IW-Institut erwartet Erholung deutscher Wirtschaft erst Ende 2022

Berlin (Reuters) – Nach Gegenwind durch die Virus-Krise und den Ukraine-Krieg rechnet das IW Institut für die deutsche Wirtschaft erst Ende des Jahres oder spätestens 2023 mit Erholung.

Die Verunsicherung bei Firmen und Verbrauchern sei etwa durch Produktionsstörungen und steigende Preise groß, erklärten die arbeitgebernahen Forscher am Freitag zu ihrer Konjunkturprognose. “Lieferschwierigkeiten aufgrund der erneuten Restriktionen in China zeigen, dass die Risiken der Corona-Pandemie längst nicht ausgestanden sind”, sagte IW-Direktor Michael Hüther. “Gleichzeitig schwebt über allem das Damoklesschwert eines Gaslieferstopps aus Russland.” Das Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr nur noch um knapp 1,75 Prozent steigen und dann 2023 um weitere etwa 2,75 Prozent zulegen.

Entscheidend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sei nun, dass es keine zusätzlichen Belastungen durch geopolitische Konflikte gebe und die Preissteigerungen abflachten, erklärte Hüther. “Auch wenn wir gerade viele Unsicherheiten aushalten müssen, schaue ich mittelfristig vorsichtig optimistisch in die Zukunft.”

Im nächsten Jahr dürfte die Inflation auf rund drei Prozent abebben, nach gut sechs Prozent im Jahresschnitt 2022. Trotz dieser Belastungen bleibt der Arbeitsmarkt aus Sicht des IW in diesem Jahr robust. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt demnach um mehr als ein Prozent auf 45,5 Millionen und erreicht im nächsten Jahr einen Rekord von knapp 45,8 Millionen. “Gleichzeitig dürfte die Arbeitslosigkeit auf weniger als fünf Prozent zurückgehen – und damit auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung”, erklärte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und betonte zugleich: “Nie wurden so viele Fachkräfte gesucht wie derzeit.”

Bundestag beschließt Schnell-Bau von Flüssigas-Terminals

Berlin (Reuters) – Angesichts der deutschen Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas hat der Bundestag Regelungen zu einem beschleunigten Bau von Flüssiggas-Terminals beschlossen.

Das Parlament stimmte am Donnerstagabend mit den Stimmen der Koalition und auch der Union für das Vorhaben, mit dem die Importe des verflüssigten Gases aus den USA oder der arabischen Halbinsel deutlich erleichtert werden sollen. Vorgesehen sind dafür Eingriffe in die sonst üblichen Genehmigungsprozesse. Der Bau der Terminals und die Anbindung an das Gas-Leitungsnetz sollen mit deutlich geringeren Auflagen verbunden sein, die sich an EU-Minimalstandards orientieren. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung ist beispielsweise bei den sogenannten Floating Terminals nicht mehr nötig. Nach der erwarteten Billigung im Bundesrat am Freitag kann das Gesetz in Kraft treten.

Begründet wird das Vorgehen mit der Ausnahmesituation in Deutschland angesichts eines möglichen Stopps der Pipeline-Gaslieferungen aus Russland. “Eine solche Gasmangellage muss mit allen Kräften vermieden werden”, heißt es zur Begründung im Gesetz. “Im Ergebnis könnte die staatliche Daseinsvorsorge- und die Energieversorgung für die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland dann nicht mehr gewährleistet werden.”

In Wilhelmshaven wurde bereits der symbolische erste Rammschlag für den Bau eines Terminals gesetzt. Mit Hilfe des Gesetzes soll bereits im Winter erstes Flüssiggas dort entladen werden. In Brunsbüttel ist ein ähnliches Floating Terminal geplant. Es wird mit Hilfe eines Spezialschiffes genutzt, das den flüssigen Brennstoff wieder in den Gas-Zustand zurückversetzt, damit er in Leitungen eingespeist werden kann. In Brunsbüttel ist auch ein festes Terminal geplant, dessen Bau aber mehrere Jahre dauern wird.

Bislang hat Deutschland überhaupt kein Flüssiggas-Terminal und die in Nachbarländern sind bereits stark ausgelastet. Derzeit importiert Deutschland noch etwa 35 Prozent seines Gas-Bedarfs aus Russland. Trotz der geplanten Flüssiggas-Importe rechnet die Regierung noch bis 2024 mit einer Abhängigkeit von russischem Gas.

