Bilanzen drängen Konjunktursorgen der Anleger in Hintergrund

Frankfurt (Reuters) – Starke Firmenbilanzen locken erneut Anleger in die europäischen Aktienmärkte. “Vor Beginn der Berichtssaison hatten sich viele Leute Sorgen gemacht, dass eine Rezession kommt und ob die Firmen die Erwartungen erfüllen können”, sagte Rachel Winter, Parterin beim Vermögensverwalter Killik & Co.

Dax und EuroStoxx50 stiegen am Freitag um jeweils 1,5 Prozent auf 13.484,05 beziehungsweise 3707,31 Punkte. Ersterer legte in den vergangenen Wochen insgesamt 5,5 Prozent zu und verbuchte seinen größten Kursgewinn in einem Juli seit sechs Jahren. Für Letzteren war es mit einem Plus von mehr als sieben Prozent der beste Juli seit 2009. Der US-Standardwerteindex Dow Jones rückte am Freitag 0,3 Prozent vor.

AMAZON UND APPLE HELLEN ANLEGERSTIMMUNG AUF

Stimmungsaufheller waren unter anderem die Zahlen von Amazon. Der Online-Händler übertraf mit seinem Umsatz für das abgelaufene Quartal und den Erlös-Zielen für das laufende Vierteljahr die Markterwartungen. “Amazon beweist, dass die Starken auch im schwierigsten Umfeld überleben können”, sagte Analystin Laura Hoy vom Brokerhaus Hargreaves Landsdown. Die Aktien des Unternehmens stiegen an der Wall Street um bis zu 12,6 Prozent, so stark wie zuletzt vor einem halben Jahr. In ihrem Windschatten rückten der deutsche Online-Händler Zalando 6,5 Prozent und der Index für den europäischen Einzelhandel zwei Prozent vor.

Gefragt waren auch die Papiere von Apple, die sich um 2,6 Prozent verteuerten. Der iPhone-Anbieter überraschte mit seinen Ergebnissen ebenfalls positiv und sieht eine ungebrochene Nachfrage nach seinen Smartphones. Das kräftige Wachstum der vergangenen Quartale werde sich wegen der Inflation und der drohenden Rezession in den kommenden Monaten aber abschwächen, warnte Abhinav Davuluri vom Research-Haus Morningstar.

Diesseits des Atlantik gehörten BNP Paribas, BBVA und NatWest mit Kursgewinnen von bis zu 8,4 Prozent zu den Favoriten. Alle drei Banken konnten ihre Gewinne steigern. “Die Bankenbilanzen sind wegen der gestiegenen Zinsen stark”, sagte Killik-Expertin Winter. “Diejenigen mit einem Handelsgeschäft profitieren zudem von der hohen Volatilität an den Märkten.”

KONJUNKTURSORGEN BLEIBEN IN DEN HINTERKÖPFEN

Komplett vertreiben konnten die Geschäftszahlen von Amazon & Co die Konjunktursorgen der Börsianer aber nicht. So stagnierte die deutsche Wirtschaft im Frühjahr. Wegen der drohenden Energiekrise rücke eine Rezession immer näher, warnte Robert Greil, Chef-Anlagestratege des Bankhauses Merck Finck. “Wir rechnen vor allem für den Winter mit einem spürbaren Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung.”

Gleichzeitig steigt die Inflation in der Euro-Zone von Rekordhoch zu Rekordhoch. “Auch wenn sich EZB-Chefin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz noch nicht klar zu einem erneut großen Zinsschritt bekennen wollte, im September führt kein Weg an einer Zinserhöhung um 50 Basispunkte vorbei”, sagte Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank.

Am Rohölmarkt zog der Preis für die Sorte Brent aus der Nordsee um weitere 2,8 Prozent auf 110,18 Dollar je Barrel (159 Liter) an. Insidern zufolge wird die Opec+ bei ihren Beratungen in der kommenden Woche wohl auf eine Erhöhung der Fördermengen verzichten. Das Exportkartell werde höchstens eine moderate Anhebung diskutieren.

