von über 70 Prozent auf rund zehn Milliarden Euro. “Die gute Neugeschäftsentwicklung gibt uns Rückenwind für die kommenden Monate.”

Rückendeckung trotz des Verlustes erhielt der seit Januar amtierende Vorstandsvorsitzende vom Mehrheitseigner Niedersachsen, der die Bank nach dem Umbau auf Kurs sieht. “Der deutliche Zuwachs beim Neugeschäft zeigt, dass die Neuausrichtung funktioniert und das Geschäftsmodell trägt”, sagte Landesfinanzminister und NordLB-Aufsichtsratschef Reinhold Hilbers. Bei der Finanzierung erneuerbarer Energien leiste die NordLB einen wichtigen Beitrag zur Energiewende. Abgesehen von den negativen Bewertungseffekten belegten die Zahlen, “dass die Bank auf dem richtigen Weg ist”.

Die Bewertungseffekte hatten der NordLB bereits im ersten Quartal einen Vorsteuerverlust von revidiert 99 (nach Steuern: revidiert 78) Millionen Euro eingebrockt. Allein zwischen April und Juni konnte die Bank allerdings trotz der schwächelnden Konjunktur und der Unsicherheit wegen des Ukraine-Kriegs und der Gas-Krise einen Nachsteuergewinn von 15 Millionen Euro einfahren. Ein Insider sagte, für das Gesamtjahr 2022 halte das Management an dem Ziel fest, das Ergebnis aus dem vergangenen Jahr übertreffen zu wollen. Die Bank bestätigte dies. Frischholz erklärte, die Neuausrichtung der Bank sei erfolgreich. “Dies wird sich perspektivisch auch in unseren zukünftigen Ergebnissen deutlicher niederschlagen.”

Der Zinseffekt zeigt sich vor allem im Ergebnis aus der sogenannten Fair-Value-Bewertung. Dies habe sich negativ in der Gewinn- und Verlustrechnung auswirkt, aber zugleich das Eigenkapital der Bank entlastet, erklärte die NordLB. So habe sich das bilanzielle Eigenkapital von 5,8 Milliarden Euro Ende 2021 nun auf 6,2 Milliarden Euro erhöht.

Die NordLB ist auf Schrumpfkurs, nachdem sie Ende 2019 wegen fauler Schiffskredite von ihren Eignern mit 3,6 Milliarden Euro gerettet werden musste. Das Institut wird künftig kleiner und trennt sich vom Schiffsgeschäft. Die Zahl der Beschäftigten soll auf rund 3000 etwa halbiert werden.

(Bericht von Klaus Lauer; redigiert von Myria Mildenberger; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

SAP findet neuen Finanzchef bei Airbus – Dominik Asam kommt

Berlin (Reuters) – Der Softwarekonzern SAP holt seinen neuen Finanzchef vom europäischen Flugzeugbauer Airbus.

Dominik Asam werde ab dem 7. März 2023 das Finanzressort bei dem Dax-Konzern übernehmen, teilte SAP am Mittwoch mit. SAP-Aufsichtsratschef Hasso Plattner verwies auf die Erfahrung Asams in führenden Positionen bei Airbus, Infineon, Siemens und Goldman Sachs. “Somit ist er genau die richtige Besetzung, um die erfolgreiche Cloud-Transformation bei SAP weiter voranzutreiben.” Airbus-Chef Guillaume Faury sagte, Asam habe mit seinem Team zur soliden Entwicklung bei Airbus beigetragen. Der 53-Jährige hatte vor seiner Zeit bei Airbus acht Jahre lang bis 2019 das Finanzressort beim Münchner Halbleiterhersteller Infineon verantwortet.

Der Wechsel bei SAP ist nötig geworden, weil der langjährige Finanzchef Luka Mucic im März nach 26 Jahren im Unternehmen seinen Abschied verkündet hatte. Mucic werde aber noch bis zum 31. März 2023 bei SAP arbeiten, hieß es nun. SAP hatte erst 2020 den Vertrag des 1971 geborenen Managers um weitere fünf Jahre bis Ende März 2026 verlängert. Der gebürtige Kroate gehörte seit Juli 2014 dem SAP-Vorstand an und damit länger als jedes andere Mitglied. Seine berufliche Laufbahn begann er bereits 1996 in der Rechtsabteilung von SAP.

SAP-Chef Christian Klein sagte, die Expertise von Asam im globalen Finanzwesen und in der Technologie passten perfekt zur Strategie und dem Portfolio von SAP. Klein hat dem Walldorfer Softwarekonzern eine Neuausrichtung auf die Cloud verschrieben. Zuletzt senkte SAP wegen der Kosten für den Rückzug aus Russland und Belarus die Gewinnprognose. Das Cloud-Geschäft brummt dagegen. Die Umstellung komme schneller voran als geplant, sagte Klein bei der Vorlage der Halbjahreszahlen. Seit Jahresanfang hat die Aktie jedoch rund ein Drittel an Wert verloren.

(Bericht von Christina Amann, redigiert von Hans Seidenstücker. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter Berlin.Newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder Frankfurt.Newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)