Lambrecht schließt Wechsel ins Innenministerium aus

Berlin (Reuters) – Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht will während dieser Wahlperiode nicht ins Amt der Bundesinnenministerin wechseln.

“Ich habe die Herausforderung angenommen, die Bundeswehr endlich ordentlich auszustatten,” sagte sie dem Nachrichtenportal “T-online” einem Vorabbericht zufolge. “Diese Aufgabe werde ich auch erfüllen.”Immer wieder gab es Gerüchte, dass Innenministerin Nancy Faeser im nächsten Jahr Spitzenkandidatin der SPD in Hessen werde und Lambrecht dann ins Innenministerium nachrücken könnte. Es sei “kein Geheimnis”, dass sie sich “immer für die Rechts- und Innenpolitik interessiert” habe. ​​​​​​​Dennoch schließe sie sich dem Wunsch des Bundeskanzlers Olaf Scholz an. “Mein Ziel am Ende der Wahlperiode ist, dass man rückblickend sagen kann: Sie hat dafür gesorgt, dass die Bundeswehr endlich richtig ausgestattet ist”, sagte Lambrecht.

Bundesetat für 2022 sieht zweithöchste Neuverschuldung vor

– von Holger Hansen

Berlin (Reuters) – Als Folge der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges plant der Bund für das laufende Jahr die zweithöchste Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik.

Der Haushaltsentwurf für 2022 sehe eine Nettokreditaufnahme von 138,94 Milliarden Euro vor, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am frühen Freitagmorgen aus dem Haushaltsausschuss des Bundestages. Dies sei das Ergebnis der fast 16-stündigen sogenannten Bereinigungssitzung, bei der die Haushälter in der Nacht letzte Hand an den Etatentwurf legten. Die Gesamtausgaben werden demnach mit 495,8 Milliarden Euro veranschlagt. Der Bundestag soll den Etat Anfang Juni verabschieden. Das Parlament muss dafür das dritte Jahr in Folge die Schuldenbremse aussetzen, weil die zulässige Kreditaufnahme um rund 115,7 Milliarden Euro überschritten wird.

Die haushaltspolitischen Sprecher der Ampel-Fraktionen erklärten, der Haushaltsentwurf stehe im Zeichen großer, globaler Krisen. Die Koalition handele entschlossen und setze Prioritäten, erklärten Dennis Rohde (SPD), Sven-Christian Kindler (Grüne) und Otto Fricke (FDP). “Wir schaffen Sicherheit in der Krise, international und in Deutschland”, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. “Wir investieren in Infrastruktur, schützen das Klima, unterstützen den Mittelstand, fördern Forschung, Innovation und den sozialen Zusammenhalt. Zudem stärken wir Sicherheits-, Außen- und Entwicklungspolitik.”

NEUVERSCHULDUNG UNTER DEM REKORDNIVEAU VON 2021

Die Neuverschuldung bleibt damit laut einer Reuters vorliegenden Gesamtübersicht der Eckdaten unverändert im Vergleich zum Entwurf von Finanzminister Christian Lindner (FDP). Dieser hatte zunächst einen Etatentwurf mit knapp 100 Milliarden Euro zusätzlichen Schulden vorgelegt. Mit einem Ergänzungshaushalt nach Ausbruch des Ukraine-Krieges kamen fast 40 Milliarden Euro an Krediten hinzu. Lindner bleibt unter der Rekordverschuldung von 215,4 Milliarden Euro 2021, übertrifft aber die 130,5 Milliarden Euro aus dem ersten Corona-Jahr 2020.

Nicht mitgerechnet ist dabei, dass die Bundesregierung auch noch einen schuldenfinanzieren Sonderfonds für eine bessere Ausstattung der Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro schaffen will. Dies soll auf die Schuldenbremse nicht angerechnet werden. Für die dafür erforderliche Grundgesetzänderung benötigt die Ampel aber noch die Zustimmung der Union. Der Sonderfonds wird mit einem eigenen Gesetz und unabhängig vom Etatgesetz eingerichtet.

Die hohe Neuverschuldung wird mit den Kosten der Corona-Pandemie und den Folgen des Ukraine-Krieges begründet. Allein die Entlastungspakete für Verbraucher und Wirtschaft zur Abmilderung der hohen Energiepreise werden in der Ampel-Koalition auf etwa 30 Milliarden Euro beziffert. Die Corona-Pandemie schlägt mit Milliarden-Aufwendungen für Impfstoffe, Krankenkassen und Unternehmenshilfen zu Buche.