Beim Erdgas entspannte sich die Lage dagegen. Der europäische Future fiel um gut sechs Prozent auf 193,35 Euro je Megawattstunde, nachdem er in den vergangenen Tagen zeitweise um rund 40 Prozent auf ein Vier-Monats-Hoch von 222,50 Euro geklettert war. Weitere größere Kursrückgänge seien wegen der gedrosselten Exporte Russlands aber nicht zu erwarten, sagte Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch. “Im Falle eines vollständigen Lieferstopps droht ein weiterer Preissprung.”

(Bericht von: Hakan Ersen, redigiert von Birgit Mittwollen. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Selenskyj – Getreideexporte beginnen “heute oder morgen”

Odessa (Reuters) – Die Ukraine steht nach Worten ihres Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bereit für die ersten Getreidetransporte über das Schwarze Meer seit Kriegsbeginn.

Gewartet werde auf Startsignale von der Türkei und den Vereinten Nationen (UN), die Lieferungen könnten seitens der Ukraine “heute oder morgen” beginnen, sagte Selenskyj nach einem Besuch am Schwarzmeerhafen Tschornomorsk am Freitag. 17 Schiffe mit fast 600.000 Tonnen Getreide an Bord stehen nach Angaben des Präsidialamtes bereit zur Ausfahrt. In den Schwarzmeerhäfen von Odessa und Tschornomorsk seien alle notwendigen Vorbereitungen getroffen worden, sagte der ukrainische Infrastrukturminister Olexander Kubrakow. Bis Ende der Woche sollte auch der Hafen von Piwdennyj startklar sein.

Tschornomorsk liegt südlich von Odessa, wo nur wenige Stunden nach einer Vereinbarung zwischen der Ukraine und Russland über die Aufnahme von Getreideexporten russische Raketen im Hafen eingeschlagen waren. Die beiden Kriegsparteien hatten vor einer Woche unter Vermittlung der UN und der Türkei das Abkommen unterzeichnet, nach dem die Blockade der Transporte aufgehoben werden soll.

In den ukrainischen Schwarzmeerhäfen stecken seit Beginn des Krieges Ende Februar Millionen Tonnen Getreide fest. Mit der Wiederaufnahme der Lieferungen soll der weltweite Anstieg der Lebensmittelpreise gedämpft werden und eine Hungerkrise – die laut UN 47 Millionen Menschen vor allem im Nahen Osten und Afrika bedroht – vermieden werden. Auf die Ukraine und Russland entfielen vor dem Krieg rund ein Drittel der weltweiten Getreide-Exporte.

Die Ukraine hatte ihre Häfen am Schwarzen Meer zur Verteidigung vermint. Russland wiederum hat ukrainische Häfen besetzt oder blockiert. Mit dem Abkommen soll eine sichere Passage durch Minenfelder, besetzte Gewässer und schließlich durch den Bosporus ins Mittelmeer möglich werden.

(Bericht von Max Hunder und Yesim Dikmen, geschrieben von Nette Nöstlinger und Birgit Mittwollen, redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

Inflation im Euro-Raum schießt hoch auf neues Rekordniveau

– von Frank Siebelt und Reinhard Becker

Frankfurt (Reuters) – Der Energiepreis-Schub infolge des Ukraine-Kriegs treibt die Inflation im Euro-Raum auf immer neue Höchststände.

Die Verbraucherpreise kletterten im Juli binnen Jahresfrist um 8,9 Prozent zum Vorjahresmonat, wie das Statistikamt Eurostat am Freitag mitteilte. Damit hat sich die Teuerung nach dem bisherigen Rekordniveau von 8,6 Prozent im Juni nochmals verstärkt. Volkswirte hatten dagegen erwartet, dass die Inflation nicht weiter ansteigt. Im Mai hatte die Teuerung bei 8,1 Prozent gelegen, im April bei 7,4 Prozent. Der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte nun zunehmen, die Zinsen auf ihrer nächsten Zinssitzung erneut kräftig anzuheben.

“Der Euro-Raum hat ein tiefgreifendes Inflationsproblem”, merkte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer zu den Zahlen an. Die EZB solle daher entschieden gegensteuern und ihren Leitzins auf den kommenden Sitzungen um jeweils einen halben Prozentpunkt erhöhen.” Sie kann es sich mit Blick auf die hohe Inflation nicht leisten, auf die Konjunktur Rücksicht zu nehmen”, erläuterte er. Ähnlich äußerte sich Alexander Krüger, Chefvolkswirt bei der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank: “Die Inflationslage bleibt bis auf Weiteres ernst.” Das Umfeld für einen großen Zinsschritt der EZB im September festige sich, so Krüger. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank merkte an: “Die Aufgabe der EZB ist noch lange nicht beendet.” Im September führe kein Weg an einer Zinserhöhung um 0,50 Prozentpunkte vorbei.

Die Euro-Wächter um Notenbankchefin Christine Lagarde haben wegen des massiven Inflationsschubs bereits die Zinswende eingeleitet. Sie stemmten sich am Donnerstag vor einer Woche bei ihrer ersten Zinserhöhung seit elf Jahren mit einem unerwartet kräftigen Schritt gegen die Teuerungswelle. Sie setzten den Leitzins gleich um einen halben Prozentpunkt auf 0,50 Prozent herauf. Die Zinsanhebung fiel damit doppelt so stark aus wie ursprünglich in Aussicht gestellt. Manche Währungshüter haben schon weitere kräftige Anhebungen ins Auge gefasst.. Die nächste Zinssitzung findet am 8. September in Frankfurt statt.

ZUGRUNDELIEGENDER PREISDRUCK ERHÖHT SICH

Dabei dürfte die Notenbank auch im Blick haben, dass sich der zugrundeliegende Preisdruck im Juli weiter verstärkt hat. Die sogenannte Kerninflation, in der schwankungsreiche Preise für Energie und unverarbeitete Lebensmittel herausgerechnet sind, erhöhte sich laut Eurostat deutlich auf 5,0 Prozent. Im Juni hatte sie noch bei 4,6 Prozent gelegen. Zudem zieht der Preisauftrieb inzwischen immer größere Kreise. VP-Bank-Ökonom Gitzel wies darauf hin, dass auch außerhalb des Bereichs von Energie und Lebensmitteln Waren nochmals deutlich teurer geworden sind. Industriegüter verteuerten sich um 4,5 Prozent nach 4,3 Prozent im Juni. Die Preise für Dienstleistungen stiegen laut Eurostat im Juli um 3,7 Prozent, nach einem Plus von 3,4 Prozent im Juni.

Größte Inflationstreiber waren wie schon in den Vormonaten die Preise für Energie und Lebensmittel. So schossen im Juli die Preise für Energie zum Vorjahr um 39,7 Prozent in die Höhe. Unverarbeitete Lebensmittel verteuerten sich um 11,0 Prozent. Nach Einschätzung der Commerzbank-Volkswirte wird die Inflation frühestens im Herbst den Höchststand erreichen. Sie rechnen damit, dass die Energiepreise wegen des Ukraine-Kriegs weiter hoch bleiben werden. Durch die andauernden Material- und Lieferengpässe habe sich die Produktion der Unternehmen verteuert. Dies werde mittlerweile in immer größerem Umfang an die Verbraucher weitergegeben.

Daniel Hartmann, Chefvolkswirt des Schweizer Bankhauses Bantleon erwartet, dass die Inflation im September den Höhepunkt bei gut 9,5 Prozent ereichen wird. Darin wird sich Hartmann zufolge auch das Herausfallen des 9-Euro-Tickets und das Ende des Tankrabatts in Deutschland niederschlagen. EZB-Vize Luis de Guindos geht davon aus, dass die Euro-Notenbank in den nächsten Monaten mit einer Kombination aus schwachem Wachstum und hoher Inflation konfrontiert sein wird.

(Redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Deutsche Wirtschaft lahmt – “Rezession wird immer wahrscheinlicher”

– von Reinhard Becker und Frank Siebelt

Berlin (Reuters) – Angesichts der Folgen des Ukraine-Krieges stottert der deutsche Konjunkturmotor.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte im Frühjahr gegenüber dem Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit einem kleinem Plus von 0,1 Prozent gerechnet. Deutschland bildet in Sachen Wachstum unter den vier größten Volkswirtschaften der Euro-Zone nunmehr das Schlusslicht. Denn das BIP legte in Frankreich (plus 0,5 Prozent), Italien (plus 1,0) und Spanien (plus 1,1 Prozent) zu. In der Wirtschaft wachsen unterdessen hierzulande die Sorgen vor einer Talfahrt.