Ab 2023 soll die Schuldenbremse wieder greifen. Nach derzeitigem Stand könnte der Bund dann noch gut sieben Milliarden Euro an neuen Schulden aufnehmen.

Deutsche Bank hofft mit Achleitners Abschied auf mehr Ruhe

– von Frank Siebelt und Tom Sims

Frankfurt (Reuters) – Bei der Deutschen Bank beginnt eine neue Ära.

Nach einem Jahrzehnt mit vier Vorstandschefs, Milliardenverlusten in Serie, einem Niedergang des Aktienkurses und einer vorsichtigen Neuaufstellung übergab Paul Achleitner die Führung des Aufsichtsrats am Donnerstag an den Niederländer Alexander Wynaendts. “Ich blicke heute zurück auf bewegte Jahre in einer schwierigen Phase für unsere Bank”, sagte der 65 Jahre alte Ex-Investmentbanker Achleitner auf der virtuellen Hauptversammlung, die am späten Nachmittag endete. “Ich verlasse die Deutsche Bank in der tiefen Überzeugung, dass wir alle gemeinsam in den vergangenen Jahren die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt haben.” Sein Nachfolger kommt aus der Versicherungsbranche.

Er werde sich mit ganzer Kraft für das Institut einsetzen, versprach Wynaendts in einer Videobotschaft. Die Anteilseigner konnten die Hauptversammlung zum dritten Mal in Folge nur im Internet beobachten. Vor der Corona-Pandemie hatte sich auch Achleitner vor tausenden Aktionären in der Frankfurter Festhalle teils heftige Kritik anhören müssen. “Die Deutsche Bank hat turbulente Zeiten hinter sich, aber sie hat in den vergangenen Jahren die Wende geschafft dank einer klaren Strategie”, sagte Wynaendts. “Sie wird sich weiterhin auf ihre Stärken konzentrieren und ihre Disziplin bei der Kostenkontrolle beibehalten.”

Wynaendts hat damit Erfahrung: 2008, kurz nach Beginn der Finanzkrise, übernahm er den Chefposten beim niederländischen Versicherer Aegon und baute diesen über zwölf Jahre bis 2020 kräftig um. Im November hatte die Bank den 61-Jährigen Überraschungskandidaten nach langer Suche zur Wahl in das Gremium vorgeschlagen. Dem Einzug von Wynaendts in den Aufsichtsrat stimmte eine Mehrheit von 97,84 Prozent auf dem virtuellen Aktionärstreffen zu, wenngleich ihn einige große Aktionäre kritisch sahen. Seine Wahl zum Vorsitzenden des Gremiums nach der Hauptversammlung galt als Formsache.

Die Fondsgesellschaft Union Investment hatte angekündigt, gegen Wynaendts zu votieren. Fondsmanagerin Alexandra Annecke begründete das mit Ämterhäufung. Der Niederländer sitzt auch in den Aufsichtsräten von Air France-KLM, von Uber und dem des US-Softwarekonzern Salesforce. Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) forderte von den Aktionären Geduld mit dem Neuen: “Geben Sie Herrn Wynaendts doch mindestens mal ein Jahr Zeit, um uns zu überzeugen, dann können wir immer noch kritisieren.”

Andreas Thomae, Portfoliomanager des Fondsanbieters Deka, stellte sich ausdrücklich hinter Wynaendts: “Wir halten ihn für den richtigen Mann an der Aufsichtsratsspitze.” Anders als sein Vorgänger werde er die Bank hoffentlich durch eine etwas ruhigere Phase steuern. “Eine seiner Hauptaufgaben wird es sein, die Stärkung der stabilen Geschäftsbereiche zu forcieren, um zyklische Talsohlen im Investmentbanking ausgleichen zu können.”