“Mit der BIP-Stagnation im zweiten Quartal wird eine Rezession immer wahrscheinlicher”, warnte Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Den Firmen setzen die Folgen des Ukraine-Kriegs, ein langfristig andauernder Gasmangel und die Auswirkungen der Covid-Pandemie zu. Die Risiken für die deutsche und europäische Konjunktur durch fehlende Energierohstoffe bleiben laut dem BDI sehr hoch: “Die Reduzierung russischer Gasexporte besorgt uns.”

Auch DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben ist skeptisch: “Die Zeichen stehen auf Stagnation. Es könnte aber noch schlimmer kommen.” Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sprach jüngst von der “größten Energiekrise in Deutschland” – ausgelöst durch die starke Abhängigkeit von Russland. Die offene Frage, ob Moskau den Gashahn gänzlich zudrehen könnte, drückt auf die Stimmung. Insbesondere den Industrieunternehmen treibt dies laut dem Münchner Ifo-Institut die Sorgenfalten auf die Stirn, weil Planungen für die kommenden Monate immer schwieriger würden.

TOURISMUSBOOM STÜTZT WACHSTUM IN MITTELMEERLÄNDERN

Anfang des Jahres war die Wirtschaft hierzulande allerdings weit besser gelaufen als gedacht: Destatis revidierte das BIP-Plus für das erste Quartal auf 0,8 Prozent von zunächst genannten 0,2 Prozent nach oben. Gestützt wurde die Konjunktur im zweiten Quartal vor allem von den privaten und staatlichen Konsumausgaben, während der Außenbeitrag das Wirtschaftswachstum dämpfte. “Die schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit anhaltender Corona-Pandemie, gestörten Lieferketten, steigenden Preisen und dem Krieg in der Ukraine schlagen sich deutlich in der konjunkturellen Entwicklung nieder”, erklärten die Wiesbadener Statistiker.

Mit den jüngsten Zahlen werde klar, dass sich die Wirtschaft in einer Stagflation befinde – also stagnierender Wirtschaftsleistung bei hoher Inflation, meint DZ Bank-Experte Jan Holthusen. Die hohe Inflation und die Angst vor einer Gaskrise hätten die Stimmung der Verbraucher und Unternehmen einbrechen lassen, ergänzt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: “Das Rezessionsrisiko steigt.”

Gegen eine Rezession spricht aus Sicht des Ökonomen Nils Jannsen vom IfW Kiel, dass sich der private Konsum noch aus den seit Beginn der Pandemie hohen zusätzlichen Ersparnissen speisen kann und bei den privaten Haushalten nach den eingeschränkten Konsummöglichkeiten weiterhin Nachholbedarf bestehe. Zudem verfügen die Unternehmen über hohe Auftragsbestände, die es ihnen erlauben auch bei einer vorübergehenden Auftragsflaute ihre Produktion auszuweiten, wenn die Lieferengpässe nachlassen. “Trotz Pessimismus ist eine Rezession nicht ausgemacht”, so das Fazit des Ökonomen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) traut der hiesigen Wirtschaft in diesem Jahr nur noch ein vergleichsweise mageres Wachstum von 1,2 Prozent zu. Für die Euro-Zone erwartet er ein weit höheres BIP-Plus von 2,6 Prozent. Im zweiten Quartal entwickelte sich die Wirtschaft im Euro-Raum weit besser als gedacht: Das BIP legte zum Vorquartal um 0,7 Prozent zu. “Das lässt sich doch sehen! Nach Aufhebung der meisten Corona-Beschränkungen kam es im zweiten Quartal zu kräftigen Nachholeffekten”, erläuterte VP Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel. Insbesondere in den Urlaubsregionen läuft das Geschäft wieder: “Die Mittelmeerregion war bereits ab Mai gut gebucht. Die Tourismusindustrie frohlockte und kann sich auch über den Spätsommer und Herbst hinweg über eine hohe Auslastung freuen.”