Christian Sewing, nach dem Duo Anshu Jain und Jürgen Fitschen sowie John Cryan der vierte Vorstandschef der Deutschen Bank in der Ära Achleitner, sieht das Geldhaus auf einem guten Weg: “Das Hauptaugenmerk der Deutschen Bank liegt jetzt auf der Umsetzung der kommunizierten Strategie, mit der wir auf den Stärken der Bank aufsetzen und eine Phase nachhaltigen Wachstums anstreben.” Übernahmen und Zusammenschlüsse stünden derzeit nicht an erster Stelle der Tagesordnung. Sie kämen nur dann in Betracht, wenn die Bank damit ihre Stärken ergänzen und einen strategischen Mehrwert schaffen könne, betonte er. Mehrere Anläufe, etwa mit der Commerzbank zusammenzugehen, waren im Sande verlaufen.

STABILITÄT ZURÜCKGEWONNEN

Wynaendts übernimmt die Führung des Aufsichtsrats in einer Zeit, da der Finanzkonzern wieder Stabilität gewonnen hat. Erst kürzlich meldete er den siebten Quartalsgewinn in Folge – den höchsten seit neun Jahren. Sewing hatte 2019 einen umfassenden Umbau eingeleitet. Abteilungen wurden geschlossen, besonders riskante Teile des Investmentbanking abgestoßen. Im Zuge einer regelrechten Rosskur sollen nach früheren Planungen weltweit bis zu 18.000 Jobs wegfallen. Das Resultat: 2021 wies die Bank den zweiten Jahresgewinn in Folge aus.

Mit Abstand am meisten verdient sie dabei weiterhin im Investmentbanking – für Nieding kein Grund zum Übermut: “Vor allem darf der Erfolg im Investmentbanking nicht dazu führen, dass für die dort tätigen Mitarbeiter und Verantwortlichen die Bäume schon wieder in den Himmel wachsen.” Denn das sei eine der Hauptursachen der Krisenjahre gewesen. Fondsmanagerin Annecke bemängelte eine “deutliche Unwucht” zwischen hohen Gehältern und niedrigen Eigenkapitalrenditen. “Diese Unwucht kann und muss zugunsten der Aktionäre korrigiert werden.” Vorstandsgehälter und Boni gingen durch die Decke, während die Aktionäre Magerkost serviert bekämen. Für 2021 zahlt die Bank eine Dividende von 20 Cent je Aktie – die erste seit drei Jahren.

(redigiert von Alexander Hübner und Hans Seidenstücker; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Ottobock schiebt Börsengang auf die lange Bank

München (Reuters) – Der weltgrößte Prothesenhersteller Ottobock schiebt seinen Börsengang auf die lange Bank und tauscht die komplette Führungsriege aus.

Grundsätzlich bleibe der Gang an den Kapitalmarkt eine Möglichkeit für das Familienunternehmen aus dem niedersächsischen Duderstadt, sagte Mehrheitseigentümer und Verwaltungsratschef Hans Georg Näder am Donnerstag. Doch die geopolitische Lage sei zu schlecht dafür. “Ottobock steht in dem aktuellen Umfeld nicht unter Druck, einen Börsengang machen zu müssen”, sagte Näder in einem Interview im Intranet, das Reuters vorlag. “Wir können uns den richtigen Zeitpunkt selbst wählen.” Zurzeit sei der Schritt “nicht erstrebenswert”.

Näder musste laut Insidern befürchten, dass Ottobock nicht die angepeilte Bewertung von fünf bis sechs Milliarden Euro erreichen würde, nachdem die Aktienkurse anderer Medizintechnik-Unternehmen zuletzt in die Knie gegangen waren. Zuletzt war der Börsengang intern bereits auf den Herbst verschoben worden. Der seit vier Jahren amtierende Vorstandschef Philipp Schulte-Noelle und die neue Finanzchefin Kathrin Dahnke hatten seit Monaten darauf hingearbeitet. Sie verlassen das Unternehmen nun ebenso wie Technik-Chef Andreas Goppelt.

Finanzchefin Dahnke hatte noch in der vergangenen Woche gesagt, Ottobock sei mit den Börsenplänen auf Kurs. Der Jahresabschluss für 2021 war zum ersten Mal nach dem internationalen IFRS-Bilanzierungsstandard aufgestellt worden – eine Voraussetzung für einen Gang an den Kapitalmarkt. Vor einem neuen Anlauf will Näder den Schwerpunkt wieder mehr auf das operative Geschäft legen, um die Bewertung mit einem neuen Führungsteam nach oben zu treiben. “Dementsprechend schalten wir jetzt einen Gang hoch”, sagte Näder. Nachhaltiges Wachstum, operative Exzellent und die Erfahrungen der Anwender von Prothesen, Orthesen und Rollstühlen stünden nun wieder im Vordergrund. Ottobock hatte den Umsatz 2021 um 13 Prozent auf 1,19 Milliarden Euro gesteigert.

Ein Nachfolger für Schulte-Noelle wird noch gesucht. Bis dahin übernimmt Vertriebschef Oliver Jakobi den Posten. Als neuen Finanzchef hatte Ottobock schon am Mittwoch Arne Kreitz installiert. Der 42-Jährige ist seit 2018 in der erweiterten Geschäftsführung für die Strategie und für Übernahmen (M&A) zuständig. Goppelts Aufgaben übernimmt der für das operative Geschäft zuständige Arne Jörn mit.

Der schwedische Finanzinvestor EQT ist seit 2017 mit 20 Prozent an Ottobock beteiligt. EQT-Manager Marcus Brennecke stellte sich hinter den Kurswechsel, der dem Investor zunächst die Möglichkeit verbaut, einen Ausstieg in Angriff zu nehmen. Damit sich die Investition lohnt, muss Ottobock später aber mehr Rendite liefern.

(Bericht von Alexander Hübner, redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Schröder verliert Alt-Kanzler-Büro – EU-Parlament droht mit Sanktionen

Berlin/Brüssel (Reuters) – SPD-Altkanzler Gerhard Schröder verliert mit sofortiger Wirkung seine Ausstattung mit Mitarbeitern und Büros im Bundestag.

Der Haushaltausschuss des Bundestages beschloss am Donnerstag einen entsprechenden Antrag der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP, den auch die oppositionelle Union mittrug. Demnach wird das Büro des 78-Jährigen mit zuletzt vier Beschäftigten nun abgewickelt.

Schröder war nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar wegen seiner Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin und seiner Posten bei Energieunternehmen des Landes verstärkt in die Kritik geraten. Das Europaparlament will ihn sogar auf die Sanktionsliste gegen Oligarchen setzen. Das Parlament forderte am Donnerstag die 27-EU-Mitgliedstaaten auf, Schröder wie auch die österreichische Ex-Außenministerin Karin Kneissl auf die Sanktionsliste zu nehmen, wenn sie ihre Posten beim russischen Energiekonzern Rosneft nicht aufgeben. Schröder ist Aufsichtsratsvorsitzender, Kneissl Mitglied des Gremiums.

SCHRÖDER-BÜRO WIRD ABGEWICKELT

Formal wird das Büro des früheren Bundeskanzlers im Bundestag ruhend gestellt, faktisch aber abgewickelt. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Kosten für Personal und Reisen der Mitarbeiter im Büro des Alt-Kanzlers auf knapp 419.000 Euro. Ausgaben für die Räume und deren Ausstattung sind dabei nicht berücksichtigt. Auf Schröders umstrittene Russland-Kontakte und den Ukraine-Krieg ging der Antrag nicht ein. Diese gaben aber den Anstoß für Streichung der Mitarbeiterstellen.

Seine Versorgungsbezüge und den Personenschutz behält Schröder. Die Amtsausstattung ehemaliger Regierungschefs soll sich künftig generell aus ihren Verpflichtungen ergeben. “Der Haushaltsausschuss fordert die Bundesregierung auf, sicherzustellen, dass die Amtsausstattung ehemaliger Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzler nach der fortwirkenden Verpflichtung aus dem Amt erfolgt und nicht statusbezogen”, hieß es in dem Beschlussentwurf. Auch die Union hatte eine Streichung des Büros von Schröder gefordert, wollte darüber hinaus aber auch seine Versorgungsbezüge kippen.

Schröders Büro waren zuletzt noch vier Mitarbeiterstellen zugeordnet. Die Beschäftigten hatten die Zusammenarbeit aber bereits vor Wochen aufgekündigt und darum gebeten, an anderer Stelle eingesetzt zu werden. Schröder war von 1998 bis 2005 Bundeskanzler einer rot-grünen Bundesregierung.

Bundesfinanzminister Christian Lindner begrüßte den Beschluss. “Ein ehemaliger Kanzler, der heute offen Lobbyarbeit für die verbrecherische Herrschaft von Putin macht, sollte dafür kein Büro von den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern gestellt bekommen”, twitterte der FDP-Politiker.