(redigiert von Kerstin Dörr; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Ölriese Exxon mit Rekordgewinn im zweiten Quartal

Houston (Reuters) – Der US-Erdölkonzern Exxon Mobil hat seinen Gewinn im zweiten Quartal nahezu vervierfacht.

Den höchsten Quartalsgewinn der Firmengeschichte habe Exxon den weltweit steigenden Energiepreisen und einem restriktiven Kostenmanagement zu verdanken, teilte das Unternehmen am Freitag mit. Der Ölproduzent verzeichnete in den drei Monaten bis Ende Juni einen Nettogewinn von 17,9 Milliarden Dollar, im Vergleich zu 4,69 Milliarden Dollar im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Somit übertraf das Ergebnis auch den Rekordwert aus der Zeit der Finanzkrise 2008, als Rohöl der Sorte Brent an der Börse ein Allzeithoch von 147 Dollar pro Barrel erreicht hatte. Aktuell kostet ein Barrel Brent 109 Dollar.

Als der Konzern für das erste Quartal den höchsten Gewinn seit sieben Jahren ausgewiesen hatte, kritisierte US-Präsident Joe Biden, die Ölkonzerne würden aus der globalen Angebotsverknappung Kapital schlagen und hohe Gewinne einfahren. Exxon mache “mehr Geld als Gott”, so Biden damals.

Die Erdöl- und Erdgaspreise erreichten in diesem Jahr Mehrjahreshöchststände, nachdem die westlichen Sanktionen gegen den wichtigen Ölexporteur Russland den ohnehin schon angespannten Weltmarkt weiter unter Druck gesetzt hatten. Die Margen bei der Herstellung von Kraftstoffen stiegen auf der ganzen Welt extrem an und trieben die Gewinne der Ölriesen wie Shell, TotalEnergies und Chevron in die Höhe.

(Bericht von Sabrina Valle, geschrieben von Zuzanna Szymanska. Redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Vermutlich Dutzende ukrainische Kriegsgefangene bei Angriff getötet

Kiew (Reuters) – Dutzende ukrainische Kriegsgefangene sind am Freitag in Donezk vermutlich bei einem Luftangriff getötet worden, für den sich Russland und die Ukraine gegenseitig verantwortlich machen.

Nach russischen Angaben haben ukrainische Streitkräfte ein Gefängnis in der von pro-russischen Separatisten kontrollierten Region Donezk getroffen und dabei 40 ukrainische Kriegsgefangene getötet. Das Gebäude im Gebiet des Ortes Oleniwka sei mit in den USA hergestellten HIMARS-Raketen beschossen worden, meldeten russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau. 75 Kriegsgefangene sowie acht Wachleute seien verletzt worden.

Der ukrainische Generalstab bestritt einen Angriff seiner Truppen auf das Gefängnis und erklärte, für den Tod der Kriegsgefangenen sei Russland verantwortlich. “Die Streitkräfte der Russischen Föderation haben gezielt mit Artillerie eine Justizvollzugsanstalt in der Siedlung Oleniwka im Gebiet Donezk beschossen, in der auch ukrainische Gefangene festgehalten wurden”, erklärte der Generalstab. “Auf diese Weise haben die russischen Besatzer ihre kriminellen Ziele verfolgt – die Ukraine des Begehens von ‘Kriegsverbrechen’ zu beschuldigen sowie die Folter von Gefangenen und Hinrichtungen zu verschleiern …”

In dem Gefängnis werden nach russischen Angaben auch Kämpfer des Asow-Regimentes festgehalten. Dieses hatte zusammen mit zahlreichen Zivilisten wochenlang im Asow-Stahlwerk in der Hafenstadt Mariupol ausgeharrt. Nachdem die Kämpfer sich ergeben hatten, wurden sie in das Gefängnis gebracht. Der Separatistenführer in Donezk, Denis Puschilin, sagte den Medienberichten zufolge, unter den 193 dort festgehaltenen Gefangenen seien keine Ausländer.

Russland hat die Beteiligung an Kriegsverbrechen im Rahmen des von ihm so bezeichneten militärischen Sondereinsatzes bestritten. Dieser dient nach russischer Lesart dem Schutz der russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine und der Ausrottung gefährlicher Nationalisten. Die Ukraine und der Westen sprechen von einem nicht provozierten Angriffskrieg Russlands.