Das Europaparlament verabschiedete eine Resolution, in der es heißt, nach dem Verzicht etlicher westlicher Politiker auf Posten in russischen Konzernen fordere man nachdrücklich, dass andere wie Karin Kneissl und Gerhard Schröder dasselbe täten. Das Parlament forderte, die Liste der von den EU-Sanktionen betroffenen Personen auf die europäischen Mitglieder der Vorstände großer russischer Unternehmen und auf Politiker auszudehnen, die weiterhin russisches Geld erhielten. Bisher ist das Vermögen von hunderten Oligarchen und mit dem russischen Führung verbundene Funktionären aufgrund von EU-Sanktionen in Verbindung mit dem Ukraine-Krieg eingefroren. Europäer mit Spitzenpositionen in russischen Unternehmen sind bisher nicht direkt betroffen.

Börsen geben nach – Konsumsektor ächzt unter Preisanstieg

Frankfurt (Reuters) – Europas Anleger trauen sich mit Blick auf die düsteren Wirtschaftsaussichten noch nicht wieder an die Aktienmärkte zurück.

Der Dax rutschte am Donnerstagnachmittag 1,7 Prozent auf 13.768 Zähler ab. Der EuroStoxx50 gab 2,2 Prozent nach. “Auf dem Parkett machen Schlagworte wie Rezession und Gewinneinbruch die Runde”, sagte Portfoliomanager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners. Immer weniger Investoren glaubten, dass der US-Notenbank Fed der Spagat gelingt, die Inflation geldpolitisch zu bekämpfen, ohne den Konjunkturmotor abzuwürgen. Auch an den US-Börsen zeichneten sich vor Handelsbeginn erneute Kursverluste ab. In den vergangenen fünf Handelstagen hatte der technologielastige Nasdaq-Index fast fünf Prozent eingebüßt. “Ich bin immer noch nicht überzeugt, dass das der Boden ist”, sagte Stratege Neil Wilson von Markets.Com. “Auch wenn es noch so schlimm aussieht, es kann immer noch schlimmer kommen.” Die düsteren Aussichten der Einzelhandelsriesen Walmart und Target hätten das Ausmaß der auf die Konsumenten zurollenden Inflationskrise erkennbar gemacht. Beide verdienten wegen der steigenden Kosten deutlich weniger.

DAS R-WORT GEHT UM

Am Markt wird spekuliert, die Fed könne angesichts des anhaltend hohen Preisauftriebs künftig zu noch größeren Zinsschritten in Höhe von einem Dreiviertel-Prozentpunkt gezwungen sein. Anfang Mai hatte die Fed den Zinssatz um einen halben Prozentpunkt auf die neue Zins-Spanne von 0,75 bis 1,00 Prozent erhöht. Die Strategen von Goldman Sachs sehen mittlerweile eine Wahrscheinlichkeit von 35 Prozent, dass die US-Wirtschaft in den nächsten zwei Jahren in eine Rezession eintritt, während die jüngste Studie von Morgan Stanley eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent für eine Rezession in den nächsten zwölf Monaten zeigte.

Auch im Euro-Raum stellen sich inzwischen immer mehr Investoren auf steigende Zinsen ein. Für den zuletzt gebeutelten Euro ging es deswegen aufwärts. Die Gemeinschaftswährung legte 0,6 Prozent auf 1,0524 Dollar zu. Vergangenen Freitag war sie mit 1,0348 Dollar auf den tiefsten Stand seit mehr als fünf Jahren gefallen.

GEWINNEINBRUCH BEI TARGET MACHT EINZELHÄNDLERN ZU SCHAFFEN

Der Gewinneinbruch beim US-Discounter Target zog Aktien europäischer Mitbewerber wie Tesco, Hennes & Mauritz (H&M) oder Marks & Spencer um bis zu fünf Prozent nach unten. Der Branchenindex büßte 2,8 Prozent ein. Im SDax rutschten Metro-Aktien 3,2 Prozent ab.

Ein düsterer Ausblick setzte Royal Mail zu. Die Aktien des britischen Brief- und Paketzustellers brachen in London um mehr als vierzehn Prozent ein. Die erwarteten Gewinne für die Geschäftsjahr 2022/23 von 303 Millionen Pfund seien schwer zu erreichen, wenn der Arbeitskonflikt mit der Gewerkschaft nicht gelöst werde, teilte der Konzern mit. JP Morgan zufolge ist es unwahrscheinlich, dass die Lohnverhandlungen reibungslos verlaufen. “Wir gehen davon aus, dass die Schätzungen immer noch ein erhebliches Abwärtsrisiko aufweisen könnten.”

Nach einem Medienbericht über einen angeblichen neuen Anlauf der Hypovereinsbank-Muttergesellschaft UniCredit für einen Zusammenschluss mit der Commerzbank langten einige Investoren tags darauf erneut zu. Die Aktien des Frankfurter Institutes kletterten um zwei Prozent auf 7,166 Euro, die Titel der Italiener stiegen um 0,7 Prozent auf 10,03 Euro.

(Bericht von Anika Ross. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

Mercedes will mit mehr Luxusautos Spitzengewinne einfahren

Frankfurt (Reuters) – Der Autobauer Mercedes-Benz setzt auf Luxus und will künftig mehr Spitzenmodelle wie S-Klasse, Maybach oder AMG verkaufen.

“Das Unternehmen wird sich noch stärker auf das Luxussegment konzentrieren, das Produktportfolio weiter aufwerten, den Weg in die vollelektrische Zukunft beschleunigen und strebt eine strukturell höhere Profitabilität an”, erklärte der Dax-Konzern am Donnerstag. Als größter Luxusautohersteller mit jährlich zuletzt gut 300.000 Fahrzeugen in diesem Segment wolle die Marke mit dem Stern die “begehrenswertesten Autos der Welt” bauen, sagte Mercedes-Chef Ola Källenius. Ihr Absatzanteil soll von elf Prozent 2019 bis 2026 um etwa 60 Prozent auf gut 17 Prozent steigen, kündigte er bei einer Veranstaltung mit rund 100 Analysten, Influencern und Kunden in Monaco an.

Der Markt für teure, schicke Luxuskarossen wird nach Einschätzung von Mercedes-Benz in den kommenden Jahren überproportional wachsen – nicht nur in China, auch in Europa und den USA. Die Zahl der Dollar-Millionäre wird nach Schätzung von Credit Suisse bis 2025 auf 84 Millionen Menschen steigen. Die Schwaben fächern deshalb das Angebot im obersten ihrer drei Segmente mit Autos, die ab 100.000 Euro aufwärts kosten, auf. Mehr als bisher sollen noch teurere Sondereditionen für Sammler in kleiner Stückzahl im Manufakturbetrieb gebaut werden. “Viele Kunden sind bereit, für diesen Luxus einen Aufpreis zu bezahlen”, sagte Entwicklungschef Markus Schäfer im Gespräch mit Reuters.

KOMPAKTWAGEN AUSGEMUSTERT

Das Eingangssegment der Kompaktwagen hingegen dampft Mercedes-Benz ein von sieben auf vier Modelle. Es heißt künftig “Entry Luxury”. Was von A-, B- oder C-Klasse im Elektroauto-Zeitalter ganz wegfällt, blieb offen. Der günstigste Mercedes soll künftig aber mehr Komfort bieten, erklärte Schäfer. “Wir gehen nach oben, was den Inhalt und die Technologie angeht. Wir werden diese Fahrzeuge massiv anreichern.” Die Kosten will Schäfer trotzdem im Zaum halten. Digitalisierung soll die Entwicklung beschleunigen und die Produktion vereinfachen.

Bisher seien die Kompaktwagen zum Einhalten sinkender CO2-Emissionsgrenzwerte gebraucht worden, sagte Källenius. Mit dem nun noch weiter beschleunigten Umschwung zu E-Autos gelte diese Gleichung nicht mehr. Die Marke mit dem Stern will 2025 bis zu 50 Prozent des Absatzes mit teil- und vollelektrischen Pkw bestreiten und bis 2030 bei entsprechender Nachfrage zu 100 Prozent auf emissionsfreie E-Autos umstellen.

HÖHERES RENDITEZIEL

Die seit dem vergangenen Jahr erzielte deutlich zweistellige Rendite soll zum Dauerzustand werden, selbst unter ungünstigen Marktbedingungen. Bis Mitte des Jahrzehnts werde bei günstigem Umfeld eine Umsatzrendite von rund 14 Prozent angestrebt, unter normalen Marktbedingungen etwa zwölf Prozent, im ungünstigen Fall zehn Prozent und bei miserabler Lage acht Prozent. Bislang trauten sich die Schwaben zweistellige Renditen nach der im Oktober 2020 präsentierten Wetterkartensystematik nur bei Sonnenschein zu.