(Bericht von Natalia Zinets und weiteren Reuters-Büros, geschrieben von Sabine Ehrhardt, redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)

BNP Paribas überrascht mit kräftigem Gewinnanstieg

Paris (Reuters) – Die größte französische Bank BNP Paribas hat im zweiten Quartal dank reger Geschäfte im Investmentbanking und im Privatkundenbereich ihren Gewinn überraschend deutlich gesteigert.

Der Nettogewinn stieg von April bis Juni um 9,1 Prozent auf rund 3,18 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr, wie das Geldhaus am Freitag mitteilte. Damit wurden die Erwartungen der Analysten übertroffen, die im Schnitt 2,7 Milliarden Euro prognostiziert hatten.

Zum Gewinnanstieg trugen auch die leicht reduzierten Kosten für Vorsorge für Kreditausfälle bei: Im zweiten Quartal bildete BNP Paribas drei Prozent weniger Rückstellungen für faule Kredite. Der Großteil der Risikovorsorge in Höhe von 789 Millionen Euro soll die indirekten Folgen des Ukraine-Kriegs, der Inflation und der Zinserhöhung abfedern. Analysten rechneten mit zusätzlichen 100 Millionen Euro in der Risikovorsorge.

An der Börse waren die BNP-Titel gefragt. Sie verteuerten sich um rund vier Prozent. Finanzexperten von JPMorgan führen die “soliden” Ergebnisse auf das robuste heimische Privatkundengeschäft zurück. “Auch wenn diese Ergebnisse gut sind, heißt es nicht, dass der Ausblick sich verbessert hat”, warnt DRBS Morningstar-Analyst Arnaud Journois. “Es ist möglich, dass das dritte und vierte Quartal nicht mehr so gut wird für europäische Banken.”

Wie bei den meisten europäischen Geldhäusern stiegen die operativen Kosten auch bei BNP Paribas – um 7,6 Prozent auf 7,7 Milliarden Euro im zweiten Quartal. Auf die positive Entwicklung der Nachsteuerrendite (RoTE) von 12,4 Prozent hatte das keinen Einfluss, auch weil die Erlöse einen stärkeren Anstieg verzeichneten als die Kosten. Die Erlöse legten im Vergleich zum Vorjahr um 8,5 Prozent auf 12,78 Milliarden Euro zu.

(Bericht von Julien Ponthus, Matthieu Protard, Michal Aleksandrowicz und Marta Orosz, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Finanzmarkt-Einbruch brockt Schweizer Notenbank Rekordverlust ein

Zürich (Reuters) – Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat den höchsten Halbjahresverlust seit ihrer Gründung im Jahr 1907 eingefahren.

Auf 95,2 Milliarden Franken summierte sich der Fehlbetrag von Januar bis Juni 2022, wie die Notenbank am Freitag mitteilte. Der bisherige Rekordverlust von 50 Milliarden Franken stammte aus dem Jahr 2015. Treiber des Ergebnisses waren der Einbruch der Aktien- und Anleihemärkte sowie die Aufwertung des Frankens.

“Der Verlust ist historisch, aber das meiste davon ist ein nicht realisierter Buchverlust im Zusammenhang mit niedrigeren Bewertungen von Anleihen und Aktien”, erklärte Credit-Suisse-Ökonom Maxime Botteron. Er denke nicht, dass das Ergebnis die SNB beunruhigen werde. “Ich glaube nicht, dass dies die Geldpolitik der SNB beeinflussen wird.” Allerdings sei denkbar, dass die Auszahlung an den Staat im nächsten Jahr geringer ausfallen könnte. Im März hatte die SNB in Aussicht gestellt, im laufenden Jahr sechs Milliarden Franken an Bund und Kantone auszuzahlen – gleich viel wie vergangenes Jahr.

Das Ergebnis der SNB ist abhängig von Wertschwankungen ihrer Hunderte Milliarden Franken schweren Devisenreserven. Dazu zählen Aktien und Anleihen aus dem Ausland. Fremdwährungen kauft die Notenbank, um bei Bedarf eine wirtschaftsschädliche Aufwertung des in Krisenzeiten als sicherer Hafen gefragten Franken zu unterbinden.