Vor der Sondersituation der Corona-Pandemie, die zu Chip-Mangel, knappem Neuwagenangebot und Preissteigerungen führte, waren zehn Prozent operative Rendite für die Stuttgarter ein selten erreichter Rekordwert. Mit dem neuen Ziel arbeitet sich Mercedes-Benz in eine Region vor, die unter den deutschen Autobauern bisher der Sportwagenschmiede Porsche vorbehalten war. Im vergangenen Jahr erzielte die Pkw-Sparte eine operative Rendite von 12,4 Prozent, die im ersten Quartal mit 16,5 Prozent noch übertroffen wurde.

Der Chip-Mangel werde vorbeigehen, Mercedes-Benz aber Källenius zufolge an der “Preisdisziplin” festhalten, also die üblichen Rabatte im Wettbewerb nicht wieder erhöhen. Schließlich konkurriere Mercedes nicht mit Volumenherstellern und strebe nach Werthaltigkeit statt hohen Verkaufszahlen, bekräftigte er. Letztlich zielt die Luxusstrategie darauf ab, den Aktienkurs nachhaltig in die Höhe zu treiben. Die Titel gaben trotz der neuen Renditeziele aber deutlich nach.

(Bericht von Ilona Wissenbach, Victoria Waldersee, redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)

Indiens Mahindra bedient sich aus Elektrobaukasten von Volkswagen

Hamburg (Reuters) – Volkswagen findet mit dem indischen Autobauer Mahindra einen weiteren großen Abnehmer für seinen E-Auto-Technologie.

Dazu sei einen Vorvertrag für die Lieferung von Komponenten des von den Wolfsburgern entwickelten Technik für E-Autos unterzeichnet worden, teilten die beiden Konzerne am Donnerstag mit. Mahindra wolle seine “Born Electric Platform” mit MEB-Bauteilen wie Elektromotoren, Batteriesystem-Komponenten und Batteriezellen ausstatten. Ein verbindliches Lieferabkommen mit einer Laufzeit von sechs bis sieben Jahren soll bis Ende 2022 stehen. In Branchenkreisen wird vermutet, dass die Kooperation in einigen Jahren ein Milliarden-Volumen haben könnte. Volkswagen nannte keine finanziellen Details.

“Mahindra ist ein Elektro-Pionier in Indien und ein starker Partner für unsere Elektroplattform MEB”, sagte Volkswagen-Technikvorstand Thomas Schmall. Der Mischkonzern mit rund 250.000 Mitarbeitern ist auf den indisischen Markt konzentriert, streckt seine Fühler inzwischen aber auch in andere Länder aus. In London und Detroit arbeiten Entwickler an einer Baureihe für E-Autos.

Mit Mahindra gewinnt Euroupas größter Autokonzern VW einen zweiten großen Abnehmer für die selbst entwickelte Elektroplattform, auf der Fahrzeuge der Konzernmarken Volkswagen, Audi, Skoda und Seat mit Cupra gebaut werden. Mit Ford wurde solch eine Vereinbarung bereits vor einigen Jahren geschlossen. Der amerikanische Konzern setzt in Europa stark auf die VW-Technologie. An weiteren Partnerschaften werde gearbeitet, sagte Schmall bei einer Telefonkonferenz mit Journalisten. “Es wird am Ende weltweit vier bis sechs Elektroplattformen geben. Eine davon wollen wir stellen.” Mit dem Verkauf von Lizenzen wollen die Wolfsburger die Entwicklungskosten für den MEB einspielen und im Geschäft mit E-Autos profitabler werden.

Indien hat sich auf der Welt-Klimakonferenz 2021 in Glasgow verpflichtet, ab 2035 nur noch emissionsfreie Neufahrzeuge zuzulassen. Das südasiatische Land gehört mit rund drei Millionen Neuzulassungen im Jahr zu den fünf größten Automobilmärkten der Welt. Prognosen zufolge könnte der Markt bis 2030 auf bis zu fünf Millionen Einheiten wachsen. In den vergangenen Jahren haben sich solche Erwartungen oft nicht erfüllt. Von den einst hoffnungsvoll gestarteten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) ist nur die Volksrepublik übriggeblieben. China ist inzwischen der weltgrößte Automarkt.

(Bericht von Jan C. Schwartz, redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)