Im ersten Halbjahr verlor die SNB mit Anleihen 48,7 Milliarden Franken, mit Aktien weitere 44 Milliarden. Dazu kamen wechselkursbedingten Verluste in Höhe von 10,3 Milliarden Franken, weil der stärkere Franken den Wert der ausländischen Anlagen weiter reduzierte. Ein kleines Gegengewicht bildete der Goldbestand, der sich um 2,4 Milliarden Franken aufwertete. Als Zentralbank kann die SNB nicht in Liquiditätsprobleme geraten, weil sie ihren Zahlungsverpflichtungen durch das Drucken von Geld nachkommen kann.

Ein SNB-Sprecher erklärte, der Rekordverlust werde keinen Einfluss auf die Geldpolitik der Zentralbank haben. “Unser Mandat ist unverändert, wir fokussieren uns auf Preisstabilität.” SNB-Chef Thomas Jordan hatte im vergangenen Jahr gesagt, Gewinne zu erwirtschaften sei nicht die Aufgabe der SNB, sondern die Inflation unter zwei Prozent zu halten. “Das geldpolitische Mandat der SNB hat immer Vorrang, und es kann auch Zeiten geben, in denen die Erfüllung dieses Mandats bedeutet, Verluste in Kauf zu nehmen”, sagte er im April 2021 zu den SNB-Aktionären. Die Notenbank erhöht im Juni zum ersten Mal seit 15 Jahren die Zinsen, um die steigende Inflation in den Griff zu bekommen. Experten erwarteten weitere Zinsschritte.

(Bericht von John Revill und Oliver Hirt, redigiert von Sabine Ehrhardt. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Airlines dampfen Angebot wegen Flughafenchaos ein

Paris/London (Reuters) – Die europäischen Netzwerk-Airlines trimmen im Kampf gegen das Flugchaos in der Hochsaison ihre Kapazitäten.

Der französisch-niederländische Konzern Air France-KLM stutzt das Angebot für das laufende dritte Quartal um fünf Prozentpunkte auf 80 bis 85 Prozent des Vorkrisenniveaus von 2019. Für das vierte Quartal peilt die Gruppe 85 bis 90 Prozent an. Die starke Erholung der Reisenachfrage in diesem Sommer sei eine Nagelprobe für die gesamte Luftfahrt, erklärte Vorstandschef Ben Smith am Freitag. “Air France-KLM hatte sich zwar auf eine Nachfrage eingestellt, die annähernd dem Niveau vor der Pandemie entspricht. Aber unsere Airlines sind nicht immun gegen die Herausforderungen, die sich weltweit stellen.”

Auch die British-Airways-Mutter IAG senkt das Angebot im dritten und vierten Quartal um fünf Prozentpunkte auf 80 und 85 Prozent des Vorkrisenniveaus. “Unsere Branche steht aufgrund der beispiellosen Ausweitung des Betriebs weiterhin vor historischen Herausforderungen, insbesondere in Großbritannien, wo die betrieblichen Herausforderungen des Flughafens Heathrow akut waren”, sagte IAG-Chef Luis Gallego. Der Londoner Flughafen begrenzte ebenso wie die Drehkreuze Amsterdam-Schiphol und Frankfurt den Flugbetrieb, um das von Personalmangel herrührende Chaos mit Flugausfällen, Verspätungen und langen Warteschlangen zu bekämpfen. Airlines mussten Tausende Flüge aus der Planung nehmen und Passagiere umbuchen, um den Betrieb zu stabilisieren.

So auch die Lufthansa, die rund 6000 Flüge von sich aus annullierte und in dieser Woche wegen eines Warnstreiks ihres Bodenpersonals im Tarifstreit nochmals mehr als 1000 Verbindungen streichen musste. Demnächst könnten die Lufthansa-Piloten streiken, nachdem ihre Gewerkschaft Vereinigung Cockpit die seit Juni laufenden Tarifverhandlungen für gescheitert erklärt hatte und die Mitglieder zur Urabstimmung bis Sonntag rief. Ursprünglich plante die Lufthansa-Gruppe für das Sommerquartal mit 95 Prozent der Vorkrisenkapazität auf der Kurzstrecke und 85 Prozent bei Transatlantikflügen.

Finanziell kommen die Airlines nach zwei Jahren Corona-Krise mit zeitweise fast völligem Erlahmen der Passagierluftfahrt wieder auf die Beine. IAG erzielte von April bis Juni erstmals seit Ausbruch der Pandemie Anfang 2020 einen Gewinn. Das Betriebsergebnis belief sich auf 293 Millionen Euro nach einem Verlust von fast einer Milliarde Euro vor Jahresfrist. Air France-KLM übertraf mit einem operativen Plus von 386 Millionen Euro und einem Nettogewinn von 324 Millionen Euro im zweiten Quartal die Analystenprognosen deutlich. Auch die Lufthansa gab Mitte Juli bereits vorläufige Zahlen mit einem Betriebsgewinn von 350 bis 400 Millionen Euro bekannt. Dieser rührte vor allem vom boomenden Frachtgeschäft her, während alle Passagierairlines bis auf die Schweizer Tochter Swiss noch rote Zahlen schrieben. Die Quartalsbilanz veröffentlicht der MDax-Konzern am 4. August.

(Bericht von Dina Kartit, Juliette Portala, Kate Holton, geschrieben von Ilona Wissenbach, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)

Großbritannien – Russland überträgt Söldnern Verantwortung an Front

Kiew (Reuters) – Russland hat nach Erkenntnissen des britischen Geheimdienstes der Söldner-Truppe Wagner die Verantwortung für einige Frontabschnitte in der Ostukraine übertragen.

Das könne ein Anzeichen dafür sein, dass das russische Militär mit einem großen Mangel an Kampfinfanterie konfrontiert sei, teilte das Verteidigungsministerium in London am Freitag auf Twitter mit. Der Schritt sei eine maßgebliche Veränderung gegenüber ihren vorherigen Einsätzen seit 2015, zitierte das Ministerium aus dem täglichen Bulletin des Militärgeheimdienstes. Zuvor seien die Wagner-Söldner vor allem an Einsätzen beteiligt gewesen, die sich von den offenen großangelegten Aktivitäten des regulären russischen Militärs unterschieden hätten. Allerdings reichten die Wagner-Kräfte höchstwahrscheinlich nicht aus, um einen signifikanten Unterschied im Verlauf der russischen Invasion der Ukraine machen. Zugleich verstärken die ukrainischen Streitkräfte ihre Gegenoffensive im Süden und binden dort russische Truppen.

Nach Darstellung des britischen Verteidigungsministers Ben Wallace scheitert Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine derzeit in vielen Bereichen. Daher könne es sein, dass der russische Präsident Wladimir Putin versuche, seine Strategie erneut zu ändern. “Die Russen versagen im Moment vor Ort in vielen Bereichen”, sagte Wallace dem Sender Sky News. “Putins Plan A, B und C ist gescheitert, und er könnte sich nach Plan D umsehen.” Weder die russische Regierung noch die Söldner-Organisation Wagner waren zunächst für eine Stellungnahme zu erreichen.

Am Mittwoch hatte die Ukraine erklärt, es sei eine massive Verlegung russischer Truppen in den Süden zu beobachten. Dort steht nach britischen Geheimdienstangaben Russlands 49. Armee am Westufer des Dnjepr. Weil die ukrainischen Streitkräfte mehrere strategisch wichtige Brücken beschädigt hätten, sei die Versorgung der Truppen erschwert, die 49. Armee sei verwundbar. Die von russischen Truppen kontrollierte Stadt Cherson im Süden sei praktisch von den anderen russisch besetzten Gebieten abgeschnitten. Die gleichnamige Region Cherson liegt gegenüber der 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim und ist der Schlüssel zu deren Versorgung auf dem Landweg. Die Region Cherson war kurz nach Beginn der Invasion am 24. Februar an die russischen Streitkräfte gefallen. In der Stadt Cherson und einem benachbarten Ort liegt derzeit der Schwerpunkt der ukrainischen Gegenoffensive.

(Bericht von: Natalia Zinets, geschrieben von Sabine Ehrhardt, redